Glückliche Schüler erzielen schlechtere Leistungen

19.10.2006

Bei der Auswertung eines internationalen Vergleichs von Leistungen in Mathematik liegen die Länder vorne, in denen die Schüler wenig Selbstvertrauen und kaum Spaß an Mathematik haben

Bekanntlich haben internationale Schulleistungsuntersuchungen wie PISA gezeigt, dass es in manchen der alten Industrieländer, die gerne zu Wissensgesellschaften werden würden, mit der Bildung hapert. Besonders die asiatischen Länder haben aufgeholt und scheinen viele westliche Länder zu überholen, zumal hier nicht nur der Geburtenrückgang, sondern auch der Rückgang der Studierenden in den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächern Sorgen bereitet, den Anschluss verlieren zu können.

Ein Bericht des Brown Center on Education Policy beim Brookings Institute hat in den USA für eine Kontroverse gesorgt. Tom Loveless, der Direktor des Instituts und Autor des Berichts, untersuchte anhand der Trends in Mathematics and Science Study (TMSS) von 2003, wie gut amerikanische Schüler lernen. Unter anderem ging es dabei auch um den "Glücklichkeitsfaktor" und das Selbstvertrauen der Schüler.

Loveless stellte bei der Auswertung des Tests, an dem sich Schüler der vierten und achten Klassen aus 25 bzw.46 Ländern beteiligt hatten (Deutschland nahm nicht teil), Erstaunliches fest. Gefragt wurden hier die Schüler auch, ob ihnen Mathematik Spaß mache und ob sie hier normalerweise gut seien (Selbstvertrauen). Loveless führt aus, dass das amerikanische Schulsystem großen Wert darauf legt, die Schüler nicht zu langweilen und sie möglichst unterhaltsam und durch Alltagsnähe zum Lernen zu bringen, weil man davon ausgeht, dass dies auch zu besseren Leistungen führe. Allerdings habe sich schon in Untersuchungen gezeigt, dass in den USA schwarze und lateinamerikanische Kinder größeres Selbstvertrauen und gleichzeitig schlechtere Leistungen als asiatische und weiße Kinder zeigen.

Bei den TMSS-Daten zeigte sich zwar, dass innerhalb eines Landes die Schüler der 8.Klasse, die größeres Selbstvertrauen äußerten, auch die besseren Leistungen erbrachten, beim Vergleich zwischen den Ländern ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Die Schüler der einzelnen Länder unterscheiden sich hier erheblich. Jordanische Achtklässler sind beispielsweise zu 48 Prozent mit ihren mathematischen Leistungen sehr zufrieden, japanische nur zu 4 Prozent. Insgesamt findet man die Schüler, die am meisten mit sich zufrieden sind, im Nahen Osten, in Afrika und in den USA. Alle Schüler in Ländern, deren Zufriedenheit über dem Durchschnitt liegt, liegen hinsichtlich der Leistung unter dem Durchschnitt. Einzige Ausnahme sind die amerikanischen Schüler, die sich knapp über dem Durchschnitt bei den Leistungen befinden. Hingegen erzielten insbesondere die Schüler gute Testergebnisse in Mathematik, deren Selbstvertrauen teilweise wie in Japan, Südkorea oder Hongkong eigentlich fast nicht vorhanden ist. Singapur schnitt bei den Leistungen am besten ab. In den Niederlanden schafften die Schüler gute Testergebnisse, obgleich nur 17 Prozent mit sich zufrieden waren.

Dasselbe Verhältnis trifft auch für mathematische Leistungen und Freude an der Mathematik zu. Länder, in denen Achtklässler überdurchschnittlich viel sagen, dass sie an Mathematik großen Gefallen finden, schneiden schlechter ab als diejenigen, in denen deren Anteil unter dem Durchschnitt liegt. Da die Länderauswahl nicht identisch ist, lassen sich die Ergebnisse der beiden Fragen nur bedingt vergleichen. Niederländische, japanische, südkoreanische oder slowenische Kinder haben offenbar nur wenig Spaß an der Mathematik, sind dafür aber am besten, während es etwa in Botswana, Ägypten, Iran oder Marokko gerade umgekehrt ist. Auch bei den Viertklässlern wird diese Korrelation bestätigt. In den USA liegt der Spaß an der Mathematik knapp unter dem Durchschnitt, die Ergebnisse knapp darüber.

Loveless weist sicherheitshalber darauf hin, dass sich aus den festgestellten Korrelationen keine Kausalitäten ableiten lassen. Man kann also nicht sagen, dass mit sich unzufriedene Schüler, die keine Freude an Mathematik haben, deswegen bessere mathematische Leistungen erbringen, um aus diesem Grund den Unterricht entsprechend langweilig zu gestalten und die Schüler mit schlechten Noten zu belegen. Auch im Hinblick auf die Freude sind die Ergebnisse innerhalb eines Landes, wie man sie erwarten würde. Wer mehr Spaß an der Mathematik hat, ist in ihr auch besser. Das Paradox ergibt sich zwischen den Ländern, wo offenbar der "Glücklichkeitsfaktor" eine teils erhebliche Rolle zu spielen scheint.

Man kann aber, meint Loveless, Konsequenzen aus den Ergebnissen für den Unterricht ziehen. Offenbar geht es beim erfolgreichen Lernen nicht an erster Stelle darum, dass die Kinder Selbstvertrauen entwickeln, dass ihnen der Stoff möglichst an konkreten Beispielen nahegebracht wird und die Lehrer darauf achten, dass die Schüler nicht gelangweilt, sondern freudig an der Sache sind. Möglicherweise wird in den Ländern, bei denen der "Glücklichkeitsfaktor" hoch ist, zu wenig gefordert und auf den Erwerb des Wissens gesetzt. Wenn die Lehrer versuchen, so die Auswertung einer anderen Frage, Mathematik möglichst mit Dingen des täglichen Lebens zu verbinden, sind die Leistungen ebenfalls schlechter als bei Schülern, denen Mathematik abstrakter beigebracht wird. So seien die Mathematikbücher in den amerikanischen Schulen, meint Loveless, mit zu vielen bunten Bildern und Geschichten vollgefüllt, die eigentlich gar nichts mit Mathematik zu tun haben. Damit würde man die Kinder unterfordern. Und er weist darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Leistung und Freude am Lernen zumindest komplizierter ist, als man gemeinhin - Schlagwort: edutainment - annimmt.

Kritiker sagen etwa, die Ergebnisse würden nicht bedeuten, dass Freude und Selbstvertrauen unwichtig sind, sondern dass die Tests nichts taugen. Andere erklären ebenfalls in dieser Stoßrichtung, dass die Tests meist nur Paukwissen abfragen würden. So würden sich Lehrer in Ländern wie Singapur oder Japan mittlerweile stärker an amerikanischen Unterrichtsformen orientieren, weil dort stärker auf Kreativität gesetzt würde. Skip Fennell, der Präsident des Nationalen Rats der Mathematiklehrer stimmt weiten Teilen des Berichts zu, der für ihn seltsamerweise bestätigt, dass Mathematik lebendig, attraktiv und alltagsnah gelehrt werden müsse.

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