Unordnung macht Geld

Harald Taglinger 26.10.2006

Neben der Spur

Eine Suchmaschine soll im definierten Umfeld etwas genau finden. Zum Beispiel bei Google. Einen Text, ein Bild oder Video, ein Musik-Sample. Darauf lässt sich aber kein Businessmodell aufbauen. Es geht einfacher.

  • drucken
  • versenden

Allein 96.000.000 Treffer in Google zum Wort "Suchmaschine" machen schon wieder Spaß. Wer nach schweizer Beutelbindern sucht, wird wenigstens nur 27 Mal fündig. Allerdings besteht der Alltag eher aus Anfragen nach "Venedig" (14.900.000 Treffer) oder "Sex" (632.000.000). Das Ergebnis: Websites ohne Ende und Zusammenhang. Aber das ist nicht neu. Danke.

(…)

Einverstanden, fangen wir noch einmal an: Wer im weltweiten Humus wahllos buddelt, der bekommt Müll. Das ist die Medienerfahrung des 21. Jahrhunderts: Überfluss ist wertlos. Dafür zahlt auch niemand mehr (die schöne Umschreibung heisst: Content is free). Allerdings zeigt eine aktuelle Untersuchung: 27 Prozent aller Klicks von Suchmaschinen auf einen Reiseveranstalter z.B. in Großbritannien sind bereits bezahlt. Eine Daumenregel sagt, dass etwa 80 Prozent aller Nutzer auf die Links der ersten Ergebnisseite einer Suche klicken. Um es also einfach auszudrücken: Ein Drittel der aktiven Zonen in Google besteht aus Werbeflächen. Jeder TV-Sender würde bei gleichen Eckdaten glücklich schluchzend eine Wanne Bier ausgeben.

Vermutlich heißt das: Google ist kein Medienhaus. Google ist eine Chaosschleuder. Google ist ein Medien-Anarchist, der Unordnung zelebriert und damit Geld macht. Eine simple Suche erzeugt mehr Treffer als ein Mensch jemals in seinem Leben aufnehmen und damit bewerten kann. Die Reaktion darauf sind nicht etwa andere Suchstrategien (wie zum Beispiel bei Mark and Angel). Die Kapitulation des Mauszeigers zwingt in die werblichen Links.

Und Google wird den Teufel tun, sein Versprechen einzulösen, die Welt suchbarer zu machen. Nebenbei: Google ist deswegen kein Teufel. Wer ist schon so dumm und verschenkt die Lizenz zum Gelddrucken. Also geht es Google nicht wirklich darum, eine Findmaschine zu bauen. Eine universelle Maschine, die alle immer nur suchen und dann kapitulieren lässt, DAS bindet den Werbemarkt an sein Publikum.

(…)

Anders herum: Google hat YouTube gekauft, weil sich dort die gleichen Zutaten finden. Schier unübersehbare Masse und ideale Möglichkeiten für gekauftes Ranking. Denn wer gefunden werden will, der zahlt. Das gleiche Potential findet sich bei Blogger und Google Earth. Wenn Google wachsen will, braucht es neues Chaos und schafft es sich notfalls selbst im Netz.

Kleinlaute Anmerkungen? Das entspricht aber nicht der Idee einer Suchmaschine. Und das verdient den Bonuspunkt. Richtig. Sie widerspricht vehement der Idee eines semantischen Webs von Tim Berners-Lee. Denn die einen verstehen Marktwirtschaft als das Ökosystem des "Knapp daneben", und die anderen betreiben Wissenschaft. Ein semantisches Web, das sich im Sinne eines Nutzers durchsuchen lässt, wäre der Tod von Googles Geschäftsmodell. Und die Marktkraft von Google entstand letztendlich dadurch, dass man im CERN die eigenen Hirnwindungen nicht bis zum Ende gelaufen ist. So werden die einen aus den Fehlern der anderen reich.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23799/1.html
Kommentare lesen (16 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Dein Staat gehört Dir!

Ein Abschiedsbrief an das Wutbürgertum

Reich und unglücklich

Große Erwartungen: Baz Luhrmann's "Der Große Gatsby" ist der Film zum Soundtrack

Klonen als Indiz für eine Jahrtausendangst

James Hughes 05.03.1997

Wider eine irrationale Angst

Der Bioethiker James Hughes sieht im Klonen nur eine weitere nützliche Technik, deren Probleme im Rahmen der bestehenden Gesetze bereits beantwortet werden. Also kein Grund zur Beunruhigung? Vielleicht doch, sagt Hughes und verweist auf die Möglichkeit transgenetischer Tiere, denen sich menschliche Eigenschaften einbauen ließen und mit denen sich die Menschenrechte unterlaufen lassen könnten.

weiterlesen
bilder

seen.by


TELEPOLIS