Nicht treten!

23.10.2006

Zurück zur Strenge, Teil 2

Schlägt das Pendel auf die andere Seite? Kehren nach Jahren des Experimentierens mit antiautoritären Modellen Autorität, Disziplin und Gehorsam zurück in die gute Kinderstube? Werden die lange Zeit so heftig kritisierten Kategorien "Autorität und Disziplin" neu aufgeladen? Liegt in der neo-autoritären Erziehung der Königsweg zu einer besseren Gesellschaft?

"Kinder lieben Regeln" steht auf einem Plakat, das gleich am Eingang zum Kindergarten dem Erwachsenen zu erkennen gibt, dass es hier trotz der wuselnden Zwerge nicht anarchisch zugeht. Zwischen den Kinderzeichnungen an den Wänden noch mehr Regelplakate, Tischregeln und Regeln für das Verhalten im Flur - "Nicht treten!". Eine Mutter, die ihren Blick ebenfalls über die aufgehängten Regeln schweifen lässt, zeigt als einzigen Kommentar ein kurzes Lächeln und ein Schulterzucken.

Wie sich in Gesprächen mit anderen Eltern (nicht nur des Mittelschicht-Kindergartens) schnell herausstellt, gibt es offensichtlich einen soliden Konsens zur Frage der Autorität in der Kindererziehung: Es geht nicht ohne. Disziplin und Gehorsam müssen sein und Strafe auch. Schläge werden von keinem gutgeheißen. In vielen Familien beziehen Kinder dennoch Prügel - und das nicht nur in "Proll-Haushalten". Anscheinend ist die Erkenntnis, dass Kinder unschlagbar sind, auch in großen Teilen der Mittel- und Oberschicht noch nicht wirklich angekommen. Die Frau eines Verkaufsleiters erzählt ungeniert, dass sie ihren eineinhalbjährigen Sohn übers Knie gelegt habe, weil er die Wände mit Filzstift bemalte. Als der ältere Bruder dazu lachte, kam er gleich als nächstes dran. Eine allein erziehende Fernsehproduzentin berichtet, sie habe es über die Jahre versucht, ihren Sohn zumindest nicht ins Gesicht zu schlagen - mittlerweile habe sie sich aber auch dazu hinreissen lassen. Der - missverstandene - Ruf nach mehr Disziplin könnte solche Eltern in ihren Erziehungsmethoden noch bestärken.

Das Bedürfnis, einmal selbst herrschen zu dürfen, ist für die meisten nur am Kind auszuleben.

Tjark Kunstreich in: Konkret

Owohl sich diese (Ausnahme?-)Eltern von einem Appell zu mehr Strenge in ihrer Erziehung bestätigt fühlen, hat Bernhard Bueb, der zur Zeit als Protagonist einer Rückkehr zur härteren Erziehung gehandelt wird, solche Strafen ausdrücklich nicht in seinem pädagogischen Repertoire: "Demütigen oder schlagen Sie Ihr Kind niemals" lautet die achte von zehn goldenen Regeln, die Mitte September einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

Mit der Schlagzeile, "der Ex-Direktor des Elite-Internats Salem fordert eine härtere Erziehung unserer Kinder", stellte die Bild-Zeitung zu Anfang des Herbstes Auszüge aus dem "Lob der Disziplin", dem neuen Buch Buebs, vor und eröffnete eine Debatte, die u.a. vom Spiegel, der Zeit und der Süddeutschen Zeitung aufgenommen wurde. Anders als es teilweise erregte Repliken auf Buebs Forderung nach mehr Disziplin und Autorität (Sehnsucht nach Härte) vermuten ließen, reagierten Eltern, Lehrer und andere Pädagogen, die vom Autor privat auf ihren Gebrauch von Disziplin und Autorität angesprochen wurden, hauptsächlich gelassen.

Keiner, der mit Verve antiautoritäre Maximen verteidigt hätte, aber auch nur wenige, der sich zum Anwalt einer neuen Härte als wieder entdecktes Erziehungsprinzip aufschwingen wollte. So schlecht sei das Buch gar nicht, meinten manche. Im Gegenteil, so ein Lehrer, Bueb sei ein ausgewiesener Reformpädagoge, keiner von der "alten Schule". Ihn zu jenen zu zählen, welche die eiserne "Kasernenhof-Pädagogik" (Matthias Altenburg, Die Zeit) wiedereinführen wollen, sei ein Mißverständnis.

Zweierlei fiel in den Gesprächen mit den Eltern und Pädagogen auf. Einmal hielten die Eltern eine rigidere Anwendung von Autorität zwar in ihren meist gutversorgten Familien für unnötig, wiesen aber gerne daraufhin, dass mehr Autorität in schlechter gestellten Familien - sprich "Unterschichtsfamilien" - wohl nötig sei. Dort müsse mehr "durchgegriffen" werden, so der Tenor, obwohl nur die wenigsten der Angesprochenen eine solche Familie aus eigener Anschauung kennen.

Der Glaube, mit Pädagogik die Dinge ins Reine bringen zu können

Zum anderen setzt die Kritik an Bueb und dessen Lob der Disziplin dort an, wenn es darum geht, in der Wiedereinsetzung von Autorität ein pädogisches Heilmittel zu sehen, das auf breiter Ebene funktionieren könnte, also Mißstände in der Gesellschaft beheben könnte.

Die pädagogische Hybris von Bueb, so ein Lehrer, sei sein Glaube, mit Pädagogik die Dinge ins Reine bringen zu können. Dafür sei aber schon zuviel verpasst worden und vieles nicht mehr zu kitten. An den Schulen seien falsche Zeichen gesetzt worden und zu lange mit entschiedenerem Handeln gewartet worden. Dass man schwierigen Fällen immer wieder neue Chancen gegeben hätte, sei oft als Schwäche seitens der Lehrer gesehen und Aufforderung verstanden worden weiterzumachen.

"Ich bin froh, wenn sie mich in Ruhe arbeiten lassen und wenn sie mir nichts tun. Mehr brauchts gar nicht", so die Antwort einer Lehrerin, die sich zum Thema "Mehr Autorität" nicht weiter groß äußern will. Das sei keine Diskussion, die in der Praxis weiterhelfe. Bei ihren fünzehnjährigen Schülern habe man schon zuviel geschehen lassen, um dies mit mehr Autorität oder Disziplin wieder reparieren zu können. Und die größeren Fragen könne man damit auch nicht beantworten.

Im Grunde hat ja keiner eine Antwort darauf, wie's weitergehen soll. Was macht man mit einer Schülerin, die sich dem Unterricht verweigert, weil sie weiß, dass der Abschluss ihr nichts hilft? Dass sie höchstwahrscheinlich arbeitslos wird. Man müsste sich individuell um sie kümmern, eine Art persönliches Coaching durchführen, monatelang, dann würden sich vielleicht neue Perspektiven ergeben. Aber mit sechs oder sieben solcher Fälle in der Klasse?

Ob mehr Strenge die Erziehung zu einer besseren macht, ist so gesehen nur ein Nebenschauplatz, wenn es um den Anspruch geht, mit diesem Prinzip gleich die Gesellschaft zu einer besseren zu machen. Die entscheidendere Frage auf der Hauptbühne wäre, wieviel Macht Erziehung in den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt noch hat.

Familie ist längst keine abgeschlossene, sichere Schutzzone "guter bürgerlicher Werte" mehr. Ob Autorität und Disziplin dabei maßgeblich helfen, eine Art Schutzwall aufzubauen - gegen den Wirrwarr der Werte "draußen", gegen unterschiedlichste Role-Models, die via Fernsehen, Computer, Freundes- und Bekanntenkreise unaufhörlich ins "intime", vertraute Familienleben hineinströmen, ist eine Illusion. Das kann mit Disziplin, Gehorsam und Autorität nicht aufgefangen werden.

Buebs pädagogische Ratschläge sind, was die Forderung nach Disziplin in der Erziehung betrifft, nichts sensationell Neues. Familien, die ihren Alltag ohne die sogenannten Sekundärtugenden bewältigen, sind wohl die Ausnahme. Die eher gelassene Haltung von Eltern, die sich in den Gesprächen offenbarte, zeigt, was man ohnehin schon ahnen konnte: Dass sich die meisten grundlegenden Erziehungsfragen mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes ganz gut klären lassen.

Man kann es, anders als manche Rezensenten des Buches, gut meinen mit den Maximen des Reformpädagogen Bueb und der Anhängerschaft, die sein Bestseller schaffen könnte, und eben nicht unterstellen, dass Bueb seine Dreifaltigkeit von Autorität, Disziplin und Gehorsam soweit ausdehnt, dass er sie dem Eigenwillen von Kindern generell und prinzipiell überordnet.

So könnte man konzedieren, dass die klirrenden Pädagogen-Rüstungen, die in vordemokratischen Zeiten glänzten, von ihm neu aufgefrischt werden - geprägt von Liebe zu den Kindern, inspiriert durch das Vorbild der angelsächsischen Schule, ohne einen reaktionären Impetus. Geleitet wird diese Autorität im guten Licht von einer sorgsamen dialogischen Balance zwischen dem Regelmentieren von Außen, dem Führen, und der Eigenentwicklung der Kinder, deren Wachstum, für das der Pädogoge den fruchtbaren Boden bereitet.

Was kann Autorität bewirken?

Doch in welcher Welt soll dieses Erziehungsideal realisiert werden? In der jetzigen, wo das augenscheinlich stärkste Kriterium für die Erziehung schon von Kleinkindern in der Konkurrenzfähigkeit liegt? Wo vieles von der Angst der Eltern bestimmt wird, dass der Nachwuchs künftig bestehen kann? Wo im Sandkasten schon sorgfältig darauf geachtet wird, dass der Kleine entwicklungsmäßig nicht hinter anderen zurückfällt und der Triumph in den Augen der Eltern deutlich sichtbar ist, wenn sich der Dreijährige Spielzeug mit robuster Gewalt bei Gleichaltrigen erobert ("hohe Durchsetzungskraft") ebenso wie die Niederlage bei Bemerkungen zum Entwicklungsstand ("Zwölf Monate und er kann noch nicht laufen?")?

Frühförderung: Englischlernen in der Kindergartengruppe, Musik- und Sportstunden für Dreijährige - Kinder haben eine rasche Auffassungsgabe und können viel und schnell lernen. Doch führt das nicht auch zu einer "Überstrukturierung" statt, wie immer beklagt, zum "Fehlen von Strukturen" und ist es dann so überraschend, dass Kinder randalieren, sich Freiheit verschaffen, überaktiv werden?

"Betreuung ist eine Art Terror, für die der Betreute Dank schuldet", zitiert Konkret-Autor Kunstreich den Politikwissenschaftler Dolf Sternberger.

Was kann Autorität bewirken? Es gibt unzählige andere Beispiele, welche die Grenzen des pädogischen Ideals, dem Bueb die Autorität dienstbar machen will, aufzeigen. Wenn es um die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geht, kann Autorität nicht das Allheilmittel sein, mit Drill kann man kaum eine bessere Gesellschaft formen. Da stößt der Übereifer des Pädagogen an seine Grenzen. Und die von Bild und Kerner willkommen geheißene Wiederkehr von Autorität und Strenge, wie sie von Bueb vertreten wird, nährt eher den Verdacht, dass auf das Remedium Autorität zurückgegriffen wird, weil die Lage undurchschaubar ist und das Verlangen nach Orientierung groß.

Nicht das revolutionäre, aber immerhin das kecke Aufbegehren gegen die Obrigkeit (...) galt lange Zeit in den gescheiteren Teilen des nachwachsenden Bürgertums als Tugend. Irgendetwas ist seitdem geschehen.

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Sehnsucht nach Härte

Thomas Pany 04.10.2006

Zurück zur Strenge, Teil 1

Ein Treffen im engeren Kreis, die ganze Aufmerksamkeit gehört dem Zweijährigen, der wohlerzogen bei Tische sitzt und Beeren mit Schlagsahne in sich hineinlöffelt. "Gute Schule", meint anerkennend die Mutter eines anderen Kindes, eine Lehrerin, bekannt für ihre Strenge. "Nicht ganz", antwortet darauf der Vater, "der hat sich das nur abgeschaut. Ich halte mich da an den Satz meines Arztes, der Vater von sechs Kindern ist. Nach vier Kindern habe er es mit der Erziehung gelassen, hat er mir einmal gesagt, 'Die machen das dann von alleine. Weniger ist da besser.'" Niemand lacht, auch kein Schmunzeln, ein etwas konsternierter Ausdruck im Gesicht der Lehrerin, ein verlegenes, kurzes Höflichkeitslächeln ihres Mannes, dann ein kräftiger Einwand vom Pensionär am Tisch, Großvater von zwei Enkeln: "Unsinn. Kinder brauchen Führung, wenn nötig, muss man ihnen sogar situationsbedingt den Willen brechen, auch wenn's weh tut. Denn Sie wissen nicht, was sie tun, wir schon."

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