Israels Desaster = Israels Sieg?

29.10.2006

Gemessen an den wechselnden offiziellen israelischen Kriegszielen ist der zur Zeit von einem UN-vermittelten Waffenstillstand unterbrochene Libanonkrieg für Israel schlicht ein Desaster

Zwar hat Israel in der Tat "halb Libanon zerstört" (so Olmert vor der Knesset) - aber eben nicht die Hisbollah. Gegen deren Guerrilla-Kriegsführung war auch die stärkste Militärmacht des Mittleren Ostens letztlich hilflos; und der Rückhalt in der Bevölkerung, auf den sich die Hisbollah - im Libanon und weit darüber hinaus - stützen kann, ist heute größer als je zuvor.

Trotzdem: Dieses weit verbreitete Bild vom Libanonkrieg als einem Fiasko für Israel ist falsch. Richtig ist vielmehr: Genau der Verbreitung dieses falschen Bildes verdankt sich letztlich der "Sieg Israels" (Hagalil) - der zugleich, wie der Spiegel online titelte, "ein Sieg für die USA" ist. Israel und die USA haben mit dem Libanon-Krieg (auch dank dieses Bildes) nämlich genau das erreicht, was zur Vorbereitung auf den nächsten, größeren Krieg erreicht werden sollte:

Im Libanonkrieg ging es weder nur um die Hisbollah, noch auch nur um den Libanon. Dieser Krieg ist eine wesentliche Komponente der von den USA initiierten Transformation des Größeren Mittleren Ostens - und somit auch des nächsten Krieges, des Krieges gegen den Iran (Syrien eventuell inklusive). Aus US-amerikanischer Sicht ist dieser Krieg über kurz oder lang unvermeidbar. Sowohl aus rein geostrategischen Gründen (Stichwort: Ressourcen-Kontrolle) als auch mit Blick auf den Global War on Terrorism.

Aus dieser, von Israel naheliegender Weise geteilten Sicht folgt:
(a) Der Irankrieg muss geführt sein, ehe auch der Iran über Atomwaffen verfügt;
und
(b) noch vor Beginn des Krieges müssen dem Iran die für die Angreifer (USA und/oder Israel und ...) gefährlichsten Reaktionsoptionen genommen sein.

Der Countdown zu (a) - mit UN-Resolutionen, Sanktionsandrohungen etc. - läuft wie gehabt. Israels wichtigster Beitrag zu (b): Der - von den USA und dessen Verbündeten voll unterstützte - Libanonkrieg. Die Hisbollah-Milizen (genauer: deren Raketen mittlerer Reichweite) waren - vor dem Libanonkrieg - eine der wichtigsten Zweitschlagwaffen des Iran. Diese Waffe hat Israel weitgehend entschärft. Die im Libanon stationierten (größeren) Hisbollah-Raketen sind zerstört; wenn auch deren Nachschub unterbunden werden kann, wäre (b) Genüge getan.

Israels Dilemma war: Einerseits muss (b) vor dem Iran-Krieg erfüllt sein; andererseits ist Israel selbst - wie auch dessen Strategen seit dem letzten Libanonkrieg und dem Ende der Besetzung Südlibanons (2000) mit Sicherheit gut gewusst haben werden - zur nachhaltigen Blockade der Hisbollah-Guerrilla nicht in der Lage. Die Lösung: Diese Aufgabe übernehmen andere. Und die geniale Lösung: Diese anderen sind UN-Truppen; am besten solche, die von NATO-Staaten (und damit letztlich von den USA) dominiert werden. Diese für Israel und die USA (und ... ?) geniale Lösung wird derzeit implementiert.

Man beachte: Für den Irankrieg und die weitere Transformation des Mittleren Ostens erfüllt diese Lösung auch dann ihren Zweck (Entschärfung der Hisbollah als Zweitschlagswaffe, d.h. Minimierung von deren weiter reichenden Raketen), wenn die Hisbollah nicht (weiter) entwaffnet wird. Die der Hisbollah verbliebenen kleineren Katjuscha-Raketen, auch wenn das noch Tausende wären, sind keine Bedrohung der "Existenz" Israels. Insofern konzentriert sich die derzeitige öffentliche Diskussion, wie in Vorkriegszeiten üblich, auch diesmal eher auf eine Nebensache: Wie soll die Hisbollah entwaffnet werden? Wie sollen UN-Truppen etwas schaffen, was nicht einmal Israels Armee geschafft hat? Darum geht es derzeit nicht. Im Übrigen gehört die Entwaffnung der Hisbollah auch nach der UN-Resolution 1701 selbst nicht (jedenfalls nicht explizit) zum Mandat der UN-Truppen.

Welchen Zwecken dienen die UN-Resolution 1701 und das darauf aufbauende Libanon-UN-Kontingent wirklich?

  1. Der Beendigung der Kriegshandlungen Israels und der Hisbollah? Diese Antwort ist, wenn man sich daran erinnert, wie sehr die US-Regierung, England und, kaum weniger, Deutschland trotz täglich neuer Massaker auf Zeit gespielt hatten, schlicht nicht mehr glaubwürdig.
  2. Der Entwaffnung der Hisbollah? Siehe oben. Die UN-Truppen werden klug daran tun, das Unmögliche erst gar nicht zu versuchen.
  3. Der Durchsetzung der Souveränität Beiruts auch im Südlibanon und in den anderen schiitischen Siedlungsgebieten? Wie naiv müssten die Regierungen der diversen Truppenteile sein, solche politischen Ziele mithilfe militärischer Mittel auch nur für erreichbar zu halten! (Die Geschichte zeigt freilich, dass solcher Naivität keinerlei Grenzen gesetzt sind.)
  4. Der Optimierung der 'westlichen' Vorbereitungen auf den Irankrieg? Faktisch ja. Und alles deutet darauf hin: auch nach Plan.

Der Kommentar von Georg Meggle erschien zuerst in INAMO (Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten), Heft 47.

Georg Meggle lehrt analytische Philosophie an der Universität Leipzig.

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