Betriebsausflug mit Totenschädel

Thomas Pany 25.10.2006

Fotos von deutschen Soldaten sind kein Skandal, aber sie machen erneut auf die explosive Lage in Afghanistan aufmerksam

Ein Totenschädel unbekannter Herkunft, mit spitzem Finger und fester Hand auf dem Ende eines schlauchähnlichen Gerätes festgehalten. Auf einem anderen Foto ist - aller Wahrscheinlichkeit nach - derselbe Schädel auf der Schulter eines Soldaten zu sehen, der damit den faden, in seinem banalen Realismus missglückten Abglanz eines Fantasy-Comic-Warriors wiedergibt, was angesichts des blassen Schädels vor dem Hintergrund des sandigen Bodens dem Betrachter gar nicht groß auffallen würde, hätte der BILD-Zeitungsgrafiker nicht einen dicken roten Kreis um den Schädel gezogen. Dann schließlich der kleinere Schlauch aus der Hose eines Soldaten, der dem wehrlosen Totenschädel in der Höhe seines Kiefers entgegengehalten wird: Peinlich wie Fotos von Betriebsausflügen gerne ausfallen, nur dass der Betriebsausflug pubertär gestimmter Männer mit einem deutschen Kleinpanzer in Afghanistan unternommen wurde. Ein Skandal also mit möglicherweise fatalen Folgen für die deutsche Mission am Hindukusch? Jedenfalls kamen die Fotos rechtezitig zur Verabschiedung des "Weißbuches 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr" durch das Bundeskabinett, in dem Auslandseinsätze wie der in Afghanistan gegen den "internationalen Terrorismus" legitimiert werden.

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Eine der zentralen Fragen zu dem "unerhörten, perversen, leichenschänderischen" Vorfall - Wem gehört der Totenschädel? - wurde zum Glück prompt vom Satiremagazin "Titanic" aufgeklärt. In diesen guten Händen sollte das Thema eigentlich auch bleiben. Oder bei den Vorgesetzten der Bundeswehr-Betriebsausflügler.

Darüberhinaus taugen die Fotos, welche die Bildzeitung veröffentlichte, nicht zum großlettrigen Skandal, zu dem sie die Zeitung mit Überschriften wie "Schockfotos von deutschen Soldaten" und "Deutsche Soldaten schänden Toten" machen will. Sie sind vor allem peinlich, halbstarke Foto-Bricolage. Und die Äußerungen der Politiker - Merkel fand die Fotos "schockierend und abscheulich", Außenminister Steinmeier gab sich "bestürzt" - im politischen Geschäft zwar verständlich, aber nach nüchternen Kriterien hätte etwas weniger Aufregung auf höchster Ebene wahrscheinlich auch nicht geschadet.

Verständlich auch, dass die Angst groß ist. Es zeigt sich immer deutlicher, dass der Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan doch erheblich riskanter ist, als lange Zeit angenommen. Zwar gibt es plausible Hinweise darauf, dass die afghanische Bevölkerung trotz wachsender Antipathie bzw. Feindseligkeit gegenüber ausländischen Truppen, nicht alle westlichen Soldaten über einen Kamm schert und durchaus zu differenzieren weiß. Und deutsche Soldaten, die wesentlich mit nicht-aggressiven Aufgaben beschäftigt sind, demnach noch über einen Sympathiebonus verfügen sollen. Aber, so die Angst, das könne sich ja schnell ändern, eben auch durch solche Fotos.

Doch ob die Bild-Fotos - wie die Fotos von Abu Ghraib - tatsächlich das Potential haben, die Bevölkerung gegen deutsche Soldaten aufzubringen, ist fraglich. Eine persönliche Beobachtung dazu am Rande: Während einer Reise in Grenzgebiete zwischen Pakistan und Afghanistan habe ich mehreren Polospielen zugeschaut. Im Rahmen größerer festlicher Turniere gab es immer wieder kleinere Schauspiele, wo der Ball durch einen Totenschädel ersetzt wurde, sehr zur Erheiterung der ortsansässigen Zuschauer, die sich noch steigerte, als sie die verblüfften Gesichter der westlichen Besucher sahen. Diese Beobachtung mag nur anekdotischen Charakter haben, zeigt aber die Möglichkeit an, dass Einheimische noch so alberne Spiele mit Totenschädeln nicht zwangsläufig allzuernst nehmen müssen. Zumal eben nicht klar ist, von wem der Schädel stammt, ob er einem Massengrab entnommen ist, ob er zu einer afghanischen Leiche oder einer russischen gehört hat oder einem arabischen Mudschaheddin.

Zum anderen gilt die Angst, auch das ist nachvollziehbar, islamistischen Eiferern, die sich kaum Gelegenheiten entgehen lassen, um aus Bemerkungen oder Fotos, die irgendwie an die Ehre rühren, (blutiges) Kapital schlagen. Tatsächlich ist hier die symbolische Ebene nicht zu unterschätzen.

Wie die Los Angeles Times heute berichtet wird von internationalen Geheimdiensten (darunter die renommierte Abteilung DST des französischen Geheimdienstes) beobachtet, dass mehr und mehr "ausländische Dschihadisten" den Irak verlassen, um sich auf das symbolträchtigere Schlachtfeld in Afghanistan zu begeben. Für Propagandaprofite sei Afghanistan das bessere, ergiebigere Land, um den kriegerischen Dschihad zu führen, weil dort - anders als im irakischen Bürgerkriegschaos - der Kampf zwischen dem Westen und den Muslimen eindeutiger konturiert ist:

There are a certain number of foreign jihadis who aren't interested in massacring Shiites. In Afghanistan, you have NATO troops to fight as well as Americans, all the 'crusaders.

Louis Caprioli, ehemaliger Chef der DST-Anti-Terroreinheit

Bislang konzentriert sich der Kampf der Dschihadisten gegen die westlichen Verbände allerdings auf den Süden Afghanistans. Sollten deutsche Soldaten, Wünschen der Nato entsprechend, doch verstärkt im Süden eingesetzt werden, wächst das Risiko ohnehin, dass auch Deutschland ausdrücklich zur Partei der "Kreuzzügler" gezählt wird. Die Dschihad-Propaganda müsste sich dann auch nicht um entsprechendes Foto-Material für ihre Zwecke sorgen. Die Fotos vom Betriebsausflug mit Totenschädel würden da schnell von aussagekräftigerem Material ersetzt.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23833/1.html
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