Schädel, Knochen und Edelweiß

28.10.2006

Gedanken zu einer kopflosen Debatte

Aufgeregte Politiker ringen um Schadensbegrenzung, währenddessen ein Boulevardblatt in gewohnt fetten Lettern aufschreit: "Wie konnten deutsche Soldaten das tun?" Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, umgekehrt zu fragen: Warum gingen wir bislang davon aus, dass gerade Bundeswehrsoldaten vor derartig makabren Inszenierungen gefeit sind?

Solcherart Umgang mit dem Gebein des Feindes genießt bei europäischen Soldaten im "Auslandseinsatz" seit jeher Tradition. Als Lord Kitchener 1899 den ersten modernen islamistischen Gottesstaat im Sudan, übrigens eine üble Diktatur, zerschlagen hatte, ließ er dessen Gründer, den Mahdi, exhumieren und die Gebeine in den Nil werfen. Kitcheners ursprüngliche Absicht, den extra einbehaltenen Schädel dem Londoner "College of Surgeons" zur Verfügung zu stellen, gab er zugunsten einer schlichten Beisetzung auf einem Kairoer Friedhof auf. Doch auch das Gebaren der rechtgläubigen mahdistischen Glaubenskrieger zeugte nicht von einer Achtung der Totenruhe. Sie stellten den abgeschnittenen Kopf des von ihnen 1885 ermordeten englischen Generals Gordon öffentlich zur Schau.

Titelbild einer DDR-Publikation. Das Foto zeigt einen belgischen Söldner aus der Truppe von "Kongo-Müller". Bild: Th. Kramer

Eine besonders widerwärtige Figur ist der deutsche Söldner Siegfried Müller, der 1960 als "Kongo-Müller" zu traurigem Ruhm gelangte. Er und seine Kameraden ließen sich in ganz ähnlichen Posen ablichten wie die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Die Fotos zeigen auf Stangen gespießte Schädel und mit Gebeinen "geschmückte" Jeeps. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Die so geschändeten Toten wurden nicht zufällig gefunden, sondern von den Söldnern selbst ermordet. In diesen Hochzeiten des Kalten Krieges lieferten deren Gräueltaten willkommene Munition für die DDR-Medien, die ihrem Publikum die Söldner als inoffizielle Sendlinge Bonns präsentierten.

Doch zurück in die Gegenwart des "Krieges gegen den Terror": Die jungen Männer auf den Fotos sind nicht minder Produkte ihrer soziokulturellen Umwelt wie ihre amerikanischen Kollegen und Kolleginnen in Abu Ghraib. Vermeint man tatsächlich, im Sturmgepäck des deutschen Landsers wie 1914/18 bei Walter Flex und Ernst Jünger Feldpostausgaben von "Faust I" und "Also sprach Zarathustra" zu finden? Längst sind an deren Stelle Vidoclips und Splattermovies getreten. Ein blanker Schädel erzeugt seit jeher kaum medialen Schauer: Schon für den gruselsüchtigen Märchenhelden bedarf es eindringlichere Reize als ein mit Gebeinen kegelndes Gespenst. Schädel und Knochen, englisch Skulls und Bones, gehören seit langem zur Kinder- und Jugendkultur.

In Stevensons "Schatzinsel" fungiert ein Skelett als Wegweiser, und in den Siebzigern spielten die Väter unserer jungen Landesverteidiger die TV-Abenteuer des Knochenmannes Sceletor per Actionfigur nach. Mit dem Erfolg von "Piraten der Karibik" hielt die Totenkopfflagge in jeglicher merchandisingmöglichen Form Einzug in die Kinderzimmer. Die Kulturgeschichte des Totenschädels von der germanischen, griechischen oder präkolumbianischen indianischen Mythologie über die Ikonographie mittelalterlicher Flugschriften bis in die Gegenwart moderner Computerspiele ist hinlänglich erforscht - inklusive seiner Nutzung als Symbol militärischer Verbände: In Nachahmung ungarischer und polnischer Uniformen zierte der Totenkopf mit gekreuzten Knochen seit 1741 auch die Pelzmützen preußischer Reiter. Von 1808 bis 1918 stellten die "Totenkopf-Husaren" das Leibhusarenregiment der Hohenzollern.

Der Schädel an der Mütze ist durchaus nicht nur negativ konnotiert: Schillsche und Lützower Jäger trugen ihn ebenso wie die Mannen des "schwarzen Herzogs" von Braunschweig im Befreiungskrieg gegen Napoleon. Später pinselten ihn sich putschende Freikorpsleute auf die Helme. Von da war es nur noch ein kurzer Weg zum Wahrzeichen einer Verbrecherriege: Die SS trug ihn an Kragenspiegel und Mütze. Doch nicht nur sie. Im Erbeverständnis als "moderne Husaren" und als Reminiszenz an die martialische Bemalung erster deutscher Kampfwagen von 1918 trugen auch die Panzertruppen der Wehrmacht bis 1945 Knochen und Schädel auf der Uniform. Totenkopfabzeichen sind beileibe kein Privileg deutscher Soldaten: Ihrer Majestät Royal Lancers tragen sie bis heute ebenso am Barett wie ihre Kameraden vom British Royal Navy Submarine Service.

Nun existiert ein Unterschied zwischen symbolischer Darstellung und dem realen Relikt: Ein aufgenähtes Zeichen prädestiniert nicht automatisch zum Totschläger und Leichenschänder. Doch natürlich steckt hinter solch bildlichen Darstellungen im militärischen Kontext auch Programm. Ein Krieger von echtem Schrot und Korn fürchtet weder Tod noch Teufel, der furchtbare Schmuck soll den Gegner erblassen lassen. Militärs pflegen so seit jeher ein besonders enges Verhältnis zum menschlichen Schädel, die Berührungsängste sind gering.

Sich jetzt nur über die Fotos zu empören, verschleiert das eigentliche Problem: Seit jeher sind Rituale, in denen der Totenkopf eine Rolle spielt, fester Bestandteil des Brauchtums von Männergesellschaften wie irokesische Clans, Templer, schlagende Verbindungen oder Freimaurer. Die Darstellung und Vervielfältigung im Bild heben es auf ein neues Niveau: Esprit du Corps wird potenziert und ist jederzeit abrufbar. Das ist natürlich nur eine Erklärung und erst Recht keine Entschuldigung für das Verhalten der jungen Soldaten in Afghanistan. Allerdings sollten wir dann auch den Mut zu einem weiteren Schritt haben. Nur ganz kurz schwenkte die Kamera in einem RTL-Bericht über den Namen der Kaserne und der Gebirgsjägereinheit der involvierten Tatverdächtigen: Edelweiß.

Mindestens ebenso beunruhigend wie der schnöde Umgang mit den Überresten der Toten ist eine bestimmte Art von Traditionspflege: Soldaten der 1. Gebirgsjägerdivision "Edelweiß" massakrierten am 16. August 1943 mit unglaublicher Grausamkeit die Bewohner des griechischen Dorfes Kommeno und machten sich später bei "Sühnemaßnahmen" für Partisanenüberfälle auf dem Balkan verdient. Alljährlich gedenkt man bei der Bundeswehr-Gebirgsjägerbrigade ganz offiziell der gefallenen Kameraden des zweiten Weltkrieges - ein Gedanke an hunderte zivile Opfer wird nicht verschwendet. Bilder vom pietätlosen Umgang mit dem menschlichen Körper - auch durch Deutsche - werden uns angesichts weltweiter kriegerischer Auseinandersetzungen zunehmend bewegen. Vielleicht wäre neben dem Entsetzen wieder einmal ein Nachdenken über die Tradition, in der sich unsere Soldaten im Ausland bewegen, angebracht.

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