"Bei BILD arbeiten auch gute Journalisten"

29.10.2006

Interview mit dem BILDblogger Stefan Niggemeier über die offenbar zunehmende Bedeutung von "Bild" als Leitmedium und den Umgang der Medien mit "Schock-Fotos"

Ausbeutung der Folgen des inszenierten Skandals

"Bild" gibt immer häufiger die Themen für deutsche Medien - und auch für breite öffentliche Diskussionen - vor. Schumis Rücktritt, der vorläufige Verzicht des Siemens-Managements auf Erhöhung der eigenen Bezüge und nicht zuletzt die Veröffentlichung der "Schock-Fotos" aus Afghanistan sind nur einige Beispiele aus den letzten Wochen. Arbeiten bei "Bild" bessere Journalisten als in anderen Redaktionen - oder wie ist es zu erklären, dass "Bild" immer wieder an solche Exklusivstorys kommt?

Stefan Niggemeier: "Bild" ist mit großem Abstand die meistgelesene Tageszeitung in Deutschland. Das heißt, für jemanden, der eine Nachricht mit maximaler Wirkung lancieren will, liegt es nahe, es in der "Bild"-Zeitung zu tun. Im Fall der Siemens-Geschichte war das offenbar genau so, bei vielen anderen Fällen wird es ebenso sein. Auf diese Weise erhält man nicht nur die größte Reichweite und die größtmögliche Schlagzeile, sondern in aller Regel auch eine wohlwollende Kommentierung durch "Bild", die sich auf diese Weise dafür bedankt, eine exklusive Nachricht bekommen zu haben. Aber natürlich arbeiten bei "Bild" auch gute investigative Journalisten, die Mittel und Möglichkeiten (und das Talent) haben, Dinge herauszubekommen, die nicht jeder herausbekommt.

BILDblog setzt sich ja kritisch mit den Inhalten von "Bild" und "Bild.de" auseinander. Zu den "Schock-Fotos" haben Sie sich allerdings bislang nicht geäußert. Hat "Bild" in diesem Fall richtig gehandelt - auch bei der Umsetzung und Darstellung des "Bundeswehr-Skandals" in Afghanistan?

Stefan Niggemeier: Ich weiß nicht, ob man in so einem Fall mit klaren Kategorien wie "richtig"/"falsch" arbeiten kann. Die genauen Hintergründe, die zur Veröffentlichung in "Bild" geführt haben, kenne ich nicht, wie sorgfältig und verantwortungsvoll "Bild" bei der Beschaffung der Fotos gearbeitet hat, kann ich nicht beurteilen. Die Darstellung des Falls durch "Bild" scheint mir für eine Boulevardzeitung angemessen. Natürlich ergeben sich die üblichen Verzerrungseffekte: Egal wie oft die Medien betonen, dass es sich vermutlich um Einzelfälle handelt, werden sie doch nicht als solche wahrgenommen, sondern führen zu Pauschalurteilen. Dieser Effekt ist bei einer Boulevardzeitung noch stärker. Ich habe aber das Gefühl, dass "Bild" in diesem Fall durchaus differenziert und alles andere als verallgemeinernd berichtet.

Hätten "Bild" und die anderen Medien nicht besser die Veröffentlichung der "Schock-Fotos" unterlassen sollen, um deutsche Soldaten in Afghanistan nicht zu gefährden oder auch mögliche heftige Proteste in islamischen Ländern gegen Deutschland von vornherein zu vermeiden? Es gab in der Vergangenheit ja durchaus Absprachen in den Medien, über Themen nicht zu berichten, um Menschenleben nicht zu gefährden - zum Beispiel im Fall der Entführung des Milliardärs Philipp Reemtsma. Jetzt könnten doch noch viel mehr Menschenleben in Folge der breiten Berichterstattung in Gefahr geraten.

Stefan Niggemeier: Mit dem gleichen Argument hätten amerikanische Medien auch keine Fotos von Abu Ghuraib veröffentlichen dürfen. Ich glaube zwar, dass Medien grundsätzlich die möglichen Folgen einer Veröffentlichung prüfen und berücksichtigen müssen. Dies kann aber nicht bedeuten, dass sie sich etwa bei der Enthüllung von Skandalen grundsätzlich zurückhalten müssen, um mögliche negative Folgen zu vermeiden. Das würde die Täter in einer unzulässigen Weise aus ihrer eigenen Verantwortung von den Folgen ihrer Taten entlassen. Wenn die Arbeit deutscher Soldaten im Ausland gefährlicher geworden ist, liegt das zu aller erst am Handeln (einzelner) deutscher Soldaten im Ausland, nicht an den Medien. Ein Entführungsfall ist damit in keiner Weise vergleichbar.

Ist über die "Schock-Fotos" in deutschen Medien nach der Erst-Veröffentlichung in "Bild" insgesamt zu übertrieben berichtet worden? Im Ausland spielte das Thema kaum eine Rolle.

Stefan Niggemeier: Die Bilder waren ja tatsächlich ein Schock, weil man sich nicht vorstellen konnte, deutsche Soldaten in solchen Posen zu sehen. Mittelfristig wird, glaube ich, eine weniger emotionale Debatte über die Vorfälle und ihre Bedeutung einsetzen.

Nach "Bild" hat jetzt auch RTL "Schock-Fotos" erhalten und sie veröffentlicht. Wenn weitere Bilder auftauchen - sollten die auch alle veröffentlicht werden?

Stefan Niggemeier: Ja, wenn sie neue Erkenntnisse liefern. Die RTL-Fotos zeigen ja angeblich Aufnahmen, die über ein Jahr später entstanden sind, also möglicherweise beweisen, dass es sich nicht um einen isolierten Fall handelte. Das würde meiner Meinung nach ihre Veröffentlichung rechtfertigen. Das bedeutet aber nicht, dass nun alle Fotos, die das Bekannte in immer neuen Variationen zeigen, auch veröffentlicht werden müssen.

Stefan Niggemeier zählt zu den profiliertesten Medienjournalisten in Deutschland. Der jetzt 36-Jährige arbeitete unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung, werben & verkaufen, Süddeutsche Zeitung, kress report, Die Zeit und als verantwortlicher Medienredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Im Jahr 2003 wurde er mit dem Bert Donnepp Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet. Gemeinsam mit dem Journalisten Christoph Schultheis gründete Niggemeier im Jahr 2004 BILDblog. Der mehrfach ausgezeichnete Watchblog ist inzwischen die mit Abstand erfolgreichste deutschsprachige Medienseite im Internet.

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