Schmutziges Bombenlager in Oak Ridge

30.10.2006

Die Überreste der ersten Atombomben können auch heute nach über 60 Jahren noch in die Luft fliegen

Es wird immer befürchtet, dass Terroristen mit einer "schmutzigen Bombe", mit explodierendem Atommüll, Tod, Siechtum und Schrecken verbreiten könnten. Doch braucht es dazu gar keine Terroristen - die Jugendsünden des Atomzeitalters sind auch so explosiv genug.

Wer die Bücher von Robert Jungk gelesen hat (Bombenstimmung in 3D und Dolby Digital), sollte sich eigentlich nicht wundern: In den Frühzeiten des Atomzeitalters wurde im Osten wie im Westen einfach wild drauflos gewurschtelt und alles, was man gerade nicht mehr brauchen konnte, in irgendwelche ausgehobenen Gräben oder sogar regelrechte Gräber gekippt. Selbst innerhalb der Anlagen wurden verstrahlte Teile einfach auf dem Boden liegen gelassen, mit Bleiziegeln umstellt und mit einem Warnschild versehen – ähnlich den "Slippery when wet" – Warnungen, wie sie in den USA auf jedem polierten Steinfußboden herumstehen.

"Grab 53" – solche "Atomfriedhöfe" waren typisch für die "K-25 Site" (heute "East Tennessee Technology Park"). Lösungsmittel, elektrische und elektronische Geräte sowie sonstige, auch radioaktive, Abfälle wurden hier verscharrt. (Bild: Oakridge.doe.gov)

Dass die Umgebung der Plutoniumfabrik Hanford im Westen und der Uranfabrik Oak Ridge im Osten der USA deshalb heute stark radioaktiv verseucht ist, ebenso wie das eigentliche Atomlabor in Los Alamos (Die Atomwüste von Los Alamos), wundert deshalb niemand. Die Probleme in Russland sind ähnlich und eine Gruppe russischer Forscher hat gerade im Wissenschaftsfachblatt Science eine Untersuchung darüber veröffentlicht, wie sich aus dem Atomgelände Mayak Plutoniumpartikel aus radioaktiven Abwässern aus Sickergruben und Rückhaltebecken über das ganze Gelände und in Flüsse und Seen verteilt haben ("Colloid Transport of Plutonium in the Far-Field of the Mayak Production Association, Russia, DOI: 10.1126/science.1131307).

Bis die Radioaktivität in den Hinterlassenschaften von Atombomben, Atom-U-Booten und nuklearer Stromerzeugung tatsächlich nachlässt, kann es je nach der Isotopenzusammensetzung Tausende bis Zehntausende von Jahren dauern. Nach ein paar Jahrzehnten hat sie noch kaum nachgelassen, wie dieser Tage die Norwegian Radiation Protection Authority feststellen musste: Da infolge hoher Feuchtigkeit dieses Jahr mehr Pilze als in den Vorjahren wuchsen und sich weidende Schafe an diesen folglich besonders gütlich tun konnten, haben die Überreste des Unglücks von Tschernobyl (Die Todeswolke, die ganz Europa verseuchte) für eine Radioaktivität des Schaffleisches von bis zu 7000 Bequerel pro Kilogramm gesorgt, was weit über den in Norwegen zulässigen 600 Bequerel pro Kilogramm liegt. Bevor die Schafe in Norwegen dieses Jahr geschlachtet werden können, müssen sie deshalb einige Monate unverstrahltes das Futter bekommen.

"Warnung: Dieses Wasser ist kontaminiert. Fisch nicht sicher zum Verzehr. Schwimmen, durchwaten oder Fischen verboten. Umweltamt Tenessee." (Bild: Oakridge.doe.gov)

Noch tückischer als diese ungeplante Endlagerung radioaktiver Isotope über ganz Europa ist jedoch die zwar schlecht organisierte, doch durchaus geplante Lagerung von radioaktiven Abfällen innerhalb der Bombenproduktionsanlagen. Wie der New Scientist in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, ist die Produktionsanlage für hoch angereichertes Uran in Oak Ridge in den USA auch heute noch, mehr als sechs Jahrzehnte nach den Anfängen, aus denen die in Hiroshima gezündete Uranbombe entstand, eine tickende Atom-Zeitbombe.

Das Problem liegt darin begründet, dass auch heute noch viele Fässer mit hochradioaktiven Abfällen über das gesamte riesige Gelände der Bombenfabrik verteilt gelagert werden. Dabei enthalten viele dieser Abfälle neben Uran, das selbst gut brennt, auch andere brennbare Metalle wie Lithium oder Natrium. In den letzten 10 Jahren seit 1997 gab es 22 Unfälle. Es sind etliche dieser mit Abfällen gefüllten Fässer explodiert, darüber hinaus gab es auch Explosionen in Wiederaufbereitungsanlagen auf dem Gelände, mehrere Lithium-Feuer, sowie einige Kurzschlüsse und Explosionen in Hochspannungsanlagen.

Oak Ridge National Laboratory, Tennessee, USA (Bild: Oakridge.doe.gov)

Im Oktober 2002 entzündete sich Uranpulver, das 10 Jahre unbeachtet in einer "Handschuhbox" gelegen hatte: einer Einheit, in der es abgeschirmt bearbeitet werden konnte. Der letzte Brand in Oak Ridge war am 22. September diesen Jahres, als die Plastikumhüllung von Uran in Flammen aufging, als ein Techniker sie von diesem in einer solchen Handschuhbox entfernen wollte – beim Kontakt mit Luft hatte sich das Uran zuvor unerwartet aufgeheizt. Dieser Brand war in einem großen, hölzernen Lagerhaus, das 1944 zur Unterstützung des "Manhattan-Projekts", dem Bau der ersten Atombombe, gebaut worden war. Dieses Lagerhaus enthält das meiste der 400 Tonnen hochangereicherten Urans auf dem Gelände und gilt seit 1996 offiziell als potentielle Feuergefahr. Ein größeres Feuer hätte hier also üble Folgen haben können.

Etwa 700.000 Menschen leben in einem Umkreis von 160 km um die alte Atomanlage, 174.000 davon in Knoxville in 25 km Entfernung und 28.000 in Oak Ridge selbst. Strahlendosen von bis zu 900 Millisievert könnten die Folge sein, ausreichend für Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall und Tod. Doch eine diese Woche erschienene Studie belegt, dass diese Probleme sich keineswegs auf die alten US-Atomanlagen beschränken: weltweit wurden in den letzten 62 Jahren mehr als 1750 Tonnen hoch angereicherten Urans für Atombomben, Atom-U-Boote und Forschungsreaktoren (Der Tanz ums Atom-Ei Nummer Zwei) produziert.

Typische Müllentsorgungspraxis der 50er- bis frühen 70er-Jahre in Oak Ridge (Bild: Oakridge.doe.gov)

Die Überreste der Atombombenproduktion lagern in Dutzenden von Lagerstätten in Russland und anderen Ländern und werden oft nicht ausreichend geschützt und bewacht. Das allerdings wundert niemanden, während der problematische Zustand der Anlage in Oak Ridge seit Jahrzehnten bekannt ist – mit 22 Unfällen in den letzten 10 Jahren passiert durchschnittlich zweimal im Jahr etwas. Die Anlage hat eine Größe von fünf auf einen Kilometer, besteht aus etwa 500 Gebäuden, von denen die meisten in den 40er- und 50er-Jahren gebaut wurden. Heute stellt diese Anlage vermutlich den größten Lagerplatz für waffenfähiges Uran dar. Viel Uran in unstabilen Oxiden, Lösungen und Sedimenten wurde sogar aus anderen Anlagen hierher verfrachtet und für viele der gelagerten Fässer existieren keinerlei Aufzeichnungen über ihren Inhalt mehr.

Neben der Gefahr, dass ein Feuer die gelagerten Uranmengen entzündet und Radioaktivität freisetzt, besteht aber auch die Gefahr, dass sich zu viel angereichertes Uran in einem der lagernden Behälter zusammenfindet und die kritische Menge für eine Kettenreaktion erreicht. Derartige Vorfälle wurden zuletzt in Japan bekannt, doch auch in Oak Ridge wurde im Mai diesen Jahres ein derartiges Vorkommnis gemeldet, bei dem sich in einem Filter eine kritische, kettenreaktionsfähige Menge hoch angereicherten Urans angesammelt hatte.Und auch das Fluor, das zur Herstellung von Uranhexafluorid gelagert ist, einer früher gerne zur Urananreicherung verwendeten Uranverbindung, könnte zu einem größeren chemischen Unfall führen, bei dem einzelne Personen bis zu dem Dreißigfachen der tödlichen Dosis ausgesetzt würden.

Anlage eines Sickergrabens für flüssige radioaktive und chemische Abfälle in den 50ern im Melton Valley nahe Oak Ridge (Bild: Oakridge.doe.gov)

Doch seit 12 Jahren scheitern alle Initiativen des US-Verteidigungsministeriums, die Sache ins Reine zu bringen, an Geldmangel, Verzögerungen und festsitzenden Unterprojekten. Eine neue Lagerhalle für Uran hat sich von geplanten 120 Millionen auf fast 500 Millionen US-Dollar verteuert und ist bereits 10 Jahre hinter den Bauplan zurückgefallen. Auch die von der US-Regierung gewünschte Sicherheit gegen terroristische Angriffe dürfte erst im Jahr 2013 erreicht werden.

Die Verantwortlichen für die Anlage betonen, dass die Bush-Regierung über 300 Millionen US-Dollar zusätzlich lockergemacht habe, um in Oak Ridge aufzuräumen und alte Anlagen stillzulegen oder zu modernisieren. Es bleibt jedoch das Problem, dass dort genügend hochangereichertes, waffentaugliches Uran lagert, um mehr als tausend Atombomben des Hiroshima-Kalibers zu bauen.

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