Adieu Kopierschutz

Harald Taglinger 07.11.2006

Neben der Spur

Sagen wir es so. Alles was kopierbar ist, wird kopiert. Das passiert nicht zum Schutz eines Einzelnen. Aber es hilft manchmal der Allgemeinheit weiter. Unter Schmerzen.

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Hoppla, der Kopierschutz. Der ist staatlichen Machtstrukturen in den letzten Jahrhunderten ein wenig aus der Hand geraten. Die einfachste Form davon war ein Todesurteil. Wer im Mittelalter als Glasbläser Murano verließ, war eigentlich schon tot. Trotzdem verschwanden einzelne. Es ging auch humaner: 1519 heuerte die Stadt Zürich Christoph Froschauer aus Altötting an. Er soll amtliche Dokumente drucken und damit fälschungssicher machen. In der gleichen Stadt entstehen 1827 die ersten gedruckten Wertpapiere und 1843 die ersten Briefmarken Europas. Das ist schön und gut, wenn die Macht ausreicht, Kopien zu kontrollieren und kontingentieren. Scheinbar war dem so.

Wenig erfolgreich war in der Kopienvernichtung der Staatsapparat des Dritten Reiches. Die Nürnberger Prozesse vor 60 Jahren gelten als die ersten großen Justizentscheidungen, die fast ausschließlich auf der Basis von Dokumentenkopien gefällt wurden. Dokumente entgleiten den Machthabern und stehen zur Begutachtung offen. Niemand bezweifelt, dass das gut war.

Moderne Medientechnologie zeichnet sich durch immer leichtere Kopierbarkeit von Inhalten aus. Der Anblick von "Copy & Paste" würde einen mittelalterlichen Mönch vielleicht fluchend in sein von Hand abgeschriebenes Manuskript weinen lassen. Und was leicht kopierbar wird, wird von vielen leicht kopiert. Pamela Anderson und Paris Hilton haben dazu eine Meinung. Gut, man munkelt über die eine oder andere Publikations-Nachhilfe ihrer Nackt-Videos. Warum auch immer. Zumindest Paul McCartney spürt gerade deutlich, was eine locker sitzende Aufnahme-Taste bedeutet. Hier geht es um die etwas andere Entblößung.

Oder 24 deutsche Soldaten in Afghanistan. Schnell aus der Hüfte geschossene Skull-Fotos, die den Weg aus ihren Speichern gefunden haben, lassen sie jetzt einen Kopierschutz vermissen. Digitale Aufnahmen verbreiten sich wie ein Virus. Wir erinnern uns an 630 Polizisten aus Thüringen, also 10 Prozent der Belegschaft, deren Festplatten auch inkontinent wurden. Und professionelle Vervielfältiger wie die BILD-Zeitung haben dann ihre Freude – und ihre Auflagen – daran.

Eine Feststellung mit Freuden: Kopierschutz als Geheimnis-Schutz ist ein veraltetes Prinzip. Alles ruht verfügbar, bis es von allgemeinem Interesse wird. Ein Staat kann einem anderen Staat nichts mehr verbergen. Ebenso wenig wie der Staat einem Bürger. Auch umgekehrt wird es schwierig für den Staat, denn Zensur findet nur noch weltweit statt. Und der einzelne kann ebenfalls nicht mehr damit rechnen, ein viel zu kleiner Schlegel für die große Glocke zu sein. Wenn es von öffentlichem Interesse ist, gehen die Scheinwerfer an. Und man ist Teil einer Zielgruppe. Allerdings auf der anderen Seite der Glühbirnen. Das hat etwas Ungemütliches. Es gibt keinen Datenschutz mehr, denn der Kopierschutz ist dahin. Für alle.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23879/1.html
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