US-Wahlen mit November-Überraschung?

05.11.2006

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Republikaner am Ruder bleiben, ist aufgrund der verfügbaren Wahlkampfgelder groß

Nachdem die ominöse "Oktoberüberraschung", die der Republikaner-Chefwahlstratege Karl Rove für den Wahlgewinn zu den Kongresswahlen am 7. November versprochen hatte, auf sich warten ließ, bleiben für wahlentscheidende, spektakuläre Nachrichten nur noch zwei Tage. Angriffe auf den Iran oder Nordkorea scheinen höchst unwahrscheinlich. Aber eine Verurteilung Saddam Husseins zum Tod am Strick – der Gerichtstermin ist auf den Sonntag festgelegt - würde der Bush-Regierung und den Republikanern in letzter Minute einNovember surprise bescheren und unentschlossene "swing voters" doch noch zur Stimmabgabe für die Rechten veranlassen. Und selbst wenn Überraschungen gänzlich ausbleiben, so ist ein republikanischer Machtverlust immer noch keine ausgemachte Sache.

Sämtliche Umfragen sagen seit Monaten voraus, dass die Demokraten bei den "midterm elections" am Dienstag das Repräsentantenhaus zurückerobern werden und auch im Senat gute Chancen haben, das Kräftegleichgewicht zu ihren Gunsten zu kippen, wenn dort auch knapp. Diese "polls" ergeben sich fast immer mithilfe von Telefoninterviews von "repräsentativen Wählerschichten" in Größenordnungen von mehreren Hundert bis wenigen Tausend.

Eigenartig nimmt sich gegenüber den Umfragen die Selbstsicherheit und Sturheit aus, die Präsident George Bush auf öffentlichen Veranstaltungen zu Tag legt. Auch am Donnerstag wiederholte er unter dem Jubel von Tausenden von Anhängern das genaue Gegenteil. Schon vor zwei Jahren hätten Umfrageinstitute und Medien Republikaner-Niederlagen prognostiziert, die Demokraten hätten sich damals schon überlegt, in welche Washingtoner Büros sie einziehen würden. Aber der Umzug habe nicht stattgefunden.

The the same thing is going to happen on November 7th, we will win the Senate and we will win the House.

George Bush
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Wahrscheinlich predigte Bush mit diesen Worten vor den Bekehrten, und wahrscheinlich steckt dahinter nur das Bestreben, mit dem Verweis auf den "festen Glauben, dass wir siegen werden", die eigene Basiswählerschaft anzufeuern und zum Urnengang zu bewegen. So jedenfalls werden Bushs Auftritte quer durch die Presselandschaft kommentiert. Selbst die Redakteure des neokonservativen Kampfblatts "Weekly Standard" gaben sich wenige Tage vor den Wahlen frustriert und prognostizierten eine deutliche Übernahme des Repräsentantenhauses und eine knappe Senatsmehrheit durch die Demokraten.

Eine interessante Ausnahme von dieser Regel machte der Wahlforscher Jim McTague in der Wirtschaftszeitschrift "Barron's" unter der Überschrift Survivor ! The GOP Victory. McTague zufolge werden die Republikaner zwar Sitze in beiden Kammern verlieren, doch bei Weitem nicht in dem Ausmaß, wie dies die auf Umfragen beruhenden Wahlprognosen voraussagen, und ihre Mehrheiten beibehalten. McTagues unkonventionelle Methode, Umfragen zu ignorieren und sich stattdessen auf die Geldströme zu konzentrieren, die in die Taschen der Kandidaten und Parteien fließen, hatte sich schon bei den Wahlen 2002 und 2004 bewährt. Bei beiden Urnengängen hatte er gegen den Mainstream Siege der Republikaner vorhergesagt.

McTague bezieht sich auf die große statistische Wahrscheinlichkeit, dass der Kandidat gewinnt, der mehr Wahlkampfgeld als sein Gegenkandidat hat. Im Zeitraum von 1972 bis heute betrage diese Wahrscheinlichkeit bei Wahlen für das Abgeordnetenhaus 93 Prozent, in den letzten Jahren sogar 98 Prozent. Weniger deutlich sei seine Methode allerdings bei Prognosen für Senatswahlkämpfe, gibt McTague zu. Immerhin beträgt die Wahrscheinlichkeit dort seit 1996 aber auch 89 Prozent.

An diesem Wochenende findet in den Medien der Wahlkampfendspurt statt, auch in finanzieller Hinsicht (Campaigns Set for TV Finale). Schon jetzt ist klar, dass die Wahlen mehr als zwei Milliarden Dollar kosten, 400 Millionen mehr als vor zwei Jahren. Die Bundeswahlkommission veröffentlichte Ende der Woche die offiziellen Zahlen, allerdings nur zurückgehend bis zum 18. Obtober. Demnach haben die Kandidaten 1,14 Milliarden Dollar eingetrieben und 965,7 Millionen Dollar ausgegeben.

Das "Center for Responsive Politics" sagt Gesamtausgaben in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar voraus, was 2006 zu den bisher teuersten "midterm elections" machen würde. Die Republikaner würden ihren finanziellen Vorsprung beibehalten können. Die prozentuale Kluft zwischen ihnen und den Demokraten scheint aber im Lauf der Jahre nicht weiter auseinanderzugehen und beträgt etwa 15 Prozent zuungunsten der Demokraten. Dass der Unterschied "nur noch" 200 Millionen Dollar beträgt, beweist allerdings die Absurdität amerikanischer Wahlen, die vergleichsweise den Jahreshaushalt eines kleineren Landes verschlingen.

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