Respekt durch Überwachen und Strafen

Florian Rötzer 06.11.2006

Die britische Regierung versucht mit zahlreichen Maßnahmen, "antisoziales Verhalten" bei Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen, in Europa haben die Erwachsenen in Großbritannien am meisten Angst vor Jugendlichen

Seit Jahren kämpft die britische Regierung nicht nur gegen Terroristen und Kriminelle, sondern auch gegen Störenfriede vor allem jugendlichen Alters, die Respekt vermissen lassen und sogenanntes antisoziales Verhalten demonstrieren. Mit allerlei Maßnahmen versucht die britische Regierung, ihren Bürgern möglichst früh und auch präventiv Respekt zu lehren. Eine der bekannten Maßnahmen sind die ASBOs (anti-social behaviour orders), die Jugendlichen ab 10 Jahren – auch zusammen mit Individual support orders (ISOs) - auferlegt werden können. Seit letztem Jahr gibt es zudem die Respect Task Force, in der wiederum neue Vorschläge ausgebildet werden, um die Gesellschaft ordentlicher zu machen.

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Briten haben, zumindest nach dem Bericht Freedom's Orphans: Raising Youth in a Changing World des Institute for Public Policy Research, am meisten Angst vor Jugendlichen. Wenn Kinder oder Jugendliche anti-soziale Taten begehen – worunter u.a. Trinken, Vandalismus, Betteln, Belästigen von Passanten, Drogen, Wegwerfen von Abfall, Lärmbelästigung, Unfug, Anbringen von Graffitis etc. verstanden wird -, dann sind angeblich die Briten am wenigsten bereit, dagegen einzuschreiten, weil sie Angst haben, beschimpft oder selbst zum Opfer zu werden. Gefragt, ob sie etwas machen würden, wenn 14-Jährige ein Buswartehäuschen beschädigen (Vandalismus), würden nur 34% der britischen Erwachsenen einschreiten, während bei den Deutschen 65% sagen, sie würden dies tun, bei den Spaniern 52% und bei den Italienern 50%.

Ob die das dann auch tatsächlich machen, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Möglicherweise hat die Politik der britischen Regierung hier auch eine ihrer Auswirkungen, da die Jugendkriminalität in etwa gleich geblieben, die Angst vor der Jugend aber zugenommen hat. 1,5 Millionen Briten hätten gesagt, dass sie gerne wegen herumhängender Jugendlicher in ihrer Wohngegend umziehen würden. 1,7 Millionen würden abends wegen der Angst vor Jugendlichen nicht mehr ausgehen. Die Briten führen ihr Problem mit Jugendlichen mehr als die Menschen in anderen europäischen Ländern vor allem auf fehlende Disziplin bei den Jugendlichen zurück. Tatsächlich scheinen die britischen Jugendlichen mehr unter sich zu sein, mehr zu trinken und mehr Gewalttaten als ihre europäischen Altersgenossen zu begehen. So würden beispielsweise mehr als 90% der 15-Jährign in Italien regelmäßig gemeinsam mit ihrer Familie essen, in Großbritannien seien dies nur 64%.

Während die Angst vor der jungen Generation geschürt wird, verlässt man sich gleichzeitig mehr auf die Sicherheitskräfte. Interpretiert wird die wachsende Kluft zwischen Erwachsenen und Jugendlichen so, dass in Großbritannien beide Altersgruppen in der Freizeit weniger als sonst zusammen machen oder gemeinsam im öffentlichen Raum sich aufhalten. Louise Casey, Leiterin der Respektbehörde, sieht das Problem allerdings vor allem darin, dass die staatlichen Kräfte von Polizei über Lehrern bis hin zu Jugendarbeitern nicht ausreichend einschreiten und antisoziales Verhalten zu oft geschehen lassen. Dem Independent sagte sie, dass die Autoritätspersonen zunehmend versagen würden. ASBOs wären dafür ein gutes Instrument, auch wenn Kritik laut wurde, dass manche Jugendliche diese mittlerweile als Auszeichnungen verstehen würden. Zudem würden sie kaum eingehalten werden.

Sie wäre auch dafür, Fotos und Namen der mit ASBOs belegten Jugendlichen in der Nachbarschaft auszuhängen, damit alle mithelfen könnten, weitere Verfehlungen zu überwachen und zu melden. Es gebe Personen, die auch mit ASBOs nicht diszipliniert werden könnten. Bei diesen "chaotischen Personen" müsse man zu drastischeren Mitteln greifen. Casey schlägt vor, solche Personen ähnlich wie jetzt schon ganze Familien in spezielle Wohneinheiten, sogenannte "sin bins", zu stecken. Hier können beispielsweise Ausgehverbote und andere Vorschriften überwacht und Erziehungsmaßnahmen durchgeführt werden. Damit werden für Familien oder Personen, die noch keine Straftaten begangen haben, eine Art Gefängnis eingerichtet. Für Casey ist das ganz nach der Maxime Überwachen und Strafen eine Maßnahme, um Familien, bei denen beispielsweise Eltern die Erziehung der Kinder vernachlässigen oder diese misshandeln, oder Personen wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23906/1.html
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