Gehirne in einer neurotoxischen Suppe

Florian Rötzer 08.11.2006

Wissenschaftler warnen vor einer "stillen Epidemie" durch industriell hergestellte Chemikalien, die vor allem die Gehirne von Kindern schädigen können

Nach einem in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichten Bericht Developmental neurotoxicity of industrial chemicals (DOI:10.1016/S0140-6736(06)69665-7) wird von einer heimlichen, von Menschen verursachten "stillen Pandemie" gewarnt. Millionen von Kindern auf der ganzen Welt können, so Philip Landrigan, von der Mount Sinai School of Medicine in New York und Philippe Grandjean vom Institut für Umweltmedizin der Universität von Süddänemark in Odense, durch zahlreiche industriell hergestellte chemischen Substanzen, die sich in der Umwelt befinden, Gehirnschäden erhalten haben.

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Die beiden Wissenschaftler haben 200 industriell hergestellte chemische Substanzen identifiziert, die Gehirnschäden bei Föten oder kleinen Kindern wie beispielsweise Autismus, Aufmerksamkeitsstörungen, Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit oder zerebrale Paralyse verursachen können. Sie seien allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Es seien bereits über 1.000 chemische Substanzen bekannt, die bei Tieren das Gehirn schädigen können, weswegen man davon ausgehen könne, dass dies auch bei Menschen der Fall sein wird. Die Substanzen findet man in allen möglichen Produkten, gefährlich ist vor allem, wenn sie beispielsweise auch in geringen Mengen in die Luft oder in das Grundwasser gelangen.

Die Wissenschaftler fordern von den Politikern stärkere Kontrollen, da die meisten Chemikalien, auch wenn bekannt ist, dass sie toxisch sind, nicht reguliert seien. Das Gehirn sei aber besonders bei Heranwachsenden so empfindlich, dass auch leichte Schäden ernste Folgen haben können. Bislang werden nur wenige chemische Substanzen wie Blei oder Quecksilber zum Schutz von Kindern reguliert.

Die Wissenschaftler haben sich wissenschaftliche Berichte über Blei, Methylquecksilber, Arsen, PCBs und Toluol näher angeschaut, da deren Toxität hinreichend untersucht ist. Normalerweise wurde deren Gefährlichkeit über starke Vergiftungen bei Erwachsenen und in einzelnen Fällen bei Kindern bekannt. Erst später entdeckte man durch epidemiologische Untersuchungen, dass auch geringere Dosen bei Kindern zu Verhaltensstörungen führen können. Praktisch alle Kinder, die zwischen 1960 und 1980 in den Industrieländern geboren wurden, waren dem in Benzin enthaltenen Blei ausgesetzt, was zu erhöhter Aggressivität, sinkenden IQs, verlangsamter motorischer Koordination oder Aufmerksamkeitsstörungen geführt haben könnte. Allgemein sei es schwierig, die gesundheitlichen Folgen von industriell hergestellten Chemikalien festzustellen, da Symptome oft erst Jahre oder Jahrzehnte nach der Aussetzung auftreten.

In der EU wurden 100.000 chemische Substanzen erfasst, die seit 1981 auf dem Markt sind. Weniger als die Hälfte der am meisten verwendeten Substanzen wurden überhaupt auf ihre Gefährlichkeit getestet. In 80 Prozent der Fälle gebe es keine Informationen über das Risiko für Kinder. Nach der von der Industrie heftig bekämpften Gesetzesvorschlag Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals (REACH), sollen 30.000 Chemikalien auf ihre Gefährlichkeit getestet werden. Am 12. Dezember findet im Europäischen Parlament die zweite Lesung des Gesetzes statt. Berücksichtigt würden dabei allerdings nicht Risiken in der Gehirnentwicklung. Grandjean fordert, dass in REACH auch die neurotoxischen Risiken für Kinder aufgenommen werden müssten. Aufgrund mangelnder Forschung kenne man diese Risiken bislang kaum, aber gerade hier sei Vorkehrung sinnvoll.

Nigel Brown, Leiter der St George's School of Medicine der University of London, hat den Bericht der beiden Wissenschaftler kritisiert, den er aufgrund weitgehend fehlender wissenschaftlicher Belege und von Mutmaßungen als "Kampagnenartikel" bezeichnet. Er übertreibe und würde Panik schüren, wenn von einer Pandemie gesprochen werde. Allerdings räumt auch er ein, dass es hier ein Problem gebe, das man näher untersuchen müsse.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23923/1.html
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