Der Weg in den Holocaust

Peter Nowak 09.11.2006

Ein Hamburger Journalist leistet Pionierarbeit bei der Darstellung des Holocaust im Internet

Ungefähr 1.690.000 Seiten zeigt die Suchmaschine an, wenn man auf Google die deutschsprachigen Seiten des Begriffs Holocaust sucht. Da musste der Hamburger Journalist Knuth Mellenthin sicher genau überlegen, warum er man trotzdem viel Zeit und Arbeit investierte, um die Webseite Holocaust Chronologie zu konzipieren, die seit kurzem online ist.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Im Ausland werden die Vorkommnisse genau registriert. Am 7.3.33 beteuerte der rechtskonservative Vizekanzler Heinrich von Papen gegenüber der österreichischen Presse, die Juden würden wie andere Staatsbürger behandelt. Bis ins kleinste Detail rekonstruiert Mellenthin die Vorgeschichte des ersten reichsweit durchgeführten Boykotte jüdischer Geschäfte, Büros und Kanzleien am 1. April 1933. Zur Illustration der Ereignisse wird aus den Goebbels-Tagebüchern, dem Aufruf der NSDAP-Parteileitung, den Richtlinienerlass des hessischen Staatspräsidenten für die Presse sowie weiteren Erklärungen des für die Boykottaktionen verantwortlichen NSDAP-Funktionärs Julius Streicher zitiert. Durch einen Klick auf diesen Namen erhält der Interessierte im Glossar eine Kurzbiographie dieses NS-Funktionärs.

Personen der Zeitgeschichte, wichtige historische Ereignisse und für den Themenkomplex relevante Abkürzungen werden im Glossar in lexikalisch knapper Form erklärt. So wie die Vorgeschichte wird auch die Nachbetrachtung des ersten Boykotts mit Zitaten aus dem Goebbels-Tagebuch und der offiziellen Abbrucherklärung der Reichsregierung behandelt. In gleicher Weise wird der geschichtliche Weg nachgezeichnet, der über die zunehmende Entrechtung der Juden zur Reichspogromnacht am 9.11.1938, zu den Deportationen und schließlich zur Massenvernichtung führte. Die Chronologie schließt mit dem 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation.

Die chronologische Darstellungsweise bietet den Vorteil, die Shoah eingebettet in einen historischen Kontext zu erfassen. Zwar behauptet auch Mellenthin nicht, dass mit Hitlers Kanzlerschaft der Weg nach Auschwitz unverrückbar vorgezeichnet war. Aber es wird deutlich, wie die historischen Weichen gestellt wurden.

Neben der Chronologie werden auf der Homepage weitere Texte veröffentlicht, die wichtige historische Debatten in der Holocaustforschung dokumentieren. Beispielhaft seien nur Goldhagens These vom eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen und die von Götz Aly und Susanne Heim angestoßene Debatte über die Ökonomie der Endlösung erwähnt. Mellenthin betont, dass die Webseite noch eine Baustelle ist. Sie soll kontinuierlich erweitert und ergänzt werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23924/1.html
Kommentare lesen (83 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS