Privater Energieverbrauch steigt

16.11.2006

Jüngste Zahlen der Statistiker zeigen gegenläufige Trends im privaten Energieverbrauch. Unterm Strich wird in privaten Haushalten heute mehr Strom und Heizenergie benötigt als Mitte der 1990er Jahre

Während in Nairobi die diesjährige UN-Klimakonferenz sich ihrem Ende zuneigt und der Bundesumweltminister große Versprechungen macht, warten zuhause Hausaufgaben auf ihn. Zum Beispiel im Bereich Wohnen, das heißt dem Energieverbrauch privater Haushalte für Strom, Warmwasser und Heizen: Der macht rund 20 Prozent des deutschen Energieverbrauchs aus und ist von 1995 bis 2004 um 2,4 Prozent gestiegen. Das geht aus den Zahlen des Umweltbundesamt (UBA) hervor, das kürzlich gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt in Berlin eine Pressekonferenz zum Thema abhielt. Die Statistiker hatten aus ihrer umweltökonomischen Gesamtrechnung eine Analyse des privaten Verbrauchs extrahiert, die gemeinsam vorgestellt wurde.

Im Bereich Wohnen, so das UBA, gibt es besonders große Einsparpotenziale; und da sich die Bundesregierung zur Erreichung der Klimaschutzziele Energieeffizienz auf die Fahnen geschrieben hat, lag es nahe, sich diesen Bereich einmal vorzunehmen. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass einen Tag zuvor, am Montag dieser Woche, der Verbraucherzentralen-Bundesverband (vzbz) einen Kongress zum Thema organisiert hatte und mit seinen Forderungen an die Öffentlichkeit gegangen war. "Würde der Energieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent gesenkt – machbar wären deutlich mehr – könnten die deutschen Verbraucher ihre jährliche Energierechnung um 20 Milliarden Euro reduzieren. Das sind 500 Euro pro Haushalt", hatte vzbv-Vorsitzende Edda Müller gegenüber der Presse in Berlin geäußert. Im Hinterkopf hatte die Verbraucherschützerin dabei einen vierköpfigen Musterhaushalt.

Doch gegenwärtig geht der Trend in die andere Richtung. Um 3,5 Prozent hat – temperaturbereinigt – der Energieverbrauch von 1995 bis 2005 zugenommen. Schuld ist vor allem der gestiegene Stromverbrauch (plus 17,3 Prozent), aber auch der Aufwand für Heizen (plus 2,8 Prozent). Der Aufwand für Warmwasserbereitung nahm hingegen um 1,4 Prozent ab, hat man im Statistischen Bundesamt berechnet. Trotz des kräftigen Plus beim Strom bleibt der Bereich Heizen mit 75 Prozent der größte Brocken der "Wohnenergie". Für Warmwasserbereitung werden elf Prozent benötigt, Strom macht 14 Prozent aus.

Unter " temperaturbereinigt" verstehen die Statistiker Folgendes: Zunächst wird die Abhängigkeit der verbrauchten Heizenergie von der Außentemperatur ermittelt und die Daten der tatsächlich aufgewendeten Energie damit korrigiert. Dadurch wird eine bessere Vergleichbarkeit hergestellt, da der Einfluss der Witterung zum Teil erheblich ist. Oder in anderen Worten: Wenn man nach einem milden Winter sein Einfamilienhäuschen mit einer Wärmedämmung versieht, aber der nachfolgende Winter sibirische Ausmaße annimmt, dann ist es nicht erstaunlich, dass der Heizölverbrauch nicht sonderlich zurückgeht. Dennoch hat man Energie eingespart, nämlich diejenige, die man ohne Dämmung hätte mehr aufwenden müssen.

Nach Angaben des UBA ist der tatsächliche Energieverbrauch für Wohnen von 1995 bis 2004 nur um 2,4 statt um die "temperaturbereinigten" 3,5 Prozent gestiegen. 2005 sei er sogar auf das Niveau von 1995 zurückgefallen. Das würde bedeuten, dass im letzten Jahr der witterungsbedingt geringere Bedarf an Heizenergie den steigenden Stromverbrauch kompensiert hätte.

Die Zunahme um 3,5 Prozent spiegelt allerdings alles andere als einen linearen Trend wieder. Vielmehr war bis zum Jahre 2000 ein kräftiges Wachstum des Verbrauchs um elf Prozent zu verzeichnen, dem dann eine Abnahme von sieben Prozent folgte. Beim UBA hält man das – sicherlich nicht zu unrecht – für eine Folge der hohen Energiepreise, die von 1999 bis 2005 um 42 Prozent zugelegt haben. Daher sind die staatlichen Umweltschützer auch zuversichtlich, dass der Trend der Verbrauchszunahme bereits gebrochen ist.

Singles, neue Geräte und Stand-by-Betrieb erhöhen den Stromverbrauch

Zumindest beim Stromverbrauch sieht es allerdings noch nicht danach aus. Verschiedene Faktoren haben hier die Zunahme in den letzten Jahren bedingt. Zum einen hat sich die Zahl der Ein- und Zwei-Personenhaushalte stark erhöht und damit auch die Zahl der Geräte, die zur Grundausstattung der Wohnungen gehören. Zum anderen haben Deutschlands Haushalte mit PCs, Wäschetrocknern, DVD-Spielern, Mikrowellengeräten und anderem reichlich aufgerüstet. Da half auch nichts, dass zwischenzeitlich die Effizienzsteigerung der Geräte zugenommen hat.

Was Letzteres angeht, so Holger Krawinkel, vzbv-Fachbereichsleiter Bauen, Energie, Umwelt brauche es unbedingt bessere Informationen für die Verbraucher. Wenn diese nämlich immer die sparsamsten Geräte kaufen würden, die am Markt zu haben sind, könnte der Verbrauch deutlich niedriger sein, hat der Verbraucherschützer ermittelt.

Auch an anderer Stelle ließe sich gegen den wachsenden Stromverbrauch im Haushalt einiges unternehmen:

Allein die Leerlaufverluste bei Elektrogeräten – wie bei Fernsehern und Computern – betragen derzeit in den Privathaushalten 17 Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr. Das entspricht Stromkosten von 3,3 Milliarden Euro. Schon ein einfach zugänglicher Netzschalter, der elektrische Geräte vollständig vom Stromnetz trennt, kann helfen, Leerlaufverluste zu vermeiden.

Nun kann man sich an dieser Stelle über die vermeintliche Faulheit und Dummheit seiner Mitmenschen aufregen, wie es kürzlich ein Kommentator in der taz machte. Man kann aber auch einfach zur Kenntnis nehmen, dass so Mancher schlicht weg überfordert ist. Viele Menschen haben keine Ahnung, wie viel ihre Stand-by-Geräte schlucken, oder sie sind nicht in der Lage, sie ständig neu zu programmieren. Nicht zuletzt alte Menschen sind sowieso im Dschungel ihrer Hightech-Ausstattung hoffnungslos verloren und müssen alle Augenblick die Enkel anrufen, weil die Programme im Fernseher mal wieder durcheinander geraten sind.

Letzteres ist der Ansatz des vzbv, der von Bundesregierung und EU-Kommission ein ordnungspolitisches Eingreifen erwartet. Hersteller, so vzbv-Vorsitzende Müller, müssten gezwungen werden, den Geräten wieder Ausschalter zu verpassen. Dort wo ein Stand-by-Betrieb unerlässlich ist, müssen Verbrauchshöchstwerte vorgeschrieben werden. Zwei Großkraftwerke könnte eingespart werden, wenn kein Stand-by-Strom verbraucht würde. Außerdem müssten die sparsamsten Geräte besonders gefördert werden.

Auch beim UBA hat man für diesen Ansatz viel Verständnis:

Um den Stromverbrauch der Elektrogeräte zu verringern, schlägt das Umweltbundesamt auf Ebene der Europäischen Union (EU) rechtlich verbindliche Effizienzstandards für diese Geräte vor. Diese Standards sollten sich nach dem durchschnittlichen Stromverbrauch des besten Viertels der auf dem Markt verfügbaren Geräte richten. Jeder Hersteller und Importeur müsste nach einer mehrjährigen Anpassungsfrist die Standards für seine Geräte einhalten. Erfüllte ein Hersteller die neuen Effizienzstandards innerhalb der Frist nicht, drohten – je nach Gestaltung des Gesetzes – ein Bußgeld und/oder ein Verkaufsverbot.

In Japan hat sich eine entsprechende Gesetzgebung schon seit längerem bewährt.

Große Einsparpotenziale beim Heizen

Noch größer als beim Strom sind die Einsparpotenziale beim Heizen. Hier lässt sich durch Wärmedämmung wesentlich mehr als bisher erreichen. Durchschnittlich werden pro Jahr und Quadratmeter in Deutschland rund 280 Kilowattstunden Energie verbraucht, Strom und Warmwasserbereitung inbegriffen, so Holger Krawinkel vom vzbv am Montag gegenüber der Presse. In einem Niedrig-Energiehaus lasse sich dieser Betrag auf fast die Hälfte drücken.

Noch einmal deutlich niedriger sei der Verbrauch so genannter Passivhäuser, die ganz ohne Heizung auskommen. In denen lasse sich der Gesamtverbrauch um rund 85 Prozent senken, und zwar ohne Komfortverlust. Möglich wird das unter anderem, so Krawinkel, durch eine automatische Belüftung, die die Frischluft mit der Abluft erwärmt. Eine vierköpfige Familie mit einer 140-Quadratmeter-Wohnung könnte damit ihre heizungsbedingten jährlichen Treibhausgasemissionen von etwa 9,42 auf 1,4 Tonnen Kohlendioxid senken. Auch das Raumklima leide nicht durch die automatische Belüftung. Alle Befragungen von Nutzern, so Krawinkel gegenüber Telepolis, zeigten, dass diese hoch zufrieden seien.

Doch auch im Bereich Wärmedämmung ist der Fortschritt eine Schnecke. Müller beklagt nicht nur mangelhafte Vorgaben des Gesetzgebers sondern auch Schludrigkeit bei der Umsetzung. Landes- und Kommunalbehörden würden zu wenig auf die Umsetzung bestehender Vorschriften achten. Oft käme es vor, dass im Zuge von Altbausanierungen nicht die vorgeschriebene Wärmedämmung vorgenommen werde. Hier sei mehr Kontrolle einerseits und ein Recht, die Miete zu mindern, andererseits von Nöten. Im Bereich der Eigentumswohnungen müsse das Mieteigentumsgesetz dahin gehend geändert werden, dass in Eigentümerversammlungen Beschlüsse über Wärmedämmmaßnahmen künftig per einfacher Mehrheit gefasst werden können.

Auch beim UBA setzt man vor allem auf eine Sanierung des Wohnungbestandes, um den Energieaufwand für Heizen zu vermindern:

Wir müssen mehr Wert auf die Entwicklung der Innenstädte und die energetische Modernisierung unserer Altbauten legen, anstatt weitere Bauten auf die ‚Grüne Wiese’ zu setzen. Eine teure Infrastruktur mit langen Verkehrswegen, die immer weniger Menschen nutzen, können wir uns nicht mehr leisten.

Anders als der vzbv will das UBA allerdings vor allem die Vermieter stärken. Bisher können sie pro Jahr elf Prozent der Kosten für Wärmedämmung auf die Miete umlegen. Diese Obergrenze möchte das UBA streichen, um so einen stärkeren ökonomischen Anreiz für Hausbesitzer zu schaffen, ihre Mietshäuser entsprechend zu sanieren.

Ob man damit allerdings die Mieter motivieren kann, dürfte sehr fraglich sein. Eben das wird in Zukunft jedoch nötig sein. Um die langfristigen Klimaschutzziele zu erreichen – Wissenschaftler fordern seit langem, dass in den Industriestaaten der Treibhausgasaustoß um 80 Prozent gesenkt werden muss –, werden sowohl energische Maßnahmen der Behörden und Gesetzgeber auf allen Ebenen als auch ein entsprechendes Umdenken der Bevölkerung gebraucht.

Energiesparvorschläge des vzbv:

Was muss konkret geschehen?

1.Gebäude - runter mit den Heizkosten

  1. Wohngebäude verheizen im Durchschnitt 22 Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr. Möglich wäre die Hälfte, bei Neubauten sogar ein Zehntel.
  2. Einführung eines obligatorischen bedarfsorientierten Energieausweises für Altbauten: Nur ein Ausweis, der Aufschluss über die energetische Substanz eines Gebäudes gibt, wird Wettbewerb und sinkende Energiekosten bei Gebäuden bringen.
  3. Einführung eines Mietminderungsrechts für Mieter, wenn gesetzlichen Vorgaben zum Energieverbrauch gemäß Einsparverordnung nicht eingehalten werden: Dies würde immerhin die Einhaltung geltender Energiestandards bei Neubauten gewährleisten.
  4. Der Wohnungsbestand muss bis zum Jahr 2025 auf das Niveau der heute für Neubauten gültigen Standards von zehn Litern Heizöl je Quadratmeter und Jahr saniert werden.
  5. Im Rahmen der Förderprogramme sind nur noch Maßnahmen mit öffentlichen Mitteln zu fördern, die zu einem gegenüber den Anforderungen der Energieeinsparverordnung besseren Standard führen.
  6. Die Energieeinsparverordnung ist gegenüber dem derzeitigen Standard von neun bis 15 Litern Heizöl je Quadratmeter und Jahr so zu dynamisieren. Nach 2012 sollen nur noch Gebäude mit einem Energieverbrauch von unter drei bis fünf Litern errichtet werden dürfen.

2.Autos - runter mit dem Flottenverbrauch

  1. Neue Autos fressen im Durchschnitt immer noch knapp sieben Liter Benzin auf 100 Kilometer. Technisch möglich wäre die Hälfte.
  2. Festlegung eines Höchstverbrauches und Anpassung auf dem jeweiligen Stand der Technik: Die Hersteller hatten sich gegenüber der Europäischen Union verpflichtet, den Spritverbrauch der Neuwagenflotte bis 2008 von heute sieben auf fünfeinhalb Liter je 100 km zu senken. Die Selbstverpflichtung kann schon jetzt als gescheitert gelten. Die aktuelle Top-Ten-Liste des Verkehrsclub Deutschlands wird von zwei japanischen Hybrid-Fahrzeugen angeführt. Erst auf Platz 12 findet sich ein Auto eines deutschen Herstellers. Die Senkung des Flottenverbrauchs ist so fortzuschreiben, dass er bis spätestens 2012 auf dreieinhalb Liter je 100 km sinkt.

3.Elektrische Geräte - runter mit den Stromkosten

  1. Die EU-Öko-Designrichtlinie ist mit scharfen Standards rasch umzusetzen. Laut Richtlinie dürfen künftig durch die Festsetzung von Obergrenzen des Stromverbrauchs nur noch besonders energieeffiziente elektrische Geräte auf den Markt kommen. Die Frist zur nationalen Umsetzung der Richtlinie endet im August 2007.
  2. Verbot des Stand-by-Betriebs von Elektrogeräten: Dieser verbraucht allein die Energie von etwa zwei großen Kraftwerken.
  3. Rückkehr bei Haushalts- und Elektrogeräten zum bewährten Kennzeichnungssystem A, B und C und Ausweitung auf Geräte der Unterhaltungselektronik und der Bürokommunikation. Effiziente Geräte, die 50 Prozent unter der Obergrenze liegen, sind mit "A" auszuzeichnen, um 25 Prozent bessere Geräte erhalten "B" und diejenigen, die nur die Obergrenze erreichen, bekommen ein "C". Dies bedeutet: Das derzeitige A-Label fiele künftig in die Kategorie C.

Drei Sparmodelle im Haushalt: Kleines kann Großes bewirken

  1. Das Ausschalten des Stand-by-Betriebs würde einer durchschnittlichen Familie etwa 115 Euro zusätzlich in die Haushaltskasse spülen.
  2. Der Einbau einer sparsamen Umwälzpumpe für die Gas- oder Ölheizung würde die Stromrechung je nach Ausgangslage um 90-240 Euro pro Jahr senken.
  3. Wer 6,60 Euro in die Mehrkosten einer Energiesparlampe investiert, spart über die Lebensdauer der Lampe über 80 Euro.
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