Textueller Missbrauch

23.11.2006

Plagiarismus, Redundanz, Bläh-Rhetorik: Zur Krise der Kulturwissenschaften durch den Einzug des Copy/Paste-Paradigmas - Teil 1

Sein Gehirn förmlich zermartert hat sich offenbar irgendein Assistent an irgendeinem deutschsprachigen medienwissenschaftlichen Lehrstuhl. In seinem Dissertationsprojekt müssen ihm folgende Komplexitäten schier schlaflose Nächte bereitet haben:

"Den Ausgangspunkt der Explorativstudie markiert die Arbeitshypothese, dass sich seit den frühen 1980er Jahren sukzessive eine Medienforschung neuer Couleur zu etablieren beginnt, die in zentralen Kontexten (sub)disziplinäre Forschungskalküle transzendiert (Jäger & Switalla 1994; Matejovski & Kittler 1996; Schmidt 2000; Münch 1990; Schulze 1992; Fricke 2000). Vor diesem Hintergrund laufen Fächer und Forschungsrichtungen Gefahr, ihrer traditionell exklusiven oder einzig legitimen Zugriffe auf bestimmte, bis dato objekt- und identitätskonstituierende Themenstellungen verlustig zu gehen. Zahlreichen (Sub-)Disziplinen droht tendenziell, ihre prädestinierte und kanonisierte Perspektive auf Gegenstände der Medienforschung suspendieren zu müssen, oder durch plurale(re) Fokussierungen, wenn nicht substituieren, so doch zumindest komplettieren zu müssen.

Freilich hätte der Autor auch schreiben können: "Die neue Medienwissenschaft zwingt die bislang mit den Medien beschäftigten Fächer, sich neu zu orientieren." Doch dann wäre es wahrscheinlich viel schwieriger gewesen, einige hundert Seiten zu füllen.

Ihr Gehirn auffallend wenig zermartert hat sich eine österreichische Frau Magister Doktor der Psychologie. Doch auch ihre Leistung ist nicht zu unterschätzen, stellt doch ihr mit Doktorwürde belohntes Opus eine neue Dimension des Copy/Paste-Paradigmas dar: Die ersten 20 Seiten ihrer Arbeit bestehen nämlich aus 18 unbelegten Absätzen und teils ganzen Seiten aus dem Internet, die mit Ausschneiden/Einfügen, also einigen wenigen Fingerbewegungen zur eigenen Wissenschaftsprosa mutierten.

Es darf verraten werden: Im Wesentlichen geht es bis zum Ende der Doktorarbeit auf Seite 296 so weiter (das kann übrigens jeder online selbst überprüfen). Hier gilt der Induktionsschluss: Einmal Copy/Paste, immer Copy/Paste. Die Arbeit wurde mit "gut" oder "sehr gut" beurteilt, Genaues will die (wieder einmal) betroffene Universität Klagenfurt nicht preisgeben (siehe auch zuletzt). Die neue Berufsgruppe des "Nachgooglers" oder "Plagiat[s]jägers", der ich angehöre, freut oder ärgert sich über viel Arbeit.

Hier schonungslos verschrobene Bläh-Rhetorik eines Dissertanten, da ungenierter Hardcore-Plagiarismus einer Dissertantin: Gibt es einen verborgenen Zusammenhang? Lieben beide, um Wolf Schneider zu paraphrasieren, ihre vielleicht doch in geringer Stückzahl vorhandenen Leser so wenig wie sich selbst? Bleibt einem vor lauter heißer Luft nur noch Plagiieren statt Rezipieren und Reflektieren übrig? Der Plagiarismus als postmoderne Reduktion von Komplexität, als Markierung eines zuvor unmarkierten Text-Raums (um mit George Spencer Brown zu sprechen), der immer redundanter wird?

Verharmlosung von Copy/Paste

Irgendetwas stimmt nicht mehr mit der Textproduktion der Kulturwissenschaft. Denkt sie ihre Probleme systematisch falsch, denkt sie an ihnen vorbei? In der aktuellen Diskussion um den grassierenden Copy/Paste-Plagiarismus tauchen jedenfalls drei unhinterfragte Stehsätze bei (Kultur-)Wissenschaftlern immer wieder auf:

  1. "Plagiate gab es schon immer." Entgegnung: Mag ja sein, aber der Textklau aus dem Internet ist trotzdem eine historisch neue Form des Wissenschaftsbetrugs. - Oft wird gefragt: Nehmen die tatsächlichen Plagiatsfälle oder bloß die aufgedeckten zu? Und viele Wissenschaftler sind sich einig: Nur die Aufdeckungen steigen. Liebe Kollegen: Wie wäre es mit einem "Und" anstelle eines "Oder": Immer mehr plagiieren, und es wird immer mehr aufgedeckt. Die genauen Prozentzahlen weiß keiner.
  2. "Plagiate sind nur Einzelfälle." Gegenthese: Plagiate aus dem Internet sind zu einem gewissen Grad epidemisch-systemisch geworden. Sie gehören mittlerweile zum Spiel, zum guten (= schlechten) Ton an den Universitäten. Wer nicht plagiiert, ist ein Streber. Wird eine plagiierte Arbeit enttarnt, muss sie bedauerlicher Weise umgetextet werden. Die Universitäten fördern in ihrer Unbeholfenheit den Trend zur Umschreib-Mentalität, zur Textkultur ohne Hirn. Dazu kommt eine weit verbreitete Beißhemmung vor dem "nicht genügend". Die Milde ist vielerorts zur Ideologie geworden. Aus einer Email an zwei ertappte Studierende am Salzburger Institut für Kommunikationswissenschaft vom 20. Juni 2006 (zudem drei Wochen nach einer medialen Anti-Plagiats-Offensive!): "Ich gebe Ihnen bis 15. Juli Zeit, eine nicht plagiierte Arbeit einzureichen. Ansonsten erhalten Sie für diese Lehrveranstaltung ein nicht genügend."
  3. "Plagiate sind harmlos, es gibt schlimmere Formen des Wissenschaftsbetrugs." Selbstverständlich. Schwere Körperverletzung ist harmlos, es gibt ja auch Mord. Die Relativierung des kleineren Übels durch Verweis auf das noch größere mögliche Übel ist eine beliebte Denkfigur. Meinen Kollegen, die die Lage so sehen, antworte ich mittlerweile immer: "Kümmern Sie sich dann bitte um Korruption, ich kümmere mich um Plagiate."

Mittlerweile in 26 Plagiatsfälle involviert

Mit elf Plagiatsfällen im akademischen Betrieb hatte ich es nach Fertigstellung meines Buchmanuskripts zum "Google-Copy-Paste-Syndrom" Ende August 2006 zu tun - vier davon betrafen den Textklau aus meinen eigenen wissenschaftlichen Arbeiten. Mit Mitte November sind es 26 Fälle. Drei akademische Grade wurden nach meinen Plagiatsanzeigen rechtskräftig aberkannt, sechs Verfahren laufen derzeit.

Erst vor wenigen Tagen wurde mir Fall Nummer 26 schwarz auf weiß vorgelegt: Eine vom Erstbegutachter mit "sehr gut" beurteilte Diplomarbeit, die zwischen Vorwort und Schlussteil lediglich aus sechs abgeschriebenen Literaturtiteln hintereinander besteht. Der Erstbegutachter hat seine Benotung mittlerweile in zwei weiteren Gutachten verteidigt.

Abschaffung der Fußnotenkultur...

Die Studierenden sind nicht (nur) die Bösen. Die Lehrenden sind nicht (nur) die Versager. Beide Gruppen sind nicht nur faul. Und auch das Internet ist nicht nur Verführung zu Copy/Paste.

Das WWW ist bequem für die Erstorientierung und den schnellen Überblick. Einige Lehrende sind weiterhin konsequent. Einer klagte mir gegenüber unlängst: "Die Studenten können eine Magisterarbeit schreiben, aber kein Exposé mehr." Denn im Exposé müssten ja eigene Sätze stehen. Und die Studierenden? Genuine schreiberische Leistung wird kaum honoriert. Das spricht sich schnell herum. In Österreich heißt es derzeit: "Z'amm' g'oogelt oder z'amm' g'nudelt" - also entweder Netzplagiat oder endlose Aneinanderreihung von (sauber oder unsauber, richtig oder falsch zitierten) Textstellen aus Online- und Offline-Quellen.

Die Belegkultur der Wissenschaft, deren langsames Dahinsiechen wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, ist zur Simulation von Wissenschaftlichkeit verkommen. Wir sollten daher dringend über Alternativen zur klassischen akademischen Abschlussarbeit nachdenken.

100 Seiten mit 200 Fußnoten = Diplom- oder Magisterarbeit, 200 Seiten mit 400 Fußnoten = Doktorarbeit, 400 Seiten mit 800 Fußnoten = Habilitationsschrift: Irgendwie scheint das nicht mehr recht zu funktionieren. Die Zahl der Autoren übersteigt die der Leser bei weitem, manche Arbeiten haben wohl keinen einzigen Leser (man darf sich nicht dem naiven Glauben hingeben, Copy/Paste-Autoren würden ihre Arbeit selbst noch einmal lesen wollen!).

Eine Lösung wäre: Schreiben wird doch bitte viel weniger Seiten, und formulieren wir dafür jeden Satz selbst (außer, der Gedanke aus der Literatur ist so dramatisch wichtig, dass er zitiert werden muss)!

... und/oder zurück zu den klassischen Kulturtechniken?

Ein zweiter Weg (und der eine schließt den anderen nicht aus): Volle Kraft zurück. Schreibwerkstätten, kreatives Schreiben, rationales Argumentieren, Rhetorik ohne Powerpoint, beinharte Zitierkunde am Beginn jedes kulturwissenschaftlichen Studiums - anstelle von noch mehr E-Learning-"Assignments", noch mehr Ergoogelung, noch mehr Wikipedia, noch mehr Ghostwriting, noch mehr vermeintliche Software-Lösungen. "Plagiatsprävention" gehört in alle Leitbilder und Lehrpläne.

Doch was geschieht? Kaum jemand beschreitet diesen Weg. Die Kulturwissenschaft wird zur abschreibenden Zunft, oder aber zur systematischen Umweltbelästigung durch wertlose Worthülsen und heiße Luft.

Die Universitäten sind offenbar keine "lernenden Organisationen". Und so klafft die Schere zwischen Problem und Problemlösungsoptionen immer weiter auseinander. Nach dem jüngsten österreichischen Dissertationsskandal fragte mich ein Journalist: "Was soll man tun? Diese Institute zusperren?" Ich habe darüber jetzt einige Tage nachgedacht. Warum eigentlich nicht?

Das Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden von Stefan Weber erschien in der Telepolis-Buchreihe. Der Autor ist habilitierter Medienwissenschaftler aus Salzburg.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (56 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Die Form folgt den Finanzen

Der Hochhausbau verstärkt die Defizite, die er beseitigen soll

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.