Frischzellenkur für einen schreienden Zuchtbullen

Peter V. Brinkemper 23.11.2006

Der neue James Bond "Casino Royale"

"Casino Royale" ist die lang erwartete seriöse Adaption von Ian Flemings erstem Roman-Abenteuer mit James Bond vor seinem unaufhaltsamen Aufstieg zum Geheimagenten 007. Der Film hat nichts zu tun mit jener albernen Bond-Parodie "Casino Royale" (1967), die in ihrer Unschuld noch nichts von "Austin Powers" wusste, als man noch zahllose Regisseure (Val Guest, Ken Hughes, John Huston, Joseph McGrath, Robert Parrish), Autoren und unentwegt den Namen Bond flüsternde Darsteller (Peter Sellers, Ursula Andress, David Niven, Woody Allen usw.) verschliss, um in einem der amüsantesten Filmdesaster aller Zeiten zu enden, einem Breitwand-Promi-Crash, bei dem man das Gefühl hat, dass mehrere Filmproduktionen gerade dabei sind, ihre Kulissen zu demolieren, um zu einer einzigen absurden Party zusammenzustoßen. Doch wie Crash-frei ist der neue Bond?

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Daniel Craig als der James Bond. Bild: MGM/Columbia Pictures

Entgegen dem derzeitigen Presserummel um die Dynamik des neuen Bond, was die Schauspielerleistung von Daniel Craig, den literarischen Stoff und die filmische Umsetzung betrifft, bleibt festzuhalten: "Casino Royale", verfilmt vom Bond-geprüften Martin Campbell ("Golden Eye"), hält sich an die Umrisslinien des Roman-Prequel, modernisiert die Story aber im Turbogang (Drehbuch u.a. von Paul Haggis, "L.A. Crash"). Das vorgegebene Konfliktszenario um die russische Geheimagentenorganisation Smersch wird in eine aktuelle Hatz zwischen staatlichen Agenten und Terroristen verwandelt, während im Hintergrund transnationale Finanziers mit ihren dubiosen Geschäftsideen lauern.

Neuer Drall

Der neue Bond ist der neueste, weil er den Blick zurück nach vorn lenkt: "Casino Royale", die lange aufgesparte Geschichte vor Bonds Qualifikation zum Geheimagenten, lässt vielerlei Hoffnungen und Optionen offen: Wie in "Star Wars Episode I bis III", "Batman begins" oder "Superman returns" geht es darum, Prequels, Vor- oder Zwischenspiele zu schaffen, die mehrdeutig zwischen Regression und Reanimation die ganze bisherige Saga beleben.

Dem Mythos wird eine Frischzellenkur verpasst. Die DNA des Helden mit neuer Erbinformation ausgestattet, die dem Ganzen einen Drall verleihen soll, der auch zukünftige Filme in eine andere Richtung bewegt als die alten Folgen. Fragt sich nur, welche? Denn ein Rezeptmix ist noch keine Lösung.

Bild: MGM/Columbia Pictures

Vom Urbondbengel zum Parodator

Vorbei sind die Zeiten des narzisstischen Bond-Universums, in der der elegante Agent des Secret Service seine Tötungsmissionen als Abenteuerurlauber auf königliche Staatskosten zwischen Ost und West erlebt. Gut instruiert und versorgt - durch M (derzeit, aber völlig anachronistisch immer noch Judi Dench mit Blair-kritischen Tönen), Miss Moneypenny und Ausrüster Q. - als Rolemodel und Funktionsroboter im Auftrag ihrer Majestät, der im heterosexuellen Kontakt mit wechselnden Geliebten und Agentinnen nur den Pausensnack vor dem Kill, den Kitzel der vulgären Selbstbestätigung statt die wahre Liebe suchte.

In dieser kindlich-jungenhaften Spielwelt, der durch die Entwicklung vom Kalten Krieg über den Wandel durch Annäherung bis hin zum Mauerfall die politische und die poetische Substanz entzogen wurde, hat man die Urbondbengel Sean Connery und seine mehr oder weniger würdigen Nachfolger und Imitatoren, von Roger Moore bis zum etwas sterilen Dressman Pierce Brosnan wie Schattenmänner konsumiert. Das Konfliktszenario schrumpfte von der Bedrohung durch Großbösewichte, die irgendwo zwischen Kapitalismus und Kommunismus auf High-Tech-Geheimbasen ihre fieses Dasein fristeten, auf die Bekämpfung von Kleinkriminellen und abgehalfterten Offizieren zwischen Russland und Korea. Dadurch stand die Frage an, ob ein Bond, der im Armani-Anzug und BMW-Roadster seinen alten Gewohnheiten untreu geworden ist, durch Petersburg düst, um die Heldenstandbilder von anno dazumal auf die Panzer-Schippe zu nehmen, sein eigenes, unglaubwürdig gewordenes Kriegerideal parodieren soll.

Insgesamt ist die "erfolgreichste Filmserie aller Zeiten" auf konservative Unterhaltung geschrumpft, auf die Tabac-Original-Wunschwelt gehobener altväterlicher Machoinstinkte, deren Abenteuerspielplatz längst zum postkommunistischen und prädigitalen Modellkatalog versandfertiger Spaßutensilien im Weihnachtsgeschäft braver Jungen verkam.

Bild: MGM/Columbia Pictures

Zitternde Made ohne Chitinpanzer

Von daher ist es nur konsequent, wenn der aktuelle "Casino Royale" diese Hülle des Wohlstandsbürgers aufsprengt und den Tourismusagenten in eine Ein-Mann-Anti-Terrorismus-Agentur verwandelt, die vor allem mit ihren Solistenkrieg die Werbe-Bush-Trommel für den neuen Post-9-11-Bond schlagen muss.

Die von der Presse hochgekochte Behauptung, Eva Green (Bertoluccis barbusige Film-Muse in der 68er Memorabilie "Die Träumer"), habe den Part der eingeschnappten, schnuckel-tragisch gespielten Vesper Lynd nur annehmen wollen, wenn das Drehbuch ihr eine ernstzunehmende Rolle einer Femme Fatale über die sonst üblichen Bondflittchen hinaus garantiere, ist schlichtweg eine PR-Lüge. Denn schon in Flemings Roman heißt es so schön:

Ist es sehr schamlos, wenn man so genau weiß, was man essen möchte und die Sachen dann auch noch so teuer sind?

Eva Green als Vesper Lynd. Bild: MGM/Columbia Pictures

Vesper Lynd ist der Schatten einer Frau auf dem Bond-Plakat. Sie weckt in Bond das Verlangen echter Zuneigung, Leidenschaft und Liebe und zugleich verschüttet sie diese Quelle in ihm für alle späteren Zeiten, um aus Bond den kalten Strategen und verstockten Frauenabstauber zu machen, als den wir ihn aus den späteren/früheren Filmen kennen. In ihrem Abschiedsbrief an Bond schreibt sie im Schulmädchen-Stil gespielter Empfindsamkeit:

Mein geliebter James, ich liebe Dich von ganzem Herzen, und wenn Du diese Worte liest, wirst Du mich hoffentlich auch noch lieben, weil Deine Liebe nur noch so lange dauern wird, bis Du zu Ende gelesen hast. Also lebe wohl, mein über alles Geliebter, solange wir uns noch lieben. ... Ja, ich bin eine Doppelagentin der Russen.

Die Liebe zu Bond ist die vergiftete Lieblingsspeise, an der Vesper Lynd zugrunde gehen wird. Und eben dies setzt der neue Film mit viel frischem Pathos von Montenegro über den Comer See bis zur Reise nach Venedig und zum Unterwasserfinale in einem einstürzenden Palazzo am Canale Grande um, als ob er nicht genug bekäme von der atemlosen Action der vorherigen Auseinandersetzungen, Anschläge, Verfolgungsjagden, Prügeleien und Fastfood-Exekutionen, bei denen sich der neue/alte Bond als ein fürchterlicher Rechthaber und humorloser Gewinner erweist.

Der Reiz der Verwicklungen, Intrigen und Kämpfe besteht darin, dass James Bond, der markengeile Underdog aus dem Waisenhaus, nie zuvor in derart subjektiver, dynamischer Kamera gefilmt und inszeniert wurde. Hervorragend besonders im Falle des Vergiftungsrausches. Die Rückblenden und Erzählschritte sind weder in Bildern noch in Worten fertig erzählt, wie in den ordentlichen, Partyfreundlichen Bond-Sequenzen früherer Filme.

Bild: MGM/Columbia Pictures

Die Coolness des seinen Gegnern auflauernden James Bond und sein hinterhältiger Furor bilden einen Zwiespalt, den man von Bond sonst nur ordentlich nacheinander, in einer objektiven, absoluten Erzählung von außen gewohnt ist. Das rückt den klassischen Bond so fern, macht ihn so unangreifbar, so episch und endgültig wie einen Odysseus, der keine Penelope mehr braucht und jeder Sex-Sirene den Tod bringt, bevor sie ihn in den Abgrund seiner eigenen Geheimagenten-Seele reißen kann. Im neuen Film wird dieser Charakter durchgerührt und geschüttelt, dass es eine Freude ist, schließen sich immer erst im allerletzten Moment die Dinge kurz und werden alle Fliegen mit einer Klappe erledigt.

Die 007 als Herzformation ist das Orakel für den Helden, der noch eine unbekannte Nummer ist. Die Casino-Metapher ist zugleich der Hinweis auf den Rohzustand des frühen Bond: Gewalt, Konflikt und Krieg sind solange unbegriffen, wie die Nutznießer, Finanziers und Investoren dieser nur scheinbar spontanen Ereignisse im Dunkeln bleiben. Die Söldner, Rebellen, Terroristen und Despoten dieses Films gehen mit Le Chiffre alias The Number oder Herr Nummer keineswegs zimperlich um. Immerhin ist Herr Zahl ja die Basis von Bonds späterem Codenamen.

Le Chiffre wird großartig gespielt von Mads Mikkelsen als mondgesichtige Maske, dem aus dem melancholischen Pierrot-Dandy-Augen statt Tränen Blut treten, eine unglückliche, nur auf Zeit triumphierende Kreatur, eine gelungene Mischung und Weiterentwicklung aus Christopher Walken und dem Beißer in den früheren Bond-Filmen.

Mads Mikkelsen as Le Chiffre. Bild: Bild: MGM/Columbia Pictures

Stil und Tempo des neuen Bond-Films sind hautnah und körperbetont angelehnt, weit weg von der digitalen Tricktechnik. In Madagaskar, wo exotische Kobra-Kämpfe ausgefochten werden, begibt sich Bond auf eine völlig überzogene Jagd nach einem terroristischen Bombenleger, eine Terroristenjagd als Gebäuderutschbahn, Hebelgesetzlichkeit und Kran-Zirkusstück. Das Ganze gipfelt in einer zivil-, straf- und völkerrechtlich völlig widrigen Hinrichtungs- oder Duellszene, in der Bond den Bombenleger auf einem Botschaftsgelände vor den Augen einer übermächtigen Schutztruppe liquidiert. Damit gelangt er an das Password "Ellipsis", das ihn weiter zu "Le Chiffre" führt, jener Schnittstelle aus organisiertem internationalen Auftragsverbrechen, Terrorismus und undurchsichtigen Finanztransaktionen, bei denen auch auf die sabotierten und torpedierten Unternehmen und ihre Aktien auf dem globalen Kapitalmarkt gewettet wird.

Während der Held aus seinem Wohlstands-Chitin-Panzer wie eine blasse Made gerissen wird, rotieren die alten Statussymbole wie ein Karussell des Abschieds um den Zuschauer, bevor der Film die angedeutete Wendung nimmt: Der alte Aston Martin ist eine vorübergehende Reminiszenz, er wird im Glückspiel gewonnen und erleidet das gleiche Schicksal wie die Freundin (Caterina Murino) des Besitzers. Bond übernimmt Wagen und Freundin für eine Nacht und bringt ihm ebenso wie dem Besitzer Unglück.

Bild: MGM/Columbia Pictures

Mitleid mit der Queen

Bleibt noch zu erwähnen, dass die Queen, als oberste Dienstherrin des Agenten, die ursprünglich ausführlichere Folterszene, in der Bond nackt und mit gekonntem Zuchtbullen-Schrei an seiner Männlichkeit, dem 0-0-Hoden bis zur 7 hochgekitzelt wird, auf der Londoner Premiere bestens überstanden hat. Oder war es eher das turbulente Ausweichmanöver Bonds, der auf der Straße eine gefesselte Vesper im Abendkleid knapp mit dem sich überschlagenden Auto verfehlt?

Das hätte man der Majestät aus diversen Gründen doch ersparen können. Man hört, sie habe erleichtert aufgeatmet, als endlich am Ende des neuen, von Selbstzweifeln und alpinen Anstrengungen zerfressenen Films die vertraute Visitenkarte erklang: "Hier ist Bond, James Bond". Und dazu die weltweit bekannte Titelmusik, die man einen ganzen Abend lang vermissen musste, weil der Charakter noch nicht fertig war.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24041/1.html
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