Unterdrücktes Schluchzen
Work-Life-Balance und Prekariat
Viele sehen ja schwarz für ihre Zukunft: kein Arbeitsplatz, keine Rente; Armut, Alzheimer und Alkoholimus. Nicht so H., der im Sommer Vater eines zweiten Kindes wurde. Optimismus, Selbstbeherrschung und Ruhe sind für ihn die einzigen legitimen Mittel, das Leben zu meistern; er ist der "Engländer" im Freundeskreis, die ruhige Insel in den aufgewühlten, hektischen Debatten, die schon beim ersten Espresso anlaufen, wenn sie sich nach dem Schwimmen treffen. Ich hatte H. lange nicht mehr gesehen. Er ging seit Wochen nicht mehr ans Telefon. Zum wöchentlichen Treffen kam er auch nicht mehr. H. arbeitet als freier Web-Consultant, also versuchte ich es über E-Mail.
H. mag Anglizismen nicht besonders, sie erinnern ihn an die Schattenseiten seiner Arbeit. Ich fragte ihn, ob er ein "Timing-Problem" habe und spicte das Mail mit einem Link zu einem Vortrag des Zukunftsforschers Matthias Horx über das mega-issue "Work/Life-Balance" etwas auf, bevor ich ihn danach fragte, ob er nicht zum Essen kommen wolle. Er antwortete prompt:
Kann dir leider nicht zusagen, der Stress ist nochmal größer geworden. Meine Mutter ist im Krankenhaus, nichts sehr Ernstes, ein kleiner Tumor im Kopf, sagen die Ärzte. Sie fällt als Hilfe aber leider aus. Das Baby schläft weniger und kräht mehr, der Große mag sie noch nicht besonders. Gestern hat er sie von der Couch heruntergezogen. Nina ist krank, muss aber Terminarbeiten erledigen. Mein Mitarbeiter ist für eine Woche nach Südafrika, weil unsere Kundin nach einem Systemabsturz die Nerven verliert. Konnte seit vier Tagen nicht einmal unter die Dusche. Hab mich ziemlich tief in den Finger geschnitten, weil ich etwas hektisch zugange war, und mir eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen, weil ich, wieder hektisch, über eine Gartentür gesprungen und mit dem Fuß hängen geblieben bin. Grüße H.
"Work becomes Home, Home becomes Work", zitiert Matthias Horx, einer der Referenten auf dem WorkFamily-Kogress unter der Schirmherrschaft von Ursula von der Leyen, ein Diktum aus Amerika und spricht von einem "existenziellen Konflikt zwischen Arbeit- und Lebenswelt".
In Zukunft werden vor allem ZWEI Charaktertypen Unternehmenskultur prägen: Erstens: Die FAST BURNER: Jene "brennenden" Mitarbeiter, die "es wissen wollen", ständig mit den Hufen scharren und auf der Karriereleiter schubsen. Dies sind Männer und Frauen, und tendenziell MEHR Frauen! Ihr Ziel ist es, möglichst schnell nach oben zu kommen, bevor die "Familienfalle" droht (Role model z.B.: Ally McBeal). Zweitens: Die LIFE-WORK-SEILARTISTEN. Das sind diejenigen Mitarbeiter, die in der Blüte ihrer Berufsjahre nun ihre wahre Lebens-Mission gefunden haben. Diese Mission heißt Julia oder Sue oder kleine Jan-Paul oder Martin.
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Fast Burner und Seilartisten
"Zeitressourcen" würden radikal abnehmen, weswegen Work/Life-Balance-Angebote künftig unerlässlich werden, um die Produktivität zu halten oder zu steigern. Den "Balancierern" sollte von den Unternehmen mehr dabei geholfen werden, ihr immer komplexeres Familien-Arbeitsdurcheinander ins Gleichgewicht zu bringen: Sabattical-Jahr, Betriebskindergarten, hausinterne Partner-Krisen-Interventions-Diplompädagogen, Workout-Room in der Firma, Elder-Care-Assistance..., so die dazugehörigen Stichworte von Horx: "Ihre Mitarbeiter werden es ihnen in der Zukunft mit erhöhter Produktivität, niedriger Kündigungsrate, besserer Stimmung danken!".
"Um das Leben in Balance zu halten", meint Dr. Marco Freiherr von Münchhausen "müssen vier Lebensbereiche harmonieren: Beruf und Finanzen, Familie und soziale Kontakte, Gesundheit und Fitness sowie Lebenssinn und Vision". Und: "Krankheiten, Stress und Überforderung sind Resultate unausgeglichener Lebensweise." Man müsse seine Gewohnheiten ändern.
Ich sagte dies gleich auch dem verblüfften H., als er mir die Türe widerstrebend öffnete. Meinen Spontanbesuch hatte ich nicht angemeldet, wäre ja sinnlos gewesen. H. arbeitet zuhause, seine Frau ebenfalls. Sie war gerade im Bad, ich hörte ein unterdrücktes Schluchzen, H. sah mich etwas verlegen an. "Nina geht zum Weinen immer ins Bad. Winston soll das nicht hören. Er ist ohnehin verzweifelt, was seine Mutter angeht, seit das Baby da ist. Ihre ganze Arbeit von gestern war weg, als sie heute morgen den Computer angemacht hat. Winston interessiert sich jetzt auch fürs Büro." Ich wollte gleich wieder gehen, aber H. lotste mich über Feuerwehrautos, Töpfe, Knetmassen-Küchengeräte-Skulpturen, Bohrmaschinen-und Schraubenzieherassemblagen hinweg in die Küche und bot mir einen Tee an, wo ich doch schon mal da sei. Sein dreijähriger Sohn grüßte mich und hielt mir eine Krokodil-Figur entgegen: "Theater spielen!". Im Nebenzimmer lag das vier Monate alte Baby und gab dem Schnarchen ähnliche Röchellaute von sich.
H. bemühte sich, Ruhe auszustrahlen. Auf dem Herd kochte die Milch. Er könne ja gar nicht anders, als, bis auf ein paar fixe Punkte, wie Frühstück und Abendessen, seine Gewohnheiten zu verändern und zwar dauernd, Tipps zum erfolgreichen Selbstmanagement solle ich mir besser sparen.
Ob er familienservice.de, kenne, wo man sich als starker "Berater für Work-Life-Balance, Diversity und Inclusion" empfiehlt?
Der Familienservice unterstützt Unternehmen dabei, Work-Life-Balance, Diversity und Inclusion als leistungsfähige Bausteine ihrer Personalpolitik einzuführen und auszubauen. Immer mehr Unternehmen stellen ihren Mitarbeiter/-innen die Dienstleistungen des Familienservice umfassend zur Verfügung. Immer mehr Personalverantwortliche und Multiplikatoren profitieren vom Familienservice als Beratungsunternehmen für Analysen und passgenaue Konzepte und von seinen Netzwerken und Konferenzen.
H.'s Gesicht verzog sich, die englische Selbstbeherrschung hatte er jetzt ganz vergessen. Alles Schmus, schrie er. Er sei kein Angestellter in Schweden, sondern Freischaffender in Deutschland und seine Frau auch, sagte er mir ziemlich laut. Die Milch kochte über. Eine gute Gelegenheit, um ihn auf Spillover-Effekte zwischen Kompetenzen im familiären und jenen im Beruf anzusprechen, um seinen Optimismus wieder wachzurütteln, dachte ich. Nachdem er Winston aus der Gefahrenzone geräumt hatte, brachte er mich zur Tür.
http://www.heise.de/tp/artikel/24/24057/1.html- zynismus erkennen (1.12.2006 8:08)
- weniger Technologie ... (1.12.2006 0:12)
- Technik verstehen ... (1.12.2006 0:02)
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