Leben in der Hölle

Florian Rötzer 25.11.2006

Der Irak versinkt in Grausamkeit, die die Welt anstecken könnte: tägliche Anschläge, Foltern bis zum Tode, bei lebendigem Leib Verbrennen, ethnische Säuberungen

Der Irak entwickelt sich zu einer Hölle. Die Menschen, die nicht fliehen können, sind Gefangene in einem Theater der Grausamkeit, das sich immer weiter aufschaukelt. Inzwischen scheinen die Brutalitäten, die während des brutalen Regimes von Saddam Husseins begangen wurden, schon zu verblassen. Im Irak herrscht der reine Terror. Die Menschen foltern sich gegenseitig zu Tode. Jetzt zünden sie sich auch noch an und lassen ihre vermeintlichen Feinde lebendig verbrennen.

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Die Nato sollte möglichst schnell ihre Schlüsse angesichts der Lage im Irak ziehen. Mehr und mehr beginnt auch in Afghanistan eine Entwicklung, die den Zuständen im Irak gleicht, der wiederum die Grausamkeiten zu überbieten scheint, die in Tschetschenien lange Zeit herrschten. Eine militärische Intervention, die in einer Diktatur lediglich die Gesellschaft enthauptet, also die herrschende Klasse entmachtet, ohne sofort für einen Wiederaufbau zu sorgen und die Wirtschaft in Schwung zu kriegen, macht auf jeden Fall nichts für die Menschen besser, die dort leben müssen. Das könnte die Lehre vom Einmarsch in den Irak und vom Tyrannensturz sein.

140 Tote an einem Tag in Bagdad

Von außen und von der Ferne gesehen kann man gar nicht nachvollziehen, warum die Menschen nicht massenhaft den Irak verlassen, der sich in Teilen, vor allem in der Millionenstadt Bagdad, in eine Hölle verwandelt. Es sind nicht nur die Anschläge, über die in den westlichen Medien berichtet wird und nicht nur die Massenentführungen, sondern der tägliche Strom an Menschen, die gefoltert und getötet werden, die Atmosphäre der Angst und der Brutalität, der Krieg aller Gruppen gegen alle anderen, was dort die Menschen in eine Situation treibt, in der sie immer um ihr Leben fürchten müssen und menschliches Leben nichts mehr wert ist.

Ob noch ein Hussein verurteilt und mit dem Tod bestraft wird, dürfte den Menschen in den Ausnahmezonen mittlerweile völlig egal sein. Sie kämpfen um ihr eigenes Leben, das plötzlich mit einem Knall zu Ende sein oder in einer Existenz als Krüppel enden kann. Sunniten und Schiiten scheinen sich an Grausamkeiten überbieten zu wollen. Es geht um Macht, der irakische Staat ist schwach, die Besatzer, die das Land vermeintlich befreit haben, sind nur punktuell vorhanden, üben selbst unkontrollierte Gewalt aus, was kaum verwunderlich ist, und können die Gewaltexplosion nicht verhindern, weil Bagdad und das sunnitische Dreieck nach der Befreiung ins Chaos geschlittert ist.

Mittlerweile scheint neben der Akzeptanz, Angriffe auf die Besatzungstruppen zu unternehmen, das Gefühl der Rache zu dominieren. Man köpft nicht mehr im Stil der Exekution vermeintlich Schuldige, sondern bringt sie langsam und schmerzvoll um. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Was hierzulande vor allem in Filmen und Thrillern ausgelebt, manchmal in Schulen ausagiert wird, ist dort blutiger und schmerzvoller Alltag. Das hinterlässt Traumata, die nicht in wenigen Jahren verheilen, sondern über Jahrzehnte und Generationen andauern werden.

Gerade haben vermutlich Schiiten, häufiges Opfer sunnitischer Anschläge, ein bislang neben tödlicher Folter, Enthauptung, Bombenanschlag und Erschießung neues Mittel gefunden: Sie haben sechs Sunniten nach dem Besuch einer Moschee mit Kerosin überschüttet und bei lebendigem Leib verbrannt. Die für dieses Desaster Verantwortlichen schauen vor allem darauf, möglichst schnell das Land verlassen oder die Verantwortung abschieben zu können. Ansonsten ist man froh, wenn die Iraker weiterhin in der Hölle ausharren und hält die Grenzen dicht. Eine Hölle mit Beobachtern, die auch immer mehr abstumpfen und gleichgültiger werden. Ein mediales Theater der Grausamkeit.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24061/1.html
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