"Uns ist mittlerweile bewusst, dass wir ein Imperium sind"

Craig Morris 29.11.2006

Ein Gespräch mit Mark Hertsgaard, US-Journalist und Autor von "Im Schatten des Sternenbanners. Amerika und der Rest der Welt"

1983 veröffentlichte Mark Hertsgaard sein erstes Buch Nuclear Inc.: The Men and the Money, in dem er die Machenschaften hinter dem Aufstieg der Atomindustrie in den USA untersuchte. 1989 veröffentlichte er ein wegweisendes Buch darüber, wie Regierungssprecher und die Presse begonnen hatten, zusammen das Spektrum der öffentlichen Debatte einzugrenzen: On Bended Knee: The Press and the Reagan Presidency. Hertsgaard ist jedoch nicht vor allem wegen dieser zwei frühen Bücher bekannt, in denen er zeigte, dass er von Anfang an den Finger am Puls der Zeit hatte, sondern für seine letzten beiden Bücher Expedition ans Ende der Welt. Auf der Suche nach unserer Zukunft und Im Schatten des Sternenbanners. Amerika und der Rest der Welt. Für das erste Buch bereiste er die Welt, um einige der schlimmsten Umweltbrennpunkte unserer Erde zu besuchen. Auf diesen Reisen wurde er mit den Meinungen über und Vorurteilen gegen seine Heimat konfrontiert. Craig Morris sprach mit Mark Hertsgaard für Telepolis.

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Die Medien in den USA behaupten objektiv zu sein, damit sie ja nicht voreingenommen erscheinen. In Europa kommt es dagegen nicht selten vor, dass eine Zeitung sich für einen bestimmten Politiker oder eine bestimmte politische Partei öffentlich ausspricht. Aber die US-Medien verstecken doch nur ihr Agenda hinter dieser scheinbaren Objektivität, oder?

Mark Hertsgaard: Objektivität ist nicht der richtige Begriff. Die gibt es nämlich gar nicht. Die US-Medien versuchen ausgewogen zu berichten, aber diese Ausgewogenheit widerspiegelt in der Praxis nur den Status Quo. Wenn man zum Beispiel über die Bundespolitik berichtet, zitiert man gerne einen Republikaner und einen Demokraten. Das mag ja in manchen Fällen genügen, vorausgesetzt die zwei Parteien vertreten wirklich verschiedene Standpunkte. Aber sie tun es nicht immer, zum Beispiel nicht im Irakkrieg - da waren sich die zwei Parteien mehr oder weniger einig, dass der Krieg eine gute Idee war. Die einzigen Kritiker kamen aus dem extrem linken Flügel der demokratischen Partei, der darauf hinwies, dass die Rechtfertigung für den Krieg - die Massenvernichtungswaffen - jeder Grundlage entbehrte. Doch über diese Stimmen gegen den Krieg wurde wenig in den USA berichtet. Am Ende haben wir also weder die Objektivität noch eine richtige Ausgewogenheit, sondern stattdessen eine Presse, die sich auf das kleine Meinungsspektrum der Mächtigen beschränkt. Der Mainstream-Journalismus spricht von Objektivität, aber im Grunde schreiben sie einfach auf, was die Machthaber diktieren. Das ist meiner Meinung nach keine richtige Berichterstattung, jedenfalls keine kritische.

Aber selbst wenn wir diese Ausgewogenheit haben, können die Tatsachen verdreht werden, indem fadenscheinige Gesichtspunkte gleichviel Platz in der Berichterstattung einnehmen. Den Kritikern der Theorien von der globalen Erderwärmung oder der Evolution wird in der US-Presse viel Platz eingeräumt, was außerhalb der USA nicht der Fall ist.

Mark Hertsgaard: Der Klimawandel ist ein gutes Beispiel. Seit vielen Jahren versuchte die Presse in den USA hier eine Ausgewogenheit zu bewahren. Am Ende hinterließen sie bei den Amerikanern den Eindruck, als ob die Wissenschaftler sich nicht einig wären, was doch gar nicht stimmt. Wenn man sich also zu sehr um eine falsche Objektivität bemüht, stimmt der Bericht nicht. Und eine falsche Berichterstattung ist die Kardinalsünde der Medien. Manchmal berichten wir schon Falsches, aber dann müssen wir eben den Bericht berichtigen. Bis heute ist das jedoch beim Klimawandel nicht geschehen.

Sollten die US-Medien dann wie die Presse in Großbritannien oder Deutschland vorgehen, wo die Zeitungen manchmal ihre politischen Neigungen an die große Glocke hängen?

Mark Hertsgaard: Ich glaube, jedes Land hat das Recht, den Journalismus selbst zu gestalten. Es spricht auch viel für den amerikanischen Stil. Manchmal lese ich die französische, italienische oder deutsche Presse, wenn ich in Europa bin, und ich denke: "Nennen Sie mir erstmal die Tatsachen, bevor Sie mir Ihre Meinung sagen." In Europa muss man eben wissen, wie die Zeitungen politisch drauf sind, bevor man deren Berichte lesen kann. Ich kritisiere also auch manche Aspekte der europäischen Presse.

Aber insgesamt glaube ich schon, dass der europäische Einsatz einen ehrlicheren Journalismus hervorbringt. In meiner eigenen Arbeit versuche ich beides zu kombinieren: Ich fange bei den Tatsachen an, scheue aber nicht davor zurück, Schlüsse zu ziehen. Und vor allem bemühe ich mich nicht um eine falsche Ausgewogenheit.

Dem amerikanischen Imperium wohnt eine inhärente Schwäche inne: Indem wir unsere Kultur auf andere überstülpen, haben wir weniger Input von ihnen. Die meisten Amerikaner wären wohl der Meinung, dass es gut ist, eine Fremdsprache zu lernen, aber weltweit nimmt die Mehrsprachigkeit eher zu, je schwächer die eigene Kultur ist. Würden sie auch sagen, dass die Stärke Amerikas zu solchen Schwächen führt?

Mark Hertsgaard: Ja, aber das amerikanische Imperium unterscheidet sich darin nicht von früheren Imperien. Die Briten haben Hindi auch nicht gelernt. Es liegt ja in der Natur eines Imperiums, dass die Menschen unten sich den Menschen oben beugen müssen. In Afrika findet man nicht selten Menschen, die fünf Sprachen sprechen.

In Im Schatten des Sternenbanners schreiben Sie, dass die Amerikaner ihr Land nicht als Imperium sehen würden, obwohl das amerikanische Imperium außerhalb der USA als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird. Das unterscheide unser Imperium von dem römischen oder dem britischen, denn die Römer waren stolz auf ihr Imperium, während es für die Briten ein moralisches Dilemma darstellte. Aber beide haben ihr Imperium nicht geleugnet.

Mark Hertsgaard: Ich glaube, dass sich das langsam ändert. Mein Buch ist vor drei Jahren erschienen, und mittlerweile ist es nicht mehr außergewöhnlich, wenn Amerika als Imperium beschrieben wird - teilweise wegen den Ereignissen in Iraq, aber auch weil die Bush-Regierung in letzter Zeit das Wort "empire" selbst in den Mund genommen hat. Dieses Eingeständnis hat zu einer Diskussion geführt, die dem Begriff eine gewisse Legitimität verliehen hat: Manche kritisieren das US-Imperium, während andere es befürworten. Es mag sein, dass dies nicht beabsichtigt war, aber ich halte die Entwicklung für richtig. Uns ist nun zumindest bewusst, dass wir ein Imperium sind, und ich glaube, dass immer mehr Amerikaner Schwierigkeiten damit haben, dass sie Teil eines Imperium sind - schließlich sehen wir, wohin das führen kann, wie derzeit im Irak.

"Das Rüstungsbudget für das Pentagon ist eine Katastrophe"

In Im Schatten des Sternenbanners sprechen sie auch von der Friedensdividende, die wir nicht bekommen. Können Sie erklären, was Sie damit meinen?

Mark Hertsgaard: Während des Kalten Krieges hat man uns erzählt, dass unsere Militärausgaben sich im großen Stil im Frieden nach dem gewonnenen Krieg bezahlt machen würden, aber nach dem Kalten Krieg haben die Machthaber quasi einen neuen Feind erfunden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Menschen wie Osama bin Laden sind des Teufels, und sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie sind keine Erfindung. Aber bevor es diese Terroristen gab, schmiedeten die Politiker in Washington einen Plan, den Drogenkrieg zur Volksverhetzung zu nutzen. Nun werden die Terroristen als militärische Bedrohung statt als kriminelle Bande behandelt.

Das Rüstungsbudget für das Pentagon ist eine aufgeblasene, ekelerregende Katastrophe. Das meiste davon hat nicht einmal etwas mit Rumsfelds Definition von modernen militärischen Mitteln zu tun. Das ist doch alles noch Zeugs aus dem Kalten Krieg. Es hat viel mehr mit Subventionen für die Industrie zu tun als mit echten militärischen Notwendigkeiten. Man könnte leicht 150 Milliarden US-Dollar aus dem Etat streichen, ohne überhaupt an die Substanz zu kommen. Dieses Geld könnte man dann in die Sachen investieren, die das Land wirklich braucht, ohne den Schutz des Landes zu beeinträchtigen.

Wir müssen auch die Dimensionen im Kopf behalten: Wenn wir beispielsweise über Investitionen in erneuerbare Energien sprechen, geht es um Millionen, aber wir geben jeden Monat Milliarden im Irak aus. Aber zurück zur Sicherheit: Sie haben auch einen offiziellen Bericht der CIA zitiert, der eine Verbindung zwischen unserer Außenpolitik und dem Terrorismus sieht:

"Johnson quotes a 1997 report by the Pentagon's Defense Science Board: "Historical data show a strong correlation between US involvement in international situations and an increase in terrorist attacks against the United States."

Mark Hertsgaard: Das Buch, das jeder lesen sollte, der das amerikanische Imperium verstehen will, heißt Blowback und wurde von Chalmers Johnson geschrieben.

"Immer mehr Menschen verstehen, dass Ökologie und Ökonomie vereinbar sind"

Die Demokraten haben nun die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus übernommen. Ich glaube nicht, dass sich deswegen viel ändern wird, zumindest nicht in der Energiepolitik. Die republikanisch geführten Bundesstaaten haben teilweise die besseren Energiepolitiken. Das ist die gute Nachricht: Vielleicht können wir uns endlich auf eine Richtung in der Energiepolitik einigen, wenn die Republikaner wieder den Zusammenhang zwischen "conservative" and "conserve" entdecken. Glauben Sie, dass sich viel ändern wird?

Mark Hertsgaard: Es tut sich enorm viel auf der Ebene der Bundesstaaten, und die Bewegung wird von beiden Parteien geführt. Wir müssen bedenken, dass die Republikaner bei den letzten Wahlen wenige Siege eingefahren haben, und einer davon war Schwarzenegger. Er hat den größten Bundesstaat mit einer großen Mehrheit gewonnen, und zwar mit viel grünem Gedankengut. Andere Republikaner werden ihre Schlüsse daraus ziehen. Die Energieunabhängigkeit spielt eine große Rolle für die Amerikaner auf beiden Seiten des politischen Spektrums, sowohl bei den Wählern wie auch unter der Elite in Washington. Immer mehr Menschen verstehen, dass Ökologie und Ökonomie vereinbar sind.

Ich bin optimistisch. Bush wird nichts Sinnvolles tun, aber er wird sein Veto gegen viele sinnvolle Vorschläge einsetzen - wie beispielsweise ein Klimawandelgesetz -, und das wird ihn in die Bredouille bringen. 2008 müssen dann die Republikaner mit diesen Entscheidungen in den Wahlkampf gehen. Die Initiative wird also weiterhin aus den Bundesstaaten kommen, aber die sind nicht klein. Kalifornien ist der sechstgrößte Wirtschaftsraum der Welt, und wenn man Kalifornien mit den 10 anderen Bundesstaaten im Nordosten zusammen nimmt, die auch den Emissionshandel einführen, dann sind wir zusammen die drittgrößte Wirtschaft der Welt. Man könnte fast sagen, dass es egal ist, was Washington macht, weil Washington früher oder später diese Standards aufnehmen muss. Die Firmen werden der Bundesregierung sagen, dass sie planen können müssen. Zumindest wird die Achterbahnfahrt in der Umwelt- und Wirtschaftspolitik ein Ende haben.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24069/1.html
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