Saddam, der große Iraker

Thomas Pany 27.11.2006

Kann nur ein Massenmörder das Chaos bannen?

"The Daily Absurdity Report", der tägliche Bericht von Absurditäten: So taufte der wohl berühmteste irakische Blogger Salam Pax sein Blog im Sommer dieses Jahres um. Leider hat Salam Pax derzeit wohl Besseres zu tun, als den "Absurdity Report" weiterzuführen, vermutlich hält er sich aus verständlichen Gründen woanders auf (vgl. Wien, Bagdad - Hollywood?). Der Irak bleibt gleichwohl ein surrealistisches Tableau, das jeden Tag neue unfassbare Geschichten aus dem Leben in der Hölle zeigt. Auch Saddam Hussein, der abgesetzte, zum Tod durch Hängen verurteilte Gewaltherrscher, hat nicht aufgehört, die Phantasien von Betrachtern außerhalb des Landes zu beschäftigen.

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Man hat dem Mann immer schon viel zugetraut und es scheint ganz so, als ob sich dieses Vertrauen in die Macht dieses Mannes gehalten habe. Die Rede ist hier nicht von treuen irakischen Baathisten aus seiner Heimatstadt Tikrit, sondern von amerikanischen Experten und Kommentatoren. Das harmlosere, amüsante Beispiel zuerst: am Freitag berichtete die New York Times von einem Video, das zusammen mit anderen Videos von US-Truppen im Irak gefunden wurde.

Wann genau das Video gefunden wurde, geht aus dem Bericht nicht hervor. Über das Datum seiner Produktion spekulieren die Experten. Das Video galt bis zum Bericht der New York Times als Geheimsache. Am Abend der Veröffentlichung in der Zeitung sollte der "History Channel" eine Dokumentation ausstrahlen, in der Ausschnitte des Videos gezeigt würden. Hauptdarsteller sind Saddam Hussein, sein Deputy ("erster Vizepremierminister") und ehemalige Außenminister Tariq Asis (Aziz) und der Chef einer Kommission für die Zusammenarbeit zwischen Militär und Industrie, Abd al-Tawab Mullah Huwaisch.

Im Mittelpunkt der Handlung: Ein elegant gekleideter Saddam Hussein prüft, vielleicht dem früheren James Bond in der Tüftelstube von Q. vergleichbar, neueste Waffen. Die Pointe: Es sind keine High-Tech-Feuerwaffen, auch keine Maßschuhe als bewegliche Labore für Biowaffen oder mit einem Nano-Atomsprengkopf bewehrte Kronen von Rolex-Uhren, die binnen 45 Minuten in England landen können, sondern eine wenig beeindruckende Armbrust, die aussieht, als ob sie auf einer Jahrmarktsbude gefunden worden wäre, kleine Wurfgeschosse mit Zacken, ein Blasrohr, eine Steinschleuder und Molotowcocktails.

Dass von Saddam Hussein Gefahr für andere ausging, ist in diesem Video gut dokumentiert. Das Militär-Personal muss in Deckung gehen, als der Despot eine Flasche mit mutmaßlich explosivem Inhalt mit dem Seil über seinem Kopf hin-und herschwingt und später einen Pfeil aus der Armbrust gegen eine Tür schleudert. Die Frage ist, welchen Zweck das Video verfolgt. Unklar ist, ob es jemals im irakischen Fernsehen gezeigt wurde. Für Experten, die von der New York Times zur Analyse des bizarren Videos gebeten wurden, ist aber offensichtlich, dass es kurz vor den Angriffen der Amerikaner und ihrer Verbündeten zu datieren ist, und es den Widerstand propagandistisch aufheizen sollte. Die Botschaft: "Wir sitzen alle in einem Boot und jeder hat dabei eine Rolle, die er spielen muss."

Die Botschaft ist, dass die Koalition hinter dem ganzen irakischen Volk her ist und nicht nur hinter dem Regime. Meine Annahme ist, dass der propagandistische Wert zumindest so wichtig war wie die tatsächliche militärische Vorbereitung.

Paul R. Pillar, "Top Middle East Analytiker der CIA von 2000 bis 2005", jetzt Professor an der Georgetown University

Genau so gut ließe sich dem Video - sollte es ausgestrahlt worden sein und nicht zur privaten Belustigung des Herrschers und seiner nächsten Umgebung hergestellt worden sein (eine Hypothese, die nicht erwähnt wird) - aber auch entnehmen, dass die irakische Führung dem drohenden Angriff militärisch ziemlich wenig entgegenzusetzen hatte. Wer von den Irakern hätte denn ernsthaft einer Propaganda geglaubt, dass sich die Bibelgeschichte eins zu eins in die Wirklichkeit übertragen läßt? Dass man als mit Steinschleudern und Armbrust bewaffneter David gegen den High-Tech-Goliath USA auch nur den Hauch einer Chance hat?

Stimmt schon, es wird immer wieder von Anhaltspunkten berichtet, dass Saddam Hussein den Widerstand, der die USA nach schnellen militärischen Siegen in der ersten Phase des Krieges später so überrascht hat, bereits früh geplant hat und beispielsweise Waffenlager und wahrscheinlich Geldmittel zurechtgelegt hat. So geht auch der jüngst veröffentlichte Bericht über die Finanz-und Waffenquellen des Widerstands von einem Grundstock an Material und Geld aus, der von Saddam Hussein gelegt worden ist. Doch enthüllen die Analytiker des Videos hauptsächlich Leitmotive im amerikanischen Verständnis des Diktators als große hollywoodeske Schurken-Führer-Persönlichkeit, die zu allem fähig ist, deren Äußerungen man in jedem Fall großdimensionierte Signifikanz für "das Volk" unterstellt.

Verlangen nach greifbarer, persönlicher Größe

Sehr weit treibt dieses nostalgisch inspirierte Verlangen nach greifbarer, persönlicher Größe, die mit Macht aus alten Zeiten Licht und Ordnung in die verwickelte, chaotische Gegenwart bringen könnte, ein Kolumnist der Los Angeles Times, Jonathan Chait. In seinem Meinungsartikel, der gestern in der angesehenen Zeitung erschienen ist, wagt er die These, dass es vielleicht am Besten wäre, das "Undenkbare" zu zu tun und Saddam Hussein wieder an die Spitze des Irak zu stellen.

Zwar räumt auch der leitende Redakteur des "samtig konservativen" Magazins The New Republik ein, dass Saddam Hussein ein "psychotischer Massenmörder" ist - eine Figur also mit Ecken und Kanten, wie es sich für einen Helden ziemt? - , aber der Mann kenne sich aus in einem Ressort ("pervasive chaos"/ um sich greifendes Chaos) , für das die US-Streitkräfte keine Lösung haben:

Hussein, however, has a proven record in that department. It may well be possible to reconstitute the Iraqi army and state bureaucracy we disbanded, and if so, that may be the only force capable of imposing order in Iraq.

Die Argumente von Jonathan Chait für den Schurken als Retter sind schnell aufgezählt: die Wiederherstellung von Ordnung und die Abwehr der Gefahr, die durch den Einfluss des Iran im Irak ausgeht.

Um wieder eine Situation im Irak herzustellen, in der Ordnung erwartet werden kann, ist ein weit ausgreifender psychologischer Schock nötig. Man hoffte und erwartete, dass die Wahlen im Irak einen solchen Schock bereiten würden, aber das war nicht der Fall. Die Rückkehr von Saddam Hussein - ein Mann, den jeder Iraker kennt und den viele von ihnen fürchten - würde das Kunststück fertigbringen....Die Nachteile der Wiedereinsetzung von Saddam Hussein sind offensichtlich, aber betrachten Sie die Sonnenseite. Er würde nicht zulassen, dass das Land von Iran beherrscht wird, dem Land, das der Hauptfeind der USA in der Region ist, ein Financier des Terrorsimus und der Anstifter des Krieges zwischen Libanon und Israel.

Vieles, was derzeit über die Zukunft des Iraks an Vorschlägen geäußert werde, würde dem Gesetz gehorchen, dass Wünsche frei sind, schrieb Marc Lynch, ein Fachblogger zum Middle-East vor einiger Zeit zu den Empfehlungen der Iraq Study Group: Jeder darf sich ein Pony wünschen, auf dem er gerne reitet. Also warum nicht wünschen, dass man ein berühmter Hollywood-Star mit erstaunlichen magischen Fähigkeiten werde oder dass ein Diktator mit solchen Fähigkeiten das Chaos bereinigt.

So läßt sich am besten auch mit dem Vorschlag von Chait umgehen. Er ist unrealistisch, weil sich die Verhältnisse im Irak seit dem Sturz Saddam Husseins auf eine unumkehrbare Weise weiterentwickelt haben. Auch dürfte in den sunnitischen Machtfilialen des Widerstands, die sich mittlerweile, wie der oben genannte Bericht dokumentiert, unabhängig von Saddams Hinterlassenschaft selbst finanzieren, rekrutieren und mit Waffen ausstatten, keiner mehr nach Saddam Hussein rufen, sondern eher eigene Machtpolitik betreiben. Von der Haltung der schiitischen Mehrheit, die das Todesurteil von Saddam Hussein größtenteils bejubelt, muss gar nicht die Rede sein.

Interessant an den Äußerungen Chaits ist das Wunschdenken im Hintergrund: dass sich Iraker (als echte Araber?) schon einer Herrschaft fügen würden, auch wenn sich der Herrscher als Massenmörder ausgezeichnet hat, oder gerade darum, Hauptsache, er verspricht Ordnung und sorgt für die dazu nötige Angst.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24072/1.html
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