Die abschreibende Zunft

01.12.2006

Neue Fälle von dreistem Textklau stellen die wissenschaftliche Selbstkontrolle in Frage - Report eines akademischen Whistleblowers und "Plagiatsjägers" Teil 2

"Studenten fällt es schwer, das Problem des Plagiierens ernst zu nehmen, wenn sie sehen, dass die Regeln schamlos von denen gebrochen werden, die sie anmahnen." Dies schrieb John Horvath im April 1998 in Telepolis. Ende 2006 hat dieser Satz nichts von seiner Gültigkeit verloren. Alleine in den vergangenen Wochen wurden mir sechs neue Plagiatsfälle bei Wissenschaftlern zugespielt. Fünf unterrichten bzw. unterrichteten selbst Studierende. Welche Regeln haben sie diesen vermittelt, wenn einige ihre Karriere zu einem gewissen oder gar erheblichen Teil auf einem Plagiat aufgebaut haben?

Plagiatsfälle auch bei Lehrenden und Professoren

Der dreisteste neue Fall betrifft einen Politologen an der österreichischen Landesverteidigungsakademie. Dieser hat in seiner Doktorarbeit, die 2003 angenommen wurde, nahezu das gesamte Dokument einer Schweizer Forschungsstelle für Sicherheitspolitik aus dem Jahr 1998 wortwörtlich übernommen – rund 100 Seiten. Sogar die dort vorangestellte englischsprachige "Summary", die "Findings" und die "Conclusions" finden sich wortwörtlich (und ebenfalls in Englisch) in der ansonsten deutschsprachigen Dissertation – freilich ausnahmslos als eigene Prosa ausgegeben. Das Originaldokument befindet sich hier. Der Plagiator hat nun eine Selbstanzeige angekündigt.

Ein Koreaner, der ebenfalls an der Universität Wien studiert und promoviert hat, nahm es mit dem geistigen Eigentum auch nicht so genau: Er schrieb über weite Strecken erneut wortwörtlich dutzende Seiten einer Hausarbeit eines Salzburger Germanisten ab - "Vorwort" und "Stand der Forschung" inklusive. Der Fall hat zwei pikante Dimensionen: Der Abschreiber machte Wissenschaftskarriere, er ist heute Professor an der Seoul National University. Der Plagiierte verständigte alle zuständigen Stellen, aber selbst kristallklare Plagiatsnachweise führten nie zu irgendwelchen Konsequenzen.

Ein Forscher an der TU Wien plünderte für seine Habilitationsschrift das Werk einer ehemaligen Mitarbeiterin aus einem seiner Forschungsprojekte: Gut einhundert Seiten aus der Feder der Autorin, die heute Professorin an der Universität Wien ist, flossen in sein Opus magnum. Dieses wurde heuer in Buchform veröffentlicht, die übernommenen Texte sind bereits fast 15 Jahre alt. Der Kollegin wird zwar im Vorwort gedankt, aber freilich erfährt der Leser an keiner Stelle, dass die Kapitel aus der Feder einer anderen Person stammen.

Ein Salzburger Kirchenhistoriker stellte ebenfalls seinen deutlichen Hang zum Ab- und Umschreiben unter Beweis: Er übernahm für ein 2005 erschienenes Buch mindestens 14 Darstellungen von Bischöfen aus einem Lexikon aus dem Jahr 1983 – oft wortwörtlich, manchmal leicht paraphrasierend. Der Umfang der Übernahme beträgt mindestens 50 Seiten. Die Universität Salzburg sagt, das "Sachproblem Plagiat ist nicht gegeben".

In all diesen Fällen stellt sich nicht nur die Frage, welche Ethik und welches Wissenschaftsverständnis die "Autoren" zu diesem Umgang mit Texten motiviert haben. Es verwundert überdies auch, wie es möglich ist, Texte großen Umfangs Jahre später erneut als aktuelle Forschung, als state-of-the-art auszugeben. Hat es auf all diesen Forschungsgebieten zwischenzeitlich keine Wissensfortschritte gegeben? Dann müsste öffentlich diskutiert werden, ob wir diese Forschungsrichtungen tatsächlich brauchen. Oder aber die Arbeiten sind einfach nicht aktuell, und es wurde nicht bemerkt. Dann liegt das Problem bei den Betreuern, Gutachtern, Lektoren oder anderen beteiligten Akteuren.

Das ethische Dilemma bei Plagiaten

So oder so: Plagiatsfälle bei Wissenschaftlern sind ein Beweis für die immer wenig schmackhafte These, dass der Fisch am Kopf stinkt. Besonders unverständlich sind Fälle wie jener des Koreaners, bei dem selbst eine Plagiatsanzeige ohne Konsequenzen blieb. Ist die Wissenschaftskultur so angelegt, dass sie mit Fehlverhalten wie etwa Plagiaten nicht umgehen kann? Wird in zahlreichen Fällen Schweigen als einzig mögliche Reaktion angesehen? Und wenn ja: Warum?

Die Kluft zwischen dem, was nach außen kommuniziert wird, und dem, was intern an Schlampereien und Fehlverhalten bis hin zu nachweisbarem Textbetrug kaschiert wird, scheint größer zu werden (und/oder sie gab es immer schon). In einer Gesellschaft des Als-Ob zählt der Schein der Autorschaft offenbar mehr als die Autorschaft. Problematisch wird es, wenn Plagiatoren mit den Forschungsarbeiten und Leistungen anderer Karriere machen und dann im Wissenschaftssystem erfolgreicher sind als die Plagiierten.

Das ethische Dilemma ist schwer lösbar: Was ist das geringere Übel – ein geschützter Plagiator, der seine Karriere vielleicht auf Schein gebaut hat, der ja selbst unterrichtet und so seine Praxen bis zu einem gewissen Grad an Studierende weitergibt bzw. selbst Plagiate duldet; oder aber ein geouteter Plagiator, der sich womöglich eine neue Existenz aufbauen muss und dessen Outing das gesamte System in Verruf bringen kann, wenn es zum Medienthema wird?

Fälle von Plagiarismus bei Lehrenden sollten Studierende nun nicht zynisch dazu ermutigen, es den Plagiatoren nachzumachen oder diese gar übertreffen zu wollen. Die Beispiele wollen nur aufzeigen, wie sehr das Problem mutmaßlich eine "systemische Dimension" hat.

Textklau auch in den technischen Wissenschaftszweigen

Dazu kommt, dass der Textplagiarismus nicht einmal auf die typischen "Textwissenschaften" beschränkt ist. Zwei weitere Beispiele, die sogar von jedem online nachvollzogen werden können, zeigen, dass auch in anderen Disziplinen mitunter keine Hemmungen vor geistigem Diebstahl bestehen:

Ein Geologe hat etwa in einem Gutachten (Umfang 17 MB) zu einem Tiroler Gletscher aus dem Juli 2006 ein Kapitel 1:1 von einer Abhandlung auf einer Website der Universität Kiel (aus dem Jahr 1996!) übernommen. Seite 8 f. (nach der Seitenpaginierung) dieses Gutachtens ist ein Netzplagiat dieser Website, beginnend mit dem Abschnitt "Definition des Begriffes 'Till".

Auch ein Wissenschaftler der TU Graz hat sich bereits mindestens einmal an den geistigen Leistungen eines ehemaligen Kollegen vergriffen. Man vergleiche etwa S. 25 f. des Originals (nach der Seitenpaginierung) mit S. 6 dieses Aufsatzes. Eine Plagiatsverdachtsanzeige ist bereits vor Jahren erfolgt.

Das Internet ermöglicht die Rekonstruktion alter Fälle

Die Mehrzahl der Fälle zeigt auf, dass Abschreiben auch schon vor der Hochblüte des Google-Copy-Paste-Syndroms mitunter nicht nur nicht sanktioniert, sondern in einem gewissen Sinne sogar belohnt wurde: Es wirkte im Wissenschaftssystem oft karrierefördernd.

Interessanter Weise ermöglicht das Internet heute die Aufdeckung und die Rekonstruktion von Plagiatsfällen, die sich bereits im Prä-Netzzeitalter ereignet haben, wenn Dokumente im Nachhinein online gestellt werden. Es ist wohl davon auszugehen, dass durch die diversen Scan-Projekte noch viel mehr Gutenberg-Plagiate auftauchen werden.

Dazu kommt die Medialisierungsdynamik: Die starke Medienpräsenz von Netzplagiatsfällen wie etwa dem Streit um Wickie und die starken Männer hat zumindest in Österreich dazu geführt, dass jetzt auch Offline-Plagiate bekannt werden, die die Institutionen früher einfach unter den Tisch gekehrt hatten.

Diese erfreuliche Entwicklung sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Internet, die "Googleisierung der Recherche" (nach Jochen Wegner), Plagiatsprobleme bei der Wikipedia und die allgemein zunehmenden Copy/Paste-Praxen parallel zu einem herben Niveauverlust bei wissenschaftlichen Arbeiten insgesamt geführt haben. Das ist die andere Seite der Medaille. Dazu kommt: In allen hier geschilderten Fällen geht es nicht um unsaubere Zitate oder diffuses Sampling von Netz-Texten und -Bildern, sondern um echte Plagiate. Zum unsauberen oder irreführenden Belegen und zum Qualitätsverlust durch studentische Google-Copy-Paste-Praxen mehr in Teil 3 der Serie.

Das Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden von Stefan Weber ist am 29. November in der Reihe "TELEPOLIS" erschienen. Der Autor ist habilitierter Medienwissenschaftler aus Salzburg.

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Textueller Missbrauch

Stefan Weber 23.11.2006

Plagiarismus, Redundanz, Bläh-Rhetorik: Zur Krise der Kulturwissenschaften durch den Einzug des Copy/Paste-Paradigmas - Teil 1

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