Neue Temperatur-Rekorde
Nach dem Juli fiel auch der Herbst völlig aus dem Rahmen und hat selbst manchen Klimaforscher überrascht
Mancher wird es angesichts eines deutlich verspäteten Laubfalls und oktoberhafter November-Temperaturen schon vermutet haben: Dieser Herbst, der für die Meteorologen am Donnerstag zu Ende ging, war ein ganz außergewöhnlicher. Ausnahmsweise stimmten subjektives Wahrnehmen und statistische Objektivität einmal überein. Beim Deutschen Wetterdienst (DWD) spricht man von einem "Jahrhundertherbst".
Bereits Ende September hatten die amtlichen Wetterfrösche verkündet, dass dieser Monat alle Rekorde gebrochen hatte. Seit dem Beginn der deutschlandweiten Statistik im Jahre 1901 hatte man derlei nicht gesehen. Der Trend setzte sich weiter fort: Die drei Monate September, Oktober und November, die den meteorologischen Herbst ausmachen, lagen jeweils drei bis vier Grad über dem langjährigen Mittelwert. Insgesamt lagen die Herbst-Temperaturen nach DWD-Angaben über alle drei Monate und die ganze Republik gemittelt um 3,2 Grad über dem langjährigen Durchschnitt.
In Potsdam zum Beispiel, wie das dortige Institut für Klimafolgenforschung (PIK) anmerkt entsprachen die Novembertemperaturen eher dem, was auf Istrien oder der Krim zu erwarten wäre. Die höchste Temperatur des Herbstes wurde am 12. September in Kalkar am Niederrhein mit 31,4°C registriert. Auch später noch traten ungewöhnlich hohe Monats-Einzelwerte auf, vor allem am Oberrhein am 26. Oktober mit 28,6°C in Emmendingen-Mundingen oder am 25. November mit 22,1°C in Müllheim, berichtet der DWD.
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Verantwortlich für die ausgesprochen milden Temperaturen war eine ungewöhnliche Häufung von West- und Südwest-Wetterlagen, die warme Luft aus dem Mittelmeerraum und Nordafrika heranführte, erläutert Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom PIK. Das mitteleuropäische Wetter, so Gerhard Müller-Westermeier vom DWD, hänge nämlich stark von der atmosphärischen Zirkulation ab, das heißt, von den Hoch- und Tiefdruckgebieten, de sich über dem Nordatlantik entwickeln. Da dort auch Ende November die Wassertemperaturen noch deutlich über den normalen Werten liegen, wie eine Grafik der US-Meteorologen zeigt, ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass wir vom Wetter weiter verwöhnt werden. Dennoch hat der Autor dieser Zeilen nicht schlecht gestaunt, als er letzte Woche in einem Kleinstädtchen bei Kiel eine Amsel von einem Dachfirst ihr Lied trällern hörte.
Selbst die vorsichtigen Statistiker des DWD können da nicht mehr umhin, an den globalen Klimawandel zu denken. Doch natürlich betonen sie, wie auch Meteorologe Gerstengarbe, der sich am PIK unter anderem mit der Entwicklung von Klimamodellen beschäftigt, dass ein Einzelereignis für sich keine Aussagen über einen Trend zulässt. Allerdings, so Gerstengarbe, sei dieser Rekordherbst ein weiterer Baustein, der den globalen Wandel belege. Er reihe sich ein in eine zunehmende Zahl von Extremereignissen. Zwar kann keines dieser Ereignisse für sich als Indiz der Erwärmung gewertet werden, da es im Klimasystem immer Ausreißer gibt. Die Zunahme der Extreme ist allerdings deutlich mit der globalen Erwärmung korreliert und entspricht den Erwartungen der Klimawissenschaftler.
Genauso passt die in diesem Herbst aufgetretene Häufung der West- und Südwest-Wetterlagen sowohl zum Trend der letzten Jahrzehnte als auch zu den Vorhersagen der Klimamodelle, auch wenn die Intensität der Temperaturzunahme für die Wissenschaftler unerwartet war. Wenige Überraschungen boten hingegen die Niederschlagsmuster dieses Herbstes. Über die Republik gemittelt regnete es zu wenig, aber in einigen Gebieten vor allem im Südwesten überdurchschnittlich. Fast das Doppelte des Normalwertes wurde in Freiburg registriert, berichtet der DWD. Das passt recht gut zu Vorhersagen der Klimamodelle, die vor allem für den deutschen Osten einen Rückgang des Niederschlags vorhersagen. Dort rechne man damit, so Gerstengarbe, dass vor allem in den Sommermonaten der Niederschlag eher abnehmen wird. Auf den zum Teil sehr sandigen Böden, die wenig Wasser speichern, dürfte das den Landwirten einige Kopfschmerzen bereiten.
Derweil meldet auch aus Großbritannien der Wetterdienst ihrer Majestät einen Rekordherbst. Bei den Briten reichen die Statistiken wesentlich weiter zurück. Seit dem 18.Jahrhundert hat man dort nicht mehr einen solchen Herbst erlebt.
Aber im Gegensatz zu Deutschland war die Jahreszeit zwischen Brighton und den Orkney-Inseln vielerorts auch eine der seit langem feuchtesten, wie britische Zeitungen berichten. Angesichts der inzwischen mehrjährigen Dürre, unter der die Inseln leiden, sollte man meinen, dass der Niederschlag den Briten willkommen war. Allerdings stimmte die Verteilung nicht ganz. Insbesondere in den letzten Wochen kam er vor allem in der Form schwerer Unwetter herunter.
Auch beim Met Office, wie sich der britische Wetterdienst nennt, hält man die hohen Herbsttemperaturen für einen deutlichen Hinweis auf die globale Erwärmung, die durch die von Menschen erzeugten Treibhausgase verursacht werde. Es werde Gewinner und Verlierer geben, so ein Met-Office-Sprecher, aber in der Summe sei die Erwärmung eine sehr negative Angelegenheit, die unter anderem zu längeren Dürren führen wird. Das bekommen derzeit bereits die Australier zu spüren, denen die Weihnachtsbäume vertrocknen. Zu den Gewinnern dürften hingegen die britischen Winzer gehören, deren Weine in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielten.
Unterdessen konnte man in den USA in diesem Herbst aufatmen. Die Hurrikan-Saison fiel wesentlich glimpflicher als erwartet aus. Der US-Wetterdienst NOAA (National Oceanographic and Atmospheric Authority) führt das auf die schnelle Entwicklung eines neuen El Nino zurück. Über der Karibik habe es in den letzten Monaten meist absinkende Luftströmungen gegeben, erläutern die NOAA-Meteorologen. Unter diesen Bedingungen schwächen sich Hurrikane eher ab, die sich gewöhnlich weiter östlich bilden und dann nach Westen ziehen. Zusätzlich sorgten in diesem Jahr die Höhenwinde über den östlichen USA dafür, dass die stärkeren Hurrikane auf See blieben und die Küsten ungeschoren ließen.
Bei El Ninno handelt es sich um eine in unregelmäßigen Abständen von mehreren Jahren auftretende Schwankung der atmosphärischen und ozeanischen Zirkulation im äquatorialen Pazifik, die sich auch auf andere Regionen des Planeten auswirkt. Den gewöhnlich extrem trockenen Küsten Perus wird er in den kommenden Monaten vermutlich sintflutartigen Regenfälle bescheren, während weite Teile der südostasiatischen Archipele sowie Australien eher mit trockenen Bedingungen zu rechnen haben.
http://www.heise.de/tp/artikel/24/24114/1.html- Noch was (6.12.2006 3:23)
- Oh je.. (5.12.2006 14:02)
- Etwas knifflig (5.12.2006 9:56)
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