Wissenschaft als Web-Sampling

15.12.2006

Wie an Universitäten in Windeseile eine Textkultur ohne Hirn entstanden ist – Teil 3

In der gegenwärtigen (akademischen) Textkultur kommt es offenbar systematisch zu Texten, die nicht selbst geschrieben wurden und auch nicht von anderen gelesen werden. Der Text bleibt somit von Produktion und Rezeption relativ "unberührt".

Der wissenschaftliche Text kann durch ein Totalplagiat, ein Copy/Paste-Plagiat, ein geringfügiges Umschreiben von Originalstellen oder aber auch durch einen Zufallsgenerator entstehen. Sogar das Copy/Paste-Verfahren selbst kann schon an die Software ausgelagert werden, etwa mit dem Picker von Citavi. Sollte diese Software auch noch bald themenspezifische Zitate aus dem Internet heraussuchen, belegen und arrangieren können, werden akademische Arbeiten in der derzeitigen Form kaum noch als Leistungsnachweise gelten können. Im schlechtesten Fall wird der so entstandene Text nie gelesen, nicht einmal vom "Verfasser" selbst. Auch die Rezeption kann maschinell erledigt werden: etwa durch eine Antiplagiatssoftware.

Warum nur, warum ist der Text so ungeliebt?

Viele kultur- und geisteswissenschaftlichen Institute an Universitäten, aber auch zahlreiche andere Bildungseinrichtungen produzieren derzeit eine derartige Textkultur ohne Hirn: Wissenschaftliche Texte bestehen zunehmend aus minimalen Umschreibungen bestehender Texte, und sind alleine schon dadurch kaum noch anschlussfähig. Darauf weisen meine bisherigen Stichprobenkontrollen deutlich hin. Es kam zu einer Invasion des "Vgl.", wobei wissenschaftliches Arbeiten offenbar sehr oft mit einem rein editorischen Vorgehen gleichgesetzt wurde. Wissenschaft als Erfinden kreativer Ideen auf der Basis des Verstandenen habe ich kaum einmal vorgefunden.

So lieblos die Produktion, so auch die Rezeption: Die Arbeiten werden immer öfter auch von den Betreuern nicht mehr (sorgfältig) gelesen. Und eine weitere Legitimation der wissenschaftlichen Abschlussarbeit ist verloren gegangen: Sie treibt kaum noch selbst Forschung voran. An vielen Instituten wird ja so gut wie gar nicht mehr geforscht, sondern es werden nur noch Studierende verwaltet, Lehrpläne adaptiert, Lehrkräfte berufen oder verhindert, Intrigen geschmiedet, Allianzen gebildet oder gesprengt – und es werden ganz allgemein notorisch die schlimmen Verhältnisse beklagt. Wo war da noch die Diplom- oder Doktorarbeit?

Nicht nur Netz-Plagiate, auch Netz-"Zitate" machen die Wissenschaft kaputt

Meine erste Stichprobenkontrolle von 13 Diplomarbeiten aus dem Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg im Frühjahr 2006 ergab folgendes Bild: Elf Arbeiten waren unsauber, das heißt schlichtweg wertlos für die Forschung und für mögliche weitere Zitation. Eine inhaltliche Beurteilung der Arbeiten konnte gar nicht erst erfolgen, da Quellenlagen und/oder Zitierweisen diffus waren:

  1. In den Diplomarbeiten befanden sich etwa "Zitate" aus Webseiten wie www.kulleraugen.de oder www.emotionalekompetenz.net. Diese Textsegmente aus dem Internet dienten jedoch nicht etwa als empirisches Material für Textanalysen, sondern vielmehr der "Informationsvermittlung" in der Arbeit.
  2. Auf die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen (etwa: esoterischen oder allgemein-informativen bis trivialen) Textsorten wurde nicht Rücksicht genommen.
  3. Einige der angegebenen URLs waren zum Zeitpunkt der Überprüfung bereits wieder verschwunden, oder die "zitierten" Texte fanden sich unter neuen Sublinks oder auf anderen Webseiten.
  4. Die Informationen aus dem Netz waren in zahlreichen Fällen selbst von unklarer Herkunft, die Quellen wurden bereits online verschwiegen. Offenbar genügte in vielen Fällen die Tatsache des Vorhandenseins im Netz als Beweis für die vermeintliche wissenschaftliche Korrektheit der Information.

Eine zweite Stichprobe im Herbst 2006 an der Universität Klagenfurt brachte sehr ähnliche Erkenntnisse: In neun von zehn Diplomarbeiten – erneut aus dem Fach Medien- und Kommunikationswissenschaft – fanden sich teilweise zahlreiche "Zitate" aus dem Internet, mitunter in einer Länge von bis zu zwei Manuskriptseiten. In einer Diplomarbeit über nonverbale Kommunikation wurde etwa der Inhalt der URL de.wikipedia.org/wiki/Mimische_Muskulatur in den Fließtext "inkorporiert", samt der in der Wikipedia vorgefundenen Abbildung. Nahezu alle Übernahmen waren keine Plagiate im engeren Sinn. Man mag diese Fälle als unsauberes, irreführendes oder oft auch einfach Zeit sparendes "Zitierverhalten" interpretieren. Doch auch das ist für mich noch gar nicht der entscheidende Punkt.

Web-"Zitat" in einer Diplomarbeit an der Universität Klagenfurt

Es geht vielmehr um eine Frage, die bislang kaum gestellt wurde: Was ist eigentlich für die Wissenschaft damit gewonnen, wenn immer mehr akademische Abschlussarbeiten aus einer schier endlosen Aneinanderreihung von Textfragmenten aus dem Internet bestehen und gleichzeitig so gut wie kaum noch selbst formuliert wird? Die Stichwort-Suche im Netz kann ja jeder mit Netzzugang und einfachsten Grundkenntnissen durchführen, und auch für die Tätigkeit des Kompilierens und Arrangierens ist keine besondere Vorbildung notwendig.

Die Unvereinbarkeit von Web-Quellen und der Gutenberg-Belegkultur

Ein fataler Denkfehler hat sich hier unbemerkt eingeschlichen (und Schuld tragen eindeutig die Lehrenden): "Zitate" aus dem Web wurden und werden behandelt wie Zitate aus gedruckten Quellen. Die Idee der wortwörtlichen Zitation aus Büchern oder Fachzeitschriften steht und fällt jedoch mit der Idee, dass diese Quellen zumindest theoretisch irgendwo auffindbar sind. Das ist die Logik der Belegkultur der Gutenberg-Galaxis: Eine Quelle wird wortwörtlich zitiert, damit diese im Ernstfall auch bezogen werden kann – und sei es per Fernleihe aus einer Bibliothek am anderen Ende der Welt.

Im Internet herrscht eine andere Logik: Hier gibt es keinen verbindlichen, invarianten, einmal festgeschriebenen Textkorpus. "Quellen" verschwinden, werden umgetextet, Textpartikel, ja ganze Texte flottieren frei umher, tauchen mit und ohne Quellenangaben auf zahllosen anderen Webseiten wieder auf usw. Wie war es möglich, dass die Kulturwissenschaften einhellig "entschieden" haben, Webquellen nahezu jedweder Art in die höheren Weihen der wissenschaftlichen Zitierbarkeit aufzunehmen?

Vom Ende des Textverstehens im herkömmlichen Sinn

Der Höhepunkt der Absurdität ist mit dem "direkten wissenschaftlichen Zitat" aus der Wikipedia erreicht: Es erfreut sich insbesondere bei biographischen Abschnitten in akademischen Arbeiten größter Beliebtheit, zudem gilt die Wikipedia auch ganz allgemein als zitable Quelle für Fakten und Informationen jedweder Art.

Aber: Wenn's ohnedies schon in der Wikipedia steht, muss es dann nochmals per Copy/Paste und/oder leicht paraphrasiert in die eigene wissenschaftliche Arbeit hineinwandern? (Freilich sind prinzipiell auch leicht umgeschriebene Print-Texte redundant, aber hier gilt immerhin noch, dass gedruckte Fachliteratur in der Regel schwieriger zugänglich ist als die Seite de.wikipedia.org.)

Der Verrat am Vgl.

Und sogar die ursprüngliche Idee des inhaltlichen Verweises wurde verraten: Der Eigentext des Autors wurde früher mit einem "vgl." abgeschlossen, wenn auf die soeben skizzierten Ideen in der existierenden Literatur oder auf weiterführende Literaturtitel verwiesen wurde. Heute heißt "vgl. XY" am Ende eines Satzes, Absatzes oder Abschnitts: Von der Quelle XY habe ich ab- oder ein wenig umgeschrieben. Die endlose Abfolge von "Vgls" dieser Art ist fast so schlimm wie die Aneinanderreihung von Plagiatsstellen.

Die klassischen Konzepte der Gutenberg-Belegkultur und des Textverstehens aus dem Print-Zeitalter können für die Webkultur nicht gelten: Online-Texte werden nach ganz anderen Regeln erzeugt und auch anders rezipiert. Da seit ungefähr dem Jahr 2000 bereits tausende oder gar abertausende wertlose wissenschaftliche Abschlussarbeiten mit teils zahlreichen Web-Sampling-Stellen produziert wurden, sollten wir zur Schadensbegrenzung schnellstmöglich neue Spielregeln einführen, wie etwa:

  1. Direkte Zitate aus dem Internet nie zur Faktenvermittlung, sondern nur noch als illustrative Beispiele, wenn also das Zitat selbst thematisiert wird (kritische Distanz!)
  2. Verpflichtender Ausdruck/Screenshot jeder zitierten Website im Anhang
  3. Keine Zitate von der Wikipedia, außer zur kritischen Kommentierung
  4. Idealerweise sollte in wissenschaftlichen Arbeiten von Webseiten nur dann zitiert werden, wenn es tatsächlich wissenschaftliche Quellen sind (etwa Online-Auftritte von Journals etc.)

Doch wir haben das Zitiermodell aus dem Prä-Internet-Zeitalter unreflektiert der Web-Ära überstülpt. Dies könnte rückblickend ein schwerer Fehler gewesen sein.

Vom Schreiben von Sätzen zum Arrangieren von Web-Partikeln

Meine Beispiele zeigen, dass es in der Textkultur ohne Hirn kaum noch notwendig ist, Texte zu verstehen. Es genügt, sie ein wenig zu bearbeiten. Das Ergebnis ist ein dramatischer Qualitätsverlust bei den wissenschaftlichen Arbeiten, eine Unüberprüfbarkeit der Quellen und eine bis dato nicht für möglich gehaltene "kognitive Entlastung" der Autoren: Diese werden zu bloßen Dirigenten von Web-Partikeln. Sie können diese zu einem "wissenschaftlichen" Opus arrangieren, ohne sich mit den Inhalten vertieft auseinandergesetzt zu haben. Selbst das fachspezifischste Wissen wird im Web zum samplingfähigen Allgemeinwissen. Die pragmatische Dimension des Textes geht dabei verloren.

Wir sollten dringend diskutieren, was dieser von den Universitäten geduldete und oft sogar forcierte neue Umgang mit Texten für den Bereich des Anwendungswissens bedeuten wird. Mit anderen Worten: Welches Wissen ist eigentlich in den Hirnen der "Generation Google-Copy-Paste", nachdem diese die Universität verlassen hat?

Von Stefan Weber ist das Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden in der Reihe "TELEPOLIS" erschienen. Der Autor ist habilitierter Medienwissenschaftler aus Salzburg.

Dank an Michael Schmolke für Diskussionen, die mit zu diesem Artikel geführt haben.

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