Im Winde klirren die Fahnen

Eine Bestandsaufnahme zum schwarz-rot-goldenen Trotz in der Provinz

Im Sommer '06 verwandelte der völlig unverkrampft tobende Fußballnationalismus das ganze Land in eine einzige Leistungsschau der Flaggen- und Winkelementehersteller. Aber das "Sommermärchen" (S. Wörtmann) endete für die deutsche Mannschaft mit einem schlechteren Ergebnis als 2002, und die meisten schwarz-rot-goldenen Bekenntnislappen wurden relativ schnell wieder entsorgt. Einige der neuen Patrioten stehen aber treu zur Fahne oder lassen sie wenigstens hängen, bis sie vom Wind ganz zerschlissen ist.

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Florian Thalhofer befragte sie elf Tage lang in der ganzen Republik nach ihren Motiven - und landete ohne Umweg im Gruselkabinett der enttabuisierten deutschen Vaterlandsliebe.

Thalhofer geht gerne hin: Ob es sich um die Bewohner seines bayerischen Heimatorts, um Beduinen oder die Mieter in einer Bremer Hochhaussiedlung handelt (vgl. 13ter Stock: Life according to Korsakow), er erkundigt sich gerne persönlich bei den Leuten, die ihn interessieren. Wenn er die Ergebnisse seiner Forschungen und Interviews zusammenfasst, bedient er sich eines sehr speziellen, scheinbar völlig objektiven Stils, der zwar kaum Wertungen preisgibt, aber durch die Auswahl des Berichteten ein ständiges Staunen über die Welt verrät.

Ähnlich arbeitet in Deutschland vielleicht nur noch Gabriele Goettle (vgl. Was wissen), die mit ihren Alltagsreportagen ein vergleichbares Erkenntnisinteresse verfolgt, aber dabei nicht ganz so leichtfüßig wirkt wie Thalhofer.

Diesmal waren es also die trotzigen Flaggenfans, die er, unterstützt vom Goethe-Institut und seiner Mitarbeiterin Juliane Henrich, aufgesucht hat, um sie nach den Flaggen, ihrem Leben und dem ganzen Rest zu befragen. Zunächst ging es nur um ein blogartiges Reisetagebuch, am Ende soll aber wieder ein Film nach der "Korsakow"-Technik stehen, die sich Thalhofer für seine Dokumentationen ausgedacht hat.

Manche der Flaggenfreunde haben ihm gern Auskunft gegeben, wie zum Beispiel Herr Neuburger in Berlin-Neukölln, der seinen ganzen Balkon in Schwarz, Rot und Gold ausstaffiert hat, und darauf stolz ist, dass die Touristen vom gegenüberliegenden Hotel aus die ganze Pracht fotografieren. Er ist arbeitslos und ALG-II-Empfänger, er sagt:

Deutschland ist ein schönes Land und seit der WM darf man es auch zeigen.

Bekenntniseifer

Oder Frau von Döhren, eine ehemalige Äbtissin, der es zwar nicht auf Fußball, aber auf Symbole ankommt. Manchmal, so kolportiert Thalhofer, fallen ihr beim Anblick der Fahne Lieder aus ihrer Jugend ein; sie schaudert allerdings, wenn sie an die Texte denkt. Der anonyme Autofahrer in Wienhausen bei Celle, der seit der Weltmeisterschaft schon drei Klemmfahnen an seinem Auto verschlissen hat, denkt ähnlich wie Herr Neuburger aus Neukölln: "Weil ich stolz bin, ein Deutscher zu sein. Und jetzt kann man es auch sagen."

Herr Besser hingegen ist 86 und besitzt ein Hochhaus in Lübeck. Als Thalhofer anrief, um ihn zu der riesigen Deutschlandfahne auf dem Dach dieses Hochhauses zu befragen, brüllte er nur ins Telefon, dass "die Deutschen arbeiten sollen", und dass er seit "46 Jahren keinen Urlaub gemacht" habe.

In Brandenburg traf Thalhofer auf junge Neonazis, die es sich im Getränkeausschank von "Peter" wohl sein ließen. "Peter" hat zu WM-Zeiten seine Toreinfahrt schwarz-rot-golden anstreichen lassen, und das hat die Neonazis angezogen. Ihm ist das nicht recht, aber er bewirtet sie doch; sie sähen die Farben Schwarz, Weiß und Rot noch lieber; aber da die Reichskriegsflagge verboten ist, nehmen sie auch Schwarz, Rot und Gold. Andere Flaggenbesitzer wollten vor der Kamera lieber überhaupt nichts sagen.

Was auffällt: Oft ist die Rede vom Nationalstolz, den man "jetzt endlich" zeigen könne, gerade so, als hätten die Stolzen seit Jahrzehnten einen Makel mit sich herumgetragen, zu dem sie sich nun endlich ohne Angst vor Tadel oder Gelächter bekennen können. Einige versuchten diesen bizarren, unmotiviert wirkenden Bekenntniseifer noch mit intellektuellen Zierschleifen zu versehen, wie eine Frau Grön, die zwar keine Deutschlandfahne hatte, aber eine Meinung: Heimatgefühle, ob nationaler, religiöser oder kultureller Art ließen ein Zugehen auf das Andere überhaupt erst zu.

Herr Mendel, ein Hausbesitzer in Leipzig, muss viel interpretatorischen Aufwand betreiben, um die riesige Deutschlandfahne an seinem Haus zu erklären: Sie sei für ihn immer noch eine Fahne der Freiheit, sagt er, und sie hänge dort nicht für Deutschland, sondern Deutschland zum Trotz.

Kindischer Jetzt-erst-recht-Trotz und neopatriotischer Immer-noch-Stolz

Thalhofer hat es aufgeschrieben. Obwohl seine Sympathien oder Antipathien nie wirklich in Frage stehen, wirken seine Notate völlig ungefiltert - eine "optische" Täuschung, die, so vermutet man, auf hoher Kunstfertigkeit beruht. Aber sie funktioniert, weil Thalhofer keine Theoriebildung betreiben will, sondern nach einer speziellen Veröffentlichungsform für das scheinbar Private sucht - und dieser Veröffentlichungsform ist sein Stil angemessen. Filterung hin, Vorsortierung her - er strebt, so scheint es, zunächst einmal wirklich eine Bestandsaufnahme an, er lässt die Leute reden, und erst dadurch werden ihre bisweilen irrsinnigen Selbstverortungen und die bisweilen irrsinnigen Zustände, mit denen sie zurechtkommen müssen, so deutlich.

Wie bei Klaus Salman, der Thalhofer die bizarrste Story überhaupt erzählt hat. Als Türke sei er vor 38 Jahren nach Deutschland eingewandert, habe mit seiner Frau hier Kinder bekommen. Dann sei er krank geworden, die Ehe sei schief gegangen, die Frau habe ihn nach einer Operation auf die frische Narbe geschlagen und beinahe umgebracht. In all dem Elend habe ihm nur ein deutscher Anwalt beigestanden, die Scheidung abgewickelt und schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft ermöglicht. Aus Dankbarkeit hat er seinen türkischen Vornamen in den deutschen seines Anwalts umändern lassen, für eine Änderung des Nachnamens habe das Geld nicht gereicht. Thalhofer hört und vermerkt es. Was von der Geschichte wahr ist, oder nur geglaubt wird, möchte er nicht entscheiden, und als einzigen Kommentar erlaubt er sich die Bemerkung, dass die deutsche Flagge auf Herrn Salmans Balkon falsch herum hängt.

Wahrscheinlich ist Florian Thalhofer nicht vorurteilsfrei, aber er schafft es, seine Meinungen so weit in den Hintergrund zu schieben, dass die Geschichten der anderen Platz haben. Er nimmt alles mit: das offensichtlich Lächerliche und die Klischees des staatstragenden Ernsts, die sich erst in ihrem Kontext als lächerlich erweisen, den kindischen Jetzt-erst-recht-Trotz und den neopatriotischen Immer-noch-Stolz, und all die anderen Ungereimtheiten und Seltsamkeiten, die in diesem Zusammenhang so auftauchen. Es ist Anthropologie und Realsatire in einem. So entsteht aus seinem Material ein einzigartiges Mosaik in Schwarz, Rot und Gold, und auf den kommenden Korsakow-Film freue ich mich schon jetzt.

*Die Überschrift ist aus einem Gedicht Friedrich Hölderlins: Hälfte des Lebens

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