Tod den Mythen des Alltags
Das Volksvorurteil, Herzinfarkt sei eine typische Managerkrankheit, stimmt nicht
"Mythen des Alltags" nannte Roland Barthes irrationale Vorstellungen, Urteile und Vorurteile der Massen. Diese "Erzählungen" halten sich lange Jahre zäh am Leben, bis ihnen dann eines Tages die Empirie den Garaus macht. Dieser Tage hat für eine dieser Mythen wieder die letzte Stunde geschlagen: Falsch ist, so Medizinsoziologen, dass der Herzinfarkt eine typische Managerkrankheit sei. Vielmehr sind es die Kollegen vom anderen Ende der sozialen Stufenleiter - die Arbeiter - denen am häufigsten der Infarkt droht, sagt eine Untersuchung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Je niedriger die soziale Stellung, desto höher das Infarktrisiko - das ist in Kürze das Ergebnis der Studien von Prof. Johannes Siegrist, Leiter des Instituts für Medizinische Soziologie. Siegrist führte über mehrere Jahre das Forschungsnetzwerk "Soziale Ungleichheit von Gesundheit und Krankheit in Europa". Die Forschungsgruppe der Heinrich-Heine-Universität ist dabei an mehreren Studien beteiligt, die derzeit wichtigste wird seit dem Jahre 2000 in Essen durchgeführt und beobachtet den Gesundheitszustand von rund 4800 Erwachsenen.
Aufgrund zahlreicher Studien ist mittlerweile klar, so Siegrist, dass die gesundheitliche Verfassung eines Menschen in Zusammenhang mit und in Abhängigkeit von seiner sozialen Lage steht. Vor allem bei chronischen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauferkrankungen, Lungenkrebs, Diabetes, Schlaganfall oder Depression wird deutlich: Je niedriger der soziale Status, hier gemessen an der formalen Bildung, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung:
Die Gefahr einen Herzinfarkt zu erleiden ist bei Arbeitern inzwischen zwei- bis dreimal so hoch wie bei Führungskräften und Managern.
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Dies hat neben Einflüssen der Vererbung und der frühen Kindheit vor allem mit zwei bedeutsamen Bereichen zu tun. Zum einen mit gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen bei bildungsschwächeren Gruppen. Dazu gehört zum Beispiel ungesunde Ernährung, wenig Sport, Rauchen und Übergewicht (dieser Zusammenhang gilt im wesentlichen für Nord- West- und Osteuropa, interessanterweise aber nicht für den Süden). Der andere Bereich - und hier setzen die eigenen Forschungen der Düsseldorfer an - bezieht sich auf den Faktor Dauerstress im Arbeitsleben. Mehr gefährdet sind zum Beispiel Menschen, die viel leisten müssen, aber ganz wenig Kontrolle über ihre Tätigkeit ausüben können - der fremdbestimmte Arbeiter am Fließband etwa steht unter ständigem Zeitdruck mit ganz engen Handlungsspielräumen. Zum anderen ergibt sich ein schädigender Dauerstress am Arbeitsplatz, wenn ein Ungleichgewicht zwischen hoher Verausgabung und unangemessener Be- und Entlohnung besteht. Unangemessene Entlohnung kann auch heißen, dass der Arbeiternehmer keine Anerkennung für seine Arbeit bekommt, dass es an Aufstiegsmöglichkeiten mangelt, dass die Sicherheit des Arbeitsplatzes gefährdet ist. Dies führt zu einer "Gratifikationskrise", die sich als Dauerstress negativ auf die Gesundheit auswirken kann. Aber auch Dauerarbeitslosigkeit führt zu Stress und einem - statistisch gesehen - etwas erhöhten Sterberisiko.
Und der Mythos vom Herzinfarkt als einer typischen Managerkrankheit? "Dies hat sich", so Siegriest, "aufgrund der steigenden Belastung durch die zunehmende Intensität der Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert." Heute zeigen sich deutliche Unterschiede beim Herzinfarktrisiko, allerdings in gegensätzlicher Richtung - nun haben Arbeiter das höhere Infarktrisiko, das freilich gesamtgesellschaftlich insgesamt zurückgegangen ist.
Dass Menschen weiter oben auf der sozialen Leiter weniger von Herzinfarkten bedroht sind als die "Malocher" respektive bildungsfernere Schichten hat auch mit dem Vermögen zu tun, dem Berufsstress durch Maßnahmen wie Sport, Entspannung, Ablenkung, Sozialkontakte oder Kulturgenuss zu begegnen und erfolgreich kompensieren zu können. Diese Möglichkeiten werden in den unteren sozialen Schichten weniger wahrgenommen, hier dominiert - wenn man erschlagen von der Arbeit nach Hause kommt - die passive Entspannung wie Fernsehen.
Nebenbei: Die Empirie hat jüngst auch noch mit einem anderen Mythos aufgeräumt. Dabei hieß es, dass bei Frauen über 40 Jahren die Wahrscheinlichkeit von Terroristen entführt zu werden höher sei als die, einen Ehemann zu finden. Die Auswertung einer Volkszählung in den USA brachte allerdings in dieser Hinsicht eine Überraschung: Es sind "nur" die Frauen mit geringerer Bildung, die alleine bleiben, so ein Artikel in der amerikanischen Fachzeitschrift "contexts". Bei Frauen mit Hochschulbildung hingegen steigt die Wahrscheinlichkeit einer Eheschließung. Man sieht: Das Soziale hat das Herz sowohl medizinisch als auch libidinös voll im Griff.
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