Wissensgesellschaft 2.0.
Über Lebensverhältnisse, Arbeitsstrukturen und Kommunikationsbeziehungen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
Wie wir wissen, gibt es bekanntes Wissen und Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wie wir auch wissen, gibt es bekanntes Unwissen. Soll heißen: Wir wissen, es gibt Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch Unwissen, von dem wir nichts wissen. Die Dinge, die wir nicht wissen - wir wissen sie nicht.
Unsere Gegenwart ist eine Zeit epochaler Veränderungen - so sagt man, hört man und liest man. Dieser radikale Wandel betrifft ausnahmslos alle Sozialsysteme der Gesellschaft, die Politik ebenso wie die Wirtschaft oder die Moral, die Erziehung ebenso wie den Sport oder die Kunst. Die fordistische Phase des Kapitalismus, die einst aus den Manufakturtechnologien der zweiten industriellen Revolution hervorging, verblasst - und mit ihr die Ära der Schwerindustrie, der Massenproduktion und der Herrschaft starker Gewerkschaften.
Die dritte industrielle Revolution, vornehmlich von IuK-Technologien initiiert, von Mikrochips, lichtschnellen Datenverbindungen und vernetzten Rechnern, lässt aus der Industriegesellschaft die Wissens- oder Informationsgesellschaft hervorgehen. Wissen, und nicht mehr die Bearbeitung des Bodens durch Arbeitskräfte und Maschinen, avanciert zum wichtigsten Produktivfaktor. "Überall", so heißt es in der Magna Carta for the Knowledge Age stolz und blumig, "gewinnen die Kräfte des Geistes die Oberhand über die rohe Macht der Dinge[1]." Der "Sturz der Materie", aber auch die "Entmassung der Zivilisation" sind die zentralen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts.
Um ein Beispiel für das Ausmaß an Veränderung zu geben, die mit dem "Zeitalter des Wissens" herauf brechen: Nur noch ein Zehntel des Preises eines Mikrochips fußt mittlerweile auf dem Faktor Arbeit, während fast Dreiviertel davon auf den Faktor Wissen entfallen, auf Forschung, Entwicklung, Kontrolle. Wissen, weiß der Münchner Soziologe Wolfgang Bonß auf einer Tagung der Heinrich Böll Stiftung in Berlin[2] vor einigen Jahren zu berichten, wird zur "zentralen Vergesellschaftungsressource". Seine jederzeitige Verfüg- und Abrufbarkeit, ob in Form von Daten, Bildern und Symbolen oder in Form von Kultur, Ideologie oder Wertvorstellungen, wird dabei von zentraler Bedeutung für Individuen, Firmen und Gemeinschaften.
Weil sein Umfang exponentiell wächst, zwingt er alle Akteure zum beständigen Beackern und Bewirtschaften der eigenen intellektuellen Kompetenzen, zur Schnelllebigkeit privater Beziehungen ebenso wie zur Kurzfristigkeit in der sozialen Lebensplanung oder zur rationalen Abschätzung von Lebensrisiken. Konzepte wie Lebenslanges Lernen, Vorsorge oder die allgegenwärtigen Evaluationen weisen darauf hin, dass Selbstoptimierung unabschließbar geworden ist.
Es verwundert nicht, dass sich parallel dazu der Begriff der "Risikogesellschaft" (Ulrich Beck) bildet. Das hohe Tempo einer zunehmend global vernetzten Arbeitswelt sowie die damit verbundene Verpflichtung zur permanenten Verfügbarkeit, zu Flexibilität und Mobilität liefern keine "verlässlichen Zeiten mehr für Ehe und Partnerschaft", so Bundespräsident Horst Köhler jüngst in Berlin zur Eröffnung der zweiten Konferenz des von ihm und der Bertelsmann Stiftung gegründeten Forums Demografischer Wandel[3].
Die heutigen Realitäten, die digitale Netztechnologien schaffen, scheinen besonders die Entscheidung der Eltern für Kinder zu erschweren. Nach den Unbeweglichen, Kranken, Schwachen und Denkfaulen, gehören Kinder, geborene wie ungeborene, mit Sicherheit zu den Verlierern der "Wissensgesellschaft 2.0". Und das trotz oder gerade wegen aller staatlichen Fürsorgemaßnahmen oder -einrichtungen wie Elterngeld, Kindertageskrippen und Ganztagsbetreuung.
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Aber nicht nur das: Aufgrund des beschleunigten technischen und gesellschaftlichen Wandels veraltert das herkömmliche Wissen auch viel schneller als früher. Was gestern noch als gesichert galt, als fest oder in sich gefügt schien und möglicherweise Jahrtausende Bestand hatte, kann sich täglich oder binnen Stundenfrist ändern. Viele Entscheidungen, die sich auf Zahlen und Fakten gründen, können sich morgen verändern oder können schon kurz nach ihrer Entscheidung obsolet sein. Nicht zufällig wirbt ein hiesiger Radio-Infokanalsender für sein Programm mit den Wort: "In fünfzehn Minuten kann sich die Welt verändern."
A: Die Wissensgesellschaft 1.0
So vollkommen neu, wie Auguren, Protagonisten und Apologeten verkünden, ist das im Grunde nicht. Folgt man den Studien des englischen Kulturhistorikers Peter Burke, die er zum beginnenden Wissenszeitalter in seinem Buch Papier und Marktgeschrei niedergelegt hat[4], dann relativieren sich viele der überschwänglich und aufgeregt geführten Prognosen und Weissagungen der letzten Zeit. "Wir sollten", fasst Burke dort seine fast vierzigjährigen Forschungen zusammen, "nicht vorschnell annehmen, unser Zeitalter wäre das erste, das sich ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzt."
1. Wissensexpansion
Genau genommen sind die Reden über die "Wissensgesellschaft" schon ziemlich alt, rund fünfhundert Jahre nämlich. Ihre Anfänge datieren auf die frühe Neuzeit. Sie erreicht ihren Höhepunkt mit den Versuchen Jean le Rond d'Alemberts und Denis Diderots, das damalige Wissen über die Welt in eine "Enzyklopädie" zu packen, es zu sammeln und zu klassifizieren und durch ein besseres Wissen zu ersetzen.
Was heute gern als Siegeszug der Globalisierung gefeiert wird, Mauerfall und Internet, gelingt dem Buchdruck bereits post 1450 mühelos. Mit seinen beweglichen Lettern löst die neue Drucktechnologie eine Kettenreaktion aus. Zunächst einmal vereinfacht sie die Möglichkeit, schriftliche Produkte massenhaft zu vervielfältigen und zu verbreiten. Gleichzeitig beschleunigt sie auch die gesellschaftliche Kommunikation und öffnet damit vormals geschlossene Mauern, Grenzen und Horizonte. Was vorher als Wissen galt (Scholastik), und von der Kirche streng kontrolliert, überwacht und religiös sanktioniert wurde, wird jetzt Gegenstand heftiger öffentlicher Diskussion und gesellschaftlicher Vereinbarung.
Außer Gutenbergs Erfindung sorgen auch andere weltpolitische Ereignisse wie die Entdeckung Amerikas, die Reformation oder die allmählich sich entwickelnde Weltwirtschaft für eine Explosion des Wissens, aber auch für die Geburt jener Globalisierung, die Thomas Friedmann als 1.0 bezeichnet[5]Denn mit Kolumbus wird nicht nur der Nachweis für den Kugelcharakter der Erde erbracht, seine Entdeckungsfahrt ebnet auch dem Handel zwischen Alter und Neuer Welt den Weg[6].
Um dieses neu erlangte Wissen zu sammeln, zu ordnen und zu klassifizieren, braucht es daher einer Vielzahl neuer Strukturen, Verarbeitungsmethoden und Navigationshilfen, die durch das Informationsmeer aus gedruckten Traktaten, Pamphleten und Büchern geleiten. "Wissensmanagement" ist folglich kein erstmaliges Problem, das Wirtschaftsmagazine oder betriebswirtschaftliche Lehrstühle aktuell entdecken müssen, sondern ist der "globalen" Gesellschaft von Anbeginn an eingeschrieben.
2. Wissensarbeiter
Zugleich bildet die rasche Zunahme an neuen Ideen, Einsichten und Wissen auch den Startschuss für eine neue Art von Spezies, den Wissensarbeiter, Wissensvermittler oder Wissensmanager. Sie, damals noch Humanisten und Gelehrte, später Intellektuelle und Experten genannt, werden zu Trägern und Verbreitern einer neuen "Kultur des Wissens".
Sie deuten nicht nur das alte Wissen erfolgreich um, riskieren den Bruch mit der religiösen Tradition und prägen neue Weltbilder und Denkstile; sie gründen auch Gruppen, Zirkel und Netzwerke, Institutionen, Akademien und Kuriositätenkabinette und treten damit nach und nach aus dem langen und mächtigen Schatten, den Kirche und Theologie werfen.
Bevölkern die einen die Vorhöfe der Macht und dienen sich Königen, Fürsten und anderen mächtigen Würdenträgern als Berater, Agenten oder Informanten an, halten die anderen Vorträge vor Kaufleuten und großen Handelsgesellschaften oder verdingen sich in Bibliotheken, Museen und Kanzleien als Schreiber, Verleger und Kontoristen.
3. Regierungswissen
Auch wenn die Nachfrage vor allem an juristisch ausgebildeten Beamten stetig wächst, um den enormen Bedarf an aktenmäßiger Erfassung und Verwaltung (Bürokratie) zu bewältigen, sind die Mächtigen sehr bemüht, die Erzeugung und ungehinderte Verbreitung des Wissens genau zu kontrollieren. Sowohl die Nutzung durch den Fürsten als auch die Bündelung des Wissens in der Hand des Fürsten gilt seinerzeit als ebenso legitim wie der Einsatz der Zensur oder der Inquisition zum Schutz dieses Wissens.
Und zwar nicht nur, weil Regierungen immer abhängiger von Daten und Informationen werden, die sie von einer namenlosen "Kultur der Sekretäre"[7] verwalten lassen. Oder, weil sie systematisch Erkundigungen über die eigene Bevölkerung einholen, um Verbrechen vorbeugen, auf bestimmte Probleme wie Aufruhr, Seuchen oder Kriege schnell reagieren oder sie mittels Institutionen und anderer Praktiken in ihrem Sinne lenken zu können (Gouvernementalität)[8]. Sondern auch, weil sie Regierungsarchive und Staatsgeheimnisse (arcana imperii) vor den begehrlichen Blicken rivalisierender Fürsten und Könige schützen müssen.
Alle europäische Großmächte wissen: Wer über andere Teile der Welt herrschen will oder Rivalen in Schach halten will, ist gezwungen, fleißig Daten und Informationen über die Welt zu sammeln und dieses Wissen vor dem Zugriff anderer Konkurrenten möglichst zu schützen.
4. Wissensmärkte
Doch all diese Maßnahmen zur Abschottung, Unterdrückung und Kontrolle des Wissens durch kirchliche und staatliche Obrigkeiten können nicht verhindern, dass alsbald, und befördert durch Raub- und Nachdrucke, regelrechte "Märkte des Wissens" in Alteuropa entstehen und relativ privates oder gar geheimes Wissen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. "Die Kommerzialisierung des Wissens", bilanziert Burke seine Recherche, "ist so alt wie der Kapitalismus selbst."[9]
Gewiss befreien die Warenförmigkeit des Wissens und die Mobilisierung der Information die Träger, Vermittler und Manager des Wissens von traditionellen Bindungen, Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten. Sie ebnen den Weg zu Gruppenidentitäten, die sich durch "Unparteilichkeit' und "kritische Distanznahme" gegenüber kirchlichen wie staatlichen Fraktionen auszeichnen, sodass kein Wissensarbeiter fortan mehr gezwungen ist, sich "mit einer der gesellschaftlichen Gruppen ihrer Welt völlig und bedingungslos zu identifizieren."
Weil sie aber auch als Wissensunternehmer in Erscheinung treten und ihre Kenntnisse und Dienste je nach Marktlage den unterschiedlichsten Herren und Unternehmen zum nutzbringenden Gebrauch anbieten, wirft die gewinnbringende Nutzung des Wissens, an dem die Wissensarbeiter häufig "gewerblich" beteiligt sind[10], bereits damals die Frage nach dem Schutz geistigen Eigentums (Urheberrecht) auf.
Wie lassen sich angesichts einer dynamischen und freien Konkurrenz, in der bereits ein marginaler Vorsprung an Marktinformationen für den Besitzer derselben äußerst profitabel sein oder werden kann, Patente und Prototypen, Manuskripte und Geschäftsgeheimnisse vor Piraterie und Spionage zu hüten? - Was als privat und was als Gemeineigentum (Wissensallmende) anzusehen ist, ist daher kein Problem, das erst mit dem Internet und digitalen Tauschbörsen entstanden ist, sondern ist so alt wie die "Wissensgesellschaft" selbst.
5. Wissensstandorte
Nicht zu übersehen ist schließlich auch die gestiegene Bedeutung der Standorte des Wissens. Zwar standardisiert schon der Buchdruck Wissen, sodass es immer mehr Menschen möglich wird, identische Texte und Bilder an unterschiedlichsten Orten und Plätzen zu lesen und zu beobachten. Doch sind deswegen Wissen und der freie Zugang zu ihm nicht überall und gleichmäßig verbreitet. Die neu entstandenen Räume (Archive, Bibliotheken, Museen ...), und Kartografien (Landkarten, Protokolle, Statistiken ...) des Wissens[11] sind territorial höchst unterschiedlich verteilt und nicht losgelöst vom geografischen Ort zu betrachten, an dem es gesammelt, gelagert und neu aufbereitet wird.
Die Verarbeitung, Speicherung und Verbreitung von Wissen folgt schon in der frühen Neuzeit dem Modell von "Zentrum und Peripherie". Wissen fließt nicht nur von den Peripherien Europas zu ihren Zentren, diese befinden auch darüber, wohin es sich ausbreitet. Neben traditionellen Orten wie Klöster und Galerien, Laboratorien und Hörsäle, Salons und Kaffeehäuser sind es vor allem bedeutende Städte wie London, Amsterdam, Salamanca oder Sevilla, die sich nach und nach zu wahren Drehscheiben, Schnittpunkten und Umschlagsplätzen des Wissens entwickeln.
In diesen Kapitalen werden nicht nur Informationen gehandelt und weitergegeben, dort ballt und konzentriert sich auch all jenes Wissen, das der Ausweitung der Kommunikationskanäle sowie der fortschreitenden Verbreitung gedruckter Erzeugnisse entspringt. Die "Zentralisierung von Wissen und Macht" geht demnach Hand in Hand mit dem Aufstieg einiger weniger großer europäischer Städte und dem Entstehung einer globalen Wirtschaft.
B: Wissensgesellschaft 2.0.
Allein dieser kurze Streifzug durch die Geschichte des Wissens zeigt, dass die "Wissens- und Informationsgesellschaft" kein gänzlich neues Phänomen ist.
Vorfahrt für naturwissenschaftlich-ingenieurstechnisches Wissen; Einfluss von Computerrechnern, Internet und Suchmaschinen auf Forschung und Entwicklung; Fallen geografischer Zäune und Grenzen zugunsten des Free Flow of Information; Schleifen bürokratisch-zentralistischer Organisationen zugunsten flacher Hierarchien; gewachsene Bedeutung von Eigentum, Markt und individueller Freiheit; Wandel einer internationalen Ordnung souveräner Staaten zu einer globalen Ordnung von riesigen transnationalen Kapitalströmen - mithin alle Kriterien und Merkmale, die von ihren Propheten zur Begründung angeführt werden, sind oder werden mit dem Buchdruck bereits grundgelegt.
1. Gradueller Art
Dies zeigt: Die Auswirkungen auf die Verarbeitung, Speicherung und Verbreitung der Information sind damals bestimmt so radikal gewesen wie es die Umstellung des Wissens von analog auf digital für heutige Verhältnisse ist. Unterzieht man die Gutenberg- und Turing-Galaxis einer "wissenssoziologischen" Analyse, dann erscheint der gesellschaftliche Wandel weit weniger revolutionär als viele meinen. Die "globale Netzwerkgesellschaft", die vom fröhlichen Geist des Informalismus beseelt und von der Glück verheißenden Macht der Information erfüllt ist[12], kann im besten Falle als Vorläufer oder als ein Update jener Wissensgesellschaft beobachtet werden, die sich am ausgehenden Mittelalter bereits formiert.
Die meisten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen, Probleme und Konflikte, die wir oben nur gestreift haben, kehren auf höherer Ebene wieder. Sie bleiben entweder weiter auf der Agenda (Informationsfreiheit, offene Protokolle, freier Zugang ...), verschärfen sich (Urheberrecht, Piraterie, Proliferation, ...) und spitzen sich zu (kulturelle Differenz, fairer Handel, soziale Anerkennung ...), oder sie präsentieren sich weiterhin als unlösbar (Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Sinnhaftigkeit ...) und lösen sich von selbst (Entmassung, Teilhabe, Demokratisierung ...).
2. Vernetzt, verdichtet, kopflos
Als wichtiger Kronzeuge für das Unspektakuläre des Vorgangs kann vielleicht der deutsche Soziologe Niklas Luhmann gelten. Er beschreibt in soziologisch-funktionalistischen Termini, was der oben bereits zitierte Thomas Friedman unter dem Stichwort Globalisierung 2.0 verbucht. Sind es um 1500 europäische Großmächte, die die Globalisierung 1.0 vorantreiben, erweisen sich zwischen 1800 und 2000 global agierende Unternehmen als Motoren ökonomischer Integration und weltweiter Nachbarschaft.
Globalisierung, deren Effekte Luhmann im Begriff der "Weltgesellschaft" fasst[13], meint zunächst nichts anderes als die weltweite Vernetzung und Verdichtung von Marken, Medien und Kapital. Anders als bei Marshall McLuhan, der die Welt via Massenmedien zu einem "globalen Dorf" zusammenwachsen sieht, verstärken diese die spezifisch westliche Form der funktionalen Differenzierung. Durch sie erreicht die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in autonome Teilsysteme Weltmaßstab.
Im Prinzip gibt es, sieht man mal von Ausnahmen wie Nordkorea, Myanmar und den Iran ab, auf dem Globus keine abgeschotteten Räume, Märkte und Horizonte mehr. Keine Region oder Nation kann fortan ignorieren, dass es woanders auf der Welt politisches, juristisches oder wissenschaftliches Wissen gibt. Die Grenzen zwischen sozialen Organisationen (Nationen, Firmen, Parteien, NGOs ...) verlaufen nicht mehr ethnisch, national oder staatlich, sondern entlang sozialer Anschlusskommunikationen und sind fließend.
Blieb das, was sich früher im Sudan, in Bhutan oder auf Lombok zutrug, der Bruch eines Staudamms oder der Ausbruch einer Hungersnot, für den Rest der Welt folgenlos, weil die Grenzen oraler Stammesgesellschaften mit den Grenzen ihres Siedlungsgebietes zusammenfielen, verhält sich das mittlerweile völlig anders. Aufgrund der weltweiten Vernetzung der Kommunikation berichten Übertragungsmedien wie Funk, Fernsehen und Internet unmittelbar nach Ausbruch des Geschehens und in Echtzeit von dort.
So kann der Ausbruch eines Grippevirus in einer südchinesischen Straßenküche (Sars), der Fund von Massenvernichtungswaffen im Iran oder ein verheerendes Selbstmordbombing in einer europäischen Metropole binnen Sekunden ein mittleres politisches oder wirtschaftliches Erdbeben auslösen, das Aktien und ihre Kurse an den Weltbörsen ins Bodenlose stürzen lässt und Sicherheitsrat, Regierungen und Militärs in Alarmzustand versetzt.
Neu ist vielleicht, dass diese Weltgesellschaft nirgends mehr ein organisierendes Zentrum, eine Spitze oder einen Feldherrnhügel besitzt, von der aus sie gelenkt, gesteuert oder beobachtet werden kann. Die globale Gesellschaft muss ohne Zentralagentur, Steuerungszentrale oder Superhirn auskommen[14]. Die "Gleichzeitigkeit aller Operationen und Ereignisse" verhindert, dass weder die Politik noch die Wirtschaft, die Wissenschaft noch die Religion die Weltgesellschaft steuern könne, eine Einsicht, die sowohl von linken Globalisierungskritikern wie Michael Hardt und Antonio Negri als auch Politikberatern wie Joseph S. Nye geteilt und vertreten wird[15].
3. Verfügbarkeit, Tempo, Zeitmangel
Neu ist auch der Grad der Vernetzbarkeit der Systeme, mithin das Maß, in dem der einzelne erreichbar ist oder er andere erreichen kann. Diese sozialkulturelle Integration, die das World Wide Web schafft, trägt enorm zur Einebnung, Schrumpfung und Horizontalisierung der Welt bei. Mit ihm existiert eine globale Plattform, auf der Menschen aller Herren Länder miteinander rund um die Uhr in Kontakt treten können, wirtschaftlich, politisch, kulturell oder privat. Glasfaserkabel und Benutzerfreundlichkeit sorgen dafür, dass immer mehr Menschen miteinander kommunizieren, sie können über das Netz Wissen austauschen oder miteinander spielen[16], Firmen gründen oder Partnerschaften anbahnen, Waren kaufen und verkaufen, Dienstleistungen anbieten oder sich einfach "elektronisch" näher kommen.
Und neu ist schließlich auch die ständige Verfüg- und Nutzbarkeit bestimmten Wissens durch Unternehmen, Gruppen und Individuen. Datenbanken, Internet und Suchmaschinen erweitern und bereichern die Möglichkeiten in nahezu jedem Bereich, während die Speicherkapazitäten für das stündlich wachsende Wissen steigen. Mittlerweile kann man die Erinnerungen eines Lebens auf einen Sechs-Gigabyte-Chip platzieren, während Computerfirmen Rechner mit 400 Gigabyte Speicher anbieten.
Zugleich nehmen auch die Menge der Kommunikationspakete sowie das Tempo, mit dem heute Daten und Information jenseits aller ethnischen, geschlechtlichen und kulturellen Barrieren von Kontinent zu Kontinent wandern, an Rasanz ständig zu. Zeitungen und Magazine noch vor ihrem Drucktermin online zu lesen, Informationen zu googlen oder Eigenbeobachtungen vor Ort als Blog, Bildblog oder Podcast ins Netz zu stellen, individualisieren Senden und Empfangen und befreien den User vom lästigen und zeitraubenden Gang zum Kiosk, in die Bibliothek oder zur Fernleihe. Schreibtisch und Bildschirm, der seinem Benutzer dank Laptop, Handy, WLAN und Hotspots überall hin folgen kann, wird zum Einfallstor für das Globale, die Verbindung von jedem mit jeden und jedes mit jedem.
Alvin Toffler, Mitverfasser der Magna Carta und namhafter Vertreter einer Ökonomie der "dritten Welle", ist sogar davon überzeugt, dass Zugänglichkeit und die ständige Verfügbarkeit von Wissen für alle in eine neue Wohlstandsordnung[17] münden wird. Die Verschmelzung von Produktion und Konsumtion" führt, wie er meint, zur Explosion der "geldlosen" Ökonomie. Dreht sich in der Wirtschaft der "ersten" (Land- und Agrarwirtschaft) und "zweiten Welle" (Schwerindustrie) alles um Knappheit und Mangel, ist Wissen, das die "dritte Welle" (Dienstleistungen) dominiert, schier unerschöpflich. Es verbraucht sich nicht wie ein Auto, ein Pullover oder eine Maschine, Algorithmen, Gesetze und Formeln kann man immer anwenden. So lässt sich eine Maschine, die auf einem Feld tätig ist, nicht gleichzeitig von einem anderen nutzen, Arithmetik, Stochastik oder das Gesetz des freien Falls hingegen von vielen Menschen und das zur selben Zeit.
Wissen ist aber auch mobil, es ist digitalisierbar und lässt sich in Symbolen und Abstraktionen komprimieren. Da es inzwischen immateriell und von nichtlinearer Art ist, lassen sich für den Schlauen und Cleveren schon mit kleinen Einsichten oder Geschäftsideen immens hohe Erträge erwirtschaften. Man denke nur an Unternehmen wie Goggle, die mit ihren Suchmaschinen Milliarden von Dollars wert sind, obwohl die Firma auf keinen materiellen Kern verweisen kann. Und da es, mehr noch, leicht kopier-, übertrag- und entwendbar ist, ist es nur schwer vor Piraterie (Tauschbörsen, Datenklau, Raubdruck) oder Weiterverkauf (Proliferation) zu schützen.
Das Verhalten von Ländern wie China illustriert anschaulich, wie leicht der Diebstahl geistigen Eigentums mittlerweile geworden ist, wie erfolgreich die Strategie der Abschöpfung industrieller Neuerungen in der Wissensgesellschaft 2.0 sein kann, und wie wenig der Rest der Welt gegen diese Form des Kopismus und der Piraterie wirklich etwas tun kann. Niemals in der Geschichte der Menschheit hat es "ohne Krieg und Eroberung einen solchen Wissenstransfer gegeben"[18]. Er stellt Kernkompetenzen in Frage, deindustrialisiert Regionen und leitet einen wirtschaftlichen Schrumpfungsprozess ein, der eine vormals blühende oder prosperierende Volkswirtschaft binnen Jahren zum Problemfall werden lassen kann.
Konterkariert und ausbalanciert wird das durch die Verlagerung von Leistungen aus der Geldökonomie in den "geldlosen" Bereich. Mehr und mehr Unternehmen delegieren Arbeiten und Dienstleistungen, die vorher Angestellte erledigt haben, an den Konsumenten. Sind diese beispielsweise früher zur Bank gelaufen, um Geld abzuheben, benutzen sie heute einen Bankomaten, den sie selbst bedienen müssen. Brachten sie früher selbst einen Film zur Agfa-Zweigstelle, entwickeln sie ihn mittlerweile selbst. Und zwar genauso wie Worte, Filme, Bilder und CDs, die sie am PC produzieren, um sie danach bei MySpace.com, YouTube.com oder Flickr.com zur allgemeinen Belustigung oder kritischen Würdigung ins Netz stellen.
Aus dem reinen Konsumenten und bloßen Empfänger von Botschaften ist der Prosument geworden, einer, der Produzent und Konsument, Sender und Empfänger zugleich ist, aber für seine Dienste und Erzeugnisse in aller Regel nicht entlohnt wird. Diese Arbeitstätigkeiten, der er freiwillig und unentgeltlich für sich (Selbstvermarktung), für andere (Open Source, Wikipedia) oder anstelle eines anderen (Eigenverantwortung, Vorsorge) erledigt, erhöhen jedoch den Stressfaktor und sorgen obendrein dafür, dass dem Erfolgreichen, Umtriebigen und Wendigen immer weniger Zeit zur Verfügung steht, für Altenpflege und Kinderaufzucht, Partnerschaft und Nahrungszubereitung oder Müßiggang.
4. Mehr Akteure, Talente und Rivalen
Mögen solche Neuerungen, die ich hier eher lückenhaft und exemplarisch aufliste und andeute, auf der soziologischen Ebene auch längst nicht so gravierend sein, wie manche nassforschen Zukunftsforscher gern meinen, bedeutet das im Umkehrschluss jedoch nicht, dass unsere Form und Gewohnheit zu leben und zu wirtschaften, zu arbeiten und zu kommunizieren nicht einer gewaltigen Transformation unterzogen wird.
Denn mit dem Siegeszug und der verstärkten Nutzung von Digitalrechnern, Programmen und Netzwerktechnologien in Betrieben, Büros und Haushalten geht eine historisch bislang einmalige Verschlankung, Automatisierung und Optimierung von Produktionsvorgängen und Wertschöpfungsketten, von Vertriebskanälen und Verwaltungsabläufen einher. Dadurch verändern sich nicht nur traditionelle Geschäftsmodelle, Arbeitsverhältnisse und Kommunikationsbeziehungen zwischen Firmen, Verbänden und Personen von Grund auf, sie verlangen auch von Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Kunden ein Höchstmaß an Flexibilität, Mobilität und Nonstop-Engagement für den Betrieb, die Firma oder die Behörde.
Mauerfall, Sturz des Kommunismus und die Genese eines für alle offenen Marktes; der Aufstieg des Personalcomputers und die Möglichkeit eigene Worte, Bilder und Daten am Schreibtisch zu kreieren; die Geburt des Internet und der fast kostenlose Transport riesiger Datenmengen; der Einsatz von Workflow-Systemen und Workflow-Software, die Ausführung und Koordination einzelner aufeinander folgender Arbeitsabläufe oder Geschäftsoperationen automatisieren - all diese Entwicklungen haben allein in den letzten fünfzehn Jahren diesen Trend nochmals verstärkt und beschleunigt. Work- und Cashflow sind für die Wissensgesellschaft 2.0 das, was Fließband, Model-T und Taylorisierung für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren. Vor allem durch Nutzung des Potentials von Netzwerken, Telekonferenzen und dynamischer Software, ist die Welt nochmals um ein Vielfaches geschrumpft und fast vollkommen flach geworden.
Seit dem Eintritt Russlands, Chinas und Indien in die Welthandelsgesellschaft konkurrieren und/oder kooperieren viel mehr Menschen, Firmen und Regionen als jemals zuvor in immer mehr Winkeln der Erde in Echtzeit miteinander. Im globalen Feilschen um Talente, Ideen und Kapital müssen sich die Akteure mental nur an eine minimale Regel halten: besser, schneller und effizienter sein als alle anderen. "Die Mitspieler im globalen Wettbewerb", so bringt es der indische Software-Spezialist Nanden Nilekani auf dem Punkt, "haben in einem immer stärkeren Maße die gleichen Voraussetzungen - das Spielfeld wird, wenn Sie so wollen, eingeebnet."[19]
Ein ins Mandarin übersetztes afrikanisches Sprichwort, das Friedman an einer chinesischen Fabrikwand findet, macht deutlich, was der Inder meint: "Jeden Morgen erwacht in Afrika eine Gazelle. Sie weiß, sie muss schneller rennen als der schnellste Löwe, oder sie wird gefressen. Jeden Morgen erwacht in Afrika ein Löwe. Er weiß, er muss schneller rennen als die langsamste Gazelle, oder er wird verhungern. Egal ob Löwe oder Gazelle - bei Tagesanbruch muss man rennen" (S. 173).
Kein Wunder, dass die Erzeugung, der Handel und der proprietäre Besitz an Daten, Patenten und Programmen, aber auch die Jagd nach Begabungen, Fähigkeiten und Kompetenzen ("Humankapital"), die in der Lage sind, Wissen zu erzeugen, zu verteilen und zu kommunizieren, zu den wichtigsten Trägern des sozialen Fortschritts im 21. Jahrhundert gehören. Weswegen ökonomische Potenz, politische Macht und kulturelle Bedeutung eines Staates, einer Firma oder eines Vereins in der Wissensgesellschaft 2.0 fundamental von der Gewinnung, Speicherung und Verarbeitung von Information und Wissen abhängen werden[20].
5. Workflows, Individuen, kurze Wege
Auch wenn der Ressourcenfluss von Arbeit, Kapital und Information fast nach allen Seiten hin offen ist, muss dies nicht unbedingt oder automatisch zu einer Win-Win-Situation führen, zu mehr Wohlstand, Innovation oder Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Staaten und Individuen. Gewiss sind durch die Öffnung von Märkten, Räumen und Horizonten alle Wissenszentren der Welt zu einem einzigartigen Netzwerk verbunden. Wie in der Wissensgesellschaft 1.0 erweisen sich Städte und Regionen, und nicht unbedingt Staaten und Nationen als Gewinner der neuen Weltordnung. Nur wer in einem Wissenszentrum lebt, an Hochgeschwindigkeitsnetze angebunden ist und folglich die kurzen Wege für sich und sein Unternehmen nützen kann, ist auch in der neuen "Ära des Wissens" vorne dran[21].
Gleichzeitig hat aber auch ein Austauschprozess zwischen den Systemen eingesetzt, an dessen Ende eine regionale Angleichung von Ost und West, Arm und Reich, stehen wird, der wirtschaftlichen und sozialen Auf- und Abstieg für jeden der Beteiligten nach unten wie nach oben bereithält[22]. Vor allem die bisherigen Gewinner, die wohlhabenden Staaten des Westens, haben viel zu verlieren, wenn sie ihr Haus nicht in Ordnung bringen und beispielsweise ihre Bildungsarbeit und Ausbildungssysteme nicht auf die neuen Anforderungen eichen. Sie sind mit Billiglohnländern, mit Tigerstaaten und den aufholenden Staaten des Ostens konfrontiert, die denselben Lebensstandard anstreben wie sie.
Global operierende Unternehmen nutzen das weidlich aus. Sie folgen den Lockungen von Billiglohn und Steuerfreiheit (Kostendruck), sie lassen bestimmte Tätigkeiten von anderen Firmen ausführen (outsourcen) oder sie verlagern Unternehmensteile nach Asien und produzieren gleich vor Ort (Offshoring). Für die Industriestaaten heißt dies, dass ihre Sozialsysteme von den Work- und Cash-Flows des globalen Kapitalismus geschliffen werden. Sie müssen, wenn sie attraktiv für Investitionen und damit international "konkurrenzfähig" bleiben wollen, Ansprüche des Einzelnen an den Staat senken und Vorsorge und Eigenleistung für Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Alter an das Individuum delegieren.
Für Thomas Friedman ist dies der "tipping point" für die Globalisierung 3.0. Dank Digitalisierung, Personalisierung und drahtloser Funkverbindungen kann jeder Daten sammeln, bearbeiten und von jedem Ort an jeden Ort übermitteln. In Zukunft hat jedes Individuum, gleich ob schwarz oder weiß, Mann oder Frau, Erwachsener oder Jugendlicher die Möglichkeit, auf globaler Bühne mit allen anderen Individuen zu kooperieren oder zu konkurrieren. Und dank sozialer Netzwerke wie MySpace.com oder Xing.com kann jeder Einzelne sich, seine Dienste oder Produkte globalisieren. Er kann seine Inhalte weltweit anbieten oder Geschäftskontakte neu knüpfen, er kann neue Vertriebswege erkunden oder sich als künftiger Mitarbeiter empfehlen.
Diese Machtverschiebung, weg von starken Organisationen hin zu Individuen und Kleingruppen, bringt derzeit allerhand Unruhe in die Wirtschaft. Sie bedroht traditionelle Bürokratien und Hierarchien, von den Bloggern, die von etablierten Medien gefürchtet werden[23], bis hin zum Jungunternehmer, der mit wenigen Mitarbeitern eine große Firma in Bedrängnis bringen kann, indem er sich Nischen in der Produktion erobert.
Diese Unsicherheit wird durch den Druck, alle Vorgänge und Prozesse permanent zu hinterfragen, Kunden zu betreuen, Wertschöpfungsketten zu überprüfen und zu verfeinern, Forschung und Entwicklung zu verstärken und mögliche Rivalen am Markt eingehend und ständig zu beobachten, noch verstärkt. Nicht nur auf Seiten der Unternehmer und der Unternehmen. Sondern auch auf der Seite der Arbeitnehmer und Lohnabhängigen. Denn alles, was sich digitalisieren oder in einfache oder Routinearbeiten auslagern lassen kann (Dienstleistungen), wird künftig zum billigsten Anbieter transferiert, Steuererklärungen und Webauftritte, Büroarbeiten und Beratungen aller Art.
6. Unsichtbares Programm
Ihren "wissenssoziologischen" Ort findet die Wissensgesellschaft 2.0. in der Kybernetik, in genau jener "Kunst der Steuerung und Lenkung komplexer Ereignisse und Prozesse" also, die ihr systemisches Wissen auf der Logik von Selbstorganisation, Vernetzung und Rückkopplung gründet und das in aller Regel zu spezifischen Subjektivierungsformen führt[24].
Mit ihrem Aufstieg zur neuen Leitwissenschaft Mitte des letzten Jahrhunderts geht eine Verschiebung des Taylorismus und Fordismus zu Prozessen symbolischer Kontrolle und Bottom-up Verfahren einher. Statt der exakten Messung von Zeiteinheiten, der minutiösen Zerlegung von Arbeitsschritten und Bewegungsabläufen im Produktionsprozess rücken komplexe, nicht-lineare Prozesse in den Mittelpunkt. Um der Kontingenz, Offenheit und Vernetzung von Maschinen, Medien und Menschen Rechnung tragen, werden sie zu schlagkräftigen Verbänden und variablen Systemen verknüpft.
Lernen bzw. die Lernfähigkeit von Individuen und Organisationen, von Personen und Regierungen, Unternehmen und Verwaltungen avancieren zum zentralen Modus und Inhalt gesteuerter Entwicklung, wobei Lernen nur eine Form der Rückkopplung darstellt, das aber, um zur Information logisch höheren Typs zu werden und eine Optimierung der Leistung zu erreichen, den verstärkten Einsatz so genannter Soft Skills oder "intellektueller Technologie" wie Zielorientierung, Projektarbeit, Teamwork verlangt.
7. Update Yourself
Es ist kein Zufall, dass Selbststeuerung, die im Begriff der Steuerung, Regelung oder Lenkung mitschwingt, mit der pädagogischen Formel der "Selbsttätigkeit" kompatibel ist. Und es ist auch kein Zufall, dass Montessori-Pädagogik, Projektarbeit und die Autonomisierung von Bildungsanstalten in Klassenzimmern, Hörsälen und Seminarräumen Einzug gehalten haben und Kultusministerkonferenzen sich von Monitoring und Bildungsstandards, Evaluation und Kundenorientierung die Lösung aller PISA-Probleme erwarten. Die Selbstentwicklung oder "innere Führung" der Subjekte, liebevoll mit Selbst-Empowerment umschrieben, stellt längst einen zentralen Topos der Erziehungs- und Bildungstheorie dar. Sie spielt in lernenden Unternehmen eine ebenso tragende und wichtige Rolle wie in staatlichen Bildungseinrichtungen und Sozialfürsorgestationen.
Im Prinzip der "Selbstermächtigung", das jenes emanzipatorische Potential der 68er Generation wieder aufgreift und in kybernetische Begrifflichkeiten umdeutet, in Selbststeuerung und Eigenverantwortung, verdichtet sich die systemische Logik der Selbstorganisation auf wunderbare Weise und führt zu einer besonderen Art regulierter Freiheit oder kontrollierter Autonomie. Nicht umsonst ist seitdem eine Expansion pädagogischer Praktiken in die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft zu beobachten, die mit dem Stichwort der "Psychologisierung" und "Pädagogisierung" des Alltags und der Lebenswelt wirkungsvoll umschrieben wird und eine Ausweitung des Schul- oder Arbeitstages (Frühförderung, Ganztagsschule, Samstagsunterricht) auf den Nachmittag, das Wochenende oder den Feiertag zum Ziel hat.
8. Create yourself
In postheroischen Unternehmenskulturen mit ihren schlanken Unternehmen, flachen Hierarchien und kurzen Wegen zum Projektleiter sind diese Ziele bereits realisiert. Längst sind Begriffe wie "lebendige Subjektivität"[25] und der kompetente Mitarbeiter der Dotcom-Kultur in die Old Economy eingewandert und "Zielvereinbarungen" an die Stelle starrer Arbeitszeiten und Arbeitsverträge getreten. Sie haben sich den "neuen Geist des Kapitalismus"[26] zueigen gemacht, der den mobilen und flexiblen Charakter fordert, auf Kreativität und Eigeninitiative der Akteure setzt und mit den Parolen "Teamarbeit", "Kompetenz" und "Innovation" hausieren geht.
In diesen projektbasierten Organisationen genießen vor allem jene Personen hohe Wertigkeit, die in der Lage sind, sich ständig mit großer Flexibilität und unter hohem persönlichem Engagement auf neue Projekte einzulassen. Gefragt sind neben Netzwerkkompetenzen, sicherem Umgang mit Informationsquellen und kommunikativen Fähigkeiten, auch ein hohes Maß an Autonomie sowie die Bereitschaft, andere Mitarbeiter, die an diesem Projekt beteiligt sind, zu motivieren. Weitgehend wurzellos, mobil und vielfältig einsetzbar, muss dieser Mitarbeiter in der Lage sein, ständig neue Beziehungen zu knüpfen und zu etablieren[27].
Die Arglosigkeit, mit der diese Begriffe mittlerweile überall verwendet werden, beweist, dass Kritik und Selbstkritik zum integralen Bestandteil gesellschaftlicher Modernisierung geworden ist[28]. Individuen oder Ideen, die vormals selbst lautstark die Abweichung von der Norm propagiert haben, werden selbst zur Norm[29]. Konzepte wie Aktivierung und Selbstoptimierung, Teilhabe und Flexibilität, die auf die Kämpfe sozialer Emanzipationsbewegungen und/oder die Werte der Massen- und Popkultur zurückweisen, haben sich in institutionelle Anforderungen und normative Erwartungen verwandelt.
Von Künstlern und anderen kreativen Selbstständigen, von "Creative Commons" oder "Creative Industries", erhofft man sich, dass sie jene kreativen Ideen und Potentiale entwickeln, die den eigenen Standort, die eigene Nation und damit die Wissensgesellschaft 2.0 insgesamt nach vorne bringen[30]. In Großbritannien, so der ehemalige Popstar Feargal Sharkey auf der diesjährigen Pop-Komm in Berlin, ist der Kreativsektor, zu dem neben Pop auch Bereiche wie Design oder Mode zählen, mittlerweile ebenso so wichtig wie die Autoindustrie, nur mit besseren Wachstumsraten. Hier müssen Menschen weder diszipliniert noch angeleitet werden. Sie mobilisieren sich selbst und realisieren sich durch die ihnen auferlegten institutionellen Arrangements.
9. Individualitätszumutungen
Welche Individualitätszumutungen diese "intellektuellen Technologien" für den Einzelnen parat haben, welchen Ambivalenzen und paradoxen Anforderungen er sich aussetzt, welche Zwänge und Sanktionen sie ihm auferlegen, aber auch welche "Freiheitsspielräume" sie ihm schließlich eröffnen, haben in den letzten Jahren diverse soziologische Studien und Analysen zu ergründen versucht.
Da sind zum einen der Freelancer und die Ich-AG, die ihr Leben als Marke begreifen; aber auch der Loser und Hartz IV-Empfänger, der Heimat verbunden und unbeweglich zu Hause sitzend auf staatliche Garantien und Fürsorgeleistungen wartet. Und da sind auch der intelligente Verweigerer, der nach außen Interesse, Motivation und Aktivität heuchelt, sich aber längst in die innere Emigration verabschiedet hat; aber auch der digitale Bohèmien, der aus den prekären Beschäftigungsverhältnissen Motivation, Kraft und Inspiration schöpft und technologisch bewandert und bewehrt seinem Nomadentum und seiner Ungebundenheit frönt. Die beiden zuletzt genannten Typen möchte ich kurz vorstellen.
9.1. Verweigerer und Müßiggangster
Den Prototyp des unscheinbaren Totalverweigerers, Müßiggangsters und Zeitgauners[31], der sich vor allem an Paul Lafargues Recht auf Faulheit orientiert, hat vor mehr als hundert Jahren Herman Melville im Kanzleischreiber "Bartleby" entwickelt[32]. Nachdem der zunächst nur durch große Zurückhaltung und Schweigsamkeit auffällt, geht er nach und nach dazu über, die Ausführung bestimmter Tätigkeiten mit einem: "Ich würde lieber nicht" abzulehnen. Und zwar immer dann, wenn ihm fremde oder unliebsame Aufgaben übertragen werden. Nach einiger Zeit sagt er nur noch diesen Satz. Er verweigert zwar nicht völlig die Arbeit, sagt aber auch nicht ja, womit er seinen sozialintegrativen Chef, der die Macht der Medienöffentlichkeit fürchtet, schließlich zur Verzweiflung treibt. "Nichts", schreibt Herman Melville, "ärgert einen Menschen so sehr wie passiver Widerstand."
Mit dieser Kunstfigur des "Durchschnittsmenschen", der in täglicher Routine und im Alltagstrott erstarrt, hat Melville eine listige Gegenfigur zu den "Arbeitstieren" der New Economy entwickelt, die rund um die Uhr tätig sind, Standby-Bereitschaft signalisieren und durch ihre Aktivität, Kreativität und positive Einstellung alle anderen Mitarbeiter mitreißen[33]. In seiner gespielten Interessiertheit irritiert und verstört er alle auf Mobilität und Flexibilität geeichten Mitarbeiter und Aufsteiger im Büro. Desinteressiert wie er ist, bringt er sich weder ein noch engagiert er sich, sondern tut nur so viel, um nicht entlassen zu werden.
Nimmt man Umfragen der Wirtschaft ernst[34], so sind diese Männer und Frauen ohne Eigenschaften, auch Mikro-Sklaven genannt, nicht gerade selten. Sie vermeiden es, durch unbedachte Äußerungen, Stellungnahmen oder Kommentare unangenehm aufzufallen. Entweder halten sie den Kopf unten und geben keine Widerworte, oder sie stimmen mit der Mehrheit und verrichten ihre Arbeit dem äußeren Anschein nach zufriedenstellend. Statt ständig die Zielvorgaben und Planzeiten des Projektleiters zu unterbieten, denken sie während der Bürozeiten nur an Femme Fatales, an Workout-Partys oder Sex in the City. Eifer entwickeln sie in der Regel nur, wenn der Chef im Großraumbüro auftaucht oder sie den Atem der verantwortlichen Führungskraft im Genick spüren. Ansonsten träumen sie wie einst der Siebenschläfer Pietzke in Janoschs Buch "Traumstunde" immer nur vom Schlafen oder vom Fliegen.
9.2. Der digitale Bohèmien
Er macht aus der Not, keine feste Anstellung mehr zu haben, die um acht Uhr oder neun Uhr morgens beginnt und um fünf Uhr abends endet, eine Tugend[35]. Er nutzt die digitale Revolution, Internet und Handy, Laptop und W-Lan, iPod und Web 2.O mit der ihm eigenen "Aufmerksamkeitswährung" sowie die von ihnen personalisierte, aperiodische Zeit zur Diversifizierung des eigenen Tagesablaufs in Arbeits-, Freizeit- und Spielphasen. Privates und Berufliches gehen bei ihm nahtlos ineinander über. Weil im Netz, wie er glaubt, die meisten Umsätze mit vielen kleinen, aber interessanten Produkten gemacht werden, und nicht mit wenigen Massenartikeln (Nischenproduktion), ermöglichen sie ihm, so glaubt er, ein "intelligentes Leben jenseits der Festanstellung".
Die Chancen darauf sowie die Segnungen, die damit verbunden sind, erscheinen ihm, dem gut Ausgebildeten, Leistungswilligen und ideenreichen jungen Nomaden[36], geschwunden und folglich auch nicht mehr erstrebenswert. Das Arbeiten und Werkeln in der Old Economy ist seinem Dafürhalten vor allem mit Demütigungen, Zwängen und einer Kultur des aufgeschobenen Glücks verbunden. Der digitale Bohèmien gründet deshalb virtuelle Agenturen, Praxen oder Kanzleien und tauscht die tatsächlichen wie die vermeintlichen Sicherheiten des Angestelltendaseins gegen die Freiheit des selbstbestimmten Daseins[37].
Zwar lebt er von dem, was er mit seinem Kulturschaffen verdient, mehr schlecht als recht. Weder kann er für eine Familie sorgen noch kann er etwas fürs Alter oder für Gesundheit zurücklegen. Auch kennt er weder Wochenenden, Urlaub oder geschlossene Büros, zumal er mittels Handy, Blackberry oder iPod immer online bei der Arbeit ist und/oder in Projekte mit anderen eingebunden ist. Dafür ist er aber frei in seinen Entscheidungen, er kann aufstehen, wann er will; er kann einen Job annehmen oder nicht; er kann bloß herumsitzen und die Zeit totschlagen oder im Café oder in einer Bar vor einem Laptop sitzen und einen Werbespruch kreieren.
Vor Urheberrechten schreckt er kaum zurück. Er nutzt auch fremde Einfälle um Konzepte zu entwerfen, Texte zu schreiben oder Werbesprüche zu erfinden. Kommen sie ihm zupass, vermanscht er sie im Copy & Paste-Verfahren zu eigenen. Andererseits ist er aber überaus erpicht darauf, sein geistiges Eigentum vor dem Datenklau durch andere zu schützen. Seine geistigen Ergüsse sind ja auch das einzige, was er besitzt, um seinen Lebensunterhalt zu fristen, neben all den Freunden und Netzwerken, die ihm sowohl Familienersatz als auch geistiges und soziales Kapital sind.
Und genau dies ist wohl das Merkwürdigste an ihm: So sehr er das Bürgerliche und Kleinbürgerliche ablehnt, so sehr fordert er vom Staat Kindereinrichtungen, die rund um die Uhr geöffnet haben. Zwar bevorzugt er ganz offensichtlich das Leben in Schwärmen, in zufällig sich konstituierenden Kollektiven, die den freien Kommunen der Hippiegeneration nachempfunden sind. Elterliche Verpflichtungen (Aufzucht, Fürsorge, Bildung) sollen dagegen möglichst vom Staat wahrgenommen werden, vor allem dann, wenn die Mitglieder ihren Projekten nachgehen oder gerade mal online sind.
Der Spaß, den die Bohèmiens derzeit noch haben, könnte sehr bald sein abruptes Ende finden. Denn vor allem solche Tätigkeiten sind überaus anfällig, in Niedriglohnländer ausgelagert zu werden.
10. Das Alte im Neuen
Für Menschen, die strebsam, ehrgeizig und risikobereit sind, die die richtigen Kenntnisse, Ideen und Fertigkeiten haben und genügend Motivation mitbringen, bietet die Wissensgesellschaft 2.0 mit Sicherheit eine Fülle von Möglichkeiten. Doch nicht jeder bringt die technische Kompetenz, geistige Flexibilität und soziale Unerschrockenheit mit, ein wissensbasiertes Produkt (Medikament, Beratung, Software ...) zu erfinden und anzubieten.
Staaten und Nationen können für eine solche neue "Wissenskultur" gewiss etwas tun, sie können mehr Geld in Bildung, Forschung und Entwicklung pumpen, ihre Bildungsanstalten und ihr Personal auf den neuesten Stand bringen und Jungunternehmer mit Venture Kapital ausstatten. Doch werden dabei auch weiterhin mehr Menschen auf der Strecke bleiben als die Karriereleiter hinaufklettern.
Programmierer, Mathematiker und Ingenieure wachsen nicht wie die Früchte an Bäumen. Sie müssen, wenn überhaupt, in langwierigen Prozessen ausgebildet werden oder aus anderen Ländern und Regionen angeheuert werden. Das Wissen, selbst für sein Fortkommen verantwortlich zu sein, ist nicht in allen Bevölkerungsteilen gleichmäßig verteilt. Nicht allen kann man alles beibringen. Viele hocken lieber vor dem Fernseher, gucken Horrorvideos oder ballern wie wild vor dem Bildschirm herum statt ein Buch zur Hand zu nehmen, ein Museum aufzusuchen oder Musikunterricht zu nehmen. Und nicht jeder bringt Willen, Bereitschaft und die nötigen Tugenden mit, Strebsamkeit, Ehrgeiz, Durchsetzungskraft etwa, um im "survival of the fittest", die der globale Kapitalismus anschlägt, angemessen leben, arbeiten und lieben zu können.
Weswegen auch nicht jeder mitmischen kann oder wird auf dem Spielfeld der globalen Konkurrenz und Kooperation. Das gilt für Staaten und Völker ebenso wie für Unternehmen oder Individuen. Der ökonomische Erfolg des einen bedeutet möglicherweise den Misserfolg des anderen wie auch die wirtschaftliche Freiheit des einen in der Arbeitslosigkeit des anderen enden kann. Für diese Menschen, die durch die Wissensgesellschaft 2.0 fallen, müssen soziale Auffangnetze da sein, die andererseits aber auch nicht zum Ausruhen oder zur Verweildauer einladen. Andernfalls müssen Staaten, Unternehmen oder Individuen viel Geld in öffentliche oder private Sicherheitsdienste stecken, die sie vor Ausplünderung, Gewalt oder anderen Verbrechen schützen.
10.1. Macht, Identität, Verteilung
Schon deswegen werden die Probleme, die schon die Wissensgesellschaft 1.0 begleitet haben, auch die der Wissensgesellschaft 2.0 sein. Dies gilt ebenso für die Kämpfe der neuen Welt, die die Verteilungskämpfe der alten sein werden, um Macht, Rohstoffe und Ressourcen. Rohstoffreiche Staaten wie Russland, Südafrika oder der Kongo werden weniger anfällig und nachhaltig von der Umstellung auf wissensbasierte Systeme betroffen sein wie rohstoffarme. Gewiss müssen auch sie vermehrt auf Innovation setzen, auf Forschung und Entwicklung sowie die Verbesserung ihrer Infrastruktur. Vor allem Russland hat da einen gigantischen Nachholbedarf.
Doch müssen sie dank des Bodenreichtums ihres Landes nicht, wie etwa die Bundesrepublik Deutschland, ausschließlich auf technische Innovationen setzen. Um ihren Wohlstand einigermaßen zu halten und nicht im Ranking der Staaten zurückzufallen oder von anderen gar überholt zu werden, müssen Rohstoffarme voll auf Forschung und Entwicklung, auf Bildung und Ausbildung setzen und hoffen, dass ihr dadurch Talente erwachsen, die ein zweites Google oder ein neues Starbuck gründen.
"Horizontale Kooperation und horizontales Management erfordern völlig andere Fähigkeiten und Kompetenzen als traditionelle Geschäftsmodelle", zitiert Friedman die frühere HP-Chefin Carly Fiorina[38]. Zudem müssen sie auf die neuen Technologien abgestimmt sein. In P2P oder B2B Programmen sind die hierarchischen Rollen von Server und Client, von Anbieter und Nutzer längst aufgehoben. Aus einer einstmals vertikalen Welt, die auf Befehl und Kontrolle gehorcht hat, ist eine horizontale Welt entstanden, die auf Verknüpfung und Kooperation beruht. Dank dieser Software ist auch der User wie der Prosument in der Ökonomie der "dritten Welle" Nutzer und Anbieter zugleich.
Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass Politik und Macht, Command und Control aus den Beziehungen von Menschen, Staaten und Firmen verschwinden. Die Reden von Netzwerken, Selbstorganisation und Teamwork verschleiert, dass hinter vermeintlicher Gleichheit und Kollegialität nach wie vor Hierarchien und Bürokratien die Kommunikationen bestimmen. Das Zeitalter der Industrie ist noch lange nicht zu Ende. Das weiß auch die anfangs bereits zitierte Magna Carta for the Knowledge Age. Die Schwer- und Massenindustrie hat vom "Zeitalter des Wissens" und den technologischen Errungenschaften profitieren gelernt.
Nach wie vor geht es um Macht, Einfluss und Hegemonien, um die Vorherrschaft über Territorien, Rohstoffe und Ressourcen. Mit dem "Zeitalter des Wissens" gewinnen sie eher noch an Bedeutung. Nicht zuletzt der Krieg im Irak und der Versuch, das Land in eine Demokratie westlichen Zuschnitts zu verwandeln, haben das gezeigt. Sie haben sich ebenso als Trugschluss erwiesen wie jene Kriegsführungsstrategie des US-Verteidigungsministers, die explizit auf Netzwerktechnologien, horizontalem Denken und Echtzeit-Aufklärung gefußt hat, auf wenig Personal und hochmobile Einheiten. Wer weiß, wie die Befriedung des Irak gelaufen wäre, wenn das Pentagon auf vermeintlich alte Technologien, Strategien und klassische Sektionen der "zweiten Ökonomie" zurückgegriffen hätte. Wer beide "Welten" gegeneinander ausspielt, wird grandios scheitern; wer dagegen "Befehl und Kontrolle" mit "Zusammenarbeit und Verknüpfen" intelligent verbinden kann, wird sowohl politisch wie auch wirtschaftlich reüssieren.
Offene und zum Wandel bereite Kulturen wie die USA mögen vielleicht in der wissensbasierten Welt einen immensen Vorteil haben. Zumal die Bedeutung von Kultur, Identität und Differenz erheblich gewachsen ist und weiter wachsen wird. Aber eine Garantie ist dies noch nicht. Künftige Kriege, in der Mehrzahl asymmetrische, werden weniger um soziale Gleichheit oder Umverteilung als vielmehr um kulturelle und gegenseitige Anerkennung, um Werte, Ideen und Überzeugungen geführt.
Dass man dabei auf modernste Technologien zurückgreift, sie von Fall zu Fall mit alten kombiniert, versteht sich von selbst. Auch Netzwerke des Terrors und andere Trittbrettfahrer der Wissensgesellschaft 2.0 wissen sich ihrer intelligent zu bedienen und reihen sich in deren Wertschöpfungsketten (Aktienkurse, Geldwäsche, Börsenspekulation ...) ein; auch sie wissen wie man flache Hierarchien, Internet und Schwarmintelligenzen gegen westliche Einrichtungen Schrecken bringend einsetzen kann; und auch sie wissen um die Fragilität mediatisierter Öffentlichkeiten in wohlhabenden Staaten, wie anfällig sie für Nadelstiche in Form von Bomben, Attentaten oder anderen terroristischen Akten sind.
Andererseits sollte man sich auch keinen großen Illusionen hingeben. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (Proliferation) wird kaum zu vermeiden sein. Dafür sind sie strategisch und taktisch zu wichtig, als dass aufstrebende Staaten, Völker oder Nationen wie der Iran, Südkorea oder Japan darauf verzichten könnten. Wer möchte sich schon der politischen Erpressbarkeit durch andere aussetzen? Ein neues, austariertes Gleichgewicht des Schreckens zwischen unterschiedlichen Regionen, Kulturen und Einflussgebieten ist daher ebenso möglich wie die Einrichtung neuer geografische "Amity Lines", die den Free Flow of Information in seinen Grundfesten erschüttern könnten. Da muss man nicht unbedingt sofort auf Samuel Huntington zeigen, auf seine Kulturkreislehre und die Idee der räumlichen Abgrenzung. Auch Gabor Steingart sieht angesichts des Angriffs asiatischer Mächte wie China und Indien das Heil des Westens in der Geburt einer "transatlantischen Freihandelszone", die eine protektionistische Mauer um den Westen zieht.
Es kann also durchaus passieren, dass manche bereits eingeebnete Region wieder in alte Denkweisen und Strukturen zurückfällt oder in alten Dynamiken verharrt. Wie beispielsweise China mit dem rasanten Wandel umgehen oder ihn bewältigen wird, wie es den Einbruch der Information verarbeitet und auf die Forderung nach mehr politische Teilhabe reagieren wird, die sich unweigerlich mit dem wirtschaftlichen Wachstum einstellen werden; oder wie Indien mit ihrem Kastensystem verfahren wird, dem Heer von Armen, Hungernden und Obdachlosen, auf ihrem Weg in die technologische Spitzengruppe; und wie, erst recht, die wohlhabenden Staaten die Ausdünnung ihrer Mittelschichten verkraften, zumal diese bislang Motor und Garanten von Demokratie, Wohlstand und sozialer Frieden gewesen sind - all das ist völlig offen und ungewiss.
Von Klimawandel, Energieknappheit und der Möglichkeit von Pandemien ganz zu schweigen. Vor allem Viren und Krankheitserregern bietet die "flache Welt" mit ihren offenen Grenzen und Durchgangswegen beste Bedingungen, um sich weltweit und blitzschnell auszubreiten
10.2. Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit
Ständig wird zwar überall von Wissen und Wissensgesellschaft gesprochen, kaum jemand macht sich aber wirklich die Mühe zu klären, was er unter Wissen eigentlich und überhaupt versteht. Um welches "Wissen" geht es in der Wissensgesellschaft 2.0? Wann wird eine Zahl oder Formel, ein Bild oder eine Information überhaupt zum Wissen? Und: Ist der Informierte auch der Wissende?
Sicherlich verändert das Internet Wissen. Datenbanken wie Google und Yahoo oder Wissensportale wie Xipolis oder Wissen.de sind die modernen Enzyklopädien des 21. Jahrhunderts. Anders als die Bibliotheken der Wissensgesellschaft 1.0 liefern sie aber ein offenes Wissen zweiter Ordnung. Die Regeln und Codes, nach denen dieses funktioniert, die "Ontologie des Wissens", sind dagegen streng geheim und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Dadurch unterscheiden sie sich erheblich von ihren Vorläufern. Die Enzyklopädisten schickten ihrem Werk einen "Discours préliminaire" voraus, in welchem sie die verschiedenen Konzeptionen der Wissenschaftssystematik ausführlich erläutert haben.
Das Internet verändert aber auch die Art, wie Wissen entsteht, dargestellt und verbreitet wird. Das hängt eng mit der Hypertexttechnologie und den Linkstrukturen zusammen, die es trägt. Statt einer linearen logischen bildet es eine vernetzte Struktur. Ob Wissen in unseren Köpfen und Gehirnen ähnlich organisiert ist, darüber streiten bislang Hirnforscher und Kognitionspsychologen. Unstrittig ist dagegen wiederum die Annahme, dass das Wissen dadurch seine Form und seinen Inhalt verändert.
Die Nutzer haben sich dem weitgehend angepasst. Sie verabschieden sich, soweit sie das Netz nutzen, von linearen Prozessen der Wissensaufnahme. Sie clicken und surfen und kompilieren sich aus diversen Wissensteilen oder -versatzstücken ein eigenes und neues Stück Wissen. Das heißt, auch die Form des Zugriffs auf Wissen hat sich verändert. Da es im Prinzip offen ist und jedem Interessierten Zugriff bietet, es ständig und beinahe unkontrolliert wächst, bildet es einen gigantischen Speicher an Wissen, so groß, wie ihn die Menschheit weder gesehen noch jemals besessen hat. Gerade deswegen findet sich dort neben vielen Mautzonen, Zugangsverboten und Kontrollen auch viel Halbgares und Aufgeregtes, Kurioses oder Verlogenes. Und da sich das alles ständig ändert, Wissen sich vermehrt und wieder verschwindet, wird es für den Nutzer überaus schwer, das er- und nachgefragte Wissen auf seine Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit hin zu befragen oder gar zu überprüfen. Über die Mittel, die ein professioneller Journalist oder Wissenschaftler besitzt, um Information von Desinformation, Tatsachen von Tatsachenbehauptungen zu unterscheiden, verfügt der normal user in aller Regel nicht. Weshalb ihm meist nichts anderes übrig bleibt, sich an bekannten Namen und Adressen zu orientieren, denen er ein überaus hohes Maß an Vertrauen und Glaubwürdigkeit entgegenbringt.
10.3. Speichern und Verarbeiten
Damit bin ich unweigerlich wieder am Beginn meiner Tour d'horizon durch die Wissensgesellschaft angelangt. Bereits um 1500 und danach ist die Informationsflut groß. Und schon damals stellt sie alle Wissbegierigen vor das Problem, wie sich Quellen, Manuskripte und Verträge auf ihre Echtheit und Welthaltigkeit überprüfen lassen. Das Krisenbewusstsein dafür ist mithin alt, es begleitet die Wissensgesellschaft(en) von Anfang an und sorgt dafür, dass man nach Mitteln und Wegen, Methoden und Regeln sucht, das Geschriebene und Mitgeteilte auf ihre Qualität und ihren Wahrheitsgehalt hin zu beleuchten. Seinerzeit fand man sie im Empirismus und in Fußnoten, im Discours de la méthode und im Quellenstudium.
Diese Zeit der Prüfung und Diskussion bleibt im überhitzten Getriebe der Echtzeit-Gesellschaft kaum noch, sodass eigentlich nur noch die gut bewehrte Skepsis bleibt, der Zweifel gegenüber allem, was Aufklärung, Wahrheit und Gewissheit verspricht. Mit ihr lassen sich zwar keine universalen oder sonstigen Wissensansprüche einlösen, doch bewahrt Skepsis vor etlichen Missdeutungen und Falschbehauptungen.
Andererseits: Eindrücke und Informationen zu sammeln ist nichts Ungewöhnliches, wir machen das tagein, tagaus, beim Autofahren, beim Kochen in der Küche oder beim Flanieren in der City. Und bloß zu wissen, wo man Wissen findet, wenn man es braucht, bleibt letztlich unzureichend. Wer wirklich wissen will, muss es sich deshalb aneignen. Das ist bisweilen anstrengend und beschwerlich. Es erfordert Zeit, Ruhe, Muße und Konzentration. Erst wenn Daten und Informationen von jemandem gedanklich verarbeitet und/oder systematisiert werden, wird sie zu qualitativ hochwertigem Wissen. Genau darauf kommt es aber an, auf informiertes Wissen, nicht auf rohe und ungekochte Information, die sofort digitalisiert, automatisiert und outgesourct werden kann. Was die Wissensgesellschaft 2.0. vor allem benötigt ist Wissenswissen, Wissen über das Wissen, Wissen, das in die Kultur eingebettet ist. Nur das ist letztlich wertvoll, für sie, für Kulturen und alle nachfolgenden Generationen.
Dies aber, Information in Orientierungs- oder Referenzwissen zu verwandeln, können immer weniger Menschen. Um es zu generieren, braucht es nämlich nicht nur kognitiver Kompetenzen und Medienkompetenz, sondern auch und vor allem Empathie, Intuition und Fantasie. Vielleicht ist das auch der Grund, warum unsere Zeit für Systematiker, Groß- oder "Meisterdenker" nicht gerade günstig ist[39].
Wird Wissen mit Information gleichgesetzt, dann fließt sie wie Wasser von hier nach da. Es wird beliebig und um die Ecken und Kanten seiner Aneignung und seines Besitzes gebracht. Deswegen sollten wir auch nicht den Ameisen folgen, die begierig und gedankenlos Daten zusammentragen, oder den Spinnen, die aus sich heraus irgendwelche Netze spinnen, sondern, wie Francis Bacon es in seinem Novum Organum anno 1620 ausgedrückt hat, der Biene nacheifern, die "ihren Stoff sammelt, ihn dann aber durch eigene Kraft verarbeitet."[40]
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