Im Rausch der Rohstoffe

19.01.2007

In der Arktis ist der Klimawandel in vollem Gang: Während die Ureinwohner dabei ihre Lebensgrundlage verlieren, wittert die Wirtschaft das große Geschäft

In den Nordpolargebieten vollzieht sich der Klimawandel mehr als doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. In einem aktuellen Menschenrechts-Report (der vollständige Report zum Download) dokumentiert die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV seine Folgen: den Sturm der Großkonzerne auf Rohstoffe und die desolate Situation der betroffenen indigenen Bevölkerung.

Traditionelles Wissen hilft nicht mehr

Während unsereiner vielleicht rätselt, ob es zu Weihnachten schneien wird, und wenn nicht, ob das schon mit der Erwärmung der Erde zusammenhängt, entfaltet der Klimawandel im äußersten Norden des Globus mit Tempo seine Wirkung. Er beschert den dort seit Jahrhunderten ansässigen Ureinwohnern eine dramatische Veränderung ihrer Lebensbedingungen: Der Temperaturanstieg lässt die arktischen Eisflächen schmelzen (Im Jahre 2040 ist die Arktis eisfrei) und taut die Permafrostböden auf (Eine klimatische Zeitbombe im hohen Norden).

Inuit beim Fischen auf Baffin Island, Kanada (Bild: Karl-Heinz Raach/GfbV)

Für die Inuit bedeutet das unsichere Wege beim Jagen. Ihr traditionelles Wissen, das sie z.B. am Knirschen des Eises auf Alter, Dicke und Dichte schließen lässt, hilft nicht mehr zuverlässig. Immer häufiger brechen auch erfahrene Jäger im Eis ein und ertrinken. Durch vermehrt auftretenden Eisregen und häufigere Gefrier-Schmelz-Zyklen finden Rentiere und Karibus immer weniger Futter, damit wird auch für den Menschen die Nahrung knapp.

Trügerisches Idyll

Aufnahmen von der Arktis vermitteln meist den Eindruck unberührter Natur, doch der schöne Schein trügt. Längst nimmt die Luftverschmutzung zu und beeinträchtigt die Gesundheit der Polarbewohner. Immer mehr Umweltgifte, die im Eis konserviert waren, werden freigesetzt. Meeresströmungen tragen Pestizide, Industrieabfälle und andere Schadstoffe in die Arktis, wo sie aufgrund der Klimabedingungen nicht abgebaut werden.

Die indigenen Völker der Arktis (Bild: Erich Kasten)

Die Inuit, die sich traditionell vom Fischfang und der Jagd auf Robben und Walrosse ernähren, vergiften sich mit ihrer Beute: Nach Studien leiden sie an hohen Werten an Quecksilber, PCB und anderen gefährlichen Stoffen. Müttern wird bereits empfohlen, ihre Babys nicht mehr zu stillen. Durch die erhöhte UV-Strahlung wegen der dünner werdenden Ozonschicht treten Hautkrebs und Augenkrankheiten (Grauer Star) vermehrt auf. Die ungewohnte Hitze verursacht Sonnenbrand und Allergien.

Während ausländische Wissenschaftler diese Entwicklung unter ökologischen oder medizinischen Gesichtspunkten verfolgen, geht es für die indigenen Völker um die Existenz und ihre Kultur. Sie können mit dem Tempo der Entwicklung nicht mehr Schritt halten - Alkoholismus, Kriminalität und eine hohe Suizidrate sind die Folge.

Über das Ausmaß des Kulturwandels und die gesundheitlichen Gefahren, die die Klimaveränderung bringt, sind sich selbst Inuit, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, nicht vollständig im Klaren. Die Vorstellung, dass alles, was die eigene Ernährung und die Kultur ausmacht, schlecht sein soll, ist ja auch beängstigend. Obwohl es vielleicht medizinisch angemessen wäre, kann man den Inuit die Jagd nicht verbieten. Denn Jagen und Fischen bedeuten für sie ihre Identität, ihr Selbstgefühl und ihre Religion. Sie können auch nicht einfach auf Landwirtschaft umstellen, denn das verseuchte Eis kontaminiert auch das Erdreich.

Der Wandel, der sich für die indigenen Bewohner der Arktis vollzieht, ist fundamental und er eröffnet keine Perspektiven. Einige wenige bekommen vielleicht lukrative Jobs beim Rohstoffabbau, aber trägt das langfristig? Es stellt sich die Frage, was getan werden kann, damit es nicht zum schleichenden Tod einer ganzen Bevölkerungsgruppe kommt.

Ulrich Delius, Asienreferent der GfbV.

Grenzenlose Gier

Die Wirtschaft allerdings wittert ungeahnte Chancen, vom Klimawandel zu profitieren. Ob in der Barentssee, auf Grönland, Kamtschatka, Sachalin, in Alaska oder Nordkanada - die arktische Region steckt voller kostbarere Rohstoffe - Erdöl, Erdgas, Teersand und Diamanten - die nun zunehmend leichter erschlossen werden können. Unterstützt von den Regierungen der Anrainerstaaten planen sämtliche große Energiekonzerne Projekte in der Region oder haben schon damit begonnen. Gewässer wie die Barentssee oder das Bering-Meer bieten darüber hinaus reiche Fischvorkommen. Weil das Eis zurückgeht, eröffnen sich neue Seewege.

Inuitkinder (Bild: Karl-Heinz Raach/GfbV)

Der Sturm auf die Arktis hat begonnen und es versteht sich leider fast von selbst, dass traditionelle Landrechte der dort lebenden indigenen Völker und international anerkannte Umweltstandards dabei eine Nebenrolle spielen. Immer mehr russische Öltanker durchfahren etwa die Barentssee, eines der ökologisch wertvollsten Meeresgebiete der Welt. Doch wie man eine Havarie dort wirkungsvoll bekämpfen könnte, dafür gibt es keine Pläne. Dabei ereigneten sich allein entlang der norwegischen Küste seit 1990 etwa 2.500 Öl-Unfälle. Und sie wirken sich in der Arktis gravierender aus, weil die leichten Ölbestandteile nicht verdunsten können. Sie werden unter Umständen sogar vom Eis konserviert und dann im Frühjahr freigesetzt - wenn sich Fische und Vögel fortpflanzen.

"Kalter Krieg" um Bodenschätze?

Die Gier der Industrienationen, sich auch ein Stück aus dem arktischen Rohstoffkuchen herauszuschneiden ist groß und entzündet Territorialkonflikte mit teilweise absurden Dimensionen: Russland etwa erhebt vorsorglich Gebietsansprüche auf zwei Drittel der Arktis. China versucht seine Ansprüche durch dien Aufbau von Forschungsstationen zu untermauern. Dänemark reklamiert den Nordpol für sich, ebenso wie Kanada.

"Kanada und Dänemark streiten um die Hans-Insel, in einem Maß, dass sie 2005 fast ihre Truppen aufeinander gehetzt hätten. Alles wegen eines einen Kilometer großen Felseilands, auf dem noch nicht einmal sicher Rohstoffe vermutet werden", erklärt Delius. "Beim Shtokmann-Vorkommen am Schelf der Barentssee, dem wohl größten Erdgasfeld der Welt, stehen alle Energiekonzerne Schlange, sie schicken sogar ihre Regierungen vor, um beteiligt zu werden. Es gibt eben nicht mehr so viele Gegenden auf der Welt, die noch nicht erschlossen sind. Also wollen alle etwas von dem abbekommen, was noch zu verteilen ist."

Reflexartig lassen die Arktis-Anrainerstaaten ihre militärischen Muskeln spielen, um Gebietsansprüche zu sichern. Während die USA in Fort Greely in Alaska planen, die landgestützten Elemente des Star-Wars-Programms aufzustocken und von der Insel Kodiak aus bodengestützte Raketen testen, erproben die Russen auf der anderen Seite Interkontinentalraketen von U-Booten aus. Auch die US-Militärbasis Thule auf Grönland soll ausgebaut werden.

Verlorene Welt?

Rund 400.000 Angehörige indigener Gruppen leben nach GfbV-Schätzungen über die Arktis verstreut. Je nach Länderzugehörigkeit sind sie in verschiedenen Zusammenschlüssen organisiert und können die eigene Lage unterschiedlich mitbestimmen. Während die Inuit auf Grönland aufgrund des Autonomievertrags mit Dänemark seit 1979 recht eigenständig handeln können, halten sich die kleinen Völker in Russland stark zurück, weil sie staatliche Repressionen fürchten. Widerstand gegen die mächtige Wirtschaftslobby scheint in den meisten Fällen schier aussichtslos. Da ist es schon ein großer Erfolg, wenn, wie im Fall des Öl-Vorkommens Sachalin-2 (Grüne Welle gegen schwarzes Gold), Proteste wirken: Im Mai fand ein Workshop zwischen Indigenen, Banken und Ölkonsortium statt, bei dem die Ureinwohner Sachalins viele Forderungen durchsetzen konnten.

USeehundjäger mit Fellboot vom Volk der Nymylanen (Küstenkorjaken) bei Lesnaja auf Kamtschatka (Bild: Erich Kasten)

Es ist eine traurige Wahrheit: Die indigenen Bewohner der Arktis haben einfach furchtbares Pech. Hätten sie sich am gegenüberliegenden Pol angesiedelt, sähe ihre Situation viel besser aus - denn während die Arktis zur Plünderung freigegeben scheint, gilt für die Antarktis internationaler Schutz.

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