Klimawandel nicht mehr zu stoppen

Ralf Streck 27.12.2006

Nach dem vertraulichen Bericht des UN-Klimarats würden die Temperaturen sogar noch ein Jahrhundert ansteigen, wenn der Ausstoß der Treibhausgase eingestellt würde

"Die Erde erwärmt sich und der Mensch hat einen großen Teil der Schuld daran", so fasst die spanische Tageszeitung El País den neuen Bericht des UN-Klimarates (IPCC) zusammen. Die meistgelesene spanische Zeitung hat Zugang zu dem noch vertraulichen Bericht erhalten, der erst im Februar veröffentlicht werden soll. Er sagt eine weitere Erderwärmung von bis zu 4,5 Grad voraus. Damit einher gingen extreme Klimaphänomene. Die Umweltorganisation Greenpeace hält 2006 für ein gutes Jahr, weil das Bewusstsein über den extremen Klimawandel wachse.

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Demnach gäbe es keinen Zweifel mehr an der Tatsache der Erderwärmung. "2005 und 1998 waren die wärmsten Jahre seit der Aufzeichnung von Klimadaten." Die letzten sechs Jahre gehörten zu den sieben heißesten seit der Aufzeichnung der Daten 1850, zitiert die Zeitung den Report. Das noch laufende Jahr kommt nach Angaben der Weltmeteorologieorganisation (WMO) auf den sechsten Rang (Meteorologen ziehen Bilanz).

Seit 1850 sei die durchschnittliche Oberflächentemperatur angestiegen, wird der IPCC-Bericht zitiert. "Die Beobachtung des Ozeans, der Atmosphäre, des Schnees und des Eises zeigen kohärente Daten zur Erwärmung." So habe sich nicht nur die Luft über den terrestrischen Zonen stark erwärmt, sondern auch "die Temperatur des Ozeans ist in großen Tiefen seit 1955 gestiegen". Obwohl der Anstieg gering sei, käme ihm eine große Bedeutung zu, weil es dafür eine sehr große Energiemenge brauche. Aus Messungen der Eismassen wird geschlossen, dass deren Rückgang den Wasserspiegel der Meere schon messbar ansteigen ließ. Dabei wird vor allem deutlich, dass die Geschwindigkeit zunimmt, mit der das Eis schmilzt und somit der Wasserspiegel steigt. Die Erwärmung könne auch bei Tieren und Pflanzen festgestellt werden, die entweder in kältere Zonen ausweichen oder deren Blühverhalten sich verändert.

Als "sehr wahrscheinlich" nennt der Bericht die Einwirkung des Menschen als Ursache für die Erwärmung. Das bedeutet, die Wahrscheinlichkeit liegt über 90 %. Deshalb urteilen die Forscher, die Erwärmung könne "anthropogenen Ursachen" zugeschrieben werden. Im letzten Klimabericht 2001 hatten sie noch den Begriff "wahrscheinlich" benutzt, dem nur eine Wahrscheinlichkeit von über 68 % zukommt.

Die menschliche Aktivität seit 1750, und der damit einhergehende Ausstoß von Klimagasen, sei nach den neuen Erkenntnissen also sehr wahrscheinlich der "prinzipielle Grund" für die in den letzten 50 Jahren beobachtete Erwärmung.

Die Konzentrationen von Kohlendioxid (CO2) und Methan überschreiten alle Werte der letzten 650.000 Jahre.

Durch Bohrkerne im Polareis konnte ermittelt werden, dass in den zurückliegenden 650.000 Jahren die Menge an CO2 in der Atmosphäre zwischen 200 und 280 Teile pro Million (ppm) schwankte. Derzeit liege der Wert bei 379,1 ppm und könne in 50 Jahren schon bei 500 ppm liegen, warnen die Forscher. Ähnlich stelle sich die Situation für Methan dar. Die Konzentration habe in den letzten 11.500 Jahren zwischen 550 und 750 Teile pro Milliarde (ppb) geschwankt und liege nun bei 1.777 ppb. Ein derart schnelles Ansteigen dieser Werte "hat es in der Vergangenheit niemals gegeben".

Entgegen der zurückhaltenden Bewertung im Bericht von 2001 sagen die Forscher auf Basis von "neuen und überzeugenderen Beweisen", dass der größte Teil der Erwärmung vom Mensch erzeugt werde. Die Erde könne sich im 21. Jahrhundert sogar um 2 bis 4,5 Grad erwärmen, wobei die Wissenschaftler als wahrscheinlichsten Wert etwa 3 Grad annehmen. Deshalb werde es auch immer häufiger extreme Phänomene wie Dürren, Hitzewellen und extrem starke Niederschläge mit Überschwemmungen geben (Wenige Gletscher, mehr Hochwasser und Dürren).

Wegen der Erwärmung werde immer mehr Wasser verdunstet, das dann "ungleich" abregne. "Im Allgemeinen werden die Niederschläge in den trockenen Regionen abnehmen und in den feuchten zunehmen", wird prognostiziert. Das schon jetzt von Dürre geplagte Spanien habe mit noch mehr Trockenheit zu rechnen, warnt die spanische Zeitung seine Leser. Gleichzeitig werden dort zahlreiche Strände verschwinden, denn durch das beschleunigte Abschmelzen der Polkappen und Gletscher soll der Meeresspiegel im Jahr 2100 um 19 bis 58 Zentimeter steigen.

Eine weitere Erwärmung ist nicht mehr zu vermeiden

Eines macht die Studie unmissverständlich deutlich: "Einen Teil der Erwärmung kann nicht mehr verhindert werden." Das gelte sogar dann, wenn sofort der gesamte Ausstoß von Treibhausgasen gestoppt würde. Denn schon jetzt seien so viele Klimagase vorhanden, die über Jahrhunderte wirkten, dass "eine weitere Erwärmung nicht mehr zu vermeiden ist". Würde die Menge stabil bleiben, müsste mit einem Ansteigen der durchschnittlichen Temperatur von weiteren 0,5 Grad gerechnet werden. So ist klar, dass der Mensch nur noch das Ausmaß der Veränderungen begrenzen kann, wie es James Lovelock schon vor einem Jahr prognostizierte ("Die Rache Gaias": Liegt der Planet bereits im Fieber?).

Trotz dieser Aussicht sieht die Umweltorganisation Greenpeace ein Licht am Ende des Tunnels. Für Greenpeace ist 2006 das Jahr, in dem das "Bewusstsein über die schwerwiegenden Ausmaße der Klimaveränderungen erwacht ist". Verantwortlich sei dafür auch, dass die Auswirkungen schon deutlich sichtbar seien. Das Bewusstsein der Menschen verändere sich, was sich in der Klimakonferenz von Nairobi genauso ausgedrückt habe wie in der Tatsache, dass eine große Fläche Urwald am Amazonas nun unter Schutz gestellt wurde. Das zeige sich auch in der EU-Verordnung über die Registrierung, Bewertung, Zulassung für Chemikalien (Reach), die den Schutz der Gesundheit und der Umwelt verbessern soll. Diese Rahmenrichtlinie für die Meeresumwelt soll die Reinheit aller Meere in Europa bis zum Jahr 2021 entscheidend verbessern.

Die Organisation führt in Spanien als Sieg an, dass ein illegal in Strandnähe, in einem geschützten Gebiet gebautes Hotel nach Protesten nun wieder abgerissen werden muss (Weiße Pyramiden des Satans). Greenpeace feiert auch, dass es einen neuen Rekord bei der Stromerzeugung über Windenergie gegeben habe. Am 8. Dezember seien 31 % des gesamten Stroms in Spanien über Windenergie erzeugt worden. Obwohl Spanien noch immer größter Klimasünder in Europa ist, bewertet es die Organisation positiv, dass es vermutlich erstmals keinen weiteren Anstieg beim Ausstoß von Klimagasen im Land gegeben habe. Nach provisorischen Daten könnte der Ausstoß im ersten Halbjahr 2006 ein Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum gelegen haben. Allerdings liegt das Land mit etwa 52 % über der in Kyoto festgelegten Referenzmarke und damit weiter Lichtjahre von der Erfüllung der selbst aufgestellten Klimaschutzziele entfernt.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24315/1.html
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