Biologische Waffen zur "Neutralisierung von feindlichen Städten"

Florian Rötzer 06.01.2007

Eine interessante Studie zur frühen Geschichte nichttödlicher Waffen im Kalten Krieg

Im Kalten Krieg war ebenso wie jetzt im "Krieg gegen den Terrorismus" viel Geld vorhanden, um Rüstungsprojekte zu finanzieren. Und wo Geld und Angst oder Sicherheit zusammengehen, blüht auch die technische Fantasie. 1958 erfand so der US-Physiker Samuel Cohen, der bereits am Manhattan Projekt beteiligt war, die Neutronenbombe. Manchen erschien sie als eine Wunderwaffe. Sie sollte einen "sauberen" Einsatz von Atomwaffen möglich machen, da die Neutronenbombe zwar hohe Strahlung produziert, aber aufgrund einer geringeren Druckwelle und Hitzeentwicklung zielgenauer als eine "normale" Atombombe eingesetzt werden kann und "nur" alles Leben in einem bestimmten Radius tötet, während Gebäude, Maschinen und andere Dinge nicht beschädigt werden. Anfang der 80er Jahre ließ der damalige US-Präsident Ronald Reagan Neutronenbomben herstellen, mit denen die großen Panzerverbände des Ostblocks bekämpft und gleichzeitig Kollateralschäden vermieden werden sollten.

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Die Neutronenbombe führte allerdings schließlich zur Zündung der Antikriegs- und Abrüstungsbewegung und trug auch damit zum Ende des Kalten Krieges mit bei. Experimentiert wurde während des Kalten Krieges reichlich in den Labors mit allen möglichen Waffen, um Gegner nicht nur zu töten, sondern auch kampfunfähig zu machen oder zu beeinflussen. In den sechziger Jahren wurde im militärischen Auftrag über biologische Waffen, Drogen, Psychopharmaka und andere psychoaktiven Substanzen geforscht. Auch Gerüche oder Gestank, Lärm oder Sound, Rauch oder Schaum, Mikrowellen, Laser oder Licht schienen damals wie heute interessant zu sein. Angesichts der Proteste im Inneren war man später in den USA zuerst seitens der Polizei, dann auch seitens des Militärs auch mehr und mehr an den nichttödlichen Waffen interessiert, um Menschenmengen kontrollieren zu können. Wasserwerfer, Tränen- und Narkosegase, Pfefferspray oder Projektile aus Gummi oder Bohnen wurden ebenso entwickelt wie erste Elektroschockwaffen.

In seinem lesenswerten und detailreichen Bericht über diese frühe Geschichte 'nichttödlicher' Waffen, die letzten Monat vom Bradford Non-Lethal Weapons Research Project (BNLWRP) veröffentlicht wurde, weist Neil Davison auch daraufhin, dass man in den siebziger Jahren beim Militär darüber nachdachte, chemische und biologische Kampfstoffe mit einer geringen "Letalität" von 1-2 Prozent auch für große Einsätze heranzuziehen. Man könnte damit großen Menschenmengen und ganze Städte lahm legen. Die U.S. Army hat neben dem Halluzinogen BZ ( 3-Chinuclidinylbenzilat), einem Anticholinergikum, das kampfunfähig macht, auch andere Wirkstoffe zum Betäuben oder Beruhigen entwickelt.

Darüber hinaus wurden auch nichttödliche biologische Waffen in Form von Bakterien, Viren oder Toxinen entwickelt, die Menschen kampf- und handlungsunfähig machen, aber nicht töten sollten. Dazu gehörten Coxiella burnetii-Bakterien zur Übertragung von Q-Fieber, das grippeäjnliche Symptome hervorruft, Brucella suis-Bakterien, die Fieber auslösen können, oder der Venezolanische Pferdeenzephalitis-Virus (VEE), der zu Fieber, Durchfall und Atembeschwerden führt, in schlimmen Fällen auch zu Enzephalitis.

Das war die Zeit, als der Science Fiction-Autor Stanislaw Lem diese Entwicklung einer Pharmokratie in seinem Buch "Der futurologische Kongress" auf die Schippe nahm und ins Extrem trieb. Dass man tatsächlich "groß" auch bei der Entwicklung von nichttödlichen Waffen dachte, zeigt ein Beispiel. Joseph Coates hatte in seiner Studie "Nonlethal and Nondestructive Combat in Cities Overseas" aus dem Jahr 1970 hierfür gewissermaßen die grundlegenden Überlegungen angestellt, von denen sich auch die Entwicklung nichttödlicher Waffen für die nach dem Kalten Krieg in den Vordergrund rückenden "friedenssichernden" Einsätzen oder Stadtkämpfen (urban combat) inspirieren ließ.

Coates behandelt existierende und mögliche nichttödliche Waffen für den Einsatz in Städten im Ausland. Chemische Wirkstoffe seien für fast alle Anwendungen in Städten möglich, biologische Wirkstoffe würde sich zwar ähnlich gut wie chemische Substanzen verbreiten lassen, aber ihr Nachteil sei, dass sie nicht schnell wirken, weswegen ihre Verwendung taktisch sehr beschränkt ist: "Sie können jedoch eine wichtige Anwendung für die Einnahme und Neutralisierung von feindlichen Städten in hochintensiven Phasen der begrenzten Kriegsführung haben." Coates hatte seine Studie noch im Institute for Defense Analyses veröffentlichen können, obgleich der damalige US-Präsident Nixon im Jahr zuvor die Einstellung des Programms zur Entwicklung biologischer Waffen bekannt gegeben hatte.

Davison macht in seiner Studie deutlich, dass zumindest nach dem Abkommen zum Verbot biologischer Waffen nicht mehr offen an solchen Projekten mit biologischen Waffen geforscht wird. Doch die in den 60er und 70er Jahren begonnenen Entwicklungen und Konzepte für nichttödliche oder weniger tödliche Waffen wurden meist entweder inzwischen realisiert oder befinden sich weiterhin in Forschung. Die wichtigste Technik auf dem Markt sind nach Davison die Elektroschockwaffen. Auszeichnen würden sich die in der Praxis angewandten nichttödlichen Waffen weiterhin durch "starke Mängel im Hinblick auf Sicherheit und Wirksamkeit".

Die auch schon in der Frühzeit der nichttödlichen Waffen begonnene Entwicklung neuartiger Waffen, die mit Laser, Mikrowellen, niederfrequente Töne oder andere akustische Effekte verwenden, oder die die Umwelt beeinträchtigen können bzw. der elektronischen Kriegsführung zugehören, wurden mit Ausnahme von Laserwaffen nur diskutiert, aber nicht durch internationale Abkommen verboten. Die Bezeichnung "nichttödliche Waffen" scheint die Harmlosigkeit zu garantieren, zudem ist das Interesse vieler Staaten gesunken, Waffen und Waffenprogramme bis hin zu nuklearen und biologischen Waffen verbindlich zu ächten oder abzurüsten. So haben das CCW-Abkommen (Convention on Prohibitions or Restrictions on the Use of Certain Conventional Weapons Which May Be Deemed to Be Excessively Injurious or to Have Indiscriminate Effects) mit den dazugehörigen Protokollen, die unter bestimmten Bedingungen beispielsweise für die Augen gefährliche Laserwaffen, Streubomben, Minen oder Brandbomben wie Phosphor-Bomben verbieten, nur 106 Staaten ratifiziert. Die USA, Großbritannien, die Türkei und Israel erkennen die Zusatzprotokolle nicht an.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24363/1.html
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