Zunehmende Spionage
Nach einem Pentagon-Bericht nimmt die Spionage vor allem im Bereich der Informationstechnik zu, während man gleichzeitig mit der Hilfe von Hollywood-Filmen für einen Nachschub von US-Wissenschaftlern für die Rüstungsindustrie sorgen will
Das Pentagon hat Schwierigkeiten, ausreichend amerikanische Wissenschaftler zu finden, die für Forschung und Entwicklung von Rüstungsprojekten beschäftigt werden können. Immer weniger jungen Menschen studieren technische oder wissenschaftliche Fächer. Und 50 Prozent der US-Wissenschaftler und –Techniker gehen demnächst in Rente, sagt Robert Barker vom Air Force Office of Scientific Research, was nicht nur die Rüstungsindustrie der USA, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit in der globalen Wirtschaft gefährdet. Um den Trend zu durchbrechen, veranstaltet das Pentagon am American Film Institute in Los Angeles Kurse im Drehbuchschreiben. Wissenschaftler sollen hier Hollywood-Menschen Einblicke in Wissenschaft und Technik bieten, so dass diese Themen verstärkt in den Filmen auftauchen und so für die jungen Menschen attraktiver werden.
Ob die Unterhaltungsindustrie tatsächlich geeignet ist, die jungen Menschen, die lieber auf schnelle, lukrative Karrieren oder weniger mühsame Studien setzen, für Wissenschaft und Technik zu begeistern, scheint fraglich zu sein. Die auch aufgrund ihrer wissenschaftlichen und technischen Innovationen militärische Supermacht könnte so einen entscheidenden Motor im globalen Konkurrenzkampf verlieren – zumindest solange für Rüstungsprojekte nur US-Bürger beschäftigt werden dürfen, wie dies bislang der Fall ist. Bricht allerdings der wissenschaftliche und technische Vorsprung allmählich weg, der in starkem Maße vom Pentagon und neuerdings vom Heimatschutzministerium mit Steuergeldern gefördert wird (früher nannte man dies den militärisch-industriellen Komplex), ließe sich langfristig die militärische Überlegenheit auch nicht mehr bezahlen.
Wenn man nach einem Bericht des Defense Security Service (DSS) droht allerdings die Gefahr vom Ausland. Immer mehr Spione würden mit allen Mitteln versuchen, die amerikanische Rüstungsindustrie auszuspähen. Der DSS ist eine Pentagon-Abteilung, die u.a. auch für die Sicherheit der Firmen mit Pentagon-Aufträgen zuständig ist und jährlich einen Bericht über die Spionage in der US-Rüstungsindustrie vorlegt, um diese vor verdächtigen Aktivitäten zu warnen. Der aktuelle Bericht Technology Collection Trends in the U.S. Defense Industry ist zwar bereits im Juni 2006 vorgelegt, aber erst kürzlich verbreitet worden. Danach haben verdächtige Aktivitäten im Jahr 2005 gegenüber dem Vorjahr um 43 Prozent zugenommen.
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Im Verdacht stehen 106 Länder, die angeblich die Rüstungsindustrie ausspähen wollten. An erster Stelle liegen Länder aus der Region Ostasien und Pazifik, allen voran vermutlich China. Dann kommen Länder aus dem Nahen Osten, gefolgt von europäischen und asiatischen Ländern. Nach Südasien und Amerika rangiert auch hier ganz am Ende Afrika. Für mehr als die Hälfte der verdächtigen Aktivitäten seien nur fünf Länder verantwortlich. Von Pentagon-Mitarbeitern will die Washington Times erfahren haben, dass China, Russland und Iran am aktivsten beim Spionieren seien. Man habe auch Agenten aus Israel, Japan, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert. Meist handelt es sich allerdings nicht um Spionage, die staatlich organisiert oder mit staatlichen Organisationen verbunden ist. Allerdings würde Spionage mit staatlichem Hintergrund zunehmen: "Die Globalisierung der Rüstungsmarktes wird die Bedrohung durch strategische Konkurrenten vermehren, die legitime Geschäftsaktivitäten als ein Mittel einsetzen, illegal an US-Technik zu gelangen."
Ziel der Spionage ist primär die Informationstechnik, zunehmend Techniken zur Modellierung und Simulation. Beim DSS geht man davon aus, dass diese Techniken besonders begehrt sind, um amerikanische Waffensystem zu emulieren. Auch die Versuche, über das Internet in Firmennetze einzudringen, hätten zugenommen. Allerdings ist das noch sehr gering gegenüber anderen Versuchen, an Informationen zu gelangen. Es dominieren Anfragen, Käufe von kontrollierten Techniken, die meist über Drittländer laufen, und Angebote für die Vermarktung. An vierter Stelle wird die Ausbeutung von Beziehungen genannt.
Die am Schluss des Berichts aufgelisteten "Highlists" scheinen dann aber doch relative harmlos zu sein. So wird berichtet, dass eine ausländische Organisation über E-Mail die Preise von 11 Überwachungstechniken von einer Rüstungsfirma wissen wollte. Oder es wird erwähnt, dass eine Frau einen bei einer Rüstungsfirma angestellten Übersetzer dazu verführen wollte, ihr sein Passwort für den Computer zu geben. Oft geht es um Vermutungen, beispielsweise bei einer ostasiatischen Firma, die nicht exportbeschränkte Steuerungssysteme für Drohnen gekauft hat und dann zwei Vertreter mit einer "aggressiven Vorgehensweise" zu der Rüstungsfirma geschickt habe, um verdeckt die geheimen Drohnenprogramme auszuspähen. Ein nicht erfolgreicher Internetangriff auf ein Computersystem konnte auf eine Mädchenschule in einem ostasiatischen Raum zurückverfolgt werden. Bei einigen Angestellten von Rüstungsfirmen, die durch Kanada gereist sind, wurden kanadische Geldstücke entdeckt, die mit RFID-Chips versehen waren.
Der deutsche Verfassungsschutz sieht die Industrie- und Rüstungsspionage ähnlich vor allem von bestimmten Ländern ausgehen, Genaueres im Verfassungsschutzbericht 2005:
Von fremden Nachrichtendiensten geht nach wie vor die größte Gefahr für Informationen aus, die im staatlichen Interesse geheimzuhalten sind. Die tiefgreifenden Veränderungen der politischen Bedingungen und Beziehungen hindern viele Länder keineswegs, sich die gewünschten Kenntnisse notfalls auch illegal zu beschaffen. Manche Länder sehen keinen Widerspruch zwischen ihrem Wunsch nach wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit mit Deutschland und ihrem gleichzeitigen Bestreben, unser Land auszuforschen. Dies gilt insbesondere für die Russische Föderation, einige Mitglieder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und die Volksrepublik China.
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