"Greenwashing" - oder geschäftskritische Zahlen?

Craig Morris 19.02.2007

Ein Gespräch mit Alyson Slator von der Global Reporting Initiative

In letzter Zeit erstellen immer mehr Firmen nicht nur Finanzberichte, sondern auch Nachhaltigkeitsberichte. Letztere decken auch die Zahlen über die Sozial- und Umweltindikatoren einer Firma ab. Im Englischen wurde dafür der Begriff "triple bottom line" geprägt: Finanzen, Soziales und Umwelt. Das Beispiel von Apple im letzten Sommer zeigt, weshalb solche Berichte notwendig sind: Ein Zulieferer hätte angeblich seine Fabrik wie ein Militärstützpunkt geführt. Apple konnte nur auf seinen Code of Supplier Conduct verweisen, da die Firma keinen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht hatte, der sich an Richtlinien orientierte, die Kunden und Investoren mitgestaltet haben.

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Anfang Oktober präsentierte die Global Reporting Initiative die aktuellste Fassung ihrer G3-Richtlinien auf einer Konferenz in Amsterdam. Firmen, die nach in GRI G3 berichten, sollen ihre Hausaufgaben vorab für den Bericht machen, damit sie nicht in Verlegenheit kommen, wenn die Presse ihre eigenen Berichte später schreibt. Dabei sollen die Arbeitsbedingungen sowie die Auswirkungen auf die Umwelt quasi vorbeugend verbessert werden - ganz ohne Skandal. Außerdem können Kunden im Westen die GRI G3 dazu nutzen, ihre Arbeitsmärkte zu Hause zu schützen, indem den Beweis von den einheimischen Firmen durch einen solchen Nachhaltigkeitsbericht verlangen, dass diese nicht vor allem offshore arbeiten, um den arbeits- und umweltrechtlichen Auflagen zu Hause zu entkommen. Craig Morris sprach mit Alyson Slator, Communications Director bei der Global Reporting Initiative, über die Zukunft der GRI und die Hauptsorgen, die auf der Konferenz erörtert wurden.

Wie reagiert ihre Organisation auf den Vorwurf, GRI-Berichte seien bloßes Greenwashing?

Alyson Slator: Unsere Organisation wurde als Antwort auf diese Kritik gegründet. Der Begriff kam in den 1980ern und 1990ern auf, als große multinationale Firmen ihre ersten Umwelt- oder Sozialkrisen erlebten. Organisationen wie Greenpeace und andere aus der organisierten Zivilgesellschaft haben sie zur Rede gestellt. Unter anderem versuchten diese Firmen zuerst, auf all die guten Sachen hinzuweisen, die sie taten. Dann las man diese Berichte und sagte: "Danke für diese Hochglanzblätter mit Bildern von Delfinen und Bäumen, aber Sie haben doch glatt vergessen zu sagen, wie Ihre Arbeit in Wirklichkeit aussieht." Die Öffentlichkeit hat von diesen Firmen verlangt, dass sie ihren großen Fußabdruck auf der Erde als Risiko in der Bilanz mitberücksichtigen.

1997 gründete die Ceres - eine Nichtregierungsorganisation (NGO), bestehend aus einer Koalition von Arbeitsrechtlern, Investoren, und Umweltschützern - die GRI als Antwort auf diesen Dialog. Diese Gruppen kamen zusammen, um auf Augenhöhe mit den großen US-Firmen zu reden. Sie wollten vor allem, dass die Firmen über ihre Leistungen in der Umwelt- und Sozialpolitik berichten. Firmen wie General Motors und Ford hatten bereits solche Berichte veröffentlicht und waren an diesem Dialog interessiert, weil sie von der überwältigenden Kritik überrascht worden waren, die man an diesen frühen Berichten geübt hatte. Die Firmen baten die Kritiker, was sie denn gerne berichtet sehen würden. Diese Diskussion führte zu dem Aufruf nach einer Standardisierung der Berichte. Dann setzten sich die Firmen an einen Tisch zusammen, um diese Standards auszuhandeln, denn sie wollten die Formulierung der Richtlinien natürlich nicht den NGOs überlassen.

Sie sagen also, dass GRI-Berichte nicht "grüngewaschen" sind, weil man die Rohdaten hat, mit denen man die Behauptungen überprüfen kann?

Alyson Slator: Ja. Erstellt man einen Bericht nach unabhängigen Richtlinien, die Tausende von Menschen in Verhandlungen mit allen betroffenen Interessenvertretern über Jahrzehnte formuliert haben, dann berichtet man doch nicht nur das, was man an die große Glocke hängen will. Dadurch werden die Berichte glaubwürdig.

Ohne eine unabhängige Verifizierung? Natürlich ist es peinlich, wenn es sich herausstellt, dass die Firma den Nachhaltigkeitsbericht frei erfunden hat, aber brauchen wir nicht Berichtsprüfer? Und wenn ja, wen nehmen wir? Die Finanzprüfer sind doch nicht qualifiziert?

Alyson Slator: Dieser Sektor entsteht gerade erst. Die Umrisse sind noch nicht klar definiert, und es gibt noch keine Regeln. Die GRI begrüßt die externe Verifizierung, aber unsere Richtlinien schreiben sie nicht vor. Manche Firmen beauftragen die gleichen Berichtsprüfer für den Finanzbericht sowie für den Nachhaltigkeitsbericht. Andere glauben nicht, dass diese Prüfer qualifiziert sind und wenden sich deshalb an eine interessante, wachsende Branche von Experten, die schon ähnliche Berichte zu Umwelt- und Arbeitsrecht geprüft haben. Andere Firmen haben Komitees aus 6 bis 10 Stakeholdern, die die Arbeitnehmer, die Gemeinde und so weiter vertreten. Die Mitglieder dieses Komitees haben freien Zugang zu allen relevanten Bereichen während der Erstellung des Berichts.

Was will die GRI mittelfristig? Sollen die Aktienmärkte diese Richtlinien zwingend machen? Oder ist das eher ein langfristiges Ziel?

Alyson Slator: Die Frage, ob diese Berichte zwingend vorgeschrieben sein werden, ist fast in jedem Land anders zu bewerten. Ich kann mir vorstellen, dass die japanische Regierung diesen Schritt morgen macht. Ich kann mir vorstellen, dass Südafrika die GRI am Aktienmarkt vorschreibt, wo die Firmen bereits solche Berichte erstellen müssen, wenn auch nicht nach GRI G3. Das Gleiche gilt für manche Länder Europas, wie beispielsweise Frankreich und Dänemark, wo börsennotierte Firmen auch manche Zahlen über Umwelt- und sozial Indikatoren veröffentlichen müssen. Es geht also keine Antwort, die für die ganze Welt gelten würde.

Und die USA?

Alyson Slator: Die USA sind ein interessantes Beispiel. Im Augenblick hinken sie hinterher. Wenn man die Größe der US-Wirtschaft berücksichtigt, so berichtet nur ein kleiner Prozentsatz der Firmen, auch wenn die absolute Zahl groß ist, weil so viele der Fortune-500-Firmen dies machen. Der Prozentsatz ist beispielsweise höher in der UK oder Südafrika. In den USA berichten weniger als 150 Firmen, aber das gleiche gilt für die UK. 240 berichten aus Japan. Und 100 aus Spanien. Das steht doch in keinem Verhältnis. Viele der B2B-Firmen stehen nicht so arg in der Öffentlichkeit wie Nike und können sich noch verstecken.

Ich komme aus Kanada, weshalb ich immer die Ereignisse in den USA von außerhalb beobachte, nicht als Bürger. Aber Alan White, einer der Gründer der GRI, hat immer gesagt, dass die USA vielleicht nicht an der vordersten Front stehen werden, aber eines Tages wird das Land alle überraschen und nach vorne springen - dabei meint er nicht, dass die USA die gesamte GRI G3 zwingend vorgeschrieben wird, aber vielleicht fünf oder 10 Hauptindikatoren.

Das Hauptziel muss aber doch sein, dass man alles in einem Bericht findet, die Nachhaltigkeitsindikatoren sollten gleichwertig neben Finanzzahlen im Jahresbericht stehen?

Alyson Slator: Ja, das Ziel ist es, den Jahresbericht zu ändern. Heute ist das größte Manko der Jahresberichte, dass sie nicht dreidimensional sind. Darin werden nämlich nur die Finanzzahlen berücksichtigt, aber nicht die Dimensionen der sozialen Verantwortung und der Umweltbelastungen. Der GRI geht es nicht darum, separate Berichte für diese anderen zwei Dimensionen zu haben. Wir sind eher darüber erfreut, wenn wir sehen, wie viele Firmen alle drei Bereiche in ihrem Jahresbericht vereinen. Schließlich geht es nicht um separate Angelegenheiten. Eine norwegische Pharmafirma - Nova Nodisk - hat sogar angefangen, alle drei Bereiche in ihren Quartalsberichten abzudecken. Manche dieser Indikatoren verändern sich sehr schnell, und die Firma wollte dies berücksichtigen.

Craig Morris ist der Herausgeber des Telepolis-Sonderhefts Energie Sparen sowie der Autor des Buches Zukunftsenergien. Er übersetzt Jahres- und Nachhaltigkeitsberichte bei Petite Planète.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24379/1.html
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