Auferstehung des Praktikanten

Anne Peters 09.01.2007

Warum ausgerechnet Praktikanten zur erfolgreichsten Soziallobby wurden und was dabei im Dunkeln bleibt

Am 1. September 2005 richtete der Deutsche Bundestag ein Online-Petitions-System ein, von dem auch rege Gebrauch gemacht wird. Absoluter Spitzenreiter mit über 50 000 Mitzeichnern, wurde überraschenderweise eine Petition für ein Praktikantengesetz. Heute – just zwei Tage vor der Theaterpremiere von René Polleschs Stück "Tod eines Praktikanten" – läuft die knapp dreimonatige Zeichnungsfrist der bislang erfolgreichsten elektronischen Petition aus.

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Eingereicht hatte sie Silvia Helbig, Referentin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), und die Abteilung Jugend des DGB Bundesvorstandes. Bisher haben über 59.140 Personen (Stand 8.1.07, 21:00 Uhr) mitgezeichnet. Heute böte sich zwar noch die letzte Gelegenheit einer so genannten Mitzeichnung, doch um eine Anhörung durch den Bundestag zu erwirken sind ohnehin nur 50.000 Unterschriften erforderlich.

Hauptziele der Petition bestehen in der Forderung eines gesetzlichen Mindestlohns von 300 Euro pro Monat für ein Praktikum und 7.50 Euro pro Stunde für ein Volontariat. Zudem sollen Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse gesetzlich getrennt werden, damit reguläre Arbeitsplätze nicht – wie in vielen Bereichen üblich – von Praktikanten übernommen werden.

Wie kam es eigentlich dazu, dass ausgerechnet Praktikanten, die sich doch für recht partikulare Interessen einsetzen, an Vorschlägen wie der Revision der Zuteilungsregeln für den Emissionshandel (661 Unterstützungen) oder an der Forderung zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention für eine kindergerechte Versorgung im Krankenhauswesen (3046 elektronische Unterschriften), derart rasant vorbeiziehen konnten?

Gründe für den Erfolg liegen zunächst wohl schlicht darin, dass die Hauptunterstützer – neben der DGB Jugend der Verein fairwork e.V. – in hoch vernetzter Form agieren. So wurden zahlreiche Aufrufe zur Mitzeichnung über diverse Email-Verteiler verschickt, auf Weblogs für die Petition geworben und Internetforen für Diskussionen eingerichtet. Zudem sind die erwähnten Vereine und Institutionen seit über einem Jahr regelmäßig in den Medien präsent. Die Faszination an den Praktikanten, für die sogleich eine Generation ausgerufen wurde, reicht sogar bis in die New York Times, wo sie analog als Generation Debt tituliert wird.

Innerhalb des französischen Vereins Generation Precaire, der sich ebenfalls an einer Demonstration in Deutschland beteiligte und in Frankreich sogar den ersten Praktikantenstreik organisierte, wird die Debatte hingegen allgemeiner und kritischer geführt. Aber dort allerdings konnten bei einer ähnlichen Aktion auch "nur" 15 379 (Stand 06.01.2007) Stimmen geworben werden.

In einem ersten Reflex schlussfolgert man nun vielleicht, dass gerade die fehlende Solidarität mit anderen gesellschaftlichen Gruppen für den Erfolg in Deutschland ausschlaggebend sei. Stochert man ein wenig tiefer nach Gründen, dann fällt auf, dass die Forderungen der hiesigen Vereine – jenseits dessen, was die Petition pointiert bündeln muss – fast schon erschreckend kontextfrei daherstolpern. Es werden weder die gesamtgesellschaftlich veränderten Arbeitsbedingungen, noch die eigene Position innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft thematisiert. Prekäre, atypische Beschäftigungsformen nehmen doch in allen Bereichen zu, überall werden flexiblere Arbeitsformen gefordert. Nun könnte man natürlich dem entgegenhalten, dass andere, ebenfalls benachteiligte Gruppen wie Langzeitarbeitslose, Hartz-IV- Empfänger, 1-Euro-Jobber, Sozialhilfeempfänger, chronisch Kranke, Zwangsprostituierte, Flüchtlinge, Behinderte ja selbst eine Lobby gründen könnten, um sich mit einer schicken Forderung via Petition an den Staat zu wenden.

In dem Ankündigungstext zum Theaterstück "Tod eines Praktikanten" zeigt sich der Autor Pollesch an der Schwierigkeit, ja eigentlich an der Unmöglichkeit interessiert, für jemand Anderen zu sprechen, einen Anderen zu repräsentieren. So ist es aus der Position der Mittelschicht unmöglich, für die Unterschicht zu sprechen. Pollesch erklärt das in einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin "Zitty" (01/2007) mit folgendem Beispiel: Der spitzenverdienende Schauspieler Benno Führmann leistet sich das Vergnügen, zusammen mit zahlreichen Praktikanten und arbeitslosen Schauspielern Lars von Triers Dogville zu inszenieren. In der medialen Öffentlichkeit begeistert sich Führmann dann dafür, dass alle unentgeltlich mitwirkten. Es geht Pollesch also um die Frage, von welcher Position aus jemand für jemanden spricht und vor allem, was dabei im Dunkeln bleibt: Führmann will nämlich einerseits das Status-quo-erhaltende Spiel mitspielen und gleichzeitig andererseits die "Kollateralschäden" dieses Spiels (arbeitslose Schauspieler und unbezahlte Praktikanten) bagatellisieren, indem er sie als Quellen der Kreativität lobt. Er will hier die interessante, leider aber nicht bezahlbare Arbeit und dort den schnöden, aber glücklicherweise super bezahlten Job.

Und ähnlich wird bei den Praktikanteninitiativen der Status quo in keiner Weise angetastet, es handelt sich einmal mehr um den Traum, dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz verpassen zu können. Die Praktikanten-NGOs sprechen nicht für andere, aber sie sprechen auch nicht von den anderen. Sie signalisieren: Es ist schon alles ganz o.k., wie es ist, Hauptsache wir, die vermeintlich gut ausgebildeten Akademiker, bekommen ein Stück vom Kuchen ab. Es geht ja v.a. um Praktikanten und Praktikantinnen mit Hochschulabschluss. Die Politik soll ein gutes Wort – am besten in Form eines Gesetzes, sonst hört sie ja nicht, die Wirtschaft – für uns einlegen. Mehr wird aber nicht gefordert, bloß keine Politisierung der Ökonomie, bitte!

Es scheint jedenfalls eine hohe Kunst, Mitstreiter zu finden, an sich zu binden und zu mobilisieren. Hier könnte auch eine große Chance für mehr direkte Demokratie liegen. Auch Trittbrettfahrer kündigen sich schon an, wie folgende Petition mit bisher nur 155 Mitzeichnern (Stand vom 8.1.) beweist:

Die Petentin fordert, der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass ein Programm für Langzeitarbeitslose entwickelt wird, die freiwillig Entwicklungshilfe in wirtschaftlich schwachen Ländern leisten möchten. Zu diesem Zweck soll die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen von Entwicklungsländern aufgebaut werden, die Praktikanten einsetzen.

Zur Begründung verblüfft uns die Petentin Juliane Kruppke dann u.a. mit folgenden Argumenten:

Sie erhalten die Möglichkeit, einer sehr sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, das Selbstwertgefühl zu steigern und ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Im Vergleich mit der Armut anderer Ländern wird das soziale Netz der BRD an Bedeutung gewinnen. Das Jammern auf hohem Niveau, welches ungerechtfertigt ist, hört auf. Durch die neue praktische Erfahrung ergeben sich unter Umständen alternative Einsatzbereiche auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach der Rückkehr. […] Die Lebenshaltungskosten der Arbeitssuchenden sind in Entwicklungsländern deutlich niedriger, so dass die finanzielle Unterstützung stark gekürzt werden kann. […] Es wird ein deutliches Zeichen für alle deutschen Bürger und auch den Rest der Welt gesetzt. Es wird gehandelt, statt geredet.

Auf nach Afrika, vielleicht mal wieder Madagaskar: Langzeitarbeitslose aller Bundesländer vereinigt euch!

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24404/1.html
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