Trockenlegung des Phrasensumpfes

13.01.2007

Blogging lange vor dem Zeitalter des Web – das war "Die Fackel" von Karl Kraus, deren 37 Jahrgänge jetzt online zugänglich sind

Ein publizistisches Gegenprogramm zur bürgerlichen Doppelmoral – seit Jahresbeginn hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften den Volltext der kritischen Zeitschrift Die Fackel im Web zugänglich gemacht (Registrierung erforderlich). Der Einblick in diese außergewöhnliche, 37 Jahrgänge (1899-1936) mit über 22.500 Seiten umfassende Publikation wirft nebenbei die überraschende Frage auf, was an heutigen Weblogs eigentlich so prinzipiell neu sein soll.

Cover der ersten Ausgabe der Fackel. Bild: Austrian Academy Corpus

Weblogs oder kurz Blogs, das muss hier nicht groß erklärt werden, sind massenhaft auftretende publizistische Elaborate von Einzelnen (klassischerweise, es gibt freilich auch andere Formen), die mit Hilfe einer Web-Publishing Software in regelmäßiger Folge erstellt werden. Das Projekt "Die Fackel" war das publizistische Sprachrohr eines Einzelnen, das rigoros gegen den Mainstream, gegen alle Formen von politischem wie ökonomischem Einfluss auf Veröffentlichungen gerichtet war. Es nahm jene Rolle wahr, die als kritische Medienbeobachtung von der Außenseiterposition her gegenwärtig den Blogs zugeschrieben wird – obwohl es sich dabei bis auf wenige Ausnahmen um eine haltlose Idealisierung handelt.

Alles sieht rot

Doch was macht "Die Fackel" so besonders? Das vor mehr als einem Jahrhundert im Wien der Jahrhundertwende gestartete Periodikum bietet scharfe Zeitdiagnose und schneidende Zeitkritik, vor allem aber auch jene rigorose Medien- und Sprachkritik, die es zum Liebkind vor allem der österreichischen Literaturwissenschaft der "Nach-68er-Generation" machte.

Zentrales Ziel der historischen Kritik war die "Journaille" (Karl Kraus), womit alle Hetzer und Zyniker der Boulevardpresse gemeint waren. "Die Fackel" betrieb Kultur- als Medienkritik – geprägt von einem moralisierenden Autor, der seine notorische Vehemenz und Ausfälligkeit über fast vier Jahrzehnte hinweg durchgehalten hat.

Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles - rot. Einen solchen Tag hat Wien nicht wieder erlebt. War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln! Auf den Straßen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesend aus einem roten Heft ...

Mit diesen bekannten Worten erinnerte sich der Journalist Robert Scheu (Arbeiterzeitung) an den ersten Erscheinungstag jener politisch-satirischen Zeitschrift, die unter der Herausgeberschaft und der Redaktion von Karl Kraus zwischen 1899 und 1936 "dreimal im Monat" erschien. Der Umschlag des zwei Druckbogen umfassenden, kleinformatigen Heftes war rot und zeigte eine lodernde Fackel über der Stadt Wien (später blieb zwar das Rot, aber die Grafik wurde nach drei Jahrgängen durch eine typografisch strengere Gestaltung ersetzt).

"Brennend" war die Assoziation mit den Themen, die hier verhandelt wurden, und der orientierenden Frage nach dem "Was wir bringen" – heutzutage etwa die Benennung der Blattlinie – setzte Kraus ein höhnisches "Was wir umbringen" entgegen. Aus dem Plural wurde mit der Zeit ein mächtiger Singular – das vielgeschmähte "ich" des Karl Kraus, der bald Herausgeberschaft, Redaktion und auch Autorschaft in Personalunion vereinte.

"Umbringen" wollte der Fabrikantensohn, der studierte Philosoph und Jurist Kraus ( Biographie), der sich stolz "Publicist" nannte, die bürgerliche Doppelmoral der Presse und das affektierte Kulturgetue seiner Zeit um 1900, wobei die Heucheleien der Politiker ebenso wie die Stumpfheit der Wirtschaftstreibenden oder die Aufplusterungen der Theaterleute, Komponisten und Autoren zur Zielscheibe seines Spotts und seiner Angriffslust wurden. Unerträglich waren ihm die Blödheiten und Lügen der Tagespresse, die im Vorfeld des Ersten Weltkriegs dann in unverhohlene Kriegstreiberei umschlugen. Sein publizistisches Gegenprogramm nannte er "Trockenlegung des Phrasensumpfes". Unermüdlich meldete er sich zu Wort, bis zu seinem Tod 1936 und dem Ende der zuvor oft beschlagnahmten und zensierten Zeitschrift.

Was Kraus selbst für viele seiner Leser unerträglich machte, das war seine Gabe, in kleinsten (gerade auch sprachlichen) Unstimmigkeiten die grundlegende Verfehlungen zu erkennen und explizit zu machen – egal, ob diese nun von kleinen Journalisten stammten oder von großen Kulturschaffenden. Nicht der Inhalt allein war dem Kritiker wichtig, er achtete auch auf den Ausdruck, auf Tonfall und Wortwahl, um sich damit ausführlichst auseinanderzusetzen (die methodische Bezeichung Dekonstruktivimus war damals noch nicht erfunden). Kraus definierte das publizistische Genre der Polemik neu, indem er seine Gegner direkt attackierte und unnachsichtig bloßstellte.

Innovative mediale Form

Was aber rechtfertigt nun den angestrengten Vergleich mit den Bloggern, die doch ein Jahrhundert später eine ganz andere Mediensphäre bevölkern? Lassen wir die Technik einmal beiseite, so hat Kraus doch sehr stark mit dem Feedback seiner Leserschaft gearbeitet. Dabei genügte es ihm manchmal, einen Brief an die Redaktion abzudrucken und diesen nach aller Kunst zu sezieren, um seinen Verfasser bloßzustellen. Noch wesentlicher ist aber seine redaktionelle Unerschrockenheit gegenüber politischen und wirtschaftlichen Repressionen. Wenn man sagt, dass ökonomische Macht die publizistische Landschaft definiert, dann war damals "Die Fackel" nicht weniger wie heutzutage ein guter Weblog ein ernstes Gegengewicht zum Mainstream einer rigoros wertschöpfenden Publizistik.

Hier befreite sich das Wort kompromisslos vom Druck willfährigen Erfolgstrebens. Kraus ließ sich dabei nicht in ein gängiges Format pressen, er spielte mit Schriftbild, Layout und Zitatmontagen, nicht selten reflektiert die typographische Ebene den inhaltlichen Ausdruck. Die Mittel, die Karl Kraus dafür erfunden hat, lassen sich nun nachspüren und nachlesen. Dies ist buchstäblich gemeint, denn die (leider recht gewöhnungsbedürftig navigierbare) Online-Fassung umfasst sowohl die faksimilierte wie die transkribierte Form der Texte, ein Hin- und Herschalten ist ebenso möglich wie eine umfassende semantische Suche.

Sicher, es liegen seit 1968 gedruckte Faksimile-Ausgaben und seit einigen Jahren auch eine CD-ROM-Ausgabe mit diesen Texten vor. Die Online-Fassung steht nun jedoch allgemein und kostenfrei zur Verfügung. Ermöglicht hat dies eine Institution, die damit einen Teil ihrer Ressourcen an die Öffentlichkeit zurückgibt, von der sie finanziert wird. In dieser Form ist das auch der Tatsache geschuldet, dass die Urheberrechte am Werk von Karl Kraus mit Ende des Jahres 2006 abgelaufen sind.

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