Nadelstiche mit blindem Auge

Thomas Pany 15.01.2007

USA: Die Provokationen Richtung Iran werden forcierter

In seiner Rede an die Nation (vgl. Bush Reloaded) kündigte der amerikanische Präsident schon an, dass bei seiner neuen Strategie für den Irak Iran eine wichtige Rolle spielen würde: nicht als Gesprächspartner für einen breiter angelegten Friedensprozess, wie es die Iraq Study Group empfiehlt, sondern als Gegenüber mit feindlichen Interessen im Zweistromland. Man werde gegen iranische Netzwerke im Irak vorgehen, so die Ankündigung von Bush, der tagsdarauf mit der Gefangennahme von Iranern im iranischen Konsultat in Erbil/Kurdistan erste Taten folgten. Seither werden Provokationen Richtung Iran forciert.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Im persischen Golf baut die USA mit der im Februar erwarteten Ankunft eines zusätzlichen Flugzeugträgers eine impossante Kullisse auf, die wohl auch als imposante Drohkulisse verstanden werden soll. Präsident Bush spricht in einem Fernsehinterview vom vergangenen Freitag davon, dass Iran Atomwaffen entwickeln würde und andere Länder mit Nuklearwaffen bedrohen würde. Ganz so als ob dies feststehende Tatsachen wären, ohne jeden Beweis.Am selben Tag enthüllt US-Außenministerin Rice, dass der Präsident sich für eine "breit angelegte militärische Offensive gegen iranische Kräfte, die im Irak operieren" entschieden habe.

Der Vorwurf, Iran habe sich eigene militärisch gestützte Netzwerke im Irak geschaffen und mithilfe von Mitgliedern der Revolutionären Garden die Interessen von "amerikanischen und irakischen Bürgern verletze" (Bush), wird schon seit längerer Zeit immer wieder erhoben. Doch diesmal sollen, wenn man Rice richtig versteht, Beweise vorliegen: Der Präsident habe sich zum Handeln entschlossen, nachdem - "after a period of time" - man "gesehen" habe, dass "die Aktivitäten von Iranern im Irak zunahmen und zunehmend tödlicher geworden sind in dem, was sie produzieren."

Nach Informationen des Guardian soll Rice damit konkret auf EFPs anspielen, "Explosively Formed Penetrators", Projektile, die am Straßenrand platziert werden, Panzerungen durchdringen und zu einer der größten Killerwaffen gegen amerikanische Truppen geworden sind. Der Beweis dafür, ob diese Waffen tatsächlich im benachbarten Iran produziert würden, steht allerdings noch aus. Während amerikanische und britische Offiziere behaupten würden, dass sie von Iran eingeschmuggelt würden, hätten britische Soldaten, die an der Grenze zum Iran patrouillieren, gegenüber Journalisten insistiert, dass sie keinerlei Beweise dafür hätten, dass diese Waffen von der anderen Seite kämen.

So wird der Eindruck erweckt, als ob Regierung Bush mit ihrer neuen Irak-Strategie der Psy-Op-Methode der Anschuldigungen mit zumindest fragwürdigen Beweisen treu bleibt, nur dass der Schurke Saddam Hussein jetzt durch den Schurken Ahmadinedschad ersetzt wurde und damit der nächste Problemstaat stärker ins Visier gerückt wird.

Während die iranische Regierung darauf besteht, dass die gefangengenommenen Iraner Konsulatsangehörige waren und die US-Regierung mit ihrer Aktion gegen geltendes Recht verstoße, behaupten amerikanische Vertreter, dass die Männer Verbindungen zu den Revolutionären Garden hätten und keinerlei diplomatische Ausweispapiere vorzeigen konnten. Ganz unplausibel erscheinen die Vorwürfe der Amerikaner zwar nicht, die Beschäftigung von Geheimdienstlern und Angehörigen von Elitetruppen mit diplomatischer Tarnung, ist gängige Praxis. Doch kann man dazu auch die Gegenfrage stellen, wieviele der Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Bagdad mehr als nur ihren diplomatischen Dienst versehen.

Klar in dieser undurchsichtigen Angelegenheit ist, dass mit zweierlei Maß gemessen wird und das internationale Recht einmal mehr nach amerikanischen Maßstäben gebeugt wird. Für Beobachter ein weiteres Indiz dafür, dass die Regierung Bush ungeachtet der Spekulationen über Abschied der Neocons und deren bellizistisch unterlegter "Grand Strategys" nach wie vor die Absicht hat, geopolitische Interessen mit einer dezidiert militärischen Note zu verfechten. Dazu gehören auch die neuen verschärften feindseligen Töne gegen Teheran und dafür spricht, was seit der Rede von Präsident Bush in der arabischen Presse als neue Politik im Irak wahrgenommen wird: "The US aim is military domination of Iraq pure and simple."

Mit dem traditionell blinden Auge dafür, wie sich bestimmte Angelegenheiten in der Wahrnehmung der ortsansässigen Bevölkerung darstellen, könnten die Amerikaner mit ihrem verschärften Kurs gegen iranische Einmischung im Irak Probleme bekommen:

Was die Amerikaner als "Beweis" für die Einmischung Irans im Irak, einschließlich der Präsenz iarnischer Vertreter im Irak, verstehen, ist nicht ganz so offensichtlich, wenn man die Perspektive der schiitischen Parteien anlegt. Viele von ihren führenden Repräsentanten lebte mehr als zwei Jahrzehnte im iranischen Exil und betrachten den schiitischen Nachbarstaat zugleich als Freund wie auch als religiöses und politisches Musterbeispiel in der Krise, die sie umgibt...Von diesem Standpunkt aus gesehen würden viele irakische Schiiten argumentieren, dass sich die Amerikaner einmischen und nicht ihre iranischen Brüder.

Guardian
http://www.heise.de/tp/artikel/24/24449/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

"Es ist noch viel Druck auf die US-Regierung notwendig"

Die weiteren Truppenentsendungen der USA in Irak verhindert ein militärisches Vorgehen gegen Iran - zumindest vorerst

Angriff auf den Iran?

Während die Demokraten über den Irak-Konflikt mit dem Weißen Haus streiten, scheint es im Hinblick auf den Iran Einigkeit zu geben

Psychologische Kriegsführung

Die Aufregung um vermeintliche Angriffspläne Israels auf Iran ist gewollt

"Israel hätte die iranischen Nuklearanlagen schon gestern angreifen müssen"

Ein einflussreicher israelischer Think Tank versichert, dass Israel den Iran "technisch" auch alleine angreifen könne

Geht Iran das Öl aus?

Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte

CIA: Keine Hinweise auf iranisches Atomwaffenprogramm

Das Weiße Haus will nach Informationen von Seymour Hersh auch nach der Wahlschlappe die militärische Option gegenüber dem Iran wahren und hält am Plan eines "Regimewechsels" fest

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS