Die Ausnahmeerscheinung

21.01.2007

"Brinkmanns Zorn"

Manchmal sind wilde schmerzhafte Fragmente mehr wert als ein langes betuliches Leben oder meterweise Bildungsbücherleisten oder DVDs. Dies gilt auch für "kleine" komprimierte Filme mit übersichtlichen kreativen Besetzungen und Drehstab, die eine gute Idee oft viel konsequenter verfolgen als aufwendige Produktionen, Biopics und ausgedehnte Spielfilmgummis. Mit Harald Bergmanns 105 Minuten genau richtigen Streifen "Brinkmanns Zorn" ist ein solches Meisterstück gelungen. Der Film über und mit dem gleichnamigen radikalen Kölner-Antiliteratur-Beat-Poeten trifft mitten ins Herz und läuft derzeit in handverlesenen Programmkinos deutschlandweit.

Rolf Dieter Brinkmann war das enfant terrible, der zornige junge Mann, eine Ausnahmeerscheinung der westdeutschen Literaturszene. 1940 geboren in Vechta, in Köln lebend und schreibend, 1975 gestorben nach einer Vortragsreise nach England in London, als ihn, den ewigen Fußgänger und Passanten in den Städten und Metropolen der späten 60er und 70er Jahre, ein Auto vor dem Lokal "Shakespeare`s" tödlich anfuhr.

Alle Bider ©Neue Visionen

Brinkmann war ein Bilder-, Ton- und Wortstürmer, Hardcore-Utopist und Selfmade-Man mit Rhythmus im Blut, ein obsessiver Augen- und Ohren-Mensch, dabei ein immerwährender Sprechsänger ohne Gitarre. Er wollte die "hohe" Literatur schlichtweg umkrempeln, sie vom Gehirn auf die Beine stellen, sie aus der Betulichkeitsnische der klassischen Poesie und der linken Betroffenheitsepik herausholen.

Poetry sollte als körperlich spürbarer Song, als differenziertes Seismogramm und hartnäckige Stimme mitten im aktuellen Leben ansiedeln - zwischen (tristem) Alltag, sozialem Protest und musikalischem Beat und Rock.

Die musikalische Wut und der libidinöse Zorn, die Brinkmann versprühte, haben auch nur bedingt mit den Pop-Literaten der 90er Jahre zu tun, die ihn medienwirksam für sich reklamierten. Vielleicht noch mit Rainald Goetz, aber doch eher mit Sartres Ekel und Baudelaires Ennui, vor allem aber mit der amerikanischen Beatnik-Kultur und den subversiven Tendenzen der Pop-Ära, dem existentiellen Erlebnishunger von Sex, Drugs and Rock nRoll als Genuss-, Widerstands- und neuem Erfahrungsprinzip (Brinkmann/Rygulla: "ACID").

Brinkmanns Zorn war eine explosive Mischung aus schonungslos nach außen getragener selbstkritischer Angst vor dem eigenen starken Können, für dessen Umsetzung zunächst die Kriterien fehlten, aber auch eine instinktive und intelligente Aversion gegenüber dem eingeschworenen Getue der hochgestochenen deutschen Bildungsphilister, Germanisten und Stipendiatenkünstler, die sich aus seiner Sicht (in Rom) über Connections und schleimig gehandhabte Beziehungen nur in weiteren Selbstbestätigungszirkeln, Interpretationsrunden und Applausspiralen bewegten, während Brinkmann sich fast naiv einer lebendigen, externen und extremen Lebenserfahrung hingab, die nach seinem wilden und doch zärtlichen Empfinden für einen spürbaren Gehrythmus, einen Walking Bass, in der Literatur mit Kleinhirn, Schwanz und Schenkeln sorgte.

Oh, yeah

Brinkmann war auf der Suche nach der Antiliteratur, nach der konkreten leiblichen Erfahrung jenseits der verfloskelten Sprache, nach einer Erkundung der unverfälschten, intensiven alltäglichen Wahrnehmung im urbanen Raum. Es ging ihm um die radikale Reportage aus dem Hier und Jetzt, an der alle Sinne, Nervenbahnen und Organe beteiligt sind, auch die Stimme mit ihren urtümlichen Lauten, lustvollen und schmerzhaften Shouts, "oh, yeah", weit unterhalb der abgehobenen begrifflich-diskursiven Sprache.

Mit Super-8-Filmen und Tonband-Aufnahmen dokumentierte Brinkmann selbst zahlreiche Exkursionen aus der Wohnung in der Engelbertstraße, um die Ecke den Kölner Ring, nahe der Aachener Straße, der Westachse zwischen Neumarkt-City und Aachener Weiher. Brinkmann entwickelte eine fragmentarisch-flexible Art zu sprechen und zu schreiben, eine filmische und auditive Schreibweise, ein möglichst umittelbares Aufzeichungssystem, dass dem chaotischen Gedränge und der Widersprüchlichkeit der Eindrücke in der Gegenwart gerecht wird, statt episch zu filtern, zu verschönen und zurecht zu fälschen.

In einem ekstatischen Diskurs deutscher Flüche und amerikanischer Dirty-Speech-Rhythmen artikulierte Brinkmann, wo auch immer er dazu herausgefordert wurde, seinen wütenden Widerstand gegen jegliche ideologische Scheinharmonisierung und Glättung der Erfahrung.

Schonungsloses Programm gegen normierte Sprachvorstellungen

Brinkmanns gegen andere und sich selbst schonungsloses Programm wollte den normierten Sprachvorstellungen, den manipulierten Reizen und medialen Erstarrungen des Großstadtlebens entkommen, er setzte sich dem "Non-Stop-Horror-Film der Sinne und Empfindungen" aus, um die Verwahrlosung und Verwüstung unserer Lebenswelt und Lebensformen schonungslos aufzudecken, und zu tiefer empfundenen Augenblicken des Innewerdens, Gelingens und Genießens vorzustoßen.

Brinkmann hat auf diese Weise ein Sprachwerk hinterlassen. Publiziert wurden davon immer wieder eigene maßgebliche Lyrik, lyrische Übersetzungen, ein früher Roman ("Keiner weiß mehr", 1968), sowie die von Maleen Brinkmann mitbetreuten Arbeitshefte, Text-Bild-Collage-Alben mit Stadterkundungen, unter denen "Rom, Blicke" (1972-73) nach seinem Tod 1979 zuerst erschienen ist, dem "Erkundungen" und "Schnitte" in den 80ern folgten.

Alben wie Partituren, in dem Schreibmaschinen-getippte-Sätze-und-Wortblöcke mit Richtig-und-Falsch-Schreibungen durch Querstriche unterbrochen filmschnittartige Wirkungen erzeugen. Dazwischen gibt es eingeklebtes, collagiertes Bildmaterial. Rhythmisch gegen den Strich gebürstete, zerschnittene und umgeklebte Materialmontagen mit gestochenen sprachlichen Nahaufnahmen und unentstellten Detailnotizen, die sich immer wieder zu poetischen Passagen mit überraschenden Bedeutungsvarianten verdichten.

Brinkmanns Sprache ist das Protokoll der Sinne, die die Situation in einem Alltagstext abtasten, und plötzlich, sich selbst überstürzend und steigernd in sinnliche Erfahrungspoesie aufzuschäumen, deren unverbrauchte literarische Qualitäten auch heute noch in Erstaunen setzen.

Die vom Rowohlt-Verlag betreuten Text-Collage-Alben sind als Reproduktionen des Typoskript mit seinen Bildeinlagen in SW oder Farbe herausgegeben worden, wie der audiovisuelle Sound einer LP oder eines Bandes, oder die Struktur einer Fotografie. Brinkmanns Textarbeit lässt sich modern als ein möglicher Original-Track (oder eine Viefalt von Spuren) im Universum der Bilder, Sounds und anderer Sinneseindrücke definieren. Auch seine späteste lyrische Arbeit "Westwärts 1 & 2" (1975) entgrenzt überlieferte poetische Formen in assoziative Textfelder, in denen Hörspiele in vielen Stimmen, Echos und Zitaten angelegt sind.

Ein Glücksfall unter den Literaturverfilmungen

Harald Bergmanns Film "Brinkmanns Zorn" ist ein Glücksfall unter den Literaturverfilmungen, weil er aus der Gattung völlig herausfällt. Keine langweilige tautologische Biographie, kein fader, werkgetreuer Spielfilm angesichts eines glatten Werkes und eines Lebens, die beide Fragment geblieben sind. Bergmann bleibt hautnah in der produktiven Gegenwart Brinkmanns, er nimmt dem Zuschauer im Dienste des Zuhörers mit auf die labyrinthischen Wege Brinkmanns durch Köln, aber auch in eingestreuten und finalen Episoden durch Rom, Olevano, Austin/Texas, London und Cambridge.

Er lässt ihn teilnehmen an seinen Reportagen, Verhören, Verbalattacken, An- und Einfällen, die Brinkmanns poetische Sprachgeburten so sonderbar einleiten, bis er sich am Schreibtisch als Komponist, Cutter und DJ seiner eigenen literarischen Soundtracks und Movies wieder findet, und seine Texte in mehrstimmigem Chor, unterstützt von einem Bild-Synkopen-Feuer vorgetragen werden.

Bergmann verwendet Brinkmanns Original-Tonbandaufnahmen (unterstützt von Super-8-Takes) und verleiht Rolf Dieter Brinkmanns Stimme ein glaubhaftes Filmbild. Eckhard Rhode spielt Brinkmann mit leibhaftiger, provokativer, literaturversessener Präsenz und stattet die digital nachbearbeiten Original-Reportagen und Erkundungen des Autors durch Köln aus mit einem ton-, lippen-, körper- und situationssynchronen Darstellungs-Drive.

Elfi Miekeschs und Harald Bergmanns einfühlsam-dynamische Kameras verfolgen Rhode durch Köln in Parks, auf dem verkehrsreichen Ring-Boulevard, durch kleine Straßenschluchten mit kahlen Häuserzeilen und öden Hinterhöfen am Eigenstein nördlich von Doms und Hauptbahnhof. Sie stellen ihn in unverfänglichen oder intimen "Interview"-Situationen in der Wohnung in der Engelbertstraße dar, allein bei der Arbeit, in einer Küchen-Jam-Session, gemeinsam mit seinem behinderten Sohn Robert (Martin Kurz) und Maleen Brinkmann (Alexandra Fischer) oder bei einer Party mit Freunden.

Selten hat das deutsche Kino dem literarischen Leben und Werk eines Autors so hautnah-vital, konsequent und respektvoll in Bildern nachgespürt. Man mag in der fiktiven Visualisierung von Brinkmanns eigenen Redeaufnahmen eine schlichte dokudramatische Ergänzung sehen. Diese Lesart entspricht der heute oft zitierten simplen Verfilmung. Sie greift aber zu kurz. Denn die kunstvolle, atmosphärisch eng verzahnte Engführung von O-Ton und leibhafter Kinodarstellung geht weit über bloße Bebilderung des Tons bzw. ledigliche Vertonung der Bilder hinaus.

Bergmanns eigene Angabe, er habe "eine visuelle Welt hinzugefügt, die das sprachliche und soziale Universum Brinkmanns nachzeichnet" geht bereits in die Richtung, dass beide Medienspuren gedanklich zu trennen sind, und die neue Medienspur die alte komplex interpretiert. Einer der möglichen Binnenkommentare lautet: Der historische Abstand zwischen Brinkmanns damaligem Protestverhalten und einer heute im kulissenförmigen Wohlstand äußerlich befriedeten, aber auch erstarrten und entleerten Kölner Stadtlandschaft bleibt unüberbrückbar.

Umgekehrt klingt Brinkmanns auditives Vermächtnis, bei aller Radikalität, wie die unhintergehbare Poetisierung eines Sounds der frühen 70er Jahre. Als ob sich der Wunsch erfüllt hätte: Den puren Alltag bloß aufzuzeichnen, um zugleich die Poesie bei ihrer unwillkürlichen Zeugung zu belauschen. Es ist aber dann doch das Abspielen der Vergangenheit. Der Lauf der Zeit gebiert die Poesie wieder einmal anders. Irgendwann wird das Dokument zum fiktionalen Event- "im Nirgendwo, im Jetzt" des Mediums, dem Alltag und der Geschichte entrissen, wie Brinkmann zu Lebzeiten sich selbst prophezeite.

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