Herzlose Steine

25.01.2007

Wie blutig sind Diamanten? Ein Hollywoodfilm bringt die Edelsteine ins Gerede

"Diamonds are forever" sang Shirley Bassey einst bei James-Bond, und ewig ungebrochen schien über Jahrhunderte und auch jeden "Lockruf des Goldes" hinweg der Mythos dieser wertvollsten Edelsteine der Welt zu strahlen. Kaum weniger Geheimnis als die Steine selbst umgab dabei auch den internationalen Handel mit ihnen. Bis heute kontrollieren vor allem einige wenige alteingesessene, in der Regel atemberaubend reiche Familien das globale Geschäft. Doch auch hier regieren mehr Gerüchte als Wissen, etwa um das südafrikanische Haus De Beers, das seit rund 100 Jahren ein Quasi-Monopol auf den weltweiten Diamantenhandel innehält - dessen Volumen 2005 bei knapp 13 Milliarden US-Dollar lag. Oder um die engen Gassen des Antwerpener Diamantenviertels, wo hinter uralten Fassaden an gleich vier Diamantenbörsen nach wie vor 60-80 Prozent aller Rohdiamanten gehandelt werden. Seit einiger Zeit schon ist es allerdings mit den stillen Geschäften vorbei. Und in den Wochen vor Weihnachten sind die edlen Steine nun regelrecht ins Gerede gekommen. Grund ist der Hollywoodfilm "Blood Diamond", ein Blockbuster mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, der vor kurzen in den USA angelaufen ist, und nun auch in Deutschland ins Kino kommt.

Bild: Warner Bros

"T.I.A." - es liegt Entschiedenheit in der Stimme, die das sagt, und die Kamera zeigt die Augen des Sprechers, die schon "so viel gesehen" haben. "T.I.A.", das steht für "This is Africa" und mit dieser Floskel, die alles zusammenfasst, die Faszination und den Ekel, die die Facetten und die Rätsel des "schwarzen Kontinents" in den Augen von Weißen ausdrückt, und die zumindest im Zusammenhang ihrer Anwendung hier nie nur abgeklärt, sondern auch resigniert und zynisch wirkt, hält sich Danny Archer, der Mann im Zentrum von "Blood Diamond", alles Weitere vom Leib. Dieser Danny Archer ist eine Filmfigur, von der man dachte, dass es sie im Gegenwartskino nicht mehr gäbe, ein charmanter Zyniker, ein abgebrühter Held ohne einen Hauch von Idealismus und Sendungsbewusstsein, eine Rolle, wie sie ein Humphrey Bogart oder ein Clark Gable früher gespielt hätte - wie aus der Zeit gefallen, aus einem Film von vor 60 Jahren in die Gegenwart verirrt.

Leonardo DiCarpio spielt Archer brillant: so verführerisch und verwundbar, so eine Spur zu jungenhaft, wie man es von ihm gewohnt ist, vor allem aber glaubwürdig - so einen Auftritt hat man von diesem Darsteller noch nicht gesehen. Archer ist ein Held, wie es ihn nur im Kino gibt: Schnell, cool, charmant und mit mehr als nur einem Hauch von Indiana-Jones-Unbekümmertheit sorgt er dafür, dass dies auch ein Abenteuerfilm ist und bringt eine romantische Aura, ein Element spielerischer, angenehm amoralischer Lässigkeit in einen Film, der leicht in Gefahr läuft, ins Thesenhafte abzugleiten und zugleich doch seinen Schauplatz nur auszubeuten, zur Kulisse des Schreckens zu degradieren.

Chaos aus Geballer, Elend und Amoral

Gerade in den letzten Jahren - in Hollywood verkündet man schon die "Renaissance Afrikas" im Kino - erlebte man einige abschreckende Beispiele solchen Exploitation-Kinos im Gewand moralischer Besorgnis: "Hotel Rwanda" war "Schindlers Liste im Busch", ein Heldenepos, das sich auf den guten Taten seines Protagonisten ausruhte, den Schrecken verniedlichte, und die Zuschauer am Ende mit wohligem, bequemen Gefühl aus dem Kino entließ. "Der ewige Gärtner" (vgl. Der afrikanische Patient) bot zwar auch sentimentalistische Folklore, spielte aber subtiler mit westlichen Klischees vom schwarzen Kontinent und versuchte immerhin nicht, sich künstlich mit dem Blick der Afrikaner gemein zu machen.

"Blood Diamond" macht es sich noch weniger einfach, und man muss dem Film zugute halten, dass er nicht versucht, die politisch-ökonomische Wirklichkeit unkomplizierter darzustellen, als sie ist. Der Film erzählt vom Schicksal einiger Menschen während der Wirren des Bürgerkriegs im afrikanischen Zwergstaat Sierra Leone Ende der 90er Jahre. Dabei mischt er eine rasante Abenteuergeschichte, die mit Good Guys, Schurken und der Jagd auf einen Riesen-Diamanten, hinter dem alle möglichen Leute her sind, reißerisch weitgehend nach Schema F erzählt ist, mit einer Reihe verstörender Ansichten der Realität internationaler Politik - und die zentrale Rolle im bösen Drama spielen jeweils skrupellose Diamantenhändler mit Verbindungen in höchste politische Kreise. Der Filmtitel ist übrigens gemeinsam mit "Conflict Diamond" auch offizieller UNO-Begriff für dergleichen politisch "kontaminierte" Diamanten.

Bild: Warner Bros

"Blood Diamond" hat also einige Ambition und wird ihr zumindest in Teilen auch gerecht - ein seltener Fall anspruchsvollen Unterhaltungskinos in Zeiten des zunehmenden medialen Populismus. Und doch entgeht auch dieser Film der Gefahr der Simplifizierung keineswegs. Im Gegenteil: Mehr als einmal ruft auch die Inszenierung: "T.I.A., this is Africa!", und legt nahe, die böse Realität fatalistisch hinzunehmen, wie sie - angeblich! - "eben ist": Blutbad und Grauen ohne Ende - so wie es hier gezeigt wird, geht's halt zu in Afrika, und etwas dagegen machen kann man eigentlich nicht. "I am using him and you are using me. This is, how it works." sagt Archer einmal -, ein undurchschaubares surreales Chaos aus Geballer, Grausamkeit, Elend und Amoral, in dem auch weiße Ausländer - Rette sich, wer kann - nur auf Seiten irgendeiner Partei mitmischen, durchsetzt mit dem üblichem Ethnokitsch und Afrika-Romantik: Sonnenuntergänge wie in "Out of Africa", Jeeps, die wie in "Hatari" über die Steppe brettern und "Busch"-Musik wie aus "Daktari".

"Its a shit shit world"

Dieser Eindruck wird schon durch die ersten Minuten belegt: Zwei grundgute Eingeborene, ein Fischer und sein Sohn, werden uns Zuschauern vorgestellt und kaum hat man erfahren, dass der Junge begabt ist und vielleicht mal zu Höherem berufen, da fällt schon - ähnlich wie jüngst in "Apocalypto" (vgl. Montezumas Rache) - eine Guerilla-Bande über das Dorf her, massakriert Teile der Bewohner, hackt anderen die rechten Arme ab und verschleppt den Vater zur Sklavenarbeit in einer Diamantenmine. Später gerät auch der Sohn in die Fänge der gleichen Gruppe und wird nach Gehirnwäsche zum Kindersoldaten umerzogen.

Diese Auftaktszene ist nicht allein ärgerlich durch die arg plakativ inszenierte Sinnlosigkeit und Brutalität des Geschehens, sondern erst recht durch die zahlreichen Klischees, die sie begleiten, und die den ganzen Film durchziehen: "Blood Diamond" zeigt Afrikaner nur in zwei Rollentypen - als bösartige, zähnefletschende, destruktive Schurken, die vorzugsweise Rap-Musik hören, Gewalt um ihrer selbst genießen, keinerlei moralisches Restgewissen besitzen und sich selbst noch volkshochschulhaft erklären: "You think I am devil, but only because I have lived in hell." Oder als geborene Opfer und dabei noble Naive, die nichts weiter möchten, als ein bisschen Frieden und genug zu essen - alles Weitere werde sich dann schon finden. In jedem Fall können Afrikaner, glaubt man diesem Film, ihre Emotionen nicht kontrollieren und selten rational handeln; politische Motive für ihr Verhalten besitzen sie nie.

Bild: Warner Bros

Auf etwas differenziertere Charaktere trifft man nur unter den Weißen. Neben dem rhodesischen ("nicht Zimbabwe" insistiert er) Diamantenschmuggler Archer ist dies vor allem Maddy Crowe, eine ebenso toughe wie idealistische US-Journalistin, die Material für einen Artikel über die dunklen Machenschaften der Diamantenkartelle recherchiert. "Anyhow its a shit shit world, good things are done everyday. But obviously not by you." Der eskalierende Bürgerkrieg zwingt diese beiden zusammen mit Salomon, dem Fischer aus der ersten Szene zu einem ungleichen Trio aus unterschiedlichen Temperamenten und Interessen: Crowe möchte Beweise für ihre Story, Salomon sucht seine Familie, und Archer will den versteckten Riesen-Diamanten, um sich zur Ruhe zu setzen. Keine Frage, dass diese Wünsche in einem Hollywood-Adventuremovie am Ende erfüllt werden.

"Its up to the consumer to insist, that diamonds are blood free"

Doch "Blood Diamond" gelingt noch mehr. Wer den Film sieht, für den steht außer Frage: Das Geschäft mit Diamanten ist überaus unmoralisch, denn es ist untrennbar verbunden mit himmelschreiender Ausbeutung, mit Bürgerkrieg, Folter und Massenmord. Und gerade "normale" Käufer im Westen machen sich mitschuldig an diesen blutigen Geschäften, denn ohne sie würde dieser schmutzige Markt schnell zusammenbrechen. Dabei kommt Regisseur Edward Zwick sein Renommee als engagierter Filmemacher zugute: 1998 drehte er den visionären Politthriller "Belagerungszustand", der Jahre vor "dem 11.September" schildert, wie New York von einer Terrorwelle erschüttert wird, und die USA mit übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen reagieren und zu einem Polizeistaat mit faschistoiden Zügen mutieren. Nun setzt Zwick ans Ende dieses Films einen Satz, der über seine kritische Position keine Zweifel mehr offen lässt: "Its up to the consumer to insist, that diamonds are blood free." Kein Wunder, dass der internationale Diamantenhandel über derartige Botschaften "not amused" ist, erst recht inmitten des lukrativen Weihnachtsgeschäfts.

Bild: Warner Bros

Schon im vergangenen Sommer - erste Gerüchte über den Film kursierten - schlug man präventiv zurück. Vor allem De Beers unternahm massive Anstrengungen, um sich von der Filmhandlung und dessen Bösewicht, dem fiktiven Kartell eines Südafrikaners namens Van Der Kaap, zu distanzieren. Im Oktober verkündete De Beers zudem seine Unterstützung für mehrere Menschenrechtsorganisationen im Kampf gegen "blood diamonds". Kurz zuvor hatte man eigens eine Internetseite ins Leben gerufen, auf der man unter anderem erfahren kann, dass angeblich 99 Prozent aller Diamanten auf dem Weltmarkt eine nachweislich lupenreine Herkunft haben. Seit vier Jahren existiert überdies - auch dies eine Folge verstärkter Aufmerksamkeit der Gesellschaft - der von der UNO ins Leben gerufene so genannte "Kimberley Process", ein Selbstreinigungsverfahren der Industrie, das verhindern soll, dass Diamanten aus unbekannten Quellen oder aus Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten im Westen angeboten werden.

Trotzdem es auf diese Weise einigen Firmen gelingt, sich vorerst etwas aus der Schusslinie der Kritik zu bringen, trifft die Kritik von Zwicks Film keineswegs ins Leere oder auf Unschuldige. Im Gegenteil: Bis Ende der 80er Jahre hatte auch De Beers in Sierra Leone kräftig mitverdient und dabei von Warlords und anderen zwielichtigen Zwischenhändlern profitiert. De Beers gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts, und weder zwei Weltkriege, noch Kolonialherrschaft und Rassentrennung noch das Ende des Apartheidregimes haben den Profiten nachhaltig geschadet. Bis in die 90er Jahre unterstützte man auch Jonas Savimbi, den brutalen Rebellenführer von Angola. Und auch wenn De Beers sich aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone herausgehalten hatte, verdienten dort gleichzeitig andere südafrikanische Firmen, sowie Ukrainer und Kanadier umso besser mit.

Eine andere Form von Ausbeutung

Dass Diamanten schon immer schmutziger waren, als sie aussehen, ist auch im Kino keine völlig neue Erkenntnis. Vor "Blood Diamond" beschäftigten sich schon der erwähnte James-Bond-Film "Diamentenfieber", aber auch sein Nachfolger "Die Another Day" mit den Machenschaften der Diamantenhändler - wie viele andere Kinofilme. In der Bundesrepublik sorgte bereits in den 70-er Jahren mit "Härte 10" sogar ein Fernsehmehrteiler für Furore.

Bild: Warner Bros

So gesehen erscheint der gegenwärtige Wirbel ein wenig übertrieben. Der Preis für solches Engagement ist überdies trotzdem hoch, und daher bleibt der Gesamteindruck zwiespältig: Neben den genannten Afrikaklischees, dem ständigen und dem grundsätzlichen Hang zur reißerischen und voyeuristischen Gewaltdarstellung macht es sich der Film auch in der Wahl seiner Schurken allzu leicht: Sie stammen sämtlich aus Südafrika, Großbritannien oder Sierra Leone selbst - aus den USA aber kommt mit der Journalistin nur die eine durchweg positive Hauptfigur, die dann überdies in DiCaprios Archer wieder den Gutmensch und - "I think, you get off on people like me" - noch so manches andere weckt.

Dieses Szenario blendet die Verstrickung der USA in den Bürgerkrieg von Sierra Leone und in schmutzige Diamantengeschäfte ebenso komplett aus, wie es die Tatsache ignoriert, dass die USA seit Jahrzehnten Hauptabnehmer von Diamanten sind. Das alles zusammenfassend relativiert die moralisierende Anklage. Zwick meint vieles gut, zugleich aber tut sein Film mit Afrika genau dasselbe, was er der Diamantenindustrie vorwirft. Er beutet den Kontinent aus, als wohlfeile Kulisse für ein grandioses Spektakel, dem es um alles Mögliche gehen mag, um Afrika selbst aber bestimmt ganz zuletzt.

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