Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern

Comic-Helden auf den Weltmeeren

Popeye ist schon 78 Jahre alt und doch kein bisschen gebrechlich. Aber er ist nicht der einzige unter den populären Comic-Figuren, der gerne zur See fährt. Die Neunte Kunst schwimmt schon lange federstrichleicht auf den Wellen des Meeres - oder auf breiten Strömen wir dem Mississippi. Platsch, gurgel, rausch, spritz, splash, swoch, schwapp, glucks, flatsch, blubb-blubb...

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Popeye. Bild: Mare Buchverlag

In der sequenziellen Kunst, sprich dem Comic, spielte das Wasser als wesentliches Element schon früh eine wichtige Rolle. Das erste Comic-Kind, Yellow Kid alias Mickey Dugan aus New York, durchstreift zwar ab 1895 als Ghetto-Geschöpf eher die Schluchten der Großstadt, sein Schöpfer Richard Felton Outcault konnte sich ihn aber auch am Steuer eines Schiffes vorstellen.

Little Nemo, einige Panels aus der vollständigen und sehr schönen Gesamtausgabe aller 428 zwischen 1905 und 1914 erschienen Comic-Seiten in Originalkolorierung vom Taschen Verlag (Köln, 2., veränd. Aufl. 2006. vgl. Windsor McCay: Ein früher Moebius?)

Ein anderer Klassiker des Comic-Strips hat deutlich mehr kühles Nass zu bieten. Auf große Reisen durchs Schlummerland begibt sich Little Nemo ab 1905 und wenn er morgens aus dem Bett fällt, erinnerte er sich durchaus daran, wie sein Zimmer sich langsam in einen Ozean verwandelte, wie er mit den Meerjungfrauen schwamm oder auf einem Piratenschiff gefangen war.

Er reist auf einem Schlachtschiff von König Morpheus oder wird bei der Jagd auf einen Wal aus dem Boot geschleudert. Viele gefährliche Abenteuer am und im Wasser erlebt der kleine Nichtschwimmer, alle von Windsor McCay wunderbar und farbprächtig gezeichnet, eine fantastische Welt des Jugendstils voller seltsamer Architektur mit meisterlichen räumlichen Perspektiven. Little Nemos Träume sind besonders bunt und voll Assoziationskraft des Unbewussten. Da wird selbst die heimische Badewanne zum Ausgangspunkt eines Trips in den großen und gefährlichen Ozean.

Hafenstadt Entenhausen

Micky Maus am Steuer eines Dampfers, Bild: Disney

1928 kommt dann die Micky Maus zur Welt und zwar als Matrose auf einem Mississippi-Dampfer im Disney-Zeichentrickfilm Steamboat Willie. Zwei Jahre später starteten die Comic-Geschichten mit dem originellen Nagetier, das nicht nur am Steuer eines Bootes eine gute Figur macht.

Aber die Hafenstadt Entenhausen hat noch mehr zu bieten als seetüchtige Mäuse. Neben Micky ist der populärste Einwohner natürlich der stets glücklose Erpel Donald Duck, der seit nunmehr 70 Jahren mit Daisy Duck verlobt ist und mit seinen Neffen Tick, Trick und Track zusammenlebt. Sein Lieblingskleidungsstück ist offensichtlich ein Matrosenanzug und überhaupt schätzt er das nasse Element sehr.

Der bekennende Donaldist Frank Schätzing schreibt in seinem Vorwort der Luxusausgabe Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See:

Das Erste, was man von einem Erpel erwarten sollte, ist, dass er schwimmen kann. Das letzte, was man erwarten würde, ist, dass er krault. Bezüglich dessen hat uns Carl Barks eines Besseren belehrt. (...) Wann immer sich die Ducks ins nasse Element stürzen, sieht Franzi van Almsick daneben aus wie eine lahme Ente. Donald hat rückenschwimmend den Kanal durchquert und dabei eine Pampelmuse auf einer Röhrennudel balanciert, er hat sich mit Haien geprügelt und Atlantis erforscht, uns statt sich artspezifisch das Gefieder einzufetten, gibt er Muscle Shirts den Vorzug und rümpft den Schnabel auch nicht angesichts geringelter Badeanzüge. Dass dieser kühne Schwimmer zu Höherem berufen ist, als alten Damen die Backwaren wegzufressen, steht außer Zweifel. Weshalb Barks seinen Helden durch alle Weltmeere schickt und jedes nur erdenkliche Abenteuer erleben lässt, das mit Seemannsgarn zu spinnen ist.

Überenten

Donald Duck, aus: Carl Barks: Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See, hg. v. Frank Schätzing, Marebuch

Immer wieder gibt es für Donald Duck einen Grund, zu einer großen Fahrt über die See aufzubrechen. Wie bereits erwähnt liegt Entenhausen am Gestade eines großen Gewässers, das Donaldisten mehrheitlich für den Pazfischen Ozean halten. Die Ducks tummeln sich gerne am Strand und auch die Handelsflotte von Onkel Dagobert bietet immer wieder eine Gelegenheit für eine große Fahrt, ob nun untergegangene Schiffe oder Schätze geborgen werden müssen.

Wie Schätzing feststellt, gibt es einen "hohen Salzgehalt im Barksschen Oeuvre", Seestücke "bei jedem Wetter", Stürme, Riesenwellen und Tsunamis. Gerne liefert sich Donald immer mal wieder ein Wettrennen durch die Südsee oder durchs Nordmeer mit dem Glückskind Gustav Gans.

Es mangelt nicht an wunderbarem Blödsinn wie dem Stoff Bombastium, mit dem man Wasser in Speiseeis verwandeln kann (ein Atom auf einen Kubikmeter H2O), oder die Bergung einer Kiste Meerrettich vom Meeresgrund. Donald Duck hat kaum nautische Fähigkeiten, aber das macht er mit viel Einsatz und Wagemut wett, ob er nun mit einem Hai, den Krabben oder einem Eisbären kämpft. Sein Pech bleibt ihm dabei natürlich immer garantiert, so endet einer seiner Versuche durch den Export von Seife zu Geld zu kommen in viel Meeresschaum mit Veilchenduft - und legendär ist natürlich auch sein Rekordversuch der Kanaldurchschwimmung mit Grapefruit und Nudel (der nach 100 Meter endet)...

Donalds Rekordversuch mit Pampelmuse und Makkaroni, aus: Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See

"Auf dem Meer mutieren Enten zu Heroen, verlieren alles Niedliche, wachsen über sich hinaus und werden zu Überenten, wie sie der große Entenhausener Philosoph Friedrich Quietsche beschreiben hat", schreibt Frank Schätzing, und das bewahrheitet sich nicht zuletzt in mythischen Begegnungen mit dem Fliegenden Holländer, den Bewohnern von Atlantis, dem Reich der Seejungfrau oder den Harpyien, als Dagobert sich eine Weste aus dem Goldenen Vlies fertigen lassen will. Kein Wunder, dass Schätzing zu dem Schluss kommt:

Von den Ducks habe ich zweierlei gelernt: Erstens, die Feder ist mächtiger als das Schwert. Zweitens, die besten Geschichten spielen auf dem Meer.

Legendäre Schlagkraft und Hamburger Nachtjargo

Popeye taucht zum ersten Mal im Januar 1929 am Hafen auf. Bild: Mare Buchverlag

Seine Heimat ist das Meer und seine Schlagkraft legendär. Popeye wurde dieser Tage 78 Jahre alt, aber sein Mut und sein Humor haben sich seit seinem ersten Auftritt am 17. Januar 1929 im "Thimble Theatre", dem täglichen erscheinenden Comic-Strip von Elzie Crisler Segar, kein bisschen verringert.

Es war nicht die Schönheit des Zeichenstils, geschweige denn des Protagonisten, die diesen Comic unglaublich populär machte, Segar galt sogar als der schlechteste Zeichner seiner Zeit. Es waren die guten, sehr amüsanten Geschichten, die er erzählte, Seemannsgarn vom Feinsten, die überzeugenden Charaktere und nicht zuletzt der bärbeißige Wortwitz von Popeye.

Popeye - wer pinnich denn? Bild: Mare Buchverlag

Die meisten Leute kennen den Seemann mit den muskulösen, tätowierten Unterarmen (aber ohne kräftigen Bizeps), der stets eine Pfeife im Mund hat und gerne Spinat aus der Dose verdrückt, als Zeichentrickfilm-Figur, aber der Popeye aus dem Comic, vor allem aus den frühen Geschichten, ist eine ganz andere und bei weitem komplexere Persönlichkeit.

Dazu gehört auch eine ganz eigene Sprache, eine "aberwitzige Ausdrucksweise: ein von Segar selbst gebrautes Amalgam aus abenteuerlicher Artikulation, phantasievoller Nicht-Beherrschung komplizierter Begrifflichkeiten sowie äußerst erfrischendem grammatikalischem Freigeist. Die `Lingua Popeye brachte die vom ersten Moment an begeisterte Fangemeinde schon wenig später dazu, sich auch im Gespräch untereinander dieses Idioms zu bemächtigen. "Popeyes Motto: `I yam what I yam (`Ich pin, was sich pin) war ebenso Ausdruck der Eigenwilligkeit seiner Sprache wie der seiner Philosophie und fand quasi über Nacht Eingang in die amerikanische Alltagssprache." (Bill Blackbeard im Vorwort zur Popeye-Ausgabe des Mare Buchverlags).

Diesen Popeye-Slang haben deutsche Ausgaben bislang immer weit gehend ignoriert, zuletzt der Band (ganz ohne Segar-Geschichten), der in der umstrittenen Bild Comic-Bibliothek erschien (vgl. Außen hui!).

Das edel aufgemachte Comicalbum Popeye vom Mare Buchverlag wagt endlich eine Neu-Übersetzung. Ebi Naumann schuf ein ganz eigenes Idiom für den Rabauken, wie er selbst in der einführenden Lesehilfe erklärt: "bestehend aus einem Teil Seemannsdeutsch, wie lütt Matt sich das vorstellt, einem Teil Marinedeutsch, so wie tatsächlich existiert hat (in den 30er Jahren!), zwei Spritzern Hamburger Nachtjargon sowie einen gehörigen Schuss kreativer Freiheit und einen Hauch Wahnsinn." Das Ergebnis liest sich am besten laut und entfaltet durchaus originellen Witz.

Hunderttausend Höllenhunde! Anthropopitheken!

Kapitän Haddock aus Tim und Struppi ist meistens schlechter Laune

Aber natürlich gibt es noch sehr viel mehr Matrosen, Seefahrer und Kapitäne in den Klassikern der Grafischen Literatur, von denen zumindest einige noch erwähnt werden müssen.

Hunderttausend Höllenhunde! Ganz vorne unter den gezeichneten Seebären ist natürlich Kapitän Haddock dabei, der seit 1940 mit Tim und Struppi (vgl. Hunderttausend Höllenhunde!) über die Ozeane reist, chronisch zu viel Alkohol trinkt und ständig flucht:

Sie geistiges Pantoffeltierchen! Hagel und Granaten! Sie Mückenhirn in Aspik! Du Gurkennase, du Torfkopp! Du Karnevals-Seeräuber! Du Süßwasserpirat! Ihr Satansbraten von Dorftrotteln! Anthropopitheken! Ikonoklasten! Alle hunderttausend heulenden und jaulenden Höllenhunde!

Die Piraten aus Asterix in Seenot, Bild: Deutsches Asterix Archiv

In den 60er Jahren kommen neue Klassiker dazu, darunter auch Seeleute, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen.

Der rote Korsar ein Kult-Abenteuercomic, kreuzt seit 1959 höchst erfolgreich auf den Weltmeeren und lässt alle erzittern, die Wertvolles an Bord haben (vgl. Abenteuer: Editionspause für den Roten Korsar).

Dieser französische Freibeuter aus Tinte inspirierte René Goscinny und den Zeichner Albert Uderzo in ihre Asterix-Comics ab 1964 periodisch wiederkehrend eine Truppe von Piraten einzubauen, die jedes Mal von Asterix und Obelix besiegt werden und irgendwann sogar beginnen, ihr eigenes Schiff zu versenken, wenn sie die Gallier vom Ausguck aus erspähen (im Band Asterix als Gladiator tauchen sie zum ersten Mal auf). Da die beiden Freunde aus dem unbesiegten Dorf ständig unterwegs sind und auch oft übers Wasser reisen (unter anderem nach Ägypten in Asterix und Kleopatra und bis nach Amerika in Die große Überfahrt), spielen die Piraten in vielen Bänden der Comicserie ihre sehr spezielle Rolle (vgl. Die Piraten).

Kapitän ohne Schiff

Corto Maltese von Hugo Pratt

Der individuellste und unabhängigste klassische Comic-Seefahrer ist sicher Corto Maltese, ein Kapitän ohne Schiff, der seit 1967 über die gezeichneten Ozeane segelt. Sein Schöpfer Hugo Pratt ließ sich von dem in seiner Zeit sehr populären Comic Terry and the Pirates zu seinen fantasievollen Geschichten rund um den rätselhaften Abenteurer anregen, die einer ganzen Generation europäischer Künstler der Graphic Novel als Vorbild diente.

Zum einen setzte der Zeichenstil in den Corto Maltese-Alben neue Standards, zum anderen überzeugten die poetischen Geschichten um den einsamen Helden mit dem Ohrring, die sich meist in exotischen Szenerien abspielen.

Im Vorwort der Neuauflage der Südseeballade, dem ersten Band der Serie, schreibt Umberto Eco:

Es war die Geschichte von Leuten, die immer das entdeckten, was sie gerade nicht suchten.

Auf Deutsch ist die Südseeballade als schönster Band der FAZ-Reihe Klassiker der Comic-Literatur mit neuer Seitenaufteilung und eigener Farbfassung erschienen (vgl. Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos).

Last but not least sind noch die beiden Wikinger aus den 70er Jahren kurz zu nennen, die sich natürlich ständig auf den Nordmeeren herumtreiben: Hägar der Schreckliche aus dem gleichnamigen Comic-Strip und Wickie, der zusammen mit den starken Männern eigentlich aus einer Zeichentrickfilmserie stammt, dann aber auch seine eigenen Comic-Hefte bekam.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24511/1.html
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