Die Zeit rennt davon

29.01.2007

Mit gezielter und massiver Förderung von Energieeffizienz und regenerativen Energiequellen kann der Klimawandel aufgehalten werden, doch es bleiben nur wenige Jahre, um eine entsprechende Politik einzuleiten

Erneuerbare Energien können bis zum Jahre 2050 die Hälfte des Weltenergiebedarfs decken. Das ist das Ergebnis einer umfassenden Studie, die die Umweltschutzorganisation Greenpeace und der europäische Dachverband der Erneuerbare-Energie-Industrie (EREC) vergangene Woche vorgestellt haben. Die Autoren der Studie, die im Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrttechnik in München erstellt wurde, warnen jedoch, dass die Weichen in den nächsten zehn Jahren gestellt werden müssen, damit das ehrgeizige Ziel erreicht werden kann.

Der Klimawandel ist derzeit wieder in aller Munde. Die Warnungen der Wissenschaftler fallen deutlich drastischer als bisher aus. Anfang Februar soll der erste Teil des so genannten IPCC-Berichts veröffentlicht werden, aber schon seit Wochen sickern immer wieder Details aus dem Entwurf durch und werden in den Medien breit getreten. Im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) arbeiten über 2000 Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, um den aktuellen Stand der Klimaforschung zusammenzufassen.

Das Gegenmittel gegen die drohende Klimakatastrophe ist im Prinzip seit langem bekannt: Die Emissionen der Treibhausgase müssen drastisch reduziert werden. Das wichtigste dieser Gase ist das Kohlendioxid (CO2), das vor allem durch die Verbrennung der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Erdgas entsteht. Oder um den IPCC-Vorsitzenden zu zitieren:

The scientific evidence on the need for urgent action on the problem of climate change has now become stronger and convincing. Future solutions would lie in the use of existing renewable energy technologies, greater efforts at energy efficiency and the dissemination of decentralized energy technologies and options.

R. K. Pachauri, Vorsitzender des IPCC, in einem Vorwort zur erwähnten EREC-Studie

So gesehen hat die von EREC und Greenpeace in Auftrag gegebene Studie eine frohe Botschaft zu verkünden: Die Katastrophe ist nicht unausweichlich, sondern kann (noch) aufgehalten werden, und zwar ohne auf das Ziel wirtschaftlicher Entwicklung zu verzichten.

Die Autoren der Studie haben ihrem " Energie(r)evolution"-Szenario ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent bis 2050 zugrunde gelegt und kommen dennoch zu dem Ergebnis, dass die Kohlendioxidemissionen auf die Hälfte des Niveaus von 1990 gedrückt werden können. "Mit dem Weltenergieszenario zeigen wir, dass es geht. Es gibt ein Wirtschaftswachstum ohne Klimazerstörung", meint der deutsche Greenpeace-Energieexperte Jörg Feddern. "Wir rechnen vor, wie man nach und nach auf die klimaschädliche Kohle und die Atomenergie verzichten kann. Erneuerbare Energien sind wettbewerbsfähig, wenn die Regierungen die Subventionen für fossile und atomare Energien abbauen und das Verursacherprinzip für Verschmutzer eingeführt wird."

Energieeffizienz, Ende aller Subventionen für fossile und nukleare Energieträger und Ausbau der erneuerbaren Energien

Um das zu erreichen, muss sich allerdings viel ändern. In einem ersten Schritt käme es darauf an, dass in den nächsten Jahren nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Viele Großkraftwerke in den Industriestaaten sind in die Jahre gekommen und müssen durch neue Kapazitäten ersetzt werden. Bis 2020 rollt eine enorme Investitionswelle auf uns zu, Energiemonopole wie RWE beginnen bereits mit den falschen Entscheidungen: Ende August 2006 wurde zum Beispiel im Beisein der Bundeskanzlerin in Grevenbroich-Neurath (NRW) der Grundstein für ein neues Braunkohlekraftwerk gelegt. Braunkohle bleibe für Deutschland unverzichtbar, so Merkel beim Spatenstich. Dabei ist Braunkohle unter den fossilen Energieträgern derjenige mit dem geringsten Brennwert und daher mit den höchsten CO2-Emissionen pro erzeugter Kilowattstunde. 40 Jahre oder länger wird das neue Kraftwerk nicht nur zur weiteren Verwüstung der Landschaft durch den äußerst umstrittenen Tagebau, sondern auch zur Verstärkung des Treibhauseffektes beitragen.

2,2 Milliarden Euro soll der RWE-Neubau nach bisheriger Planung kosten. Geld, das wesentlich besser anderswo angelegt wäre. Zum Beispiel im Aufbau einer dezentralen Versorgung mit Heizkraftwerken, in denen die Abwärme zum Heizen genutzt werden kann. Damit ließe sich ein deutlich höherer Anteil der in den Brennstoffen gebundenen Energie nutzen und auch die Netzverluste verringern, die um so größer sind, je weiter der Strom transportiert werden muss.

Nächster Schritt wäre die Steigerung der Energieeffizienz. Die Autoren weisen wie so viele vor ihnen auf die enormen Einsparpotenziale hin, die es bei der Beheizung von Gebäuden gibt, wenn diese besser isoliert werden. In der Industrie könne außerdem langfristig rund 40 Prozent des eingesetzten Stromes eingespart werden, wenn effizientere Motoren und Pumpen zum Einsatz kämen, für die der überwiegende Anteil der industriell genutzten elektrischen Energie benötigt wird. Auch das verstärkte Recycling von Aluminium biete ein nicht zu verachtendes Einsparpotenzial. Schließlich werden für den elektrolytischen Prozess, mit dem Aluminium gewonnen wird, sehr große Mengen Strom eingesetzt. Die Politik kann den Wandel erheblich beschleunigen, in dem sie strenge Standards für elektrische Geräte, Kraftfahrzeuge und den Gebäudebau setzt.

Schließlich muss der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen unterstützt werden. Dafür, so die Autoren in ihren Empfehlungen an die Politiker, müssen alle Subventionen für fossile und nukleare Energieträger abgeschafft und externe Kosten wie Umweltschäden und nukleare Entsorgung internalisiert werden. Weiter müsste der Gesetzgeber rechtlich verbindliche Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien festlegen, damit Investoren einen zuverlässigen Rahmen haben. Außerdem müsse Wind und Strom Priorität beim Netzzugang gewährt werden, damit nicht, wie es in den vergangenen Jahren oft an der Nordseeküste geschehen ist, Windenergieanlagen wegen (angeblicher) Netzüberlastung abgeschaltet werden, wenn viel Wind weht und der Ertrag am größten ist.

Wenn es gelänge, all das umzusetzen, könnte der Welteenergieverbrauch bis 2050 sogar trotz Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum leicht zurückgehen und die CO2-Emissionen von gegenwärtig vier auf 1,3 Tonnen pro Kopf und Jahr gesenkt werden. Das ist das Ergebnis zweier Szenarien, die für die Studie durchgerechnet wurden.

Ein Szenario ist das des Business-as-usual der Internationalen Energie Agentur (IEA) aus dem Jahre 2004, das von 2030 bis 2050 weiter extrapoliert wurde. Die IEA war vor drei Jahren noch von einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 3,2 Prozent ausgegangen. In den aktuelleren Szenarien legt sie bis 2030 ein Wachstum der Weltwirtschaft von jährlich 3,4 Prozent zugrunde, was jedoch in der vorliegenden Studie keine Berücksichtigung fand. In diesem Referenzszenarium, das keine wesentlichen Sprünge in der Energieeffizienz und nur einen moderaten Ausbau der erneuerbaren Energie kennt, würde sich der CO2-Ausstoß gegenüber dem jetzigen Stand bis 2050 verdoppeln.

Geht man allerdings von den oben beschriebenen Umstellungen in der Energiepolitik aus, dann können die Emissionen drastisch reduziert und damit ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von über zwei Grad noch vermieden werden. Die Autoren legen besonderen Wert auf der Feststellung, dass dieses Ziel auch mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergienutzung zu erreichen ist. Als entscheidender Punkt erweist sich in diesem Alternativ-Szenarium allerdings, dass die Stilllegung vieler alter Kraftwerke, die in den nächsten zehn Jahren in den Industriestaaten ansteht, genutzt wird, um neue Wege zu gehen.

Energiemix in einer Welt, die effizienter wirtschaftet und trotzdem wächst. 1 PJ/a = 1 Petajoule pro Jahr = 280 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Lignite ist Braunkohle, auf die wegen ihrer besonderen Klimaschädlichkeit ganz verzichtet werden sollte

Werden in diesem engen Zeitfenster von vielleicht nur zehn Jahren, wie die Autoren meinen, die richtigen Schritte getan, so steht nicht nur die Energieversorgung, sondern auch die Weltwirtschaft vor einer Revolution. Seit vielen Jahrzehnten wird diese von der Automobil- und Ölindustrie dominiert, die die mit Abstand größten Kapitalzusammenballungen bilden. In Zukunft könnte sich der Umfang des Marktes für Windkraftanlagen, Biokraftstoff, Fotovoltaik, Wasserkraft und Solarthermie alle drei Jahre verdoppeln. In den letzten Jahren haben diese Industrien bereits ihre Nischen verlassen und sind langsam zum Teil des ökonomischen Mainstream geworden. 2006 wurden weltweit bereits knapp 30 Milliarden Euro in diesen Bereichen umgesetzt, 26 Prozent mehr als im Vorjahr.

Ankündigungen der Regierungen von Peking über Neu Delhi bis Washington zeigen, dass das erst der Anfang ist, wenn auch nicht überall Bio drin ist, wo Bio drauf steht (Kein) Klimawandel in den USA). Die Tage von Big Oil könnten also gezählt sein, und die angekündigte Übernahme des Hamburger Windturbinenherstellers REPower durch den französischen AKW-Bauer Areva oder der geplante Einstieg von RWE in Offshore-Windparks machen deutlich, dass einige in den oberen Etagen der Konzerne durchaus die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Zugleich kann man diese Operationen allerdings im übertragenen Sinne auch als feindliche Übernahmen interpretieren. Denn natürlich halten diese Unternehmen an ihren Großkraftwerken fest, wie das Beispiel RWE zeigt, und es ist keinesfalls ausgemacht, dass sie die im Geschäft mit den erneuerbaren Energien gemachten Gewinne auch dort reinvestieren. Doch das wäre sicherlich notwendig, um den weiteren Ausbau dieses Sektors rasch voranzutreiben.

Einer der Schwachpunkte der Studie scheint auf den ersten Blick das erstaunlich niedrige Wirtschaftswachstum von durchschnittlich nur 2,7 Prozent im Jahr zu sein, das für die nächsten Jahrzehnte vorausgesetzt wird. Gemittelt über die Periode 1971 bis 2002 lag es noch bei 3,3 Prozent. Die Autoren gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft in den Jahrzehnten bis 2030 im Mittel um 3,2 Prozent pro Jahr wachsen wird und danach deutlich langsamer expandiert. Tatsächlich deutet aber einiges darauf hin, dass sich gegenwärtig die Expansion der Weltwirtschaft im Vergleich zu den zurückliegenden Jahrzehnten eher beschleunigt. Ursache ist dafür die Dynamik, die die Ökonomien der Schwellenländer entwickeln.

Insbesondere das Wachstum in China ist in der Studie ganz offensichtlich zu niedrig angesetzt: Während in der Volksrepublik das Nationaleinkommen seit Beginn der 1980er Jahre um durchschnittlich fast zehn Prozent pro Jahr zulegt, haben die Autoren für das laufende Jahrzehnt nur 6,4 Prozent angesetzt. Nach 2010 soll sich gar das Wachstum schrittweise weiter verlangsamen, so dass für die Periode bis 2050 nur ein Durchschnitt von 4,1 Prozent angesetzt wird. Nach den Erfahrungen anderer ostasiatischer Staaten wie etwa Südkorea oder Taiwan, kann allerdings davon ausgegangen werden, dass China sein rasantes Tempo noch mehrere Jahrzehnte beibehält.

Derlei Prognosen sind natürlich mit zahllosen Unwägbarkeiten behaftet, aber auf jeden Fall widersprechen die Annahmen der Autoren allen gängigen Erwartungen bezüglich der Entwicklung in Ostasien, und zwar ohne dafür eine Begründung anzugeben. Allerdings haben sie eine Sensibilitätsstudie angestellt, um herauszufinden, welche Auswirkungen ein höheres Wirtschaftswachstum auf den Weltenergiebedarf im Jahre 2050 in ihrem Energie(r)evolutions-Szenario hat. Demnach führt eine Zunahme der jährlichen Wachstumsrate um 0,1 Prozentpunkte im Jahre 2005 zu einem um 0,2 Prozent höheren Energiebedarf. Würde die Weltwirtschaft in den kommenden viereinhalb Jahrzehnten also, sagen wir, jährlich um vier statt um 2,7 Prozent wachsen, dann läge der Primärenergieverbrauch um 2,6 Prozent höher, als in obiger Grafik dargestellt. Mit anderen Worten, das Szenarium der EREC-Studie ist verglichen mit den Szenarien der IEA ungewöhnlich unempfindlich gegen Veränderungen im Wirtschaftswachstum, was offensichtlich ein Ergebnis der angenommenen Effizienzsteigerung ist. Wachstum und Energieverbrauch würden weitgehend entkoppelt, wenn sie durchgesetzt werden könnte. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass in den nächsten Jahren nicht die alten Atom- und Kohlekraftwerke durch neue ersetzt werden, sondern das Kapital tatsächlich in moderne, klimaschonende Technologie fließt.

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