Junge britische Muslime wenden sich verstärkt dem Islam zu

Florian Rötzer 29.01.2007

Scharia, Kopftuch, islamische Schulen und islamistische Strömungen finden bei jungen Muslimen viel mehr Zuspruch als bei ihren Eltern

Eine Umfrage unter britischen Muslimen zeigt, dass junge Muslime offenbar sehr viel stärker als ihre Eltern oder Großeltern einem politischen und auch radikalen Islam zuneigen. Die Umfrage wurde von Populus im Auftrag der konservativen Organisation Policy Exchange ausgeführt. Das Ergebnis scheint zu bestätigen, dass eine wachsende Zahl junger Muslime der "dritten Generation" von einer muslimischen Identität angezogen wird und sich inmitten der westlichen Kultur aus dieser zurückzieht. Das würde sie für den Terrorismus anfälliger machen, weist aber vor allem daraufhin, dass mit der Integration etwas schief gelaufen ist.

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Nur 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie lieber nach den britischen Gesetzen leben würde, und erstaunliche 37 Prozent der 16-25-Jährigen erklärten, sie würden die islamische Scharia vorziehen, bei den über 55-Jährigen sind dies hingegen nur 17 Prozent. Über die Hälfte der Jungen ist der Meinung, dass eine muslimische Frau keinen Nicht-Muslim oder nur mit Erlaubnis der Eltern heiraten dürfe. 52 Prozent der Jungen sagen auch, eine Frau dürfe nur einen Mann heiraten, ein Mann hingegen bis zu vier Frauen. Und 71 Prozent sagen, Homosexualität sei falsch und müsse verboten werden. Befragt wurden telefonisch und über das Internet für das Meinungsbild 1003 Muslime. Dass die Religion für fast alle Muslime eine entscheidende Grundlage für ihre Identität ist, zeigt sich daran, dass 86 Prozent angaben, die Religion spiele in ihrem Leben die wichtigste Rolle. Die Hälfte betet täglich die vorgeschriebenen fünf Mal.

Dabei neigen die jungen Muslime durchaus extremen Positionen zu. 36 Prozenten der 16-24-Jährigen sind der Meinung, dass Muslime, die sich einem anderen Glauben zuwenden, getötet werden sollten. Allerdings sagen dies auch noch 19 Prozent der über 55-Jährigen. Von Toleranz kann man hier nicht sprechen. Die Jungen befürworten auch sehr viel stärker als die Älteren die Forderung, dass Frauen unter das Kopftuch gehören oder den Hidschab tragen sollen, also bis auf Gesicht und Hände alles bedecken. Das vertreten drei Viertel der Jungen, aber nur ein Viertel der Älteren, ein anderer Hinweis darauf, dass die Wende zur Religion nicht hauptsächlich von den Elternhäusern verursacht wird.

Die Jungen fühlen sich auch stärker als die Älteren den Muslimen in anderen Ländern näher, als den nicht-muslimischen Briten, allerdings erklären 60 Prozent aller Befragten, sie würden sich nicht-muslimischen Briten ebenso nahe fühlen wie Muslimen in anderen Ländern. Die Hinwendung zur Religion und zur globalen Ummah als Orientierung ist bei den Jungen ausgeprägter. Bedenklich ist auch, dass die Jungen ihre Kinder offenbar lieber von der britischen Gesellschaft abschotten und religiös stärker beeinflussen wollen, da 40 Prozent ihre Kinder gerne in eine islamische Schule schicken würden. Bei den Älteren sagen das 20 Prozent. Mit 13 Prozent neigt ein nicht unerheblicher Teil der Jungen zum militanten Islamismus. Sie sympathisieren mit al-Qaida und anderen Gruppen, die bereit sind, "gegen den Westen zu kämpfen".

Die befragten Muslime geben allerdings weniger der seit dem 11.9. und den Anschlägen in London zunehmenden anti-muslimischen Stimmung die Schuld. 84 Prozent sagen, sie seien in Großbritannien fair behandelt wurden, 28 Prozent meinen gar, die Regierung habe in ihren Bemühungen übertrieben, Muslime nicht zu verletzen. Der Drang zu einer muslimischen Identität scheint stärker von der außenpolitischen Situation herzurühren. Fast 60 Prozent glauben, dass viele der Probleme in der Welt durch "arrogante westliche Einstellungen" verursacht würden.

Munira Mirza, Mitautorin des Berichts Living Apart Together: British Muslims and the paradox of multiculturalism über die Umfrage, meint, dass für die Hinwendung zum Glauben und für den Rückzug der jungen Muslime aus der britischen Gesellschaft die Regierung zumindest mit verantwortlich sei. Sie habe dazu beigetragen, die Unterschiede durch die Politik des Multikulturalismus zu vertiefen: "Die Entstehung einer starken muslimischen Identität in Großbritannien ist teilweise das Ergebnis der in den 80er Jahren eingeführten multikulturellen Politik, die die Unterschiede auf Kosten der gemeinsamen nationalen Identität hervorgehoben und die Menschen nach ethnischen, religiösen und kulturellen Aspekten aufgeteilt hat." Die Regierung müsse sich den Muslimen als Bürger zuwenden, nicht als Repräsentanten einer Religion.

Einer der Fehler sei es, so heißt es im Bericht, die Muslime als homogene Gruppe zu betrachten. Damit würden die vielen Unterschiede vernachlässigt, so dass sich manche diskriminiert und ausgeschlossen fühlen. Eine Bindung zu den islamischen Organisationen gibt es nur für wenige, über die Hälfte sieht sich in ihrer Haltung nicht in diesen repräsentiert. Man dürfe die Hinwendung der jungen Menschen zum Islam und zum Islamismus auch nicht nur als Problem der Muslime verstehen, sondern das sei eine Entwicklung, die mit der Gesellschaft etwas zu tun habe:

Das wachsende Interesse an der Religion bei den britischen Muslimen der zweiten und dritten Generation ist keine Folge des Einflusses der Eltern oder der muslimischen Gemeinschaft. Wenn man insbesondere auf die jungen Islamisten in Großbritannien schaut, dann reagieren sie nicht auf einen Druck aus der Familie oder der größeren Gemeinschaft. Sie kehren oft aus eigenem Antrieb zum Koran zurück und lesen über Religion, nachdem sie die modernen, säkularen Lebensstile erfahren haben, die den meisten Personen ihres Alters zugänglich sind. Wenn man unterstellt, dass die Imams oder die älteren Muslime einen ungebührlichen Einfluss auf die Jungen ausüben, dann wird wahrscheinlich der zentralen Punkt verfehlt: Die religiösen Extremisten in Großbritannien sind weitgehend Produkte der britischen Gesellschaft.

Die Konservativen wissen offenbar nicht so recht, was sie mit dem Ergebnis anfangen können. So kritisierte David Cameron, der Parteichef der Konservativen, die Labour-Regierung, sie würde die Immigranten unter Druck setzen, indem sie empfiehlt, in den Gärten die britische Flagge zu hissen, wie dies Gordon Brown machte, oder ihre Kinder zu bespitzeln. Wie der britische Telegraph weiß, will Cameron in einer Rede heute aber auch die Muslime darauf hinweisen, dass sie die "kulturelle Sensibilität" nicht als Deckmantel benutzen dürfen, den Frauen ihre Rechte vorzuenthalten. Cameron wird aber auch strengere Kontrollen für die Immigration verlangen.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24542/1.html
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