Warum Preisabsprachen?

Rainer Sommer 02.02.2007

Die jüngste EU-Rekordstrafe gegen praktisch die gesamte weltweite Elektrotechnik-Industrie enthüllt eine illegale Marktverfassung, die weit um sich gegriffen hat und den Beteiligten offenbar von der "ökonomischen Rationalität" aufgezwungen wird

Dass die EU-Kommission wegen Preisabsprachen im Energieanlagenbau vergangenen Freitag ein Rekordbußgeld über insgesamt 751 Millionen Euro verhängt hat, hat kaum Aufsehen erregt. Dies offenbar, weil die jüngste Kartellstrafe gegen praktisch die gesamte weltweite Elektrotechnik-Industrie kein Einzellfall ist. Denn wo auch immer der Teppich ein wenig angehoben wird, finden sich illegale Kartelle, Preisabsprachen und ähnliche Delikte - und dies offenbar mit System. Da derartige Geschäftspraktiken in den westlichen Industriestaaten aber zunehmend hart bestraft werden – inklusive unbedingter Gefängnisstrafen für verurteilte Manager – drängt sich doch die Frage auf, wie stark die "ökonomischen Zwänge" denn sein müssen, um die Manager diese Risiken auf sich nehmen zu lassen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

"Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten, selbst zu Festen und zur Zerstreuung zusammen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann", beobachtete immerhin schon vor mehr als 200 Jahren der klassische Ökonom Adam Smith. Allerdings meinte er, für Konsumenten und Produzenten sei es am besten, wenn Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen würden. Wenn sie dann für irgendein Gut zufällig zu hoch wären, würden mehr Anbieter auftreten und das Angebot erhöhen, was die Preise so weit senken würde, bis "im Gleichgewicht" Konsumenten und Produzenten letztlich wieder ihren fairen Anteil (Konsumenten- bzw. Produzenten-"Rente" genannt) am Wohlstand erhielten.

Allerdings bevorzugen es die Unternehmen, sich durch die Manipulation der Preise einen höheren Anteil am Kuchen zu sichern. So berichtete Reuters am 24. Januar 2006: "Die EU-Kommission verhängte wegen Preisabsprachen im Energieanlagenbau Bußgelder über insgesamt 751 Millionen Euro: Die Kartellmitglieder (ABB, Alstom, Areva, Fuji, Hitachi Japan AE Power Systems, Mitsubishi Electric Corporation, Schneider, Siemens, Toshiba und VA Tech) trafen sich regelmäßig. Dabei wurden auf Führungsebene strategische Fragen erörtert, während auf niedrigerer Ebene Projekte aufgeteilt und für die Unternehmen, die bei den entsprechenden Aufträgen leer ausgehen sollten, Scheinangebote vorbereitet wurden, um den Eindruck echten Wettbewerbs zu erwecken." Während sich die Europäer ihren Heimatmarkt aufteilten, hätten die Asiaten als Teil des Kartells stillgehalten. "Die Kartellmitglieder verwendeten ausgeklügelte Mittel, um ihre Fühlungnahmen zu verbergen. So wurden sowohl für die Unternehmen als auch für einzelne Personen Codenamen verwendet. In den letzten Jahren des Kartells kommunizierten die Mitglieder über anonyme E-Mail-Adressen mittels verschlüsselter Botschaften", hieß es. Die EU-Kommission sähe es als erwiesen an, dass sich die Energieanlagenbauer zwischen 1988 und 2004 bei Preisen und Ausschreibungen für so genannte gasisolierte Schaltanlagen abgesprochen hätten.

Allerdings müssen bei zu niedrigen Preisen im Allgemeinen einige Anbieter aus dem Markt ausscheiden, um das Angebot zu verringern, ein Prozess, der mit "kreativer Zerstörung" verbunden wäre, wie es Alois Schumpeter, einer der Begründer der "Austrian Economics", beschreibt. Eine kooperative Marktverfassung liegt also mithin im Überlebensinteresse der Marktteilnehmer, vom Profitmotiv einmal ganz abgesehen.

Dass dieses Gebaren gerade heute so sehr zu grassieren scheint, dürfte mit wenigstens vier Entwicklungen zusammenhängen:

Durch die von der EU eingeführte Kronzeugenregelung geraten heute mehr Kartelle ans Licht als früher. Denn immerhin liegt es im Wesen solcher Praktiken, dass sie niemals öffentlich eingestanden werden. Zusätzlich zur Illegalität laufen solche Kooperationen immer zu Lasten der Auftraggeber/Konsumenten, mit denen man es sich ja auch nicht verscherzen will.

Durch die zunehmende Konzentration der Anbieter entstehen zudem verstärkt überschaubare Oligopole aus wenigen, oft weltweit agierenden Unternehmen, wodurch Kooperationen einfacher zu organisieren sind.

Immer mehr Marktsegmente weisen auch über längere Zeiträume stagnierendes oder gar rückläufiges Wachstum aus, was Kooperationen erst notwendig macht. Denn bei wachsenden Märkten sollten die Preise generell hoch genug sein, um der Branche Profite zu ermöglichen

Und letztlich entstehen durch die weitgehend erfolgte Verteilung regionaler Ressourcen auf große und mächtige Unternehmensgruppen und durch die in vielen Marktsegmenten weit fortgeschrittenen Technologien zunehmend hohe Zutrittsbarrieren für Neueinsteiger.

Marktbedingungen und eine modellhafte Entwicklung von Kartellen

Die im aktuellen Fall betroffene Elektro-Industrie kann hier als Musterbeispiel für die herrschende Marktverfassung dienen (weitere gerichtsnotorische Beispiele finden sich vor allem im Straßenbau, der Chip-Industrie oder der Basischemie).

Technologie und Markt sind relativ ausgereift. Wenigen Anbietern stehen wenige Nachfrager gegenüber. Die Einstiegsbarrieren sind hoch, das Marktwachstum ist bescheiden und es bestehen Überkapazitäten. Die Auftragsvergabe erfolgt zumeist über Ausschreibungen, wobei theoretisch der "Best-" oder "Billigstbieter" den Auftrag erhält. Würde in einer idealen ökonomischen Welt jeder Marktteilnehmer nun zu seinen Kosten plus einen bestimmten Renditeaufschlag anbieten, dann sollte (wenn man zudem gleiche Gewinnaufschläge annimmt) der Anbieter mit den besten Kostenstrukturen tendenziell die besten Aufträge erhalten. Mit steigender Kapazitätsauslastung müsste er seine Angebotspreise erhöhen und die nächstbesten Anbieter kämen zum Zug. Dieses Bieterverhalten scheint in der Realität jedoch nur selten anzutreffen zu sein.

Nehmen wir an, die Anbieter stellen eine Art von Deckungsbeitragsrechnung an. Dann sind bei stagnierenden oder schrumpfenden Märkten schlechte Anbieter mit ungünstigen Kostenstrukturen und hohen ungenutzten Kapazitäten geneigt, ihre Preise unter ihre Vollkosten zu senken, um so wenigstens Deckungsbeiträge zu erzielen. Diese können bei steigender Not (immer mehr unausgelastete Kapazitäten) durchaus sehr bescheiden ausfallen und theoretisch bis knapp an die variablen Kosten des schlechtesten Bieters zurückgehen, der sein Bieterverhalten zudem durch die Hoffnung rationalisieren kann, den Planumsatz so weit zu überschreiten, dass auch geringere Deckungsbeiträge ausreichen, um positive Erträge zu erzielen.

Das wäre zwar im Sinne der Konsumenten, stößt bei den Unternehmen aber auf so großen Widerstand, dass regelmäßig ein bestimmter Zyklus in Gang gesetzt wird: Nachdem eine Phase mit starkem Marktwachstum vorbei ist, beginnen die Preise zu stagnieren. Der Wettbewerb wird härter, man schlägt sich am Markt dann bald "die Schädel ein". Dadurch gehen de Profite zurück, das Klima in der Branche wird unangenehm und die Manager schlafen schlecht. Denn sind zu viele Kapazitäten am Markt, scheitern oft alle Versuche, das Preisniveau zu kontrollieren. Absprachen werden bei jeder Gelegenheit gebrochen und die Preise sinken so weit, dass die Branche insgesamt negativ bilanziert. Bald haben einige Anbieter ihre Reserven aufgezehrt und müssen aufgeben.

Es werden nun die Kapazitäten insgesamt reduziert, die überlebenden Marktteilnehmer teilen wertvollen Ressourcen unter sich auf und versuchen neuerlich, die Märkte kooperativ zu organisieren. Nach dem Ausscheiden von Mitspielern, die in ihrer Not vielleicht "lästig" oder unkooperativ agiert hatten, ist dies nun wieder möglich. Wenn es dann tatsächlich gelingt, Märkte und Preise zu regeln, also ein illegales Kartell zu Lasten der Kunden zu organisieren, steigen Preise und Profite wieder an.

Um diese Strategie umzusetzen sind freilich begleitende illegale Maßnahmen erforderlich. So müssen auf der Seite der Auftraggeber einzelne Mitarbeiter gewonnen werden, die etwa die Teilnehmerlisten der Ausschreibungen weitergeben oder auch nur beschwichtigt werden müssen, weil sie das abgestimmte Verhalten ihrer Lieferanten bemerkt haben. Dafür ist oft Schwarzgeld erforderlich, dass firmenintern generiert werden muss, dann aber auch für andere illegale Unternehmungen im In- und Ausland zur Verfügung steht.

Im Gegenzug für das illegale Geschäftsgebaren geht es der ganzen Branche eine Zeit lang sehr gut (immerhin hält das Kartell ja nur wenn alle Teilnehmer zufrieden sind), bis dann entweder einzelne Teilnehmer "übermütig" werden und aus dem Kartell ausscheiden; oder die Gewinne so hoch werden, dass sie nicht länger zu verheimlichen sind und neue und mächtige Gegner in den Markt drängen. Daraufhin beginnt wieder eine Phase mit zunehmend unkoordiniertem Preiswettbewerb der zum Scheitern einzelner Marktteilnehmer und zur Neuverteilung ihrer Ressourcen führt. Nach Kapazitätsrücknahmen und Umverteilung kann und wird aber bald wieder kooperiert werden.

Geschickte Beherrschung der Kartell-Spielchen

Wenn obige Schilderung aber zutrifft, dann wären typische betriebswirtschaftliche Kriterien, anhand derer Managementleistungen üblicherweise beurteilt werden (z.B. Innovationskraft, erreichen von Kosten-, Qualitäts- oder Technologieführerschaft), nur in den wenigen stark wachsenden Segmenten wirklich relevant. Bei reifen Märkten und Technologien müssten derartige Kriterien indes als Grundvoraussetzungen betrachtet werden. Das Excellenz-Kriterium für Manager wäre dort hingegen die geschickte Beherrschung der Kartell-Spielchen. Eine wesentliche Aufgabe wäre dann, das Kartell aufrecht und weitere Anbieter vom Markt fern zu halten, den Kartellbrüdern die eigenen Kostenstrukturen und Ressourcen zu verheimlichen, um für das Unternehmen den höchstmöglichen Anteil am Gesamtprofit des Kartells an Land zu ziehen. Überdies müssten die Käufer ständig davon überzeugt werden, dass sich die Branche beim aktuellen Preisniveau in einem beinharten Wettbewerb befände – ohne Kenntnis der tatsächlichen Marktverfassung sind diese für das Unternehmen extrem wertvollen Tätigkeiten jedenfalls kaum möglich.

Ist aber hauptsächlich die Qualität als "Insider" für den Stellenwert eines Managers in seiner Branche und in seinem Unternehmen verantwortlich und riskiert er für seine Firma Schande und Gefängnis, dann tut er das vernünftigerweise nur, wenn er sich im Falle eines Auffliegens der (vielleicht geheimen) Unterstützung durch die Firma sicher sein kann.

Darüber hinaus kann dieser stete Zwang zu Kriminalität und Lüge auch einen speziellen Umgang mit den Ressourcen des eigenen Unternehmens bewirken. Im entscheidenden Kreis der "Insider" wird dann wohl augenzwinkernd akzeptiert, dass einzelne Vergünstigungen an die Manager nicht Einkommenssteuerpflichtig, sondern verdeckt ausgereicht werden. Da man im Gegenzug bei offiziellen Gehaltserhöhungen bescheidener auftritt, sparen sich Unternehmen wie Management zumindest die jeweils anfallenden Steuern - und vielleicht auch lästige Fragen des Aufsichtsrates oder der Öffentlichkeit. Wenn die Kooperation in einer Branche zudem besonders gut etabliert und auch personell verfestigt ist, kann sich dieses Manager-Kompensationsschema durchaus auch Firmenübergreifend bewähren.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass einzelne Top-Manager niemals in die jeweiligen Insider-System integriert sind oder waren, vielleicht weil sie z. B. als "Erben" oder als Galionsfiguren dienen und immer ferngehalten wurden. Vielleicht haben sie auch nur eine so hohe Position erreicht, dass sie die Dinge zwar nicht mehr genau kennen müssen, sehr wohl aber die Grundprinzipien kennen, und wissen, dass die Ergebnisse nur durch "Insider" erzielt werden konnten.

Ist eine solche Marktverfassung einmal gegeben, dann ist ein erfolgreiches Bestehen in der Branche und eine Top-Managementposition für "Outsider" jedenfalls eher unwahrscheinlich Ebenso aber auch, ob die gesetzlichen Regelungen dieser Marktverfassung gerecht werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24544/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS