Bio- statt Erdgas?

07.02.2007

Russisches Erdgas könnte durch Energie aus Pflanzen ersetzt werden, besagt eine neue Studie. Doch derzeit gibt es noch zu viele bürokratische Stolpersteine und politische Zögerlichkeiten

Der Anbau von Pflanzen zur Energiegewinnung entlang der europäischen Erdgas-Piplines könnte Deutschland bzw. Europa unabhängig von russischen Erdgasimporten machen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Bisher würden aber entsprechende Gesetze fehlen, um die Entwicklung voranzutreiben, kritisiert der Grünen-Abgeordnete Hans-Josef Fell gegenüber Telepolis. Die Stadtwerke Aachen sind bisher Deutschlands mutigste Pioniere in Sachen Einspeisung von Biogas. Mahnende Worte kommen allerdings von Umweltschützern. Eine Ausdehnung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe dürfe nicht zu Lasten der Ökologisierung der Landwirtschaft gehen, warnt etwa der Naturschutzbund (NABU).

Über erneuerbare Energien wird nun schon lange gesprochen, der Umstieg zur Massennutzung läuft allerdings erst zögerlich an. Neben Solar- und Windenergie wird inzwischen auch immer stärker die Nutzung von Pflanzen als alternative Energiequelle diskutiert. Biogas stellt dabei eine attraktive Option dar. Es entsteht bei der Zersetzung von organischen Stoffen unter Luftabschluss. Genutzt werden bisher vor allem Reststoffe aus der Landwirtschaft. Die Energieausbeute bei Pflanzen ist allerdings sehr unterschiedlich, wie Dr. Peter Weiland an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft bereits 2004 herausfand. Aus einer Tonne Futterrübensilage lassen sich seinen damaligen Untersuchungen zufolge 95 Kubikmeter Biogas gewinnen, aus einer Tonne Maissilage hingegen 213 Kubikmeter.

Ein entscheidender Vorteil von Biogas liegt darin, dass es nahezu CO2-neutral ist. Die Schadstoffemissionen könnten erheblich gesenkt werden. Weiland zeigte in einem Buch noch andere Vorteile auf:

Von Vorteil ist fernerhin, dass die Biogasproduktion nur einen geringen Eigenenergiebedarf erfordert, da die Vergärung bei nur gering erhöhten Umgebungstemperaturen abläuft und die Abtrennung des Energieträgers Biogas selbsttätig erfolgt. Im Vergleich zu thermischen Verfahren ist der apparative Aufwand relativ gering, da aufwendige Verfahrensschritte zur Aufbereitung des Energieträgers entfallen. Im Vergleich zur Verbrennung und Vergasung von Biomasse bleiben sämtliche Nährstoffe erhalten und werden in ihrer Düngewirksamkeit teilweise sogar verbessert, so dass eine nutzbringende Rückführung in den landwirtschaftlichen Stoffkreislauf möglich ist. Bei Einsatz nachwachsender Rohstoffe kann somit ein nahezu geschlossener Nährstoffkreislauf erreicht werden, der eine ressourcenschonende Einsparung an Mineraldünger ermöglicht. Da bei der Methangärung auch Indole, Skatole und Fettsäuren abgebaut werden, die den unangenehmen Geruch von Gülle verursachen, können durch die energetische Nutzung der Wirtschaftsdünger auch Geruchsemissionen vermindert werden, die dem Image der Landwirtschaft erheblich schaden und Zukunftsinvestitionen in der Landwirtschaft erschweren.

Kein Wunder also, dass sich Land- und Energiewirtschaft seit geraumer Zeit mit den Potenzialen von Biogas auseinandersetzen. Im Auftrag der Stadtwerke Aachen (Stawag), des Fachverbandes Biogas und der Grünen-Fraktion im Bundestag wurde die Studie "Möglichkeiten einer europäischen Biogaseinspeisungsstrategie" erstellt. Unter der Federführung von Daniela Thrän analysierte das Institut für Energetik und Umwelt (IE) in Leipzig die Potenziale für die Methanproduktion durch Vergärung und Vergasung von Biomasse in den EU 28-Ländern sowie den europäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion für den Zeitraum 2005 bis 2020. Das Ergebnis ist vielversprechend: Bei entsprechender Energieeffizienzsteigerung könnte der europäische Gasverbrauch im Jahr 2020 komplett durch Biogas und Bio-SNG (synthetic natural gas) gedeckt werden. Bis 2020 könnten damit die CO2-Emissionen um 10 Prozent gesenkt werden.

Möglichkeiten und Grenzen

Das IE ging bei Ihren Untersuchungen davon aus, dass jedes Land seine vollständige Nahrungsmittel-Selbstversorgung sicher stellt, es also nicht zu einer Konkurrenzsituation zwischen der Produktion von Nahrungsmittelpflanzen und Energiepflanzen kommt. Nur darüber hinaus verfügbare Ackerflächen wurden für den möglichen Energiepflanzen-Anbau berücksichtigt. In Deutschland gibt es ausreichend Brachflächen die dafür aktiviert werden könnten, so die Experten. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Josef Fell verweist gegenüber Telepolis auf weitere positive Effekte:

Die Studie zeigt auf, dass in großem Maße Biomethan gewonnen werden kann, ohne dass die Nahrungsmittelerzeugung dadurch in relevantem Maße eingeschränkt würde. Zudem haben wir in Europa - und um Europa geht es in dieser Studie - das Problem der Überproduktion von Nahrungsmitteln. Heute wird diese Überproduktion subventioniert in anderen Ländern verkauft und nimmt dort den Landwirten die Lebensgrundlage. Im Übrigen mussten die Landwirte in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr unter den stark gefallenen Preisen für ihre Produkte leiden. Es ist gut, wenn hier auch mal wieder Geld verdient werden kann. Dies wird auch und gerade für unsere östlichen Nachbarstaaten von Bedeutung sein, wo in der Landwirtschaft heute zum Teil Armut herrscht.

Die Option, sich auch als Energiewirt zu profilieren, ist für viele Landwirte tatsächlich attraktiv und könnte das "Bauernsterben" etwas eindämmen. Allerdings gibt es auch warnende Stimmen. So dürfte ein Mehr an nachwachsenden Rohstoffen nicht zu Lasten der Ökologisierung der Landwirtschaft gehen, mahnte beispielsweise Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes (NABU). Nachwachsende Rohstoffe müssten aus Gründen des Klimaschutzes zukünftig in allen Nutzungsbereichen - vom Kraftstoffsektor bis zum stofflichen Bereich - einen entscheidenden Beitrag leisten, räumt er ein. Doch nur wenn die Produktion von Holzpellets, Biogas oder Biokraftstoffen nicht zu Lasten von Natur und Umwelt erfolge, sei eine weitere Ausweitung zu befürworten:

Der Boom bei Biogasanlagen zeigt, dass Korrekturen dringend erforderlich sind. Der Trend geht hier zur Umwandlung von Grünland- und Stilllegungsflächen in Maisäcker. Der Anbau in Monokulturen führt aber zu einer erhöhten Bodenerosion und Grundwasserbelastung sowie zu einem massiven Verlust wertvoller Lebensräume.

Ein mögliches Problem kann auch Grünen-Abgeordneter Fell nicht von der Hand weisen: Dass mit den Energiepflanzen auch die Gentechnik Verbreitung auf Europas Feldern finden könnte. Allerdings bestünde dafür keinerlei Notwendigkeit, so Fell:

Die Gefahr lässt sich tatsächlich nicht ausschließen, vor allem auch, weil interessierte Konzernkreise den Einsatz von Gentechnik puschen. Gentechnik ist überhaupt nicht notwendig für die Erzeugung von Bioenergie. Aber wir sollten doch nicht unsere Energieversorgung gefährden und den Klimawandel zulassen, nur weil wir Gefahr laufen, dass gerade an dieser Stelle die Gentechnik zum Einsatz kommt. Es gibt genügend Möglichkeiten, die Nutzung der Gentechnik in der Landwirtschaft zu verhindern.

Rahmenbedingungen schaffen

Dringlicher erscheint ihm aber offensichtlich die Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen, um die Nutzung von Biogas überhaupt zu ermöglichen. Denn die Gasnetzbetreiber müssen es nicht in einspeisen. Deshalb fordert Fell, man müsse "wie beim Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG)" künftig eine Regelung schaffen, dass "das angebotene Biomethan vom Gasnetzbetreiber aufgenommen und vergütet werden muss." Die Vergütungshöhe und Vergütungsdauer würden dann gesetzlich so festgelegt werden, dass sie eine Wirtschaftlichkeit der Biomethaneinspeisung ermöglicht, so Fell.

Neben einem nationalen Gesetz benötigen wir auch eine europaweite Initiative - am besten seitens der deutschen Ratspräsidentschaft. Leider haben die Regierungsfraktionen erst vor wenigen Wochen unseren Antrag zum Biogaseinspeisungsgesetz sowie eine europäische Biogaseinspeisungsstrategie im Wirtschaftsausschuss des deutschen Bundestages abgelehnt.

Neben dem Fehlen von gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt es auch noch kleinere, wenngleich nicht weniger schwerwiegende, bürokratische Stolpersteine. So existiert ein Gesetz, wonach es nicht erlaubt ist, qualitativ besseres Biogas einzuspeisen. Ein Unikum in Europa. Fell vermutet, dass sich viele Gasnetzbetreiber hinter derartigen Bestimmungen verstecken und fordert deren Überarbeitung:

Im deutschen Eichgesetz sind Qualitätskriterien in einer bestimmten Spanne zugelassen. Selbst wenn man bessere Qualität, im Falle Biomethan also bessere Energieausbeute liefert, ist das nach Eichgesetz nicht zugelassen. Dies ist aus unserer Sicht unnötig, weil der Verbraucher davon keinen Nachteil, ja sogar einen Vorteil hat. Wir wollen, dass solche bürokratische Hemmnisse abgebaut werden. Diese werden heute noch häufig vorgeschoben, um die Einspeisung zu verhindern. Manchmal müssen aber auch nur alte Regeln überarbeitet werden, die getroffen wurden, als man an diesen Fall noch gar nicht dachte. Hier sind neben dem Gesetzgeber auch die Normkommissionen gefragt.

Eine Vorreiterrolle bei der Einspeisung von Biogas spielen die Stadtwerke Aachen. Sie speisen in Straelen am Niederrhein seit dem 30. Dezember 2006 Bio-Erdgas ins Netz der NGW, einer Tochtergesellschaft der Gelsenwasser AG, ein. Zu den technischen Besonderheiten erklärt die Stawag:

Per Druckwechseladsorptionsverfahren wird das Rohbiogas gereinigt und mit über 95 Prozent Methananteil auf Erdgasqualität gebracht. Um den speziellen Anforderungen des örtlichen Netzes an die Gasbeschaffenheit gerecht zu werden, wird vor der Einspeisung noch ein geringer Anteil Flüssiggas (LPG) beigemischt. Das so produzierte Austauschgas entspricht exakt der Qualität und dem Brennwert des im Netz vorhandenen Erdgases. Dabei wird Bio-Erdgas bundesweit erstmalig als Austauschgas eingespeist.

Kürzlich ging auch im bayerischen Pliening die Biomethananlage eines Fonds der Aufwind Schmack in Betrieb. Dort wird Biogas als Zusatzgas ins öffentliche Netz eingespeist. Die Beispiele zeigen, dass die Einspeisung grundsätzlich machbar ist. Jetzt liegt es an der Politik, die Rahmenbedingungen zu schaffen – und das möglichst unter Berücksichtigung der vom Naturschutzbund und anderer Umweltschützer geäußerten Bedenken.

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