Windenergie: Übernahmekampf um REpower

Wolfgang Pomrehn 11.02.2007

Der indische Windanlagenhersteller übertrumpft französischen Atomkonzern Areva mit deutlich höherem Angebot. Windaktien heben ab

Der indische Windradbauer Suzlon hat am Freitag ein Angebot für das Hamburger Unternehmen REpower vorgelegt, das an den Börsen für reichlich Aufregung sorgt. Etwa eine Milliarde Euro wollen die Inder auf den Tisch legen, 20 Prozent mehr, als drei Wochen zuvor der französische Atomkonzern Areva geboten hat. In Deutschland sind die Franzosen vor allem durch ihre jährlichen Atommülltransporte aus der Plutoniumfabrik in Le Hague ins wendländische Gorleben bekannt.

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Die üppige Suzlon-Offerte würde einen 76prozentigen Aufschlag auf den durchschnittlichen Aktienkurs der letzten drei Monate bedeuten. Der Konzern verspricht nicht nur den Erhalt des Hamburger Standortes, sondern auch dessen Ausbau zu einem "globalem Zentrum für Forschung und Entwicklung". 100 bis 200 hochqualifizierte Arbeitsplätze könnten dort bis Ende 2009 entstehen.

Das Angebot wurde in Zusammenarbeit mit der Martifer Gruppe vorgelegt, einem Anlagebauer aus Portugal, der wie Areva bereits Großaktionär bei REpower ist. 2004 war Martifer zum strategischen Investor bei REpower aufgestiegen, nachdem die Gruppe ihr Aktienpaket von 5,05 auf 19,5 Prozent aufgestockt hatte. Inzwischen hält man 25,4 Prozent, ist also wie die Franzosen auf Expansionskurs. Areva besaß zum Zeitpunkt seines Angebots 29,9 Prozent der REpower-Anteile. Bei Martifer war am Wochenende niemand für einen Kommentar zu erreichen, aber die Lage scheint auch so klar. Offenbar ist man in Portugal nicht glücklich über den Versuch der Franzosen, REpower zu übernehmen, und möchte sich nicht aus dem Geschäft drängen lassen.

Unklar ist noch, wie sich der REpower-Vorstand verhalten wird. Am Freitagnachmittag sah man sich noch nicht zu einer Stellungnahme in der Lage. Vor drei Wochen hatte REpower-Vorstandschef Fritz Vahrenholt die Avancen der Franzosen begrüßt:

Unsere bisherige Zusammenarbeit hat gezeigt, dass AREVA unsere Strategie unterstützt und mit kommerzieller und finanzieller Stärke unser künftiges Wachstum beschleunigen kann. Insofern glauben wir, dass wir mit AREVA als einem der weltweit führenden Unternehmen im Energiesektor den richtigen Partner an unserer Seite wissen.

Das muss allerdings nicht heißen, dass man Areva in Hamburg auch nach dem neuen Angebot den Vorzug geben wird. Der indische Suzlon-Konzern, erst vor elf Jahren gegründet, hat sich in den letzten Jahren gemessen an der installierten Leistung auf Platz fünf der internationalen Rangliste der Branche hochgearbeitet und sich zu einem global agierenden Unternehmen gemausert. Der Firmensitz ist im indischen Pune, einer Großstadt unweit von Mumbai. Den älteren Lesern ist sie vermutlich noch unter dem Namen Puna als Ausgangsort der Baghwan-Bewegung bekannt. In Indien hingegen wird die Stadt eher als Sitz verschiedener angesehener Colleges und einer expandierenden Autoindustrie geschätzt. Dort bezeichnet man sie daher auch wechselweise als indisches Oxford oder Detroit.

Im indischen Bundesstaat Maharashtra baut Suzlon derzeit einen Windpark auf, der 1000 MW Leistung haben und damit nach Konzernangaben der weltgrößte werden soll. Außer in Indien unterhält man auch in den Niederlanden und in Deutschland Forschungseinrichtungen. Im vergangenen Jahr hatte Suzlon in Belgien den Getriebehersteller Hansen Transmissions übernommen, der nach Konzernangaben zu den führenden Unternehmen in diesem Bereich gehört.

In einer gemeinsamen Stellungnahme) sprechen Suzlon und Martifer von einem, "freundlichen Übernahmeangebot". Man suche die enge Zusammenarbeit mit dem Management und wolle dieses für die Unterstützung der eigenen Pläne gewinnen. Offenbar haben die Inder Größeres vor:

Ein Zusammenschluss von Suzlon und REpower würde auf Grund erstklassiger Produkte, herausragender Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, der Marktposition der Unternehmen und der integrierten Wertschöpfungskette eine globale Führungsposition in der Windenergieindustrie ermöglichen. Es ist unser Ziel, gemeinsam mit REpower in kurzer Zeit weltweit zu den Top 3 unserer Branche zu gehören. Wir wollen gemeinsam unsere Positionen in Asien, Amerika und Europa ausbauen. Der Zusammenschluss mit REpower ist ein Vorschlag, der auf einer zwingenden Logik basiert: Hier sollen zwei Unternehmen, die sich in ihrer Marke, ihren Kompetenzen und in ihren Marktpositionen optimal ergänzen, zusammengeführt werden.

Tulsi R. Tanti, Chairman und Managing Director von Suzlon Energy

Der Kurs der REpower-Papiere startete nach den Nachrichten aus Indien richtig durch. Areva hatte 105 Euro pro Aktie geboten, das portugiesisch-indische Gespann will 126 Euro auf den Tisch legen, doch am Freitagabend schloss REpower mit 145 Euro. Das entsprach einem Kursgewinn von sagenhaften 29 Prozent binnen Tagesfrist. Auch andere Windenergiehersteller wie Nordex und Vestas wurden mit nach oben gezogen.

Für die REpower-Aktie setzt sich damit eine Erfolgsgeschichte fort, die an die Zeiten der Dot-Com-Blase erinnert. Nachdem sich der Wert eines REpower-Anteilscheins jahrelang bei 20 Euro kaum bewegte, hatte er sich 2005 etwas hochgearbeitet und dann im Frühjahr zwischen 40 und 60 hin und her gezappelt. Nach einer kurzen Talfahrt ist er seit Mai 2006 langsam aber beharrlich geklettert. Im Herbst hatte sich der Anstieg beschleunigt, um dann Mitte Januar bei etwas über 80 Euro zu landen. Dann hatte das Angebot von Areva gegeben unter dem Papier die erste Rakete gezündet, nun hat Suzlon den Auftrieb abermals beschleunigt.

Ganz nebenbei ergab sich in dem ganzen Gerangel um REpower auch ein schönes Beispiel, dass man nicht immer auf die sogenannten Analysten hören sollte. Am 22. Januar war auf der Internetseite von REpower zu lesen, dass AC Research den Anlegern Gewinnmitnahme und Verkauf empfahl. Der Kurs stand gerade bei 108 Euro, Areva hatte 105 geboten. Die Aktie hatte sich binnen drei Monaten um beachtliche 44 Prozent gesteigert. Und doch: Wer dem Rat folgte, verpasste einen Kursgewinn von rund 36 Euro pro Aktie.

Noch sind die meisten europäischen Anlagen in Deutschland errichtet, aber Spanien holt auf. Noch steiler ist die Wachstumskurve in den restlichen EU-Staaten. Dort scheint der Boom gerade erst zu beginnen. Grafik (größer): BWEA

Starke Expansion

Für einen Konzern, der seit Jahren keine schwarzen Zahlen gesehen hat, überraschen Übernahmekampf und Kursgewinne zunächst ein wenig. Immerhin beträgt das Angebot aus Indien rund das Dreifache des Jahresumsatzes des Hamburger Unternehmens und der Konzern ist weit von Branchenprimus Vestas (27 Prozent Anteil am Weltmarkt) entfernt. Mit rund 3,85 Milliarden Euro – der Geschäftsbericht wird erst im März vorgelegt – machten die Dänen im vergangenen Jahr vermutlich mehr als zehnmal so viel Umsatz wie die Hamburger.

Die Erklärung dürfte in der gewaltigen Expansion der Windmärkte zu sehen sein. In Deutschland (Unerwartetes Wachstum) war 2006 die installierte Leistung gegenüber dem Vorjahr um 23,5 Prozent gewachsen, obwohl hierzulande mit einem Abflauen des Marktes gerechnet worden war. Die noch stärkere Zunahme auf dem Weltmarkt um 30 Prozent lag hingegen durchaus im Bereich dessen, was von der Branche erwartet wird, und zwar auch für die kommenden Jahre. Derzeit hat der Weltmarkt einen Umfang von 15 Milliarden Euro, das heißt, die Windkraft verspricht in den nächsten Jahren ein richtig großes Geschäft zu werden.

Neuinstallationen von Windrädern (nach Leistung) in der EU. Deutschland dominiert den Markt, aber gemessen an der Landesgröße und Wirtschaftskraft wurde zum Beispiel im kleinen Portugal deutlich mehr Leistung installiert. Grafik (größer): BWEA

Auch in Europa hat sich im vergangenen Jahr der Absatz von Windrädern ganz außerordentlich gut entwickelt, wie kürzlich der Europäische Windenenergieverband. Demnach wurde mit 7.588 MW installierter Leistung ein neuer Rekord aufgestellt. Die Umsätze betrugen neun Milliarden Euro, was gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 23 Prozent darstellte. Die insgesamt installierte Leistung wuchs damit in der EU-25, das heißt ohne die jüngsten Mitglieder Rumänien und Bulgarien, um 19 Prozent auf über 48.000 MW. Damit, so die europäischen Windmüller, ließen sich in einem durchschnittlichen Jahr etwa 3,3 Prozent zum EU-Stromverbrauch beitragen. Im siebenten Jahr in Folge rangiere die Windenergie in Sachen neu installierter Leistung gleich hinter Gaskraftwerken. Bei denen sei 2006 in der EU ein Zuwachs von ca. 8.500 MW zu verzeichnen gewesen.

Kein Wunder, dass auch der weltweite Aktienindex für erneuerbare Energien RENIXX World wieder auf Höhenflug geht. Schon im Frühjahr 2006 war nach einem gewaltigen Sprint auf 1100 Punkte geklettert, dann jedoch um einige 100 Punkte abgestürzt. Nachdem er im Sommer und Frühherbst um die 800 pendelte hat er inzwischen erneute zum Sprint angesetzt und bewegt sich wieder auf dem Frühjahrsniveau. Dazu trägt sicherlich im erheblichen Maße bei, dass die aktuelle Diskussion über die drohende Klimakatastrophe Wind- und Fotovoltaikaktien Auftrieb gibt.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24625/1.html
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