Happy-Lehrer-Slapping - oder: Kartell des Schweigens

21.02.2007

Wenn Eltern am Feindbild Lehrer basteln

Terror an Schulen? Nichts wirklich Neues. Rütli, Unterschicht und ethnische Gewalt tauchen sofort als Assoziationen auf. Doch jenseits dieser bekannten Manifestationen diverser Bildungs- und Gesellschaftsprobleme hat sich - (nicht nur) nach Ansicht des Philologen-Verbandes NRW - eine ganz andere, sehr bürgerliche Form der Randale etabliert, die von fast allen Beteiligten klein geschwiegen wird: eine Art Elternterror.

Ein Gymnasium im Münsterland, es ist Turnstunde. Zum wiederholten Mal ist eine Schülerin ohne Turnzeug zum Unterricht erschienen, möchte aber dennoch unbedingt mitturnen. Trotz der Einwände des Lehrers besteht sie darauf, in der Kleidung, die sie gerade trägt, Jeans und T-Shirt, mitzumachen. An diesem Tag wird unter anderem der Handstand geübt. Dabei kommt es, wie es gemäß den physikalischen Kräften nahezu unausweichlich kommen muss: T-Shirt und Unterhemd rutschen, während das Mädchen auf den Händen steht, nach unten, also vom Körper weg, und legen den gesamten Oberkörper frei. Am nächsten Tag werfen die Eltern dem Lehrer unsittliches Verhalten vor und beschweren sich zunächst bei der Schulleitung und anschließend bei der Bezirksregierung. Es folgt ein Disziplinarverfahren. Dieses entlastet den Lehrer dann allerdings vollkommen. Denn es sind genügend Schüler bereit zu bezeugen, dass er in der fraglichen Unterrichtsstunde das Mädchen ausdrücklich dazu aufgefordert hat, wegen der unpassenden Kleidung nicht mitzuturnen.

Noch einmal Glück gehabt, könnte man sagen. Das zehrte zwar an des Lehrers Nerven und kostete ihn Zeit, die er anderweitig sinnvoller hätte verwenden können, beschädigte aber nicht ungerechtfertigt seine Integrität. Einer von vielen Fällen, mit denen sich Peter Paul Cieslik, Justitiar des Philologen-Verbandes Nordrhein-Westfalen, in der letzten Zeit befassen musste. Doch nicht immer geht es ähnlich glimpflich aus.

Ehrenschutz für alle - nur nicht für Lehrer? So titelte Cieslik angesichts derartiger Vorkommnisse kürzlich denn auch einen Beitrag in der Zeitschrift des Philologen-Verbandes. In dem gab er Mitgliedern Informationen zum Thema Rechtsschutz und forderte sie auf, sich endlich mehr und deutlicher zu wehren. Denn die Beleidigungen und Verleumdungen von Lehrkräften durch Schülerinnen und Schülern und ganz besonders durch Eltern hätten inzwischen ein bisher nicht gekanntes Ausmaß erreicht und machten nicht nur den Lehrern das Leben schwer, sondern führten auch immer öfter zu deutlichen Störungen des Unterrichts oder sogar des gesamten Schulbetriebes:

Bei manchen Eltern gewinnt man den Eindruck, dass sie ihren vorrangigen Lebensinhalt darin sehen, Beschwerden über Lehrer, Schulleiter und Schulbehörden einzureichen.

Peter Paul Cieslik

Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt

So richtig geliebt wurden sie ja wohl noch nie - oder doch nur selten, die Lehrerinnen und Lehrer. Aber über Jahrhunderte wenigstens hoch geachtet. Damit ist es allerdings längst vorbei. An herabsetzenden Klischees und teilweise horrenden Vorwürfen mangelt es heutzutage wirklich nicht. Es ist wohlfeil, sie pauschal als resignierte Dauerkranke oder kaltschnäuzige Zyniker zu bezeichnen, als intellektuell zu abgehoben oder pädagogisch unzureichend ausgebildet oder ganz simpel als satte, faule Beamte, die sich keiner Leistungskontrolle stellen müssen. Mit solch schlicht strukturiertem Stammtisch-Mix und entsprechenden Pamphletchen lässt sich sogar ganz unverzagt etwas Geld verdienen - ohne Evidenz, aber von hohem Unerhaltungswert und daher populär.

Doch auch wenn diese Art der Anti-Lehrer-Hatz zwar öffentliche Aufmerksamkeit erfährt und etlichen Schülern wie Eltern sowohl als Ansporn als auch Rechtfertigung eigener Aktionen dient, so ist sie trotzdem die eher zahnlose Variante der Diskriminierungswutwelle. Denn deren weitgehend verdeckter, aber dramatischerer Teil, so Peter Paul Cieslik, lebt sich im alltäglichen Mobbing, Rufmord und juristischen Gerangel aus. Um Forderungen und Ansprüche in jedem Fall durchzusetzen, scheuen sich viele Schülerinnen und Schüler ebenso wenig wie deren Eltern, Lehrerinnen und Lehrer zu beleidigen, zu verleumden und zu verklagen, was das Zeug hält. Wobei diese Form der Randale, im Unterschied zu den gewalttätigen Aktionen à la Berlin-Neukölln, überwiegend an Gymnasien, Real- und Gesamtschulen anzutreffen ist.

Etwa so wie an einem Gymnasium einer Kleinstadt des Ruhrgebietes. Dort liegen Eltern seit einiger Zeit mit einem Lehrer im Streit wegen der angeblich ungerechten Leistungsbewertung ihres Sprösslings. Es werden diverse schulinterne Überprüfungen veranlasst, die aber nichts anderes erbringen, als die tatsächlich unrühmlichen Leistungen des Kindes zu bestätigen. Sehr zum Ärger der Eltern. Nicht lange nachdem ihr Protest nicht zum gewünschten Erfolgt geführt hat, beschuldigen sie denselben Lehrer, das zweite Kind der Familie, das er in einer anderen Klasse ebenfalls unterrichtet, "geschubst" zu haben, absichtlich. Tatmotiv sei Rache gewesen. Auch wenn dem Kind absolut nichts passiert ist, erfolgte eine Anzeige wegen Körperverletzung. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Erfolg auf Biegen und Brechen - notfalls auch ohne Leistung

Woher kommt diese anscheinend schrankenlose Kritiksucht, die Lust am Lehrer-Bashing?

Die Schule ist der erste Verteilungsmechanismus der beruflichen Karriereleiter. Wer mit schlechten Abschlüssen ins Berufsleben startet, wird zum Verlierer. Denn, das ist ja mittlerweile Binsenweisheit, aufgrund der weltweiten volkswirtschaftlichen Veränderungen herrscht inzwischen ein so immenser Konkurrenzdruck, dass ohne entsprechenden Leistungsnachweis keine vernünftige Berufsbiographie mehr zu erreichen ist. Und wo schlechte Leistungsergebnisse die Zukunftserwartungen der Kinder zu beinträchtigen drohen, versuchen immer mehr Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, sagen wir mal, zu beeinflussen.

Peter Paul Cieslik

Dabei geht es nicht darum, dass Eltern sich als Anwälte ihrer Kinder sehen und auch im schulischen Bereich für deren Belange stark machen. Im Gegenteil, das ist nicht nur völlig legitim, unbestritten und selbstverständlich, sondern sogar unbedingt wünschenswert und erforderlich. Problematisch wird es allerdings dann, wenn Vater und Mutter alle Schwierigkeiten und Leistungsmängel, die ihrer Sprösslinge ebenso wie die häufige Selbstüberforderung, "der Schule" und "den Lehrern" anlasten.

Wenn man es denn wenigsten dabei beließe zu sagen, du hast nicht richtig korrigiert, wäre es ja noch in Ordnung. Aber immer öfter heißt es dann, der packt kleine Kinder an, oder die fährt besoffen Auto, oder der treibt sich sonst wo rum. Es werden ganz private Dinge aus dem Umfeld der Lehrkraft herangezogen oder sogar konstruiert, um zu begründen, warum die Note der Mathe- oder Lateinklausur nicht in Ordnung sein kann.

Peter Paul Cieslik

Dass zwischen den wirtschaftlichen Verhältnissen und den zunehmenden ehrrührigen Angriffen auf Lehrer ein direkter Zusammenhang besteht, ist für Cieslik keine Frage.

Ich arbeite nun seit über zwanzig Jahren als Justitiar des Philologenverbandes. In dieser Zeit haben die Fälle, in denen ich Lehrerkräfte, die auf die verschiedenste Weise angegangen und beschuldigt werden, berate bzw. vertrete, kontinuierlich zugenommen. Aber der ganz deutliche, steile Zuwachs dieser Fälle erfolgte etwa seit dem Jahr 2000, als sich die Arbeitsmarktlage rapide verschlechterte.

Peter Paul Cieslik

Auf etwa 1.000 Prozent schätzt er den Zuwachs seit der Jahrhundertwende, etwa ein Dutzend Anfragen, die sich im weitesten Sinne auf Gewalt gegen Lehrkräfte beziehen, erreichten ihn mittlerweile täglich.

Gefördert wird dieses Verhalten ganz sicher durch den Umstand, dass in den meisten Familien gerade der Mittelschicht nur noch ein oder zwei Kinder aufgezogen werden. Das setzt einerseits dementsprechend viel Zeit für die intensive Hege frei, andererseits aber ruht auch die ganze Last der elterlichen Karriereerwartungen auf diesen ein oder zwei Nachkommen, die nun alles allein zur Selbstbestätigung der Eltern erbringen müssen. So wird von Vätern berichtet, die nach jeder ausgefallenen Unterrichtsstunde beim Schulleiter persönlich anrufen. Kontraproduktiv empfindet Cieslik die öffentliche Aufforderung von NRW-Schulministerin Barbara Sommer, jeden Fall, in dem Unterricht aufgrund des Fehlens einer Lehrkraft ausfällt, an das Ministerium zu melden. Das unterstelle doch automatisch, dass Lehrer ungerechtfertigt krank feierten und fördere geradezu das Denunziantentum.

Happy-Lehrer-Slapping

Und ein ganz anderer, nämlich der technologische bzw. mediale Faktor spielt inzwischen eine nicht mehr wegzudenkende Rolle. Internet und Photohandy haben sich anderweitig längst als probate Mittel für alles Mögliche und eben auch zur Diffamierung und Terrorisierung von Personen erwiesen. Sie bedienen auch die Lust am Lehrer-Bashing. "Es ist eine Art des 'Happy Slappings', man könnte es Happy-Lehrer-Slapping nennen", meint Cieslik.

Lehrer und ganz besonders Lehrerinnen werden in möglichst unvorteilhaften Situationen und Positionen per Handy photographiert oder gefilmt. Oft werden die Aufnahmen anschließend im Internet veröffentlicht oder per Mobiltelefon weiter verbreitet. Wie etwa bei einem anderen Fall, bei dem im Internet die vollständige Adresse einer Lehrerin veröffentlicht und zu deren Massenvergewaltigung aufgerufen wurde. "Das kann aus reiner Lust am Happy-Lehrer-Slapping geschehen, immer öfter wird es aber auch als Druckmittel zur 'Beeinflussung' von Leistungsbewertungen benutzt. Nicht selten sogar von Eltern initiiert und instrumentalisiert. Und oft geht das eine nahtlos in das andere über."

Wie selbstverständlich ein solcher Handy-Einsatz inzwischen an Schulen ist, zeigen zahlreiche Beiträge in Internetforen. Etwa dort, wo sich jemand über das Verhalten eines Lehrers beschwert und die umgehende Antwort erhält: "Auf ein Handy aufnehmen und an das Landesministerium für Bildungswesen schicken. Ist ein klarer Fall und wird schnell geklärt sein."

Keine Frage, das sei ausdrücklich betont: Es gibt sie, neben den vielen äußerst fähigen und engagierten gibt es auch Lehrer und Lehrerinnen mit pädagogischen Defiziten, selbst bei den in den PISA-Studien hoch gelobten Gymnasiallehrern, denn es gab und gibt immer noch Schwachstellen in der Ausbildung. Hauptproblem war bisher die zu spät angesetzte Praxiserprobung, die Auskunft über die jeweils persönliche Eignung gibt. Kaum jemand an den weiterführenden Schulen fehlt es an Fachwissen, denn die hohen, anspruchsvollen Prüfkriterien des 1. Staatsexamens für das rund fünfjährige Hauptstudium garantieren eine hohe fachliche und intellektuelle Qualifikation.

Im Gegensatz zum 1. Staatsexamen stellte dagegen der Abschluss des zweijährigen Referendariats durch das 2. Staatexamen bisher nicht immer die pädagogische Eignung sicher. Es kam durchaus vor, dass man auch solche, die sich von der Persönlichkeitsstruktur her nicht als unbedingt prädestiniert für diesen Beruf erwiesen, nach insgesamt sieben bis acht Jahren Studium und Ausbildung nicht durch Verwehrung des Abschlusses ins berufliche Nirwana oder gar eine Lebenskatastrophe stürzen wollte. Dazu muss man sicher noch einige pädagogisch minderbemittelte Seiteneinsteiger rechnen, die in den 1970er Jahren, also der Zeit der etwas verquasten Bildungsexpansion, im Lehramt gelandet sind.

Dieses Dilemma dürfte erfreulicherweise bald Vergangenheit sein, denn es ist abzusehen, dass frühzeitige Eignungstests bundesweit zur Pflicht für Lehramtstudenten werden, wie es Ute Erdsiek-Rave, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ende Dezember 2006 ankündigte. In Nordrhein-Westfalen müssen sich Lehramtskandidaten bereits seit einigen Jahren schon zu Beginn des Fachstudiums Schulpraktika unterziehen, um zu testen, ob der Schulalltag sowohl ihren Wunschberufsvorstellungen als auch ihrem individuellen Vermögen entspricht.

Dass die meisten Lehrkräfte jedoch, allen voran die Gymnasiallehrerinnen und -lehrer über hohe fachliche Qualifikation und pädagogische Kompetenz verfügen, bestätigte ihnen sogar die viel zitierte PISA-Studie. Die Gymnasiallehrer, so resümierte Prof. Jürgen Baumer, Leiter des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und deutscher PISA-Studienleiter, spielten mit ihrem Wissen in einer völlig anderen Liga als die Kollegen der anderen Schulzweige.

Feindbild Lehrer

Doch die hoch geschürte Lehrerhassermentalität richtet sich ja keineswegs nur gegen die Minderheit der pädagogischen Fehlbesetzungen, sondern bricht zunehmend über alle herein, die nicht so agieren, wie viele Kinder und Eltern sich das vorstellen, was meistens heißt, über die Lehrkräfte, die Leistungs- und Verhaltensdefizite nicht mit ungerechtfertigt guten Noten und falsch verstandener Toleranz kaschieren.

Vorhaltungen von Lehrern über schlechtes Benehmen oder zu wenig Leistungsbereitschaft von Schülern werden überwiegend damit gekontert, dass sie die Gründe für Verfehlungen nicht bei sich oder ihren Sprösslingen suchen, sondern "die Lehrer" für alle Unzulänglichkeiten dieser Welt verantwortlich machen. Die erweisen sich in ihren Augen als unfähig, das Kind entsprechend zu motivieren. "Eltern sind immer häufiger mit der Erziehung einfach überfordert", so Cieslik.

Eine keineswegs neue oder singuläre Erkenntnis - längst haben andere wie etwa vor zwei Jahren der Philosoph Peter Sloterdijk oder kürzlich Bernhard Bueb, der ehemalige Leiter der Schloß-Salem-Schulen, einen allgemein verbreiteten Mangel an Bildung und vor allem Erziehung beklagt. So meinte Sloterdijk: "Wir haben eine Nation von tendenziell kinderlosen Urlaubern hervorgerufen, die nicht über sich selber hinaus denken können und wollen." Und Bueb zieht bedauernd das Fazit: "Die Kunst der Erziehung haben wir verlernt. Es gibt keinen Konsens mehr darüber, wie man Kinder und Jugendliche erzieht, mit der fatalen Folge, dass viele Eltern verunsichert sind. An dieser Unsicherheit leiden Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen." Allerdings liegt es eindeutig bei den Erwachsenen, diese verhängnisvolle Tendenz zu wenden.

Bezeichnenderweise ist die Einstellung, andere für alle Unzulänglichkeiten einschließlich des eigenen Versagens verantwortlich zu machen, mittlerweile so verankert und verbreitet, dass sie längst außerhalb der Schule etabliert ist. Wie beispielsweise die Klage von Eltern eines dreizehnjährigen Mädchens im Saarland offenbarte. Weil ihre Tochter beim Herabrutschen eines Treppengeländers gestürzt war und sich dabei erheblich verletzt hatte, verklagten sie den Vermieter auf Zahlung von Schmerzengeld, denn er hätte Maßnahmen gegen das Treppengeländerrutschen treffen müssen. Das sahen die Richter des Saarländischen Oberlandesgerichtes (Az.: 4 U 126 / 06-36) allerdings anders, nämlich die Eltern in der Pflicht.

Kartell des Schweigens

Während vordem unzufriedene Eltern meistens selbst Einspruch einlegten, wird jetzt zunehmend schon mal mit kommunal- oder landespolitischen Beziehungen gewinkt oder gleich ein Anwalt eingeschaltet. Was angesichts des hohen Anteils an Rechtsschutzversicherungen keine finanzielle Verausgabung mehr bedeutet. Die westlichen Stadtteile Kölns sowie die unmittelbar anschließenden Nachbarkommunen des Rhein-Erft-Kreises zählen ebenso wenig zu den sozialen Brennpunkten wie der östlich von Köln gelegene Rheinisch-Bergische Kreis. Grünes Speckgürtelgebiet. Dort gibt es ganze Straßenzüge, wo in jedem Haushalt mindestens eine Rechtsschutzversicherung vorhanden ist. Es sei denn, man oder frau ist ohnehin selbst Jurist, was hier gehäuft vorkommt.

Wie etwa Rechtsanwalt O. Dessen zwölfjähriger Sohn besucht ein Gymnasium dieses Speckgürtelgebiets. Leider "vergisst" der Junge ziemlich regelmäßig, die Hausaufgaben zu machen. Das brachte ihm etliche mündliche Ermahnungen der Klassenlehrerin, dann eine Mitteilung an die Eltern, und als auch das nur kurzfristig half und er dann auch noch beim Abschreiben während einer Klassenarbeit erwischt wurde, schließlich eine Sechs in der Arbeit und einen Verweis ein. Gegen beides ging der Vater so lange an und drohte mit gerichtlicher Klage, bei der er aufgrund des privaten Umfeldes der Lehrerin auch deren grundsätzliche Eignung in Frage stellen werde, bis schließlich die Lehrerin entnervt einknickte und anbot, dass der Junge die Arbeit - selbstverständlich mit anderen Aufgaben - nachschreiben dürfe. Was ihm dann statt der Sechs immerhin eine Vier minus bescherte. Das alles nicht, weil die Lehrerin ihr Verhalten im Nachhinein als ungerechtfertigt gesehen hätte, sondern weil sie von der Schulleitung keine Unterstützung erfuhr.

Kein Einzelfall, was die ausbleibende Unterstützung angeht. Denn wer da erwartet oder wünscht, dass beschuldigte Lehrkräfte zunächst einmal den Beistand und die Unterstützung der jeweiligen Schulleitung bzw. Schulbehörde erfahren würden, bewegt sich auf schwankendem Boden. Denn genau daran fehlt es allzu oft. Mit Auskünften zu diesem Thema tun sich die Schulbehörden allerdings schwer.

Auf entsprechende Anfragen kommen Antworten wie die der Bezirksregierung Münster, in der es heißt, dass "es immer wieder Differenzen in der Leistungseinschätzung zwischen Lehrkräften und Eltern oder auch Schülern" gäbe, "jedoch werden diese stets entweder in Gesprächen der Beteiligten, zum Teil unter Mitwirkung der Schulleitung, oder, wenn dies nicht weiterführt, im förmlichen Beschwerde- oder Widerspruchsverfahren geregelt oder entschieden". Leider werden diesbezügliche Zahlen "statistisch in unserem Hause nicht erhoben". Allzu oft wird aber nicht nur nach außen, sondern auch intern versucht abzuwiegeln, zu vertuschen, die Konflikte mit Schülern und Eltern unter Verschluss zu halten, um nicht die Reputation der Schule oder der Schulbehörde zu beschädigen, wie der nordrhein-westfälische Philologen-Verband immer wieder feststellt. Was aber nicht nur für Nordrhein-Westfalen gilt.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Ähnliches gilt auch anderswo, beispielsweise in Hamburg, wie Christine Greiner, Lehrerin an der Gesamtschule Finkenwerder, erfahren musste. Sie war vom Vater eines Schülers im Schulgebäude beschimpft, bedroht und verprügelt worden, weil sie den Jungen wegen mehrfachen unbotmäßigen Verhaltens vorübergehend vom Unterricht ausgeschlossen hatte. Allerdings gehörte sie zu den verhältnismäßig wenigen Nervenstarken und Unbeugsamen, die sich trauten, eine solche Sache öffentlich zu machen, sich zu wehren und ihrerseits die Eltern zu verklagen, auch wenn die Schulbehörde nicht als Nebenkläger auftrat und es ihr zeitweilig sogar untersagte, sich gegenüber der Presse zu äußern. Sie schätze, erklärte Greiner, dass sich tätliche Übergriffe auf Hamburger Lehrerinnen und Lehrer mehrmals pro Jahr ereigneten, und warf Schulleitungen und Behörden vor, zum Teil massiv auf die Lehrkräfte einzuwirken, um zu verhindern, dass diese Fälle öffentlich gemacht oder angezeigt werden: "Den Opfern wird suggeriert, dass sie selbst Schuld an dem Vorfall tragen."

Genau diese Vorgehensweise bestätigt und kritisiert auch der Justitiar des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes. "Da Straf- und Zivilrecht bei entsprechend erfolgreicher Anwendung zu erheblichen Konsequenzen im persönlichen Bereich der Schülerinnen und Schüler führen, scheuen Schulaufsicht, Schulleitung, aber auch so genannte wohlmeinende Pädagogen davor zurück, diesen Weg selbst zu gehen bzw. Kolleginnen und Kollegen darin zu unterstützen, auch auf gerichtlichem Wege ihr Recht zu suchen." In trauter Einigkeit fürchteten Schulleitungen und Schulaufsichtsbehörden, dass, wenn Problemfälle öffentlich werden, sie selbst der Unfähigkeit bezichtigt werden könnten. Also schieben sie die Verantwortung den Lehrerinnen und Lehrern zu. "Es herrscht ein Kartell des Schweigens", so Peter Paul Cieslik. Hier müsse das alte 68er Sprichwort gelten: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt."

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