Das Bagdad-Dossier

Thomas Pany 13.02.2007

Irak: Wer ist der Adressat der Bomben aus mutmaßlich iranischer Fabrikation?

Die Beweiskraft des Baghdad-Dossiers bleibt umstritten. Während sich große amerikanische Zeitungen vom präsentierten Material beeindrucken ließen, wies gestern nun auch der ranghöchste US-Soldat, General Peter Pace, auf Lücken in der Beweisführung hin: Zwar bezweifelte Pace nicht, dass Iraner bzw. iranisches Material im Irak "involviert" seien, die Anklage aber, dass dies mit Wissen bzw. gar auf Order der iranischen Regierung geschehe, wollte er aber nicht bestätigen: "What I would not say is that the Iranian government, per se [specifically], knows about this."

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Aus der Powerpoint-Präsentation des Pentagon

Neben dem fehlenden zwingenden Nachweis, dass die E.F.P. (explosively formed penetrators) genannten Straßenbomben mit Wissen der iranischen Regierung in Iran produziert und in den Irak verbracht werden, bleiben nach der Powerpoint-Vorführung vom Sonntag noch eine ganze Reihe von Fragen ungelöst. So etwa das Timing der Präsentation: Schon 2005, berichtet die BBC, habe der englische Botschafter im Irak Journalisten darauf hingewiesen, dass Iran schiitischen Milizen im Süden Bomben bereitstelle, die gepanzerte Fahrzeuge durchdringen können. Beweise, dass die al-Mahdi-Armee von Muktada as-Sadr mit solchen Straßenbomben beliefert wurde, gab es allerdings nicht. Sondern eben nur, wie am Sonntag, Hinweise und Verdachtsmomente, die darauf gründeten, dass man ähnliches Material bei der libanesischen Hisbullah verwendet habe.

Der Nachweis, dass die iranische Regierung via Revolutionärer Garden an der Waffenlieferung beteiligt ist oder davon weiß, ist zudem schwer zu führen, da man bislang davon ausgeht, dass die Waffen von Irakern über die Grenze ins Land gebracht werden. Allem Anschein nach gibt es vor allem Indizien dafür, "dass Waffen (nicht die EFPs!) tatsächlich im Iran gefertigt wurden". Doch, wie der Teheran-Korrespondent und Blogger Martin Ebbing hinweist, sagt dies "noch nichts darüber aus, wie die Waffen in den Irak gekommen sind. In der Region - vom Libanon bis nach Afghanistan - existiert ein sehr lebhafter Schwarzmarkt für Waffen, der sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist".

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist zudem, dass in den letzten Wochen häufiger davon berichtet wurde, dass sich sunnitische Widerstandsgruppen im Irak auf dem Schwarzmarkt mühelos amerikanische Waffen besorgen können (Was beweist das? Etwa dass die Amerikaner im Irak involviert sind und sunnitische Widerstandsgruppen unterstützen?).

Etwas eigenartig ist die Gewichtung schon, die jetzt den EFPs zukommt. Zum einen gibt es genaue Zahlen, 170 alliierte Soldaten, die infolge dieser Bomben ums Leben gekommen sind, zum anderen wird dabei unterschlagen, wie viel mehr amerikanische Soldaten in diesem Zeitraum durch andere Waffen getötet wurden. Und dann gibt es noch den mysteriösen Adressaten der Lieferungen aus Iran. Während beispielsweise die New York Times in ihrem Artikel sehr ausgiebig auf die amerikanischen Anklagepunkte und Beweisführung eingeht, wird das Lieferziel nur ungefähr wiedergegeben:

Iran supplies Shiite extremist groups in Iraq with some of the most lethal weapons in the war Iran into southern Iraq in 2005, the officials said. Caches and arrays of E.F.P.s, as well as mortars and other weapons traceable to Iran, have been repeatedly found inside Iraq in areas dominated by militias known to have ties to Iran.

Das Bagdad-Briefing würde nur generell auf die Unterstützung von "Extremisten" anspielen, spezifische Informationen fehlen, bemängelt auch Spencer Ackerman. Nach anderen Quellen nannten die drei amerikanischen Militärvertreter am Sonntag die al-Mahdi-Miliz von Muktdada as-Sadr und abtrünnige Einheiten der Badr-Miliz als Adressaten für die Lieferungen aus Iran. Vertreter der arabischen Zeitung Azzaman haben offensichtlich noch genauer zugehört als die amerikanischen Kollegen. Sie zitieren, was in amerikanischen Zeitungen kaum erwähnt wird:

An American military official said a group of rogue elements from the Mahdi Army, and a group run by a former official of the Badr organization who split from it and fled to Iran, received from the Quds Brigades of the Revolutionary Guards rounds of these weapons that they used in armed attacks against American forces...

The groups that have used the Iranian-made explosives include rogue members from the Mahdi Army that had split from its leader Moqtada al-Sadr, and reports have said these are leaders of death squads who have fled to Iran ahead of startup of the [current] security campaign. And [the briefer] said another group, led by a former official of the Badr Organization, which is led by Abdulaziz al-Hakim, and who split with him and fled to Iran, has received similar weapons. The briefer said: "We have undertaken to pass on this information to the highest levels of the Iraqi government."

Und Azzaman liefert auch eine völlig andere Sichtweise auf die sonntägliche Powerpoint-Show. Man habe mit der Präsentation vor allem den Druck auf Premierminister Maliki deutlich erhöhen wollen, damit dieser bei der gegenwärtigen Sicherheitsoffensive (vgl. Malikis letztes Gefecht) in Bagdad die Schiiten nicht ausspare.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24639/1.html
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