Was ist ein schwarzer Kubus?

In Hamburg installiert der Künstler Gregor Schneider einen Würfel, der in enger Beziehung zur Kaaba in Mekka steht

Frühstückspause bei den drei Gerüstbauern, das Stahlrohrskelett liegt alleine im Hamburger Nebel. Ein roter Granitsockel zwischen alter und neuer Kunsthalle ist der Ort für ein Kunstprojekt, das in Venedig und Berlin nicht gebaut werden konnte - ob aus Rücksichtnahme oder Angst ist bis heute unklar. Rein materiell betrachtet lässt der Raum-Künstler Gregor Schneider nur einen 13x13x13 Meter großes Gerüst mit Holz vernageln und tiefschwarzen Stoff bespannen. Aber der Zusammenhang ist klar und auch gewollt: Der Kubus ähnelt in Aussehen und Proportionen der Kaaba in Mekka, dem wichtigsten Gotteshaus im Islam.

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"Cube Hamburg". Copyright: Gregor Schneider

Wie fragt man so schön: Was will uns der Künstler damit sagen? In erster Linie wohl, dass man seine vorsprudelnden Assoziationen reflektieren soll. Bei einigen Betrachtern der Fotomontage kommen Bilder der vermeintlichen islamistischen Bedrohung hervor, man denkt vielleicht an fanatische Prediger, andere vielleicht eher an Stanley Kubrick und den schwarzen Monolithen, wieder andere sehen eine Art trojanischer Würfel vor sich, aus dem des Nachts ein endloser Strom turbantragender Taliban hervorquillt.

Schneider kam in einem Gespräch mit einem Moslem auf die Idee des "Cube". Ihn reizt weniger die aktuelle politische Aufladung als das Geheimnis, das den schwarzen Kubus in Mekka seit jeher umgibt.

"Der Kubus ist ein Symbol der Angst"

Es ist Abend, die Gerüstbauer sind abgezogen. Die Kunsthalle hat zur Podiumsdiskussion geladen, Andrang, der Künstler kommt in schwarz. Der Kunsthallen-Direktor gibt seine Interpretation zum Besten: "Das Kunstwerk soll keine Provokation sein, sondern das Gegenteil: ein temporäres Mahnmal der Toleranz", sagt Hubertus Gaßner. Er bettet den Riesenwürfel in die geplante Ausstellung um das "Schwarze Quadrat auf weißem Grund" von Kasimir Malewitsch ein. Das kann man machen.

Um sicher zu gehen, dass niemand verletzt wird, hat Gaßner in den islamischen Gemeinden der Hansestadt angefragt, ob eine geklonte Kaaba zum Problem werden könnte. Der Vertreter vom Bündnis der islamischen Gemeinden, Ahmet Yazici, ist vor Ort und beruhigt: "Viele Moslems haben ein Bild oder eine Porzellanfigur der Kaaba in ihrem Wohnzimmer, wir haben nichts gegen die Abbildung dieses Gebäudes." In der Türkei würden Kaaba-Nachbildungen aufgebaut, an denen Pilger das richtige Verhalten rund um das Gotteshaus üben. Yazici begreift das Objekt vor allem als Chance. Ihn hätten schon Lehrer angerufen, weil sie hoffen, den Religionsunterricht anschaulich gestalten zu können.

Gregor Schneider wartet lang und sagt: "Der Kubus ist ein Symbol der Angst." Ein paar Sätze später sagt er: "Wir unterhalten uns über eine simple schwarze Kiste." Natürlich ist die Box beides. Aber Schneiders "Seht her, es ist nur ein schwarzer Kasten", lenkt vielleicht zu sehr von dem Sinn ab, den Schneider dem Werk eingehaucht hat, ist vielleicht eine Trivialisierung.

Das Gerüst für die geklonte Kaaba. Bild: Jörg Auf dem Hövel

Bekannt geworden ist Schneider durch sein "Haus ur", in dem er lange Zeit lebte und arbeitete. Er zog Decken ein, verschachtelte Räume. Das "total isolierte Gästezimmer" betrat man durch einen Wandschrank, die Tag- und Nachtzeit wurde mittels elektrischen Lichts künstlich geregelt. Klaustrophobie musste sein.

Denn Schneiders Hauptthema ist die Isolation und der damit evozierte Abgrund in der menschlichen Psyche. Seine Beschäftigung mit Räumen ist weniger auf das Äußere als das Innere gerichtet, von seinen Konstrukten geht nicht nur eine imaginäre, sondern durchaus reale Bedrohung aus. Wenn in seinem Projekt "Total isolierter toter Raum" von 1989 die Tür zufällt, dann herrscht dort nicht die entspannte oder erleuchtungsnahe Atmosphäre eines Floating-Tanks, sondern nackte Angst.

Kontrastmittel

Seither spielt Schneider mit der Lust auf Fremd- und Selbstzerlegung, wobei er dem Betrachter die Bestandteile gerne schattig zeigt. An der Kaaba ist für ihn weniger die lichtabsorbierende Außen- und damit Projektionsfläche interessant, als vielmehr der weithin unbekannte Innenraum. Tatsächlich ist über den Innenraum des zentralen Gotteshauses des Islams wenig bekannt. Schneider sagt: "Das Geheimnis ist, es gibt keines, der Raum ist leer."

Gothic-Freaks werden nun vom 23. März 2007 an auch in Hamburg ihre Imaginationskraft schulen können. Gut kontrastiert die einfache geometrische Form mit der neuen Kunsthalle, die ebenfalls ein (weißer) Kubus ist. Verschluckungen sind möglich, vielleicht wartet drinnen ja ausnahmsweise der "total gemütliche Raum". Wie immer man rumdeutelt, eines hat das Kunstwerk schon jetzt geschafft: Es hat die aktuelle politische Diskussion um die Rolle des Islam mit den Vorurteilen, Ängsten und Hoffungen der deutschen Bevölkerung verknüpft.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24660/1.html
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