"Die Fahrt ging in westlicher Richtung weiter"
Neben der Spur: Wii und Second Life spielen nicht
Second Life ist ein langweiliges Myst-Derivat und die Wii-Konsole hat Nintendo das Leben gerettet, jetzt sind Nachrichtenkanäle darauf zu finden. Was für die einen das längste Spiel der Welt ist, hat für die anderen Potential für alternative Märkte.
Es spielt eine Fangemeinde so groß wie Frankfurt "World of Warcraft". Und mit einem Kiosk in Second Life schafft man es sogar in die Nachrichten. Prima. Millionen Großmütter haben Mensch-ärgere-Dich-nicht gespielt und trotzdem nicht das Zeitalter der Dünnbrett-Spieler eingeleitet. Lassen wir das Gehype. Für alle, die noch "Anti" sein wollen, empfehlen wir zudem Get a First Life. Kinderkrippenleiter werden weinen vor Glück.
Die Fahrt ging in westlicher Richtung weiter; in 24 Stunden legten wir 58 Seemeilen zurück, ich verrechnete nur 48 davon.
Wii-Konsolen haben sich 54% eines Marktes gesichert, der schon zwischen Tokio und Redmond aufgeteilt schien. Es waren dann eben doch nicht die Polygone und das Blue-Ray-Laufwerk. Ein simpler Controller sichert den Markterfolg. So simpel, dass man auf dem Screen sofort Mensch-ärgere-dich-nicht spielen kann. Herzlichen Glückwunsch.
Zu Beginn der Nacht ergeben die Kompassnadeln eine Deklination um einen Kompassstrich, während sie bei Anbruch des Morgens genau in die Richtung zum Polarstern liegen, weshalb es einleuchtend ist, dass der Polarstern genau so wie die anderen Sterne beweglich ist und dass die Kompassnadeln stets die Wahrheit verzeichnen.
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Beide bieten eine virtuelle Ebene, die einen Avatar an einen Spieler bindet. Ähnlich wie in "Snow Crash" von Neil Stephenson sind diese Projektionen des eigenen Willens ausführende Marionetten und entspringen dem Mythos des jeweiligen Kulturkreises. Der Tellerwäscher (Jeans und T-Shirt) in Second Life kann es schaffen, wenn er das Markt-Mantra von Angebot und Nachfrage nur gnadenlos spielt oder sich notfalls von außen in eine nächste Stufe einkauft. Ein Mii ist ein guter asiatischer Geist ohne Berührung mit der Erde, der ruhelos dient und vor allem nur eines kennt: Leistung. Eine Spielwelt, die sichtlich Züge einer europäischen Kultur trägt, gibt es übrigens nicht. Völlig undenkbar ist ein existentialistisch angehauchter Avatar, der im schwarzen Rollkragenpulli da sitzt und am Sinn von all dem zweifelt.
Bei Anbruch der Nacht sahen wir, wie ein herrlich anzusehender Feuerstreifen in einer Entfernung von 16 oder 20 Seemeilen den Himmel durchfuhr und niederging.
So kann man entweder einen immer währenden Spieleabend verbringen und in eine Ersatzwelt eintauchen, die die eigene Leistung von Grund auf wieder einem selbst zuschreibt. Oder man sieht virtuelle Welten als eine wunderbare Möglichkeit, den eigenen Markt zu erweitern und globale Geschäfte aufzubauen. Second Life oder World of Warcraft sind wirklich globale Marktplattformen, besser als das eBay schon seit Jahren vorexerziert. Spieler aus restriktiven Märkten erhalten die Möglichkeit, Handel mit einer weltweiten Kundengemeinde aufzubauen und via "L$" das umzusetzen, was in einem Dorfladen Luzerns oder als Frau auf einem Basar in Teheran nicht genügend kritische Masse oder einen ungeeigneten sozialen Kontext bietet. Plötzlich kann zu jeder Zeit mit jedem gehandelt werden, weil dieser Jemand nicht mehr an das eigene Land und eigentlich auch nicht an die eigenen Gesetze gebunden ist. Der freie Weltmarkt der Kleingewerbe-Treibenden besteht aus Avataren. Meinetwegen kann man auf dem Weg zur Arbeit auch noch ein wenig chatten und so tun, als wäre man nur zum Spaß hier.
Die See war ruhig und friedlich, wie der Strom Sevillas. Gott sei Dank, ist die Luft äußerst mild, wie am Monat April in Sevilla; es ist eine wahre Lust, sie einzuatmen, so angenehm ist ihr Duft.
Und dabei hat der Handel noch einen sehr großen Vorteil – er ist steuerfrei. Und sollte es doch einmal in einem der Spiele eng werden, dann sucht die Community eine neue Plattform auf und lässt die alte einfach liegen. Die Währungen der Spiele sind eine frei konvertierbare Ware auf dem – noch - Schwarzmarkt und müssen nur rechtzeitig vor dem Attraktivitätsverlust eines Games in eine andere getauscht werden. Braucht man reales Geld, tauscht man seine digitalen Travellerschecks ein. Das klingt alles sehr einfach. Sollte es noch Kombinationen zwischen der Leichtigkeit einer Bewegung in der Wii-Konsole und der gedachten Interaktion auf "Third Life, Fourth Life" usw. geben, dann ist der Arbeitsmarkt um eine Manufaktur globalen Ausmaßes reicher, die nicht nur chinesischen Lohnspielern eine Möglichkeit gibt, für andere auszuführen und Handel zu treiben.
Diesen Tag und die darauffolgende Nacht legten wir mehr als 250 Seemeilen zurück, doch vermerkte ich nur 192.
Ein "Second Life" als reiner Markt verliert seine Unschuld allzu schnell und darf deshalb als Tabu nicht offen ausgesprochen werden. Niemand will den Schein des puren Spiels fallen lassen. Denn das nimmt dem Ganzen die Leichtigkeit des Scheins. Tut man es doch, steht einfach nur das da, was es letztendlich darstellt:
Ein pur kapitalistischer Markt ohne Gesetze. Regelloser, als es der Wilde Westen war.
Wir sollten nicht darüber reden.
Alle Zitate: Kolumbus, Christoph. Bordbuch: Aufzeichnungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492 – 93. Kreuzlingen/München: 2006
- Autsch (1.3.2007 16:57)
- Sinn? Sex? (1.3.2007 13:52)
- Ich versteh SL nicht (28.2.2007 12:29)
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