Nazi-Warenhaus 2.0

20.02.2007

In der deutschen Community von SecondLife begegnet man auch Hitlerjungen, Hakenkreuzen und Kanistern mit Zyklon B.

Glaubt man den Propheten der Zukunft und der virtuellen Realität, tummelt sich bald alle Welt in SecondLife. Kein Wunder, dass sich im Web 2.0 auch jene herumtreiben, deren Gesinnung eher ins vorige Jahrhundert gehört. In der deutschen Community begegnet man daher Hitlerjungen, Hakenkreuzen und Kanistern mit Zyklon B.

Die gewohnt alarmistische Attitüde deutscher Medien zum Thema "Rechtsextremismus im Internet" ist jedoch fehl am Platz. Ein Hakenkreuz macht noch keinen Neonazi. SecondLife funktioniert strikt nach dem Motto der freien Marktwirtschaft: Wo eine Nachfrage ist, besteht ein Angebot. Das gilt auch für Weltanschauungen. In diesem Fall präsentiert sich der Igel Angebot schon, bevor der Hase "deutscher Neonazi" überhaupt auf die Idee gekommen ist, sich auch virtuell und dreidimensional auszubreiten.

Im "Waffenamt - Germany Military", einem Laden, der in Secondlife in der Liste der Orte, zu denen man sich "teleportieren" lassen kann, schnell mit dem Suchbegriff "german" auftaucht, geht es vordergründig um den Verkauf von Weltkrieg II-Devotionalien. Wenn Nazis jemals Pop waren, dann hier: An den Wänden kombiniert der Anbieter Bilder blonder Hitlerjungen mit denen deutscher Landser. Die Ästhetik ist jedoch eine seltsam eklektizistische Mischung aus soldatischer Nostalgie, Nazi-Symbolen und Elementen aus der zweidimensionalen Comicstrip-Welt. Figuren: die man in eher in Nintendo-Spielen vermuten, vor martialischen Fotos oder Landkarten, die suggerieren, es handele sich um die Schauplätze des 2. Weltkriegs, deren Orte aber nicht in der Realität zu finden sind. Verkauft ein virtuelles und blondes Hentai-Girl eine SS-Schirmmütze besser als trüge sie ein Soldat mit eingemeißelter pseudoheroischer Mimik à la Arno Breker?

Die spannende Frage ist daher: Wer fühlt sich durch das Angebot angezogen? Reicht eine Disney-like Version virtueller Nazi-Ikonografie, um das politische Propaganda allein durch den Schein zu verbreiten? Braucht man auch im Nazi-Warenhaus 2.0 die einschlägige Musik rechter Skinheads, die brauner Barden oder schlicht Marschmusik, um die Kundschaft bei passender, also konsumorientierter Laune zu halten? Offenbar nicht. Das einzig "Attraktive" ist auch hier die Tatsache, dass in SecondLife das First Amendment gilt: Keine Zensur politischer Meinungen durch die Regierung. Diese libertäre Haltung, kombiniert mit calvinistischer Prüderie, erlauben den Zyklon-B-Kanister als Anspielung auf die Shoa; erigierte Penisse sieht man aber nicht in der virtuellen Öffentlichkeit. Das ist (noch) die US-amerikanisierte Leitkultur im Web 2.0.

Dessen besondere Stärke seien Angebote für "spitze Zielgruppen", wie es in einer aktuellen Studie über das Medienverhalten der Nutzer heißt: "Theoretisch" könne jeder "mediale Angebote zu seinem eigenen, sehr speziellen Interesse finden und sich mit Gleichgesinnten austauschen." Das gilt ausnahmslos für alle - und vor allem weltweit. Nationale Gesetze führen sich selbst ad absurdum, wenn sie weltanschauliche Botschaft zu unterdrücken versuchen, und seien sie auch widersinnig oder ekelhaft. Das beweist SecondLife wieder einmal auf's Neue.

Es gibt genügend Indizien dafür, dass das "deutsche" Waffenamt aus den USA gemanagt wird. Die virtuellen Schlüsselreize sind auf wenige Punkte reduziert: Hakenkreuze, die für die Botschaft als Zeichen ausreichen müssen, zusätzlich ein Kanister mit der Aufschrift "Zyklon B" auf dem Fußboden, der in SecondLife weder einen relevanten Handelswert hat noch zu irgendetwas nützt, und das, was in Deutschland nicht möglich wäre: ein "SS-Totenkopf Honor Ring" sowie Plakate. Die muss man aber wie die Katze im Sack kaufen, die Beschriftung ist zum Teil englisch, aber dennoch einschlägig: "Der Jude", Flammenwerfer vor!, "Hitler with the kids", "Stukas attack Malta", "Schafft Waffen für die Front!" Ohne Antisemitismus ist auch Landser-Nostalgie nicht zu habe4n. Der Anbieter kann zwar nicht korrekt deutsch - er schreibt "Kepi" statt Käppi, vermutet aber - wahrscheinlich zu Recht - die potentielle Kundschaft in der deutschsprachigen Community.

Für die Neue New Economy gilt das, was Karin Wehn in Telepolis schon detailliert beschrieben hat: "Vor allem für Unternehmen, die gezwungen sind, hip zu sein und das auch zu bleiben, gehört es zum guten Ton, in Second Life präsent zu sein." Es wäre sehr verwunderlich, wenn die Anbieter - auch abseitiger - Ideologien es unterließen, das Web 2.0 für sich zu nutzen. Ergänzt werden muss das durch ein Zitat Gabriele Fischers, der Chefredakteurin der Wirtschaftszeitung brand eins: "Vielleicht wird das Marketing dort lernen, wie flüchtig seine Wirkung ist - was funktioniert und was nicht wird im Internet sehr viel schneller entschieden."

Rechtsextreme Ikonografie gerät in der virtuellen Welt sehr schnell in die kapitalistische Marketing-Falle: Rassismus und Antisemitismus sind schlecht zu platzieren, wenn man die eigentliche und marginale Klientel nicht exakt anspricht, sondern nur ein unattraktives Warenangebot unter zahllosen anderen ist, die nur einen Mausklick entfernt liegen. Das gilt für Web 2.0-Angebote wie auch für Websites. In SecondLife muss man sexy und gestylt aussehen, um beachtet zu werden. Wer da im Braunhemd herumläuft, wirkt wie ein Maulesel in einer Herde von Araber-Zuchthengsten.

Andrew McGregor, Regional Director von Second Life, hat in einer viel beachteten Rede im August 2006 in Amsterdam die Zukunft virtueller Gemeinschaften prognostiziert, die sich um Markennamen und Corporate Identity gruppieren. "Virtuelle Loyalitäten" seien wichtig, um Produkte im Web 2.0 zu präsentieren. Die Konsumenten wollen kommunizieren und gleichzeitig mitgestalten. Das könnte prinzipiell auch für Neonazis im Internet gelten.

SecondLife jedoch wirkt so wie alle anderen Medien auch: Es ändert kaum eine Meinung, kann aber schon vorhandene politische Einstellungen verstärken - aber nicht durch den bloßen Anblick von Hakenkreuzen. Die Neonazis werden lernen müssen, wie flüchtig ihre politische Wirkung im scharfen Wind des virtuellen Warenmarktes ist.

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