Roboter beim Bird-Watching

24.02.2007

Mit einem robotergestützten Kamerasystem wollen Ornithologen dem berühmten Elfenbeinspecht auf die Spur kommen.

Kameraüberwachung ist in, also keine Überraschung, dass sich jetzt auch Wissenschaftler dieses Instruments zur Beobachtung seltener Arten bedienen. Wer liegt schon gern stundenlang auf der Lauer nach einem seltenen Tierexemplar, bei tropischer Hitze, umgeben von blutrünstigen und giftigen Insekten? Ornithologen der Cornell University bleibt das künftig erspart: Sie haben in den Sümpfen des Cache River National Wildlife Refuge in Arkansas ein computergestütztes Videosystem aufgestellt und hoffen nun, dass ihnen der berühmte Elfenbeinspecht vor die Linse kommt.

König der Spechte

Campephilus principalis, ein schwarz-weiß gemusterter Vogel mit einer markanten roten Haube und einem kräftigen, elfenbeinfarbenen Schnabel ist zirka einen halben Meter groß, seine Flügelspanne umfasst etwa 76 Zentimeter. Die Amerikaner, ein Volk von Hobbyornithologen, verehren den "ivory billed woodpecker" als ihren "Lord God bird", als den "holy grail of bird-watching". Die Suche nach "ivory bill" gleicht fast einem Hype.

Das robotergestützte Kamerasystem an seinem Einsatzort in der Bayou DeView area des Cache River National Wildlife Refuge in Arkansas. Bild: Dezhen Song, Texas A&M University

Zuletzt wurde der legendäre Vogel 1944 in den Wäldern Louisianas mit Sicherheit geortet, 1996 erklärte ihn die World Conservation Union (IUCN) für ausgestorben. Die Sensation war groß als ein amerikanischer Kanufahrer im Februar 2004 berichtete, er sei im Cache River National Wildlife Refuge in Arkansas einem ungewöhnlichen Specht begegnet. Ornithologen der renommierten Cornell University reisten unverzüglich vor Ort und legten schließlich 2005 im Wissenschaftsmagazin Science die besten, aber immer noch reichlich verschwommenen Aufnahmen vor, die diese Beobachtung zu stützen schienen (vgl. Auferstanden aus den Sümpfen des Südens), Später legten die Cornell-Forscher mit einer Tonaufnahme nach, auf der der charakteristische Klopf-Klopf-Ruf festgehalten ist. Doch Skeptiker sind noch längst nicht überzeugt (vgl. Lebt der Elfenbeinspecht nun noch – oder doch nicht?). Ein sicherer Beweis fehlt bis heute.

Beobachtung auch an entlegenen Ecken

Hat der Elfenbeinspecht nun überlebt? Wenn ja, wie viele Exemplare gibt es noch? Um diese Fragen zu klären, haben sich Ron Rohrbaugh, Leiter des Cornell Lab für Ornithologie, und seine Kollegen neue Verbündete gesucht. Zusammen mit Ken Goldberg, Professor für Betriebstechnik und Operations Research sowie für Elektrotechnik und Computerwissenschaft der University of California in Berkeley, und Dezhen Song, vom Department für Computerwissenschaften der, Texas A&M University, haben sie ein neuartiges robotisches Videosystem aufgestellt, berichtet EurekAlert! in einer aktuellen Meldung. Das neue Videosystem ist Teil des Projekts Collaborative Observatories for Natural Environments (CONE) , das von der National Science Foundation finanziert wird. Ziel ist es, Systeme zu entwickeln, mit denen man tierisches Verhalten auch in unzugänglichen Regionen beobachten und aufzeichnen kann.

Der Elfenbeinspecht wurde 1944 zuletzt mit Sicherheit gesehen, bis 2005 Aufnahmen auftauchten, auf denen er abgebildet sein könnte. Bild: Audobon Society

Schon im Oktober 2006 suchten die Forscher im Cache River National Wildlife Refuge nach einem günstigen Platz für ihre Kameras. Weil niemand weiß, wo der Super-Vogel auftauchen könnte, sahen sie sich nach einer Stelle mit einem möglichst großen Blickwinkel um. Sie entschieden sich für eine Stromleitung, die über einen Flussarm führt (aktuelle Aufnahmen). Auf ihr befestigten sie zwei Kameras: eine zeigt nach Osten, die andere nach Westen. Die Geräte sind mit einem von einem Transformator betriebenen Computer verbunden, der die Daten verarbeitet. Die neuartige Software ist so programmiert, dass sie Aufnahmen nur dann aufzeichnet, wenn sie Flugbewegungen enthalten, vor allem die, die zwischen 30 und 60 Stundenkilometern liegen - so schnell fliegt der Elfenbeinspecht. Die Kamera schießt 22 Bilder pro Minute mit einer Auflösung von 2 bis 3 Megapixel. Das Band mit den gespeicherten Daten wird alle vierzehn Tage ausgewechselt.

Keine Konkurrenz für echte Vogelfreunde

Für die Feldforschung von Wissenschaftlern bringt das neue Vorgehen viele Vorzüge. "Menschen sind teuer und sie sind nicht immer gleich aufmerksam", erklärt Ornithologe Rohrbaugh. "Allein ihre Anwesenheit stört die Umwelt, selbst wenn sie getarnt sind und sich ruhig verhalten. Ferngesteuerte Systeme können als unsere Augen und Ohren dienen und sie sind ein großer Vorteil."

Dazu gewährleisten die Kameras Beobachtung rund um das ganze Jahr. "Für gewöhnlich beobachten die Leute die Vögel im Winter, weil die Bäume dann weniger Laub tragen", so Song. "Außerdem ist es im Sommer heiß und sumpfig und man muss sich mit Moskitos und Schlagen herumschlagen. Unser System läuft das ganze Jahr, und kein Moskito setzt ihm zu." Ob sich aber das mobile Suchteam des Cornell Lab of Ornithology, das seit drei Jahren unermüdlich und systematisch nach "ivory-bill" fahndet, den Spaß an der Suche nach nehmen lassen wird, ist kaum möglich.

Ein absoluter Traum ginge für die Forscher in Erfüllung, wenn sie den Elfenbeinspecht beim Balzen dingfest machen könnten. Doch bei allem Optimismus bleiben sie realistisch.

Ich bin voller Hoffnung, aber nicht zu sicher", so Goldberg. "Wir sind fest entschlossen, die Kamera jahrelang laufen zu lassen, und wir sind uns darüber im Klaren, dass wir den Vogel womöglich niemals zu sehen bekommen werden. Doch falls der Roboter in dem sumpfigen Flussarm nachweisbar hochauflösende Bilder des legendären Spechts einfängt, wäre das eine Riesenentdeckung für Wissenschaftler, Naturschützer und für mehr als 45 Millionen amerikanische Vogelbeobachter

Und wer weiß, was den Forschern noch so alles vor die Kamera läuft: Irgendwo in den USA geistert angeblich auch Bigfoot herum und vielleicht finden Kameras eines Tages auch den Yeti.

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