Die irrationale Sehnsucht nach der sachlichen Wissenschaft

25.02.2007

Das Argumentationsschema von Klimaskeptikern lässt auf eine mittelalterliche Vorstellung von Naturwissenschaft schließen

Mit großer Medienresonanz hat das "Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Anfang Februar seinen neusten Lagebericht zum Klimawandel veröffentlicht (Kein Weckruf, sondern eine gellende Sirene). Die Aussagen sind klar: Nach Sichtung der wissenschaftlichen Faktenlage sei an einer vom Menschen selbst verursachten Erwärmung der Erdatmosphäre nicht mehr zu zweifeln. Der daraus resultierende Klimawandel würde dramatische Folgen haben. Und auch die Kritiker des IPCC-Reports meldeten sich zu Wort. Nicht zum ersten Mal mit dem Argument, es würde eine "Weltuntergangsstimmung" verbreitet und Kritiker würden mit geradezu religiösem Eifer diffamiert. Dies hätte nichts mit Wissenschaft zu tun. Dabei haben sie selbst wohl eine mittelalterlich-irrationale Vorstellung davon, was Wissenschaft zu sein hat.

Auf seiner Homepage lässt das IPCC eine Animation ablaufen, die zeigt, um was für eine Mammutprojekt es sich bei dem soeben vorgestellten Klimabericht handelt. Mehr als 2.500 wissenschaftliche Experten, 800 Autoren und 450 führende Autoren aus insgesamt mehr als 130 Ländern haben laut IPCC sechs Jahre lang an ihm gearbeitet.

Grafik: www.ipcc.ch

Die wissenschaftliche Datenbasis wird in einem eigenen, übersichtlichen Bericht der Working Group 1 zusammengefasst: Climate Change 2007: The Physical Science Basis - Summary for Policymakers). Der Titel macht deutlich, dass es nicht das Anliegen der Autoren ist, selbst Politik zu machen, sondern wissenschaftlich fundierte Informationen für die politischen Entscheidungsträger - die eigentlichen "Macher" - zu liefern. Ist dies nicht eine der essentiellen Funktionen, die die Wissenschaften der Allgemeinheit schuldig sind? Wieso rufen dann Kommentatoren wie Ulli Kulke nach einem offiziell eingesetzten "Korrektiv", welches die "alarmistischen Szenarien" des IPCC mit eigenen Forschungen widerlegen soll?

Kommentatoren wie Kulke oder Organisationen wie das in Washington, D.C. ansässige "Competitive Enterprise Institute (CEI) zeichnen das Bild einer orthodoxen Mainstream-"Wissenschaft", in der "Gralshüter" (Kosmische Konkurrenz) darüber wachen, dass die reine Lehre der von Menschen gemachten CO2-Klimakatastrophe nicht durch abweichende, ketzerische Meinungen in Frage gestellt wird. Wohlgemerkt werden die religiösen Anspielungen ausschließlich von Klimaskeptikern ins Spiel gebracht, um genau das zu tun, was den vermeintlichen Gralshütern vorgeworfen wird. Es wird versucht, dem eigenen Gegner den Status des Wissenschaftlers abzuerkennen, ihn somit als unwissenschaftlichen Scharlatan lächerlich zu machen.

Sachliche "Gralshüter"

Interessanter Weise ist im IPCC-Report so eine Diffamierung nicht zu finden. Nicht übersehen werden darf, dass die Berichte keine wissenschaftlichen Publikationen im strengen Sinne sind, da auch politische Repräsentanten der beteiligten Länder und ihre Juristen wesentlich beteiligt sind. Dies führt immer wieder zu Kritik und bedeutet, dass mögliche Interessenkonflikte hartnäckig aufgedeckt und diskutiert werden müssen.

Insgesamt wird jedoch auch von kritischen Wissenschaftlern eingeräumt, dass das IPCC substantiell wertvolle Arbeit leistet. Problematisch wird jedoch immer sein, dass insbesondere die besonders einflussreichen Zusammenfassungen wissenschaftliche Unsicherheiten oder Minderheitenmeinungen nur sehr unzureichend oder gar nicht behandeln können. Dies geschieht aus nachvollziehbaren methodischen Gründen, schließlich sollen Grundlagen für politische Handlungsoptionen auf vielleicht zwei Dutzend Seiten skizziert werden. Der Argumentation nicht dienliche Befunde werden daher im schlimmsten Fall ignoriert. Aber ihre Verfechter werden nicht als Ketzer diffamiert.

Zudem gibt es ein machtvolles Korrektiv. Es darf nämlich nicht übersehen werden, dass wissenschaftliche Befunde gegen den Klimawandel nicht wenigen Regierungen sehr gelegen kämen – die USA, Indien und Saudi Arabien sind nur drei prominente Beispiele, die bekannt sind für ihr nicht gerade zimperliches Auftreten. Gäbe es demnach solche Belege im substantiellen Umfang, so würden diese Länder einem Report mit den jetzt getroffenen Aussagen niemals zustimmen. Das von Kulke so vehement geforderte "Korrektiv" ist also längst inhärenter Teil des seit fast zwei Jahrzehnten implementierten Prozesses.

Heiligenschein für die Politik? Bärbel Diekmann, Oberbürgermeisterin von Bonn, Sitz des UN-Klimasekretariats UNFCCC, am Tage des Inkrafttretens des Kyoto-Protokolls, 16. Feb. 2005. Foto: Chr. Gapp

Auch von Wissenschaftlern verfasste Publikationen, die sich kritisch mit den Argumenten von Klimaskeptikern auseinander setzen, benutzen vor allem Argumente. Wie beispielsweise der Physiker Stefan Rahmsdorf in der von der Münchner Rück herausgegebenen Broschüre Die Klimaskeptiker. Er argumentiert sachlich und listet am Ende sogar populärwissenschaftliche Literatur von Kritikern auf.

Die Einpeitscher: nicht-wissenschaftliche Kritiker

Das IPCC hat sich somit nie den Status einer "orthodoxen Kirche" zuerkannt oder den Anspruch erhoben, "die wahre Lehre" zu verteidigen. Damit unterscheidet es sich grundlegend von der katholischen und der protestantischen Kirche des 16. bis 17. Jahrhunderts, als die modernen Naturwissenschaften entstanden. Die somit vollkommen irrige Kirchen-Metapher wird ausschließlich von Skeptikern verwendet, wobei man sagen muss, dass es sich dabei vor allem um Laien handelt, nicht um Wissenschaftler. Selbst die von Klimaskeptikern wie Kulke gerne angeführte Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe argumentiert unideologisch und sachlich, beispielsweise in ihrer oft angeführten Publikation "Klimafakten", herausgegeben von Ulrich Berner und Hansjörg Streif.

Nicht-wissenschaftliche Klimaskeptiker machen somit genau das, was wissenschaftliche Befürworter des Klimawandels, vor allem die mit UN-Mandat, gerade nicht machen: Sie emotionalisieren den Diskurs durch irrationale Verteuflungen des Gegners. Im Grunde genommen katapultieren sie sich damit selbst ins Abseits. Wären da nicht zwei beachtenswerte Elemente. Erstens tauchen ihre Argumentationsschemata immer wieder auf, scheinen also in der Öffentlichkeit einen gewissen Resonanzboden zu finden. Zweitens ist die Situation frappierend ähnlich mit den hasserfüllten Attacken, die von Gegnern der Evolutionstheorie gegen den Darwinismus geführt werden (Vom Missbrauch der Wissenschaft). Die Evolutionsgegner argumentieren nach demselben Schema, wenn sie behaupten, die Anhänger der Darwinistischen Evolutionstheorie bildeten einen verschworen-orthodoxen Bund von Gesinnungsgenossen, der die Befunde, die die Evolution wissenschaftlich eindeutig widerlegten, unterdrückt. Sowohl Evolutionsgegner als auch Klimaskeptiker reklamieren alle Wissenschaft und Sachlichkeit für sich, während sie ihren Gegnern einen Dialog auf Augenhöhe verweigern, indem sie ihnen die Wissenschaftlichkeit absprechen.

Evolutionskritiker und Klimaskeptiker

Evolutions- und Klimaskeptiker haben also etwas gemeinsam: Sie unterstellen ihren Gegnern, - immerhin der überwältigenden Mehrheit der naturwissenschaftlichen Elite -, diese seien irrationale, intolerante Hohepriester, die versuchten, nichts weiter als "Theorien" gegen jedwede Kritik zu immunisieren, nur um ihre Macht zu festigen. Gegen sie ins Feld geführt werden angeblich unterdrückte Fakten und einsame Heroen, vorbildhafte Asketen der Wissenschaft, die durch mühsame, unspektakuläre, rein sachlich motivierte Detektivarbeit das Denkgebäude der Mehrheit zum Einsturz bringen könnten. Wenn sie denn nur vom Volk, also der von den Medien und den Mainstream-Wissenschaftlern verführten Öffentlichkeit, gebührend gehört werden könnten.

Die Ablehnung der Darwinschen Evolutionstheorie ist in der überwiegenden Mehrheit der Fälle weltanschaulich und religiös motiviert. Es geht dabei nicht um Fragen mit praktischer Relevanz, sondern darum, was es für unser menschliches Dasein bedeutet, wenn wir uns aus kleinen Fischen entwickelt haben, die vor 500 Millionen Jahren in den Urozeanen schwammen. Hier war und ist die Biologie auf Kollisionskurs mit den religiösen Überzeugungen vieler. Es ist also kein Wunder, dass die Auseinandersetzung mit religiöser Inbrunst und religiösen Metaphern bestritten wird. Insbesondere wollen die Eiferer beweisen, dass die "orthodoxe" Wissenschaft in Wahrheit genau so irrational ist, wie es Wissenschaftler von den Religionen behaupten. Daher stehen naturwissenschaftliche "Fakten", die angeblich die Falschheit der Evolutionstheorie beweisen, bei Evolutionskritikern hoch im Kurs. Und ganz besonders wichtig sind ausgebildete Naturwissenschaftler wie Wolf-Ekkehard Lönning, die die Evolutionstheorie kritisieren und dem Lager der Anhänger vom Intelligent Design zuzurechnen sind. Ihre vermeintliche Ausgrenzung durch das wissenschaftliche Establishment soll endgültig beweisen, dass es bei der Evolutionstheorie um Ideologie geht, nicht um sachliche Wissenschaft.

Das Argumentationsschema der Evolutionsgegner scheint leicht nachvollziehbar zu sein. Aber wieso ist es identisch mit dem der Klimadebatte? Schließlich schwingt in der Frage, ob das menschliche Handeln einen durchgreifenden Einfluss auf das irdische Klima hat, zunächst einmal keine religiöse Konnotation mit. Von ihrer Beantwortung hängen zwar essentielle, zunächst einmal aber vor allem rein praktische Belange der menschlichen Lebensführung ab.

Die versteckte Weltanschauung der Klimaskeptiker

Es könnte sein, dass das Argumentationsschema der Evolutionsgegner von den Klimaskeptikern einfach deshalb übernommen wurde, weil es erfolgreich ist. Seit Jahrzehnten findet es immer wieder Anhänger, in den letzten Jahren sogar verstärkt, Dank der pseudo-wissenschaftlichen Intelligent-Design-Ideologie und den ungeschickten Verteidigungsversuchen von Biologen (Auf dem Holzweg). Da die jahrzehntelange Auseinandersetzung um die Evolutionstheorie keinem halbwegs interessierten Menschen entgangen sein dürfte, ist dies sicherlich ein Grund für die argumentativen Übereinstimmungen. Es gibt allerdings einen wichtigeren Aspekt. Bei näherem Hinsehen kollidiert nämlich die Aussage der Klimaexperten, der Mensch gefährde seine Umwelt in dramatischer Weise, sehr wohl mit weltanschaulichen Grundüberzeugungen.

Kritiker des vom IPCC apostrophierten Klimawandels haben keine homogene Meinung. Natürlich existieren unterschiedliche Ansichten. Nicht jeder schließt kategorisch aus, dass die industriellen Aktivitäten des Menschen Einfluss auf das Klima haben könnten. Die wirklichen Skeptiker behaupten jedoch genau das. Sie stehen auf dem Standpunkt, der menschliche Einfluss sei, wenn überhaupt vorhanden, so doch vernachlässigbar klein gegenüber natürlichen klimatreibenden Faktoren. Für sie ist der Mensch weiterhin das kleine Sandkorn am unendlichen Strand der Welt, dem zwar alle Möglichkeiten offen stehen, weil er aus einem unendlichen Reservoir schöpfen kann, das er selbst jedoch nicht zerstören kann. Die Skeptiker bezweifeln also einerseits die menschliche Fähigkeit, die Lebensgrundlagen der Erde zerstören zu können. Andererseits sind sie oft Fürsprecher unbegrenzter technologischer Möglichkeiten. Das mag paradox erscheinen, aber in Wahrheit ist unbegrenzter Fortschrittsglauben natürlich nur auf Grundlage einer unbeschränkt gedachten Lebensumwelt möglich.

Gemeinsam zurück ins Mittelalter

In ihren meisten Ansichten werden fortschrittsgläubige Klimaskeptiker und religiös-fundamentalistische Evolutionsgegner kaum übereinstimmen. Was ihr prinzipielles Verständnis von Naturwissenschaft angeht, so sind sie sich jedoch weitgehend einig: Sie hat für beide ausschließlich rein praktische Aufgaben. Sobald die Wissenschaft über praktische Belange hinauszugehen versucht, hört sie in ihren Augen auf, Wissenschaft zu sein. Ein religiöser Evolutionskritiker hat kein Problem mit einer Biologie, die hilft, bessere Nutztiere und –pflanzen zu züchten. Aber wenn sie Aussagen über die Schöpfung macht, dann ist sie keine Wissenschaft mehr. Ein fortschrittsgläubiger Klimaskeptiker erwartet ebenfalls nur praktischen Nutzen von der Wissenschaft, ewigen Fortschritt - und irgendwann die Besiedelung des Mars. Wenn nun aber die Wissenschaft selbst behauptet, dass der auf ihr fußende Fortschritt nicht unbegrenzt ist, so ist sie für ihn keine Wissenschaft mehr, weil sie seine Weltanschauung zerstört.

Der Vergleich belegt: Die Reduzierung der Naturwissenschaft auf ihren praktischen Nutzen führt geradewegs zurück in eine irrationale Gedankenwelt. Und zwar nicht nur den bekennenden religiösen Fundamentalisten, sondern potenziell auch denjenigen, der sich selbst als Fortschrittsmenschen empfindet. Dies lässt erahnen, wie groß die Gefahr ist. Sie wird nicht zuletzt durch die aktuelle Schulpolitik verstärkt und mit verursacht, weil im Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften gezielt auf den alltäglichen Nutzen hingewiesen werden soll. Pädagogisch argumentiert wird, der weitgehende Verzicht auf Theoriebildung würde junge Menschen eher für Naturwissenschaft und Technik begeistern und sei zudem besser geeignet für schwächere Schüler. An beiden Aussagen sind Zweifel angebracht. Es ist eher zu vermuten, dass die Schulpolitik im Wesentlichen bestimmt wird von Personen, die selbst der Überzeugung sind, Naturwissenschaft sei grundsätzlich nur praktisch zu motivieren.

Eine rein pragmatische Naturwissenschaft begeistert höchstens infantile Technikfetischisten. In Wahrheit lässt sich Wissenschaft nicht auf Spezialgebiete eingrenzen oder von den Geisteswissenschaften abgrenzen. Was früher mit psychologischen Methoden angegangen wurde, wird heute mit bildgebenden Methoden der Hirnforschung erforscht. War die Frage nach der Freiheit des Menschen Jahrtausende lang eine philosophische, so steuern inzwischen vor allem Neurophysiologen neue Erkenntnisse bei. Die überragende kulturelle Bedeutung der Naturwissenschaften liegt eben genau in dieser sinnstiftenden, weil Welterklärung möglich machenden Unmöglichkeit, fachliche Grenzen unverrückbar festzulegen,

In gerade diesem Lichte ist es gut und richtig, dass die Klimaproblematik von einer internationalen Organisation wie dem IPCC behandelt wird, in dem Wissenschaftler und Politiker gemeinsam tätig sind. In einem Prozess, der nicht perfekt ist, aber transparent, kritik- und lernfähig.

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