Der MIT-Professor und der digitale Graben

01.03.2007

Das 100-Dollar-Laptop Projekt steht in der Kritik

Ein in Millionenstückzahl gefertigter günstiger Laptop soll nach dem Willen einer Initiative aus den USA in Entwicklungsländern Kindern Zugang zur Bildung verschaffen. Seit 2005 arbeitet das One Laptop Per Child-Projekt (OLPC) um den Gründer des MIT MediaLab, Nicholas Negroponte, an einer Maschine, die auf Kinderhände und raue Umgebungen zugeschnitten ist. Dieser Tage starten in den Pilotländern Tests mit 3000 Geräten. Doch sind viele Fragen offen, die die Finanzierung, Implementierung sowie die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Mammutvorhabens betreffen.

Foto: OLPC

Bislang war die knallgrüne Kiste als 100-Dollar-Laptop bekannt. Doch seit kurzer Zeit heißt sie nun offiziell XO - Children Machine. Als Mastermind des gesamten Vorhaben gilt Nicholas Negroponte, der Mitte der 80er Jahre das Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gründete. 2005 gab er seine leitende Stelle beim MediaLab auf, um sich ganz OLPC zu widmen. Im November 2005 präsentierte Negroponte zusammen mit dem damaligen UNO-Präsidenten Kofi Annan einen Prototyp des Rechners auf dem Weltinformationsgipfel in Tunis (Digitales Gewimmel im Cybersouks).

Wie keinem anderen gelang es Negroponte somit in der Öffentlichkeit, auf die "digitale Kluft" zwischen den Industrieländern des Nordens und den "3.Welt"-Ländern aufmerksam zu machen - gleichzeitig bot er eine mögliche Strategie an, um sie zu schließen: Grundschulkinder in so genannten Entwicklungsländern erhalten über ihre Regierungen, die mindestens eine Million Laptops ordern müssen, ein XO. Mittels eines kabellosen Netzwerks können die Rechner auf einen Schul-Server zugreifen, der den Zugang zu Lehrmaterialien gewährleistet und dort, wo vorhanden, per Kabel oder Satellitenanbindung zum Internet.

Bildung durch Technik

Nur per Bildung sei Armut und Konflikten beizukommen, denken Negroponte und sein Team. Wissen bekäme man nicht nur beigebracht, sondern erlange man auch durch Austausch und Interaktion, wofür vernetzte Computer äußerst geeignete Werkzeuge seien, so der studierte Architekt. Kinder sollen lernen zu lernen. Immer wieder betont der MIT-Professor: Es ist kein Laptop-Projekt, sondern ein Bildungsprojekt.

Das stimmt nicht ganz, denn viel technische Entwicklung ist in das Gerät mit unter 1,5 Kilo Gewicht geflossen. Als Meisterstück dieser Arbeit kann der stromsparende TFT-Monitor gelten: Es kombiniert ein Farbdisplay (Auflösung von 1024 x 768 Pixel) mit einem hintergrundbeleuchteten, konstraststarken Schwarz-Weiß-Display mit 1200 x 900 Bildpunkten, das so auch bei direkter Sonneneinstrahlung mit einer sehr scharfen Auflösung von 200dpi für den E-Book-Modus aufwartet. Das 7,5-Zoll Display kann einem Tablet-PC gleich gedreht und mit der Front nach außen zusammengeklappt werden. Ein breites Touchpad dient auch der Schrifteingabe und zum Zeichnen. Mit seinem Tragegriff, dem bunten Gehäuse und einer für kleine Finger konzipierten Tastatur ist der Rechner, (Maße 193mm x 229mm x 64mm) eindeutig als ein Gerät für Kinder zu erkennen.

Kinderfreundliche Benutzeroberfläche Sugar. Bild: OLPC

Dickes Plastik, eine staub- und spritzwassergeschützte Tastatur und wenige bewegliche Teile - so gibt es einen 512 MB Flashspeicher anstelle einer Festplatte - sollen ihm ein langes Leben auch in rauen Umgebungen bescheren. Per USB lassen sich weitere Geräte anschließen, eine Soundkarte, ein eingebautes Mikrofon und eine VGA-Kamera sind ebenfalls enthalten. Der verbaute AMD-Prozessor mit 366 Mhz und 128 MB Ram verbraucht wenig Strom - 1 Watt - und muss nicht gekühlt werden. Selbst unter Höchstlast soll der Laptop sechs Stunden laufen. Mittels Ziehen der Schnur eines "YoYo"-Adapter, kann der Akku (aber auch andere Geräte) per Hand oder Fuß wieder aufgeladen werden.

Einen weiteren wichtigen Clou stellen die ausklappbaren "Ohren" dar - Wifi-Antennen, die es ermöglichen rund um einen Wlan-Server ein Mesh-Netz aufzubauen. Auch im ausgeschalteten Zustand reichen die XO-Rechner empfangene Signale von den Servern oder anderen Laptops per Funk über hunderte Meter an den nächsten Empfänger weiter. Zusätzlich sind noch "100-Dollar-Server" und günstige externe Laufwerke in Arbeit (Präsentation vom OLPC-Ingenieur Mark J. Foster mit Bildern und Grafiken).

Der Laptop soll einen Lebenszyklus von fünf Jahren durchhalten. Als Betriebssystem und damit Fundament für den Sinn und Zweck des Geräts, den Bildungsauftrag, dient ein abgewandeltes Redhat-Linux, das wie auch Lehrmaterialien in die jeweiligen Landes- und Regionalsprachen übersetzt wird. Dessen Nutzeroberfläche "Sugar" basiert rein auf Symbolen und soll so kindgerecht sein. Anwendungen firmieren unter "Aktivitäten" und es wird massiv auf Kollaboration gesetzt. Selbstverständlich laufen auch Computerspiele auf den Geräten: Kaum waren die ersten 875 Beta-XO in den Händen von Entwicklern, brachten diese Doom und Super Mario zum Laufen.

Was die technische Seite angeht bietet OLPC mit einem Wiki und Blog viel Transparenz. Die technischen Lösungen werden auch einhellig gelobt, doch der gesamte Ansatz des Mammutprojekts ist äußerst umstritten. Kritiker sprechen von einer typischen US-amerikanischen Herangehensweise: Ein stark hierarchischer Ansatz - top-down -, der mit einer weitflächigen massiven Ausbringung von Technik einen Entwicklungsschritt erzwingen will.

In der Tat widerspricht das den meist negativen Erfahrungen, die in den vergangen Jahrzehnten mit solcherlei Projekten gemacht wurden. So ist heute die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung auf Graswurzelebene elementarer Bestandteil der Arbeit von Entwicklungsorganisationen und NGOs. Als derzeit neueste unabdingbare Methode, zumindest in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, wird der Do-No-Harm-Ansatz verlangt: Bevor ein Projekt gestartet wird, versucht man in der Planung dessen mögliche Auswirkungen auf den sozialen, kulturellen, ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Ebenen des Projektgebiets durchzuspielen.

"Wir brauchen Klassenräume und Lehrer und keine extravaganten Geräte"

Zwar verweist OLPC auf zurückliegende Projekte von Negroponte. Bereits 1982 hat er demnach in Senegal mit Apple II-Rechnern Schulkinder in Dakar versorgt. Und zusammen mit seinem Sohn installierte er 2002 im kambodschanischen Dorf Reaksmey eine Satelliteninternetverbindung und übergab der Schule rund 50 kommerzielle Laptops, die wohl auch fleißig zum Englischlernen genutzt werden. Eine präsentable Auswertung des Projekts scheint allerdings nicht zu existieren. Kein Wunder, wenn man Negropontes Rede auf dem RedHat Summit im vergangenen Sommer lauschte: "Die Weltbank fragt uns: 'Habt ihr Studien gemacht?' Nun ja, haben wir nicht. Aber wir haben keine Zeit für Pilotstudien. Diese Tage sind vorbei. Das ist ein Slam-dunk, solange wir es machen, machen, machen."

Nicholas Negroponte hört Kritik nicht so gerne. Bild: OLPC

Der MIT-Professor ist recht empfindlich, wenn sein Projekt kritisiert wird. Als er in einem Interview im Herbst 2006 auf Kritik an OLPC angesprochen wurde, sagte er: "Ich antworte auf solche Kritik nicht. Wenn man dieses Projekt kritisiert, dann ist dies so, als ob die Kirche oder das Rote Kreuz kritisiert würden." Doch unlängst konnte sich Negroponte dann doch eine Antwort nicht verkneifen. Die norwegische NGO FAIR, die im Sektor IT für Entwicklung (ICT4D) wirkt, bemängelte, dass für die ärmsten Entwicklungsländer die Kosten des OLPC viel zu hoch seien. Eine Schule mit 1000 Schülern mit XO Laptops auszustatten, würde rund 200.000 Dollar kosten. Die NGO rät OLCP als ersten Schritt, Schulen mit Computerlaboren auszustatten, um Erfahrungen zu sammeln. Nehme man dafür 40 recycelte Rechner würden die Kosten ca. 1.500 Dollar betragen. Negroponte tat die Kritik in einer E-Mail als unzutreffend ab und forderte eine Entschuldigung. OLPC lehnt Computerlabore als zu exklusiv ab, sie seien wie Tennisplätze. Generell argumentieren die Macher des Laptop-Projekts damit, dass Kinder andauernd lernen würden und deswegen auch einen eigenen Rechner bräuchten - wie auch viele Kinder in den Industriestaaten privat einen Computer zur Verfügung hätten.

Die Kostenfrage ist und bleibt der Knackpunkt des als 100-Dollar-Laptops bekannt gewordenen Vorhabens. Die Computer sollen nicht auf den freien Markt gelangen, aber es ist von einem Stiftungsmodell die Rede, bei dem Privatpersonen für 300 Dollar ein Gerät erstehen können. Tatsächlich liegt der Stückpreis des XO noch bei knapp 150 US-Dollar. Erst in den kommenden Jahren - bis 2010 könnten es schon 150 Millionen Laptops sein, hofft OLPC - könnten auf Grund der Massenproduktion die Bauteile billiger werden und so der Preis unter 100 Dollar fallen. Allein dieses Jahr sollen noch 10 Millionen Rechner produziert werden.

Neben den reinen Material- und Herstellungskosten sind allerdings weitere Summen für die Ausbildung von Lehrern und Technikern sowie Wartung einzurechnen. Die Vereinbarung mit Libyen, das 1,2 Millionen Geräte kaufen will, rechnet mit etwa 250 Millionen Dollar an Ausgaben - 208 Dollar pro Laptop. Nigeria, das ebenfalls zu den Pilotländern von OLCP gehört, zählt 45 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 6-18 Jahren. Wollte die Regierung des Landes allein die vier Millionen Schüler der erste Klasse mit XO-Maschinen ausstattet, müsste sie rund 1,7 Milliarden Dollar ausgeben - knapp 15 Prozent des gesamten Staatshaushalts. Angesichts solcher Kosten kam aus Indien, einem Land mit über zweihundert Millionen schulpflichtigen Kindern, ein klares Nein. "Wir brauchen Klassenräume und Lehrer und keine extravaganten Geräte", hieß es seitens des indischen Bildungsministeriums.

Nicht nur die Kosten können einen Stolperstein für das ambitionierte Laptop-Projekt bilden

Doch stoßen nicht nur die enormen Summen, die im Spiel sind, auf Bedenken. Wie schützt man die Geräte vor Diebstahl? Wird in Ländern, in denen IT-Geräte Mangelware sind, nicht schnell ein Schwarzmarkt entstehen? Welche Folgen hat Korruption in den Regierungsbehörden, die die Verteilung der Rechner verwalten? Manche befürchten gar, dass Jugendgangs die vernetzten Laptops nutzen könnten, um sich zu koordinieren und kriminelle Aktionen zu begehen. Neben diesen näher bis fern liegenden Fragen sind es letztlich aber die gesellschaftlichen Auswirkungen, die solch ein Mammutprojekt hat. Angenommen, die jeweiligen Lehrer sind bereit, sich neue Lehr- und Lernmethoden anzueignen. Und es gelingt den XO-Computern, wie von OLPC erwartet, eine Bildungsexplosion bei den Kindern in den teilnehmenden Ländern zu entfachen. Welche Konsequenzen hätte ein rapider Bildungsanstieg einer jungen Generation, während die Älteren großteils nur rudimentäre Schulbildung haben?

Als ziemlich sicher kann einzig gelten, dass die Netzwerkfähigkeit der Rechner nicht nur von dem jeweiligen Kind genutzt werden wird, sondern auch von dessen Familie und Nachbarn. Die Internet-Kioske in Indiens ländlichen Gegenden zeigen, wie allein durch einen einzigen Internetzugang in einem Dorf Bauern etwa in der Lage sind Marktpreise abzufragen und so Übervorteilung durch Händler zu umgehen. Oder sie sich aus der Ferne Rat und Hilfe bei technischen und anbaurelevanten Fragen holen könnte.

Zu den kritischen Fragen an das Laptop-Projekt gesellen sich die Aspekte des Ressourcenverbrauchs und die Auswirkung des zu erwartenden Elektroschrotts, den die Produktion weiterer zig Millionen Rechner neben den sowieso jährlich 100 Million kommerziell hergestellten Laptops mit sich bringen würde. Und ganz paradox erscheint es, dass OLPCs als selbstlos humanistisch gefeiertes Vorhaben sein niedriges Kostenziel durch die umstrittenen Arbeitsbedingungen in China erreichen will. Die Laptops werden von der taiwanesische Firma Quanta hergestellt, die rund 30 Prozent aller Notebooks weltweit in ihren Fabriken zusammenbaut - darunter auch Geräte von Apple, Dell, Acer und HP. Die XO-Maschinen sollen in einer neuen Fabrik von Quanta im chinesischen Chianzhou nahe Shanghai hergestellt werden, weil dort die Lohnkosten niedriger sind, berichtet ein Branchendienst. Nach Aussagen unabhängiger Gewerkschaften in Hongkong, sind die Arbeitsbedingungen in den High-Tech-Fabriken Chinas schlecht, die Bezahlung liegt am unteren gesetzlichen Limit. Aufgrund ihrer Geschicklichkeit würden meist junge Frauen in der Technik-Branche beschäftigt, die oft nach nur wenigen Jahren gesundheitlich verschlissen wären. Zwar bescheinigt die kürzlich erschienene Studie Soziale Auswirkungen der Produktion von Notebooks des Öko-Instituts aus Freiburg, dass Quanta sich an die gesetzlichen Vorgaben hält. Doch schließt das eine permanente Überschreitung der Arbeitszeit durch Überstunden nicht aus - bis zu 60 Wochenstunden Arbeit sind üblich.

Auf vielen Websites, Mailinglisten und Foren wird das Vorhaben von OLPC diskutiert. Als fundierte Sammlung skeptischer Stimmen hat sich das englischsprachige olpcnews.com etabliert. Hier schreiben Leute, die selbst im Bereich IT und Entwicklung tätig sind. Ihnen wurde von einem XO-Fan vorgeworfen, von Intel bezahlt zu werden. Der Prozessorhersteller ist tatsächlich nicht gut auf das Projekt zu sprechen, das vom Konkurrenten AMD unterstützt wird. Intel selbst hat einen für Länder des Südens konzipierten Rechner im Programm, den 400-Dollar-Computer "Classmate". Doch XO und Classmate sind nicht allein - eine Liste der Weltbank zählt 30 solcher Projekte auf.

In einem enormen Kraftakt hat OLPC binnen kurzer Zeit ein äußerst ambitioniertes Projekt aus dem Boden gestampft. Ob die Massenproduktion der Laptops aber wirklich im Sommer beginnt, muss sich zeigen. Bislang ist unklar, ob überhaupt eines der Pilotländer schon wirklich Mittel für das Vorhaben freigestellt oder gar überwiesen hat. Böse Zunge behaupten, OLPC würde mit so einem unerprobten Mammutprojekt in den Ländern des Nordens nie durchkommen und habe sich auch deshalb die Entwicklungsländer als Zielgruppe gewählt.

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